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Sabine Voélin, Miryam Eser Davolio u.a. (Hrsg.): Soziale Arbeit zwischen Widerstand und Innovation

Cover Sabine Voélin, Miryam Eser Davolio, Mathias Lindenau (Hrsg.): Travail social entre résistance et innovation - Soziale Arbeit zwischen Widerstand und Innovation. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2014. ISBN 978-2-88224-097-2.

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Thema und HerausgeberInnen

Bei der vorliegenden zweisprachigen (franz./deutsch) Textsammlung handelt es sich um die Beiträge eines Kongresses der schweizerischen Gesellschaft für Soziale Arbeit (Société Suisse de Travail Social, SGSA-SSTS), der im März 2010 in Genf stattgefunden hat. Die Kongressthemen beschäftigen sich mit der Frage, wie sich die soziale Arbeit vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Krise und veränderter Sozialpolitiken zwischen Widerstand und Innovation positionieren und ihre Rolle bestimmen kann und soll. Eine zwischen den Beiträgen mitlaufende Frage ist die nach den normativen Bezügen (Idee des „guten Lebens“), die für eine gesellschaftliche Selbstvergewisserung der sozialen Arbeit leitend sein können. Der Band wurde von einem Autorenteam, in einem hochschuleigenen Verlag (Interact, Luzern) herausgegeben. Die HerausgeberInnen sind:

  • Sabine Voélin, Soziologin, Professorin an der Hochschule für soziale Arbeit in Genf (Haute de travail social de Genève)
  • Myriam Eser Davalio, Erziehungswissenschaftlerin, Dozentin an der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften
  • Mathias Lindenau, Sozialwissenschaftler, Professor an der Fachhochschule St. Gallen.

Aufbau

Der Band ist in fünf thematische Kapitel unterteilt.

Im ersten Teil zum Stellenwert und zur Rolle der Sozialen Arbeit in einer demokratischen Gesellschaft soll ein Überblick über Herausforderungen und Dimensionen sozialer Arbeit im Kontext von wirtschaftlicher Krise und demokratischer Gesellschaft gegeben werden, während es im zweiten Teil mit dem Titel „Soziale Arbeit und die Evolution der Public Policy“ um Analysen und Positionierungen von sozialer Arbeit in Bezug auf Sozialpolitiken geht. Der dritte Teil widmet Risiken von Prekarisierung (Arbeitslosigkeit, Armutsrisiken bei jungen Erwachsenen, Armutserfahrungen, betrieblicher sozialer Arbeit und Behinderung). Im vierten Teil werden Formen sozialer Arbeit und professioneller Praxis in unterschiedlichen Arbeitsfeldern fokussiert und der fünfte Teil beschäftigt sich mit der aktuellen Forschung im Feld sozialer Arbeit.

Inhalt

Im ersten Teil diskutieren Peter Sommerfeld, Verena Keller, Ueli Mäder, Maryse Bresson und Lothar Böhnisch ausgehend von unterschiedlichen Fragestellungen ethische und professionelle Positionierungen der sozialen Arbeit. So fragt Peter Sommerfeld nach der Rolle von sozialer Arbeit in demokratischen Gesellschaften, während Verena Keller diesen Faden aufnimmt und eine kritische Reflexion individualisierender Verantwortungslogik im Kontext struktureller Ungleichheit anschliesst. Ueli Mäder argumentiert, dass finanzielle Ausgleichsleistungen dem sozialen Frieden dienen (Umverteilung an der Existenzsicherung ausgerichtet sein sollte) und fragt, ob soziale Arbeit sich im Kontext der Wirtschaftskrise nicht intensiver mit konkreten Machtgefügen auseinandersetzen müsse. Dazu müsse sie sich, so Maryse Bresson, als „innovative Kraft in der Krisenbewältigung positionieren“ (18). Lothar Böhnisch merkt kritisch an, dass die soziale Arbeit in Deutschland es diesbezüglich an Positionierungen vermissen lasse und sie sich eher- entgegen ihrer Wertebasis – auf die Abfederung ökonomischer Prozesse konzentriere.

Joëlle Moret, Nadia Baghdadi, Christian Reutlinger und Mady Schöne plädieren für Transnationalismus als Referenzrahmen sozialer Arbeit. Moret zeigt am Beispiel somalischer MigrantInnen wie dies zum Verständnis von Integrationsprozessen beitragen kann. Im letzten Beitrag geht Shirley Roy auf das Verhältnis von Lehre, Forschung und Praxis als Orten der Wissensproduktion ein, die durch neue Verweisungsverhältnisse zu Innovationen beitragen können.

Ein verbindendes Muster dieser Beträge bildet die Kritik an einem individualisierenden Verständnis von Prozessen der sozialen Exklusion und der Prekarisierung (Voélin, Keller) und an einem technokratischen Verständnis „sozialer Intervention“, auch vor dem Hintergrund vorgeblicher emanzipatorischer Zugänge wie der „participation citoyenne“ (31).

Im zweiten Teil folgen eine Reihe von Beiträgen zu unterschiedlichen Themen: so diskutiert Michel Chauvière das Verhältnis von sozialer Arbeit und Sozialpolitik, Patrick Ernst fragt nach dem „Sozialen“ in Programmen für Ausgegrenzte, ähnlich wie Peter A. Schmid das „Gerechtigkeitsverständnis“ der sozialen Arbeit befragt. Ob „Soziallobbying“ wie es Günter Rieger vorstellt als Aktivierung einer genuin professionellen Aufgabe verstanden werden kann, ist wohl umstrittener als die Kritik an individualisierenden Ansätzen, die Oliver Grand in seinem Beitrag im Hinblick auf eine kritische Reflexion des Verständnisses „sozialer Intervention“ ausbuchstabiert.

Sophie Rodari leitet den dritten Teil ein mit einem Beitrag zu Armutsrisiken und Ausschlussmechanismen in einem „Zweiklassensystem“ neuer Sozialhilfebestimmungen in der Schweiz. Wie mit lebensweltorientierten Ansätzen die Handlungsfähigkeit von Betroffenen langfristig erweitert werden kann, zeigen Dorothee Schaffner und Susanne Gerber, in die gleiche Richtung verweist der Beitrag von Annamaria Colombo auf der Basis einer Studie über obdachlose Jugendliche in Montreal. Es folgen Beiträge zur Rekonstruktion von Fallverläufen in der Sozialhilfe (Dieter Haller, Eveline Althaus), zur professionellen Distanz in der sozialen Arbeit (Jean Foucart), zur betrieblichen sozialen Arbeit (Daniela Berger, Edgar Baumgartner) und zur Umschulung behinderter Menschen (Véronique Antonin-Tattini, Marie-Danièle Bruttin-Troutot).

Den vierten Teil eröffnen Alain Canonica und Martina Koch mit zwei Fallstudien zu den Schwierigkeiten einer inter- und multiprofessionellen Zusammenarbeit. Auch hier folgen Beiträge zu unterschiedlichen Handlungsfeldern und Fragestellungen: Jeanette Friedrich, Sylvie Mezzena, Laurence Seferdejeli und Kim Stroumza untersuchen die Arbeit in einem Genfer Tageszentrum für Jugendliche, insbesondere unter der Perspektive von Regelbefolgung, Dominique Kern beschäftigt die Stärkung älterer Menschen, Jean Félix Savary die Arbeit mit Drogenabhängigen und Katja Schnyder-Walzer stellt die Idee eines Integrationsnetzes vor, das von der Caritas Zürich angewendet wird. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit Quartiersverträgen (Mehdi Aouda, Thierry Apothéloz, Marko Bandler), mit sozialen Netzwerken als Ressource für ältere und behinderte Menschen (Christina Dietrich), mit den Möglichkeiten künstlerischer Ansätze in der beruflichen Eingliederung Jugendlicher und mit der Beratung gewaltbetroffener Frauen zwischen Autonomie und staatlichem Zugriff (Lea Hollenstein).

Der fünfte Teil nimmt die Beziehung zwischen Forschung und Praxis in den Blick, den Jean-Pierre Tabin mit einem Überblick zum aktuellen Stand der Forschung in der sozialen Arbeit einleitet. Peter Schallberger arbeitet Erwartungsprofile an Forschung heraus und Claudio Bolzmann verweist am Beispiel von Migrantinnen und Migranten auf die Marginalisierung der Sichtweisen von Betroffenen.

Diskussion

Die Herausgeberinnen versuchen zum Ende (383) die Fäden der einzelnen Beiträge aufzunehmen und nach verbindenden Perspektiven zu fragen. Diese sehen sie vor allem in einer Re-Politisierung der sozialen Arbeit, die nicht allein im Widerstand gegen individualisierende Politiken und Verantwortungszuschreibung liegen kann, sondern insbesondere darin gesehen wird, neue innovative Wege zu beschreiten, die an sozialer Gerechtigkeit orientiert sind. Sie stellen ernüchternd fest, dass die Akteure der sozialen Arbeit nicht wirklich als politische Verhandlungspartner ernst genommen werden, sondern soziale Arbeit vielfach instrumentalisiert wird (als Mittel von Governance und Kontrolle). Dagegen stehen – das zeigen die Beiträge – eine Vielzahl von Ansätzen in der praktischen Arbeit, das Bemühen immer wieder Spielräume zu öffnen und nutzbar zu machen und Ergebnisse von Forschung in Bezug auf professionelle Praxis zu reflektieren. Die beiden zentralen Begriffe „Widerstand“ und „Innovation“, die das in den Texten bearbeitete Spannungsfeld markieren, hätten dabei systematischer und in einer analytischen Perspektive herausgearbeitet werden können. Dazu liefern die AutorInnen vielfältige Anhaltspunkte, dies auch im Sinne der geforderten sozialwissenschaftlichen und theoretischen Fundierung von sozialer Arbeit hätten genutzt werden können. Inwieweit dies auch ein Aspekt im Sinne einer Re-Politisierung (den Anspruch auf ein „gutes Leben für alle“ erhalten und auszubuchstabieren (48)) sein könnte, ist eine offene Frage.

Fazit

Der Band mit über 30 Beiträgen zeigt ein weites Spektrum der Zugänge zur Ausgangsfrage „Widerstand und Innovation“, die unterschiedlich differenziert, theoretisch fundiert oder empirisch ausgerichtet sind. Zum Teil sind sie auch standespolitische Positionsbestimmungen, wodurch die Texte (hinzukommt die Zweisprachigkeit) für unterschiedliche LeserInnen von unterschiedlichem Interesse sein können. Sicherlich hat der Band seine Funktion darin, einen Stand der Selbstvergewisserung der sozialen Arbeit zu präsentieren und die Herausforderungen zu zeigen, zu Positionierungen von sozialer Arbeit über sprachliche, nationale und Traditionsgrenzen hinweg zu gelangen.


Rezensentin
Prof. Dr. Ulla Peters
Soziologin, Prof. Universität Luxembourg
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Zitiervorschlag
Ulla Peters. Rezension vom 11.09.2014 zu: Sabine Voélin, Miryam Eser Davolio, Mathias Lindenau (Hrsg.): Travail social entre résistance et innovation - Soziale Arbeit zwischen Widerstand und Innovation. Interact Verlag Hochschule Luzern (Luzern) 2014. ISBN 978-2-88224-097-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16394.php, Datum des Zugriffs 28.09.2016.


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