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Marion Roddewig: Kollegiale Beratung in der Gesundheits- und Krankenpflege

Cover Marion Roddewig: Kollegiale Beratung in der Gesundheits- und Krankenpflege. Auswirkungen auf das emotionale Befinden von Auszubildenden. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. 433 Seiten. ISBN 978-3-86321-178-3. D: 49,90 EUR, A: 51,30 EUR, CH: 64,30 sFr.
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Thema, Autorin und Entstehungszusammenhang

Mit der Publikation „Kollegiale Beratung in der Gesundheits- und Krankenpflege“ greift die Autorin, Marion Roddewig, ein für diese Berufsgruppe besonders relevantes und durchaus aktuelles Thema auf. Dabei sollen, so der Untertitel, insbesondere „Auswirkungen auf das emotionale Befinden von Auszubildenden“ eines in die Ausbildung integrierten Anleitungs- und Trainingsprogramms zur Kollegialen Beratung untersucht werden.

Die Autorin verfügt hierfür einerseits über umfangreiche, d. h. mehr als zwei Jahrzehnte umfassende praktische Erfahrungen in der beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung der Gesundheits- und Krankenpflege und ist auch aktuell als freiberufliche Dozentin mit den Arbeitsschwerpunkten Gesundheitsförderung, sozialpsychologische Beratung und Kollegiale Beratung freiberuflich tätig. Andererseits erhebt die vorliegende Veröffentlichung auch wissenschaftlichen Anspruch, indem diese an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen als Dissertation (unter einem etwas komplexeren Titel und Untertitel) eingereicht und angenommen wurde.

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel, (1.) „Einleitung“ wird klassisch genutzt, um die Ausgangslage, hier also die Situation und Probleme in der Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege zu skizzieren und das zentralen Anliegen eines Anleitungs- und Trainingsprogramms „Zur Emotionalen Befindlichkeit“ zu begründen und zunächst etwas knapper in den Kontext zweier „Theoretischer Konzepte“ zu stellen. Gegenstand und Forschungsfrage werden ausgewiesen und anschließend ein Überblick über den insgesamt 12 Kapitel umfassenden Aufbau der Arbeit angeboten.

Das Kapitel (2.) „Zu den Konstrukten Stress, Gesundheit und emotionales Befinden“ konzentriert sich unter dem Konstrukt „Stress“ ausschließlich und eher traditionell auf „Das transaktionale Stressmodell“, ohne allerdings weitere gesundheitspsychologische Ansätze zu diskutieren, was hier übrigens nur hinsichtlich der Gliederungssystematik zu erwarten gewesen wäre. Etwas breiter werden dann „Verschiedene Modelle von Gesundheit“ als Hintergrund für „Das salutogenetische Modell von Aaron Antonovsky“ genutzt. Letzteres wird in einen Zusammenhang mit Stresserleben und Widerstandsressourcen gestellt und abschließend hinsichtlich des Standes der Forschung reflektiert. Dabei wird die bekannte Kritik an den Grenzen der empirischen Prüfbarkeit des komplexen Modells der Salutogenese jedoch nicht so deutlich expliziert. Was jedoch mehr irritiert, ist die sehr kurze und somit nicht sehr vertiefende Diskussion des für das Anliegen der Arbeit wichtigen Konstruktes „Emotionale Befindlichkeit“.

Das Kapitel (3.) „Ansatz der Prävention und Gesundheitsförderung“ umfasst etwas mehr als zwei Seiten, so dass hier ebenfalls keine differenzierte Betrachtung stattfindet und eher der Eindruck einer Pflichtübung entsteht.

Kapitel (4.) „Beratung“ wird hingegen intensiver entfaltet und endet mit dem zentralen Gegenstand der vorliegenden Veröffentlichung: „Kollegiale Beratung“. Das einleitende Beklagen, dass es „keine allgemeingültige Definition von Beratung gibt“ (S. 55) wirkt wissenschaftlich etwas oberflächlich setzt sich in der sehr unverbindlichen Formulierung zur Einleitung einer eigenen Definition „Ganz allgemein kann unter Beratung (…) verstanden werden (…)“ (S. 64), wie auch in den begrifflichen Abgrenzungen gegenüber „Information“, „Unterweisung“, „Anordnung“, „Erziehung“, „Beratung“ und „Therapie“ fort, die alle schlicht zu einfach ausfallen. Das finale Unterkapitel (4.6) zur „Kollegialen Beratung“ zeichnet sich wiederum durch eine detaillierte Darstellung zum „Stand der Forschung“ aus, so dass sich die zuvor formulierte Kritik hier relativiert.

Das Kapitel (5.) „Methodische Grundlagen“ wird in nur ein Unterkapitel differenziert, welches wiederum inhaltlich in eine kurze Diskussion der „Merkmale qualitativer und quantitativer Forschung“ und eine „Kombination beider Ansätze“ unterteilt wird, wobei diese Kombination auch für die vorliegende Arbeit nachvollziehbar, allerdings eng an einer mehrfach zitierten Quelle orientiert, begründet wird.

Unter dem Kapitel (6.) „Fragestellung“ werden die Forschungsfragen, Hypothesen und die Zielsetzung klar strukturiert und prägnant formuliert.

Sehr umfangreich wird in Kapitel (7.) „Das Anleitungs- und Trainingsprogramm zur Kollegialen Beratung“ auf insgesamt 120 Seiten präsentiert. Die Ziele des Anleitungsprogramms werden unter 7.1 „Konzeption …“ (S. 101) allerdings nicht konsequent kompetenzorientiert formuliert bzw. eher konservativ als Lernziele ausgewiesen und auch nicht in entsprechende Dimensionen differenziert. In der Darstellung der einzelnen Sitzungen des komplexen Anleitungs- und Trainingsprogramms (7.5.1 – 7.5.9) werden Bezüge klassischer Übungen zur Kommunikation, Metakommunikation und Hilfreichen Gesprächsführung deutlich, bevor im weiteren Verlauf auch spezifischere Übungen zur Beratung im Kontext zu rollentheoretischen und auch systemischen Ansätzen präsentiert werden. Das dieses Kapitel abschließende Unterkapitel (7.6) wird für eine kritische Reflexion der „Erfahrungen mit dem Anleitungs- und Trainingsprogramms“ genutzt, innerhalb dessen auch anfängliche Widerstände und Bedenken einzelner Schüler/-innen offen diskutiert werden.

Das Kapitel (8.) wird der „Untersuchung der emotionalen Befindlichkeit“ gewidmet, die mehrmethodisch, d. h sowohl mit einem hier modifizierten quantitativen Befragungsinstrument (einer eigenen früheren Analyse) und als auch mit einem (aus dem Grundschulbereich transferierten) qualitativen Satzergänzungstest erfasst wird. Beide Instrumente finden auf mittlere Stichprobengrößen aus dem Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege Anwendung, die in drei parallele Experimental- und eine entsprechende Anzahl Kontrollgruppen (jeweils in Kursgruppenstärke) differenziert werden.

Im Rahmen der Darstellung der Ergebnisse (9.) wird gezeigt, dass es zum Teil signifikante positive Effekte innerhalb der Kategorien „Befindlichkeit“, „Internale Ressource Selbstbild“, „externale Ressource soziale Unterstützung“, „Copingstrategien“, „Lebenssituation“, „Ausbildungs- und Freizeitsituation“ der Experimentalgruppen gegenüber der Kontrollgruppen gibt. Auch dieses Kapitel schließt mit einer Diskussion der Methodik möglicher weitere Einflussfaktoren und mit einer durchaus selbstkritischen Bewertung der Reichweite der hier gefundenen Ergebnisse.

Zusätzlich zu den Effekten des Kollegialen Beratungskonzepts auf die Personen der Zielgruppe wird ferner in Kapitel (10.) eine „Evaluation des Anleitungs- und Trainingsprogramms“ ausführlicher präsentiert, die sich vor allem auf das didaktisch-methodische Konzept, ausgewählte Methoden, Wissens- und Kompetenzgewinn und ausgewählte Aspekte zur Zufriedenheit der Schüler/-innen bezieht. Die eigene Bewertung dieser Evaluation des Programms (10.5) fällt positiv aus: „Insgesamt kann das (…) Anleitungs- und Trainingsprogramm zum Erlernen der Kollegialen Beratung als gewinnbringend eingeschätzt werden“.

In Kapitel (11.) werden „Rückmeldungen der selbstständig durchgeführten Beratungssitzungen“ aus Perspektive der Schüler/-innen knapper und methodisch weniger präzise beschrieben, so dass die Ergebnisse auch nicht so aussagekräftig erscheinen.

Im finalen Kapitel (12.) „Zusammenfassung und Ausblick“ wird der vorgestellten Untersuchung eine „eher grundlagenorientierte Ausrichtung“ zugesprochen, was allerdings angesichts der beschriebenen Stichprobengrößen, des methodischen Designs und der Komplexität des Untersuchungsgegenstandes sowie des Untersuchungsfeldes durchaus zu relativieren wäre.

Diskussion

Im Ergebnis ist der Autorin zuzustimmen, wenn sie zu einer positiven Gesamteinschätzung des Anleitungs- und Trainingsprogramms zur Kollegialen Beratung in der Gesundheits- und Krankenpflege gelangt, da die Schüler/-innen von diesem, in das schulinterne Curriculum integrierte Programm, profitieren und eine „Zunahme kognitiver und sozialer Kompetenzen und speziell einen Wissens- und Kompetenzzuwachs in der Gestaltung von Kommunikations- und Beratungsprozessen“ erkennen lassen.

Allzu pessimistisch hingegen fällt die folgende Aussage aus, dass in der Gesundheits- und Krankenpflegeausbildung „kaum Einfluss“ auf die „allgemeinen Arbeitsbedingungen auf den Stationen“ genommen werden könne. Dieses Problem wird erst zum Abschluss der vorliegenden Publikation aufgegriffen und nicht mehr analysiert, wenngleich sich auch hier zahlreiche Anlässe Kollegialer Beratung und Unterstützung erkennen ließen.

Fazit

Im Sinne eine Fazits ist festzustellen, dass hier ein für die berufliche Ausbildung in den Pflegeberufen, wie perspektivisch auch für deren berufliche Fort- und Weiterbildung besonders relevantes Thema sowohl theoretisch als auch praxisorientiert bearbeitet und so für ein breites Fachpublikum zugänglich gemacht wird. Die Veröffentlichung lebt von diesem Spannungsfeld einer wissenschaftlichen fundierten Reflexion und einer Vielzahl wertvoller Handlungsanregungen zur Kollegialen Beratung für die berufliche Bildung in der Gesundheits- und Krankenpflege. Die positiven Effekte auf das emotionale Empfinden von Auszubildenden konnten ebenso wie eine hohe Akzeptanz und eine erkennbare Bedeutung des Anleitungs- und Trainingsprogramms insgesamt überzeugend nachgewiesen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Mathias Bonse-Rohmann
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Zitiervorschlag
Mathias Bonse-Rohmann. Rezension vom 19.06.2014 zu: Marion Roddewig: Kollegiale Beratung in der Gesundheits- und Krankenpflege. Auswirkungen auf das emotionale Befinden von Auszubildenden. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86321-178-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16420.php, Datum des Zugriffs 01.09.2016.


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