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Werner Haisch, Hermann Kolbe (Hrsg.): Gestaltung der Lebens- und Arbeitsqualität in sozialen Diensten

Cover Werner Haisch, Hermann Kolbe (Hrsg.): Gestaltung der Lebens- und Arbeitsqualität in sozialen Diensten. Planung und Organisation. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. 425 Seiten. ISBN 978-3-86226-223-6. D: 25,80 EUR, A: 25,80 EUR, CH: 28,00 sFr.

Reihe: Pädagogik - Band 47.
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Thema

Zu den zentralen Problemen in der Praxis der Sozialen Arbeit gehört die Frage, wie der Anspruch einer an den individuellen Bedürfnissen der Klient-/innen orientierten fachlichen Qualität des Sozialen Handelns mit den bestehenden ökonomisch-finanziellen Rahmenbedingungen in einen erträglichen Einklang gebracht werden kann. Eine Zuspitzung erfährt diese Frage gegenwärtig durch die verstärkte Forderung nach „Wirtschaftlichkeit“ im Sinne marktorientierter Betriebsführung. Vor diesem Hintergrund entwickelt das vorliegende Buch ein Planungs- und Organisationskonzept für die Arbeit mit Menschen, deren Lebensformen der Betreuung und Assistenz bedürfen. Dabei nehmen analytisch fundierte Verfahren zur Bedarfserhebung, zur Messung des Arbeitsaufwandes sowie zur Leistungsbeurteilung eine wesentliche Funktion ein. Das hier dargestellte System der „Planung und Organisation in der Betreuung und Assistenz“ (POB&A) beruht auf langjährigen von den Herausgebern durchgeführten Entwicklungen.

Herausgeber/Autoren

Dr. phil. Werner Haisch, Diplompsychologe, ist Professor für Psychologie an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München. Seit 1989 betreut er die Entwicklungsarbeit POB&A und nimmt beraterische und organisationsentwicklerische Aufgaben im Bereich der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften zur Managementberatung in sozialen Dienstleistungsbetrieben wahr.

Hermann Kolbe ist in der Diakonie Stetten tätig und dort Bereichspsychologe und Qualitätsmanagementbeauftragter des pädagogischen Bereichs.

Die Autoren Volker Liedel, Manfred Ramoth, Hartmut Schumm, Hans E. Utz, Gerhard Schaer sowie Silke Frietsch sind den Herausgebern durch z.T. langjährige Zusammenarbeit in Praxis und Forschung verbunden.

Aufbau und Inhalt

In einer von beiden Herausgebern verfassten „Einleitung“ (S. 11-15) werden das (oben angedeutete) Thema und die Ausgangsfrage des Buches entfaltet.

Den ersten Hauptteil bildet der von W.Haisch geschriebene Abschnitt „Planung und Organisation in Betreuung und Assistenz (POB&A)“ (S. 17-105), in dem ausführlich die Konzeption dieses Systems dargestellt wird.

Der Autor benennt zunächst die erforderlichen Instrumentarien (Abschn. 1, S. 18f) um dann als Grundlagen der POB&A die Ermittlung von Bedürfnis, Bedarf und Aufwand zu erläutern. (Abschn. 2, S. 19-29)

In einem weiteren Abschnitt geht es um die sich aus der Logik der Wirtschaftlichkeit ergebende Spannung zwischen dem ökonomisch bedingten Minimalprinzip einerseits sowie dem vom fachlichen Selbstanspruch her begründeten Maximalprinzip. (Abschn.3, S. 29-31)

Weitere Schwerpunkte sind

  • Fragen der Methodik von betrieblicher Planung und Organisation im Sinne einer strategischen Betriebsführung (Abschn. 4, S. 31-38);
  • Fragen der Bedarfserhebung (Abschn. 5 u. 6, S. 38-54 / 54-61);
  • die Ermittlung der zentralen Werte für konditionale Planung und Organisation (Abschn. 7, S. 62-69);
  • Messung des personellen und arbeitsorganisatorischen Aufwands (Abschn. 8 / S. 69-79);
  • Ist-Soll Analyse (Abschn 9. u. 10 / S. 79-89/89-98);
  • Strategische Entscheidungen für betriebliche Standards (Abschn. 11 / S. 99-101);
  • Leistungsplanung und Leistungsdokumentation (Abschn. 12 / S. 101-105)

Der zweite Hauptteil, ebenfalls verfasst von W.Haisch, wendet sich in vier Abschnitten dem Thema „Lebensformen“ zu (S. 107-215). Es geht hier um eine systematische „Einführung in zentrale Kategorien des Bedarfs, die dem Verfahren der POB&A (…) zugrunde liegen.“ (S. 107) Dabei hat der Autor nicht den Einzelfall, sondern „das allgemeine Ineinandergreifen der verschiedenen Lebensformen in der Ganzheit der individuellen Lebensführung“ (S. 107) im Blick. Die vier Abschnitte fokussieren aufeinander aufbauend die Aspekte „Bewegung“ (S. 108-130), „Gefühl“ (S.130-154), „Gewohnheit“ (S. 155-188) und „Gestaltung“ (S.188-215).

Es folgen mehrere Einzelbeiträge verschiedener Autoren, in denen Verfahren der betrieblichen Umsetzung von bedarfsorientierter Dienstleistung im Sinne strategischer Planung und Organisation behandelt werden. Dies sind im Einzelnen:

  • Volker Liedel: Das Modell der Lebensform in leichter Sprache (S. 217-247);
  • Manfred Ramoth: Von der Assistenzplanung zur konkreten Unterstützungsleistung (S. 248-278);
  • Hartmut Schumm: Lebensqualität für Menschen mit autistischen Zügen (S. 279-295);
  • Hans E. Utz: Arbeitsorganisation und Teamarbeit in der Betreuung und Assistenz (S. 297-327);
  • Hermann Kolbe und Werner Haisch: Eine neue Theorie zu Burnout und Arbeitszufriedenheit (S. 329-364)
  • Gerhard Schaer: Standards im Rahmen strategischer Betriebsführung – ein Beispiel (S. 365-398)
  • Silke Frietsch: Nutzerorientierung in der Softwareentwicklung (S. 399-407).

Ein umfassendes Literaturverzeichnis schließt den Band ab (S. 409-425).

Zielgruppe

Dieses Buch ist vor allem für Menschen von großem Nutzen, die im Rahmen von betrieblichem Management, von konzeptueller Entwicklungsarbeit und im kommunalen sowie überregionalen Rahmen von sozialpolitischen Entscheidungsfunktionen mit der Planung und Organisation von sozialen Dienstleistungen und Hilfesystemen der Pflege, der Erziehung, der Bildung, der Betreuung und der Assistenz befasst sind. Auch im Bereich der akademischen Lehre und des Studiums (insb. des Masterstudiums) von Sozialer Arbeit und Sozialmanagement sowie in der Fort- und Weiterbildung ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung eines situations- und bedarfsgerechten Verständnisses der organisatorischen und planerischen Dimensionen sozialer Hilfesysteme.

Diskussion

Das Konzept der POB&A sowie seine im Buch angesprochenen Varianten zielen auf eine traditionelle Schwäche in der Planung und Gestaltung sozialer bzw. sozialarbeiterischer Hilfekonzepte, nämlich eine oft unzureichend geklärte und differenzierte Erhebung des realen Bedarfs sowie eine bisweilen ans Illusorische grenzende Abklärung des Verhältnisses von angestrebten Zielen und faktischen Möglichkeiten bzw. sozialpolitischen Rahmenbedingungen. In Zeiten der zunehmenden Ökonomisierung in den sozialen Handlungsfeldern – wie immer diese ethisch beurteilt werden mag – ist eine stringente ökonomische, methodische und sozialpolitische Klärung dieses Verhältnisses unabdingbar. Dafür liefert der von Werner Haisch und Helmut Kolbe herausgegebene Band wichtige konzeptuelle Hilfen. Der beim Lesen des ersten Beitrags streckenweise entstehende Eindruck einer überstarken Gewichtung von operational-methodischen Gesichtspunkten wird allerdings bei der weiteren Lektüre aufgehoben, wo es um Lebenswirklichkeit und Lebenswelten der Klientinnen und Klienten in sozialen Hilfesystemen geht, namentlich um Pflegebedürftige und Menschen mit autistischen Zügen. Die zunächst aufkeimende Frage nach dem sozialen Mandat im Verständnisrahmen der POB&A wird hier eindeutig, wenn auch unausgesprochen, im Sinne der Adressaten sozialer Handlungs- und Hilfesysteme beantwortet. Dies bestätigen auch die im Buch dokumentierten praktischen Arbeitsfelder, in denen im Sinne der POB&A verfahren wird. Insofern lässt sich sagen, dass dieses Buch bei allem Gewicht der operativen, organisatorischen und technischen Aspekte dennoch eine Konzeption entwickelt, die sich den klassischen Anliegen des Sozialen Handelns verpflichtet weiß.

Fazit

Vor allem für die oben genannte Zielgruppe bildet das von W.Haisch und H.Kolbe herausgegebene Buch eine wichtige und sehr konkrete Perspektive für die Orientierung eigener Vorstellungen über Organisationsplanung im Bereich sozialer Hilfesysteme. Es eignet sich allerdings kaum als „Steinbruch“ für die Entwicklung eigener Konzepte. Eher ist es als ganzheitliches Angebot für die Orientierung der eigenen planerischen Vorstellungen zu verstehen, also als weitgehend in sich geschlossenes Modell. – Eine Anregung für den Diskurs in Forschung, Lehre und Studium ist es überdies in jedem Fall.

In diesem Sinne: Sehr empfehlenswert!


Rezensent
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 27.08.2014 zu: Werner Haisch, Hermann Kolbe (Hrsg.): Gestaltung der Lebens- und Arbeitsqualität in sozialen Diensten. Planung und Organisation. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2013. ISBN 978-3-86226-223-6. Reihe: Pädagogik - Band 47. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16252.php, Datum des Zugriffs 27.07.2016.


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