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Martina Hela: Mit Baby im Elektrolli

Cover Martina Hela: Mit Baby im Elektrolli. Das Recht auf Mutterschaft. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2013. 184 Seiten. ISBN 978-3-940865-63-2. D: 16,00 EUR, A: 16,00 EUR, CH: 20,00 sFr.
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Thema

Eltern sind Schicksal. Kein Mensch kann sich seine aussuchen. Behinderte Eltern sind nicht immer ein schlechtes Schicksal. Oft hat man mit steinreichen Eltern oder wunderschönen Popstars oder erfolgreichen Doppelprofessoren maßlos Pech, obwohl die gerade nichtbehindert sind. Viele solch betroffener Kinder haben sich schon umgebracht.

Ob der kleine Mathias mit seiner Mutter Glück gehabt hat, das wird er wohl nur selber entscheiden können. Fragen wir ihn später mal. Leicht haben es beide nicht gehabt in den Jahren, über die seine Mutter Martina Hela in ihrem Buch geschrieben hat.

Autobiographien gibt es viele. Oft sind sie Versuche, sich endlich selbst ins rechte Licht zu setzen. Autobiographien behinderter Menschen gibt es auch viele. Oft sind sie maßlos geschönte Verteidigungsschriften gegen die Vorurteile der Welt. Sie werden missbraucht zur persönlichen Abrechnung, Danksagung, Heimzahlung.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort des österreichischen Schriftstellers Erwin Riess, der sich als solcher und als Aktivist der Behindertenbewegung schon ausgezeichnet hat, erzählt Hela in 20 Kapiteln von sich, ihrer Schwangerschaft und den ersten Jahren als Mutter von Mathias. Sie ist eine junge Mutter, schwanger mit 21 Jahren.

Offenbar hat sie als Erinnerungsstütze ein Tagebuch aus den betreffenden Jahren. Die Eintragungen wurden im verlegten Buch kursiv gedruckt und dann ausführlicher entwickelt. Martina Hela nutzt einen Elektrorollstuhl, sie kann nicht verbalisieren und auch die Hände nicht gezielt einsetzen. Wenn sie sprechen will, muss jemand das Alphabet aufsagen. Wenn der gewünschte Buchstabe dran ist, nickt Martina Hela mit dem Kopf. So entstehen Worte, Sätze, Aussagen. Da man viele Anfänge in ihrer Folge schon erraten kann, geht diese Methode recht fix und wirkt beeindruckend. Ansonsten lautiert sie oder kommuniziert über den PC.

Martina Hela mit ihrer extremen Abhängigkeit lebt schon in einer wenig normalen Welt. Seltsam ambivalent ist zudem ihre seelische Verbindung zu ihrem alleinerziehenden Vater, dessen Kind sie selber bleibt und der mit ihrem Kind ein weiteres bekommen zu haben scheint. Seltsam eng ist die Beziehung ihres Vaters zu dem Mann, der im Buch als Martinas Onkel beschrieben wird und der in dem gleichen Haushalt wohnt. Bedrückend die enge Kontrolle der Mutterschaft durch das Jugendamt. Und immer wieder lechzen irgendwelche Leute danach, Ersatzeltern für Mathias zu werden.

Dennoch gehört Martina Hela zu den behinderten Menschen, die die Selbstwahrnehmung lieben, sie seien normal. Ihr Gedanke, was wohl die Leute über sie denken, durchzieht das gesamte Buch. Es scheint, als sei ein wesentliches Motiv für ihre Mutterschaft die Vermutung, als Mutter sei sie anerkannter. Irgendwann fällt ihr selber auf, wie naiv sie war.

Nach dem unausweichlichen Zusammenbruch des Familiensystems beginnt ihr Aufstieg in menschenwürdige und selbstbestimmte Lebensverhältnisse. Sie erhält Assistenz als Arbeitgeberin der Assistenten – in einer eigenen Wohnung. Sie kommt in den Kontakt zu selbstbestimmten Behinderten und genießt die Früchte der emanzipatorischen Behindertenbewegung.

Und ihr Sohn Mathias? Wie alle Kinder dieser Welt hat er die heimlichen und die bewussten Aufträge seiner Eltern zu beachten. Solche Aufträge begrenzen und geben gleichzeitig Halt. Manche Kinder scheitern ausgerechnet an diesen notwendigen Aufträgen. Die meisten Kinder leben ihre Leben aber zufrieden und manchmal gar glücklich. Die Einschränkungen einer Behinderung sagen an sich gar nichts über das Lebensglück aus. Es kommt darauf an, wie die Eltern selber zu ihren Einschränkungen und zu ihrer Identität stehen und wie sie ihre Behinderung ihren Kindern vermitteln. Martina Hela ist die eigene Behinderung peinlich. In ihrem Buch sehen wir den „kleinen Bub“ oft mit großen Augen angstvoll die Katastrophen miterleben. Martina Hela verschweigt die Peinlichkeiten nicht.

Fazit

Und gerade weil dieses Buch schonungslos offen ist, hat es auch seine Stärken und ist oft sogar spannend. Jede behinderte Frau, die Mutter werden will, kann Hoffnung daraus schöpfen und Mut: Egal wie eingeschränkt eine Mutter ist, wichtig, dass sie wie Martina Hela Liebe geben will und kann, aus welchem Grund auch immer. All die Schwierigkeiten, die Elternschaft bei allen Menschen erwarten lässt, können dennoch irgendwann gemeistert werden. Schade, dass das glückliche Ende in der selbstbestimmten Arbeitgeber-Asssistenz so kurz kommt in diesem Buch. Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung.

Und ihr Sohn Mathias? Er beweist schon in so jungen Jahren, wie anpassungsfähig Kinder sind. Sie nehmen nicht nur, sie können ihren Eltern auch viel geben. Das ist bei allen so.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Berlin und Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 17.03.2014 zu: Martina Hela: Mit Baby im Elektrolli. Das Recht auf Mutterschaft. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2013. ISBN 978-3-940865-63-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16329.php, Datum des Zugriffs 10.12.2016.


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