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Antje Kronberg: Zwischen Pädagogik und Produktion

Cover Antje Kronberg: Zwischen Pädagogik und Produktion. Qualitätsmanagementsysteme in Werkstätten für behinderte Menschen. Verlag Martin Rossol (Pretzfeld) 2014. 3. Auflage. 124 Seiten. ISBN 978-3-944736-41-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Im Kontext einer fortschreitenden Ökonomisierung der Sozialen Arbeit sehen sich viele Institutionen und Organisation der Sozialwirtschaft mit der Bewältigung ambivalent und/oder widersprüchlich zu interpretierender Zielperspektiven und Aufgabenstellungen konfrontiert; „klassisch-bedarfsorientierte“ und/oder „rein-pädagogisch“ fokussierte Konzepte für die professionelle, zielgerichtete Arbeit mit den jeweiligen Adressatinnen und Adressaten werden zunehmend unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten diskutiert und bewertet; insbesondere die Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Perspektiven der Qualitätssicherung bzw. des Qualitätsmanagements erzeugen in den sozialen Einrichtungen immer wieder (neuartige) – sinnvoll und konstruktiv zu überwindende Spannungsfelder bei den Mitarbeitern und im Management.

In Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) werden derartige Qualitätsdiskussionen sicherlich schon seit Längerem geführt; einerseits liegt dies natürlich darin begründet, dass die Einführung und Umsetzung eines Qualitätsmanagementsystems durch die jeweiligen Kostenträger der beruflichen Rehabilitationsangebote gefordert wird; andererseits sind es aber eben auch die externen Auftraggeber aus Wirtschaft und Industrie, die den Einrichtungen für deren Produktions- und Dienstleistungsbereiche die Einhaltung entsprechender Qualitätsstandards vorschreiben.

Eine Vielzahl der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen betreiben – um den geschilderten Anforderungen gerecht zu werden – bereits ein zertifiziertes Qualitätsmanagementsystem nach der bekannten und weitgehend anerkannten DIN EN ISO 9001 Normenreihe. Während einfach zu standardisierende Abläufe – wie z.B. arbeitsteilige Produktionsabläufe der Industriemontage und Verpackung mit diesem Verfahren potentiell gut eingerichtet und geprüft werden können, liegt ein möglicher Nachteil der DIN EN ISO Normenreihe allerdings im Bereich von prozesshaft verlaufenden Dienstleistungen, die im Wesentlichen durch interaktive und von wechselseitiger Kommunikation geprägter Beziehungsarbeit zwischen mehreren Personen dominiert sind (wie z.B. bei individuellen Beratungs- und Unterstützungsangeboten für Klientinnen und Klienten).

Viele Werkstätten für behinderte Menschen sind aktuell einem starken Wandel ausgesetzt; so verändert sich z.B. – durch Automatisierungs- und Optimierungsprozesse – das Auftragsspektrum der Einrichtungen (z.B. „brechen“ einfache Produktionstätigkeiten teilweise ersatzlos weg); die Einrichtungen selbst wollen ihr Angebotsspektrum stärker in Richtung eines modernen Dienstleistungsunternehmen umstrukturieren (Beispiele finden sich z.B. in den Bereichen der Gartengestaltung oder in der Gastronomie); zudem sehen sich die Organisationen – im Zuge fortschreitender Inklusionsbemühungen in Gesellschaft und Politik – als so genannte „exkludierende Sondereinrichtungen“ starker – teilweise auch unreflektierter – Kritik ausgesetzt.

Alle diese aufgezeigten Veränderungen provozieren naturgemäß auch Anpassung hinsichtlich der traditionell gepflegten Konzeptionen für Pädagogik und Produktion. Analog zu den sich verändernden strukturellen und organisatorischen Rahmenbedingungen der Arbeit der Werkstätten für Menschen mit Behinderung müssen sich dementsprechend auch die Perspektiven der Qualitätssicherung und des Qualitätsmanagement wandeln und den sich verändernden Bedürfnissen der Organisationen und der Zielgruppe angepasst werden.

Antje Kronberg möchte – so wird es auf dem Klappentext vermerkt mit dem vorliegenden Buch einen Überblick über die verfügbaren Qualitätsmanagementsysteme bieten und – ausgehend von den Erfordernissen des gesetzlichen Auftrags der Werkstätten sowie den Kriterien für Qualität in der Sozialen Arbeit eine Bewertung dieser Systeme für die werkstattspezifischen Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben vornehmen.

Autorin

Antje Kronberg studierte an der Hochschule Zittau / Görlitz Heilpädagogik und Behindertenpädagogik sowie anschließend berufsbegleitend an der Paritätischen Bundesakademie der Alice Salomon Hochschule Berlin Sozialmanagement; sie schloss Ihre Ausbildung mit dem akademischen Grad einer Diplom-Heilpädagogin sowie dem Master of Arts ab.

Die Verfasserin ist im Sozialdienst der Lichtenberger Werkstatt für Behinderte gGmbH in Berlin beschäftigt; hier nimmt sie seit Januar die Funktion der Qualitätsmanagementbeauftragten wahr.

Die hier besprochene Publikation: „Zwischen Pädagogik und Produktion“ stellt die Veröffentlichung der Masterarbeit von Frau Kronberg dar und ist im Jahr 2014 in unveränderter Form bereits in dritter Auflage im Verlag Martin Prossol erschienen.

Aufbau und Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung beginnt Antje Kronberg die inhaltlich-thematische Auseinandersetzung mit den Qualitätsmanagementsystemen in Werkstätten für Menschen mit Behinderung zunächst mit einem – insgesamt doch sehr kurz gehaltenen – Exkurs zu Spannungsfelder und Qualität; die Autorin skizziert in diesem Kapitel Qualitätsanforderungen des Gesetzgebers, sie zeigt auf, wie sich die aktuelle Qualitätsdebatte und der zunehmend vorherrschende Ökonomisierungsgedanke auf das pädagogische Leistungsspektrum der Werkstätten auswirken könnte und listet schließlich verschiedene Qualitätsmanagementsysteme auf, die im Zusammenhang mit den berufsbildenden Rehabilitationseinrichtungen eine Rolle spielen könnten. Deutlich wird bereits zu Beginn der Lektüre, dass es der Autorin nicht darum geht, die Institution „Werkstatt für behinderte Menschen“ mit ihren Besonderheiten und spezifischen Rahmenbedingungen im Detail zu beschreiben; hier werden bei den Leserinnen und Lesern durchaus vielschichtige Vorerfahrungen und Kenntnisse vorausgesetzt.

Im folgenden 3. Kapitel: Qualität in der Sozialwirtschaft – eine theoretische Auseinandersetzung werden – wiederum recht kurz mögliche und potentiell relevante Perspektiven des Qualitätsbegriffs aufgezeigt und in deren Bedeutung für die Sozialwirtschaft betrachtet; neben den sozialwirtschaftlichen Anforderungen an Qualität steht die pädagogische Qualität als zentrales Kriterium der Sozialen Arbeit im Fokus; den theoretischen Zugang runden kurze Ausführungen zur klassischen Systematisierung von Qualität (Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität) und zur Bedeutung eines prozesshaft zu strukturierenden Qualitätsmanagementsystems ab.

Um die im weiteren Verlauf des Textes dargestellten Qualitätsmanagementsysteme nachvollziehbarer beurteilen zu können, sind im Weiteren Spezifische Anforderungen an Werkstätten für behinderte Menschen verdeutlicht; hier sind – erneut recht knapp und auf Vorkenntnisse vertrauend gesetzliche Bestimmungen wie das SGB IX oder XII, die Werkstättenverordnung oder die UN-Konvention über die Rechte für Menschen mit Behinderung erwähnt; es wird – exemplarisch eine Leistungsbeschreibung für den Arbeitsbereich (hier aus Berlin) skizziert; thematisiert werden sowohl die Anforderungen der Menschen mit Behinderung, wie auch die Anforderungen der industriellen Auftraggeber.

Das zentrale 5. Kapitel ist schließlich den Qualitätsmanagementsystemen in Werkstätten gewidmet; nach einer kurzen Einführung in die – exemplarisch und ohne Anspruch auf Vollständigkeit ausgewählten Verfahren werden jeweils zentrale Inhalte der Systeme skizziert und schließlich erfolgt eine zusammenfassende Bewertung der ausgewählten Techniken. Antje Kronberg stellt in ihrem Buch

  • die DIN EN ISO 9001:2008 Norm,
  • die Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung AZAV,
  • das Qualitäts-Check PQ-Sys des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes,
  • die Managementanforderungen WfbM Plus der RAL Gütegemeinschaft Barrierefreiheit,
  • sowie einige weitere spezielle Normen (z.B. für Entsorgungsfachbetriebe oder im Gesundheitsmanagement)

vor.

Je nach Qualitätsmanagementverfahren und/oder Qualitätsmanagementsystem werden in diesem Überblick exemplarische Themen – wie z.B. die Verantwortung der Leitung und die Produktrealisierung bei der DIN EN ISO 9001:2008 oder die Struktur der Verwaltungsorganisation und die Verantwortung der Entscheidungsträger im Qualitäts-Check PQ-Sys – herausgegriffen; in der insgesamt sehr kompakten Darstellung steht hier sicherlich wieder nicht der Versuch im Mittelpunkt, eine detaillierte und vollständige Darstellung der einzelnen Verfahren zu versuchen; der zentrale Blick der Autorin ist auf die bewertende Darstellung der Vor- und Nachteile der Systeme für die pädagogischen Aufgabenstellung der Einrichtung gerichtet.

Im anschließenden Ausblick in die Praxis – Vorschläge für eine praxisnahe Umsetzung unterbreitet die Verfasserin einige Vorschläge für eine praxisnahe Umsetzung von Maßnahmen der Qualitätssicherung im Kontext der beruflichen Rehabilitation; der TheoriePraxisTransfer thematisiert und reflektiert die Arbeit in der LWBLichtenberger Werkstatt für Behinderte gGmbH; neben der ISO 9001:2000 nutzt diese Werkstatt das Verfahren: WfbM Qualität Plus um die pädagogischen Zielperspektiven zu vertiefen ohne produktive Prozesse zu vernachlässigen (so die Verfasserin); dargestellt wird das Zusammenwirken der Techniken zur Qualitätssicherung in diesem Kapitel am Beispielprozess der Förderplanung.

Seinen Abschluss findet das kompakte, einfach zu lesende Fachbuch mit einem kurzen ausblickenden Fazit und Empfehlungen.

Diskussion und Fazit

Antje Kronberg löst in der vorliegenden Publikation durchaus ihre Ankündigung des Umschlagtextes ein, einen Überblick zu den aktuell verfügbaren Qualitätsmanagementsystemen für das spezielle Arbeitsfeld der Werkstätten für Menschen mit Behinderung zu liefern; erfreulich ist, dass sich die Autorin bemüht – neben der sicher weit verbreiteten DIN EN ISO 9001:2008 Systematik – auch neue, innovative, weniger verbreitete Konzepte in den fachlichen Diskurs einzuführen; positiv ist die Tatsache zu bewerten, dass – gerade im Bereich der Bewertung der Verfahren und Techniken – der Fokus auf den Bereich der Sicherung und Optimierung pädagogischer Prozesse gelegt wird; die – von der Autorin auch in der Praxis wohl erfolgreich umgesetzten Managementanforderungen WfbM Qualität Plus scheinen in diesem Zusammenhang eine äußert lohnende Erweiterung bisheriger Konzepte des Qualitätsmanagement in Werkstätten für Menschen mit Behinderung zu sein.

In vielen Bereichen werden allerdings – und das mag der Struktur und den Rahmenbedingungen der zugrunde liegenden Masterarbeit geschuldet sein wichtige und interessante Themen und Fragestellungen auch nur angedeutet und querverweisend skizziert (so wäre z.B. das Thema Integration und Inklusion und die Auswirkungen dieses Paradigmenwechsels auf den Werkstattalltag sicherlich ein ebenso lohnender Exkurs gewesen, wie eine vertiefende Darstellung der speziellen strukturellen, organisatorischen, juristischen usw. Rahmenbedingungen der Organisationsform Werkstatt für Menschen mit Behinderung); in vielen Bereichen vertraut die Autorin sehr darauf, dass die Leserinnen und Leser dieses Buches fundierte praktische Erfahrungen und Kenntnisse zur Thematik des Qualitätsmanagements besitzen (so ist z.B. die DIN EN ISO 9001:2008 wohl alleine durch diese Publikation nicht abschließend zu verstehen und zu bewerten).

Das hier besprochene Buch von Antje Kronberg bietet – bei allen aufgezeigten Kritikpunkten – aber eine insgesamt durchaus interessante und gut nachvollziehbare Lektüre mit erkennbarem Anwendungsbezug für die Berufspraxis; gerade Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in Werkstätten für Menschen mit Behinderung das Thema Qualität verantwortlich (mit-)gestalten, werden im Text lohnende Anregungen für die Ausgestaltung qualitätsfördernder und qualitätssichernder Maßnahme; vorausgesetzt werden muss allerdings die Bereitschaft sich vertiefend mit den aufgezeigten Inhalten auseinander zu setzen (einige interessante Literaturempfehlungen finden sich diesbezüglich im Literaturverzeichnis und im Verlagsprogramm).

Weniger geeignet scheint die Publikation für Leserinnen und Leser zu sein, die sich – z.B. in Studium und Weiterbildung – grundlegend mit der Thematik des Qualitätsmanagement in Sozialen Organisationen / in Werkstätten von Menschen mit Behinderung auseinander setzen möchten.


Rezensent
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 23.04.2014 zu: Antje Kronberg: Zwischen Pädagogik und Produktion. Qualitätsmanagementsysteme in Werkstätten für behinderte Menschen. Verlag Martin Rossol (Pretzfeld) 2014. 3. Auflage. ISBN 978-3-944736-41-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16277.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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