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Andreas Frey, Urban Lissmann u.a. (Hrsg.): Handbuch berufspädagogische Diagnostik

Cover Andreas Frey, Urban Lissmann, Bernd Schwarz (Hrsg.): Handbuch berufspädagogische Diagnostik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. 494 Seiten. ISBN 978-3-407-83173-6. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR, CH: 100,00 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Es handelt sich um ein Handbuch zur Diagnostik mit Blick auf die Berufspädagogik. Behandelt werden diagnostische Konzepte, Methoden und Tests, die für diese Disziplin relevant sind, auch wenn die Verfahren überwiegend in anderen Wissenschaften, vor allem in der Psychologie, entwickelt wurden.

Herausgeber und Autoren/innen

Prof. Andreas Frey arbeitet an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit in Mannheim. Prof. Urban Lissmann und Prof. Bernd Schwarz lehren am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Koblenz-Landau. Neben den drei Herausgebern haben 16 Autoren/innen Beiträge geliefert. Die Autoren/innen kommen aus unterschiedlichen Disziplinen und Institutionen.

Entstehungshintergrund

Die Herausgeber konzentrieren sich auf die Berufspädagogik. Diese bestimmen sie als „eine Teildisziplin der Erziehungswissenschaft, welche die pädagogischen Probleme beruflicher Bildungs- und Sozialisationsprozesse von Jugendlichen und Erwachsenen in der beruflichen Bildung, in der Aus- und Weiterbildung, im Übergang Schule und Berufsausbildung, im Übergang Berufsausbildung und Beruf, in der Personalgewinnung und -entwicklung oder in der Wiedereingliederung in einen bestehenden oder neuen Beruf erforscht“ (S. 17). Entsprechend umfangreich und vielfältig ist die Themenpalette.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 6 Hauptkapitel:

  1. Mess- und testtheoretische Grundlagen
  2. Forschungs- und Erhebungsverfahren
  3. Eignungsdiagnostische Fragestellungen und Verfahren
  4. Interessen- und Motivationsdiagnostik in beruflichen Zusammenhängen
  5. Lerndiagnostik
  6. Weitere Anwendungsgebiete berufspädagogischer Diagnostik

Kapitel I befasst sich mit der klassischen Mess- und Testtheorie, u.a. Stichprobentheorie, Wahrscheinlichkeitstheorie und Gütekriterien. Abschließend werden Grundsatzfragen diskutiert, die sich Anwender von diagnostischen Verfahren in der Berufspädagogik vor der Durchführung der Diagnostik sollten. Beispiele sind: Nach welchen Kriterien wähle ich einen Test aus der Vielzahl der publizierten Verfahren aus? Was muss ich bei der Testdurchführung beachten? Geht es mir um Status- oder Veränderungsmessungen?

Insgesamt handelt es sich um ein sehr theoretisches Kapitel, von dem am ehesten Wissenschaftler/innen und Anwender/innen profitieren, die sich bisher kaum mit den statistischen Grundlagen standardisierter Tests befasst haben.

Kapitel II enthält einen systematischen, vertiefenden Überblick über sechs verschiedene Methoden: Beobachtungsmethode (einschließlich Arbeitsprobe), Befragungsmethode (mit Fokus auf Eignungsinterview und berufsbezogenen Persönlichkeitsfragebögen), Testverfahren (mit dem Schwerpunkt psychologische Leistungstests), Portfoliobeurteilung und schließlich kombinierte Verfahren (Assessement-Center, Multi-Rater-Feedback sowie Large-Scale-Assessment).

Die Einteilung dieses Kapitels wirkt insgesamt willkürlich. So haben zum Beispiel Assessment-Center und Large-Scale-Assessments, beide werden im Abschnitt „Kombinierte Verfahren“ behandelt, eine sehr unterschiedliche Zielrichtung und Methodik. Zum einen geht es um die Selektion, Förderung und Fortbildung von Individuen unter Einsatz geschulter Beobachter (Assessment-Center), zum anderen um Kompetenzforschung im Sinne der empirischen Bildungsforschung, die mit großen Stichproben und komplexen statistischen Modellen arbeitet. Positiv ist anzumerken, dass am Ende eines Unterkapitels in der Regel als Praxisbeispiel ein publiziertes, auf dem Testmarkt erhältliches Verfahren kurz vorgestellt wird und die damit verbundenen Einsatzmöglichkeiten skizziert werden.

Kapitel III ist das umfangreichste. Im ersten Unterkapitel „Berufseignung und Personenmerkmale“ wird der Zusammenhang zwischen Berufseignung bzw. Berufserfolg mit empirisch fundierten Persönlichkeitstheorien der Psychologie diskutiert, vor allem mit dem 5-Faktoren-Modell. Der Abschnitt „Pädagogisch-psychologische Diagnostik“ beschreibt die in der Psychologie gängigen Methoden der Diagnostik des Erlebens und Verhaltens. Das dritte Unterkapitel ist „Berufliche Kompetenzen: Modellierungen und diagnostische Verfahren“. Es ist der Teil des Buches, der die theoretische Modellierung und empirische Erforschung der beruflichen Handlungskompetenz innerhalb der Disziplin der Berufs- und Wirtschaftspädagogik zusammenfasst. Dies geschieht aus der Perspektive zweier Autoren/innen (Susan Seber und Reinhard Nickolaus), die maßgeblich an den vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Vorarbeiten für ein Europäisches Berufsbildungspisa (www.ascot-vet.net) beteiligt sind. Perspektiven von Berufspädagogen, die sich mit der Diagnostik beruflicher Handlungskompetenz beschäftigen, aber Large-Scale-Assessments kritisch sehen, finden leider kaum Berücksichtigung.

Im vierten Abschnitt des Kap. III geht es um Persönlichkeitsinventare und Persönlichkeitsstrukturtests. Theoretischer Bezugspunkt ist erneut das 5-Faktoren-Modell der Persönlichkeit sowie Theorien zur Leistungsmotivation. Insgesamt werden sieben verschiedene standardisierte Tests beschrieben, die Psychologen/innen publiziert haben. Der fünfte Abschnitt behandelt auf allgemeiner Ebene Assessment-Center-Verfahren. Beschrieben werden historische Ursprünge, Konstruktionsregeln, Anforderungsprofile und Durchführungsschritte bis hin zur Schulung von Moderatoren/innen und Beobachter/innen. Der letzte Abschnitt ist der sozialmedizinischen Diagnostik gewidmet. Kurz vorgestellt werden theoretische Klassifikationssysteme für die Begutachtung von Krankheiten (ICD 10) und Behinderungen (ICF). Der Hauptteil dieses Abschnitts kreist jedoch um rechtliche Aspekte der sozialmedizinischen Begutachtung in der Arbeitswelt und der beruflichen Rehabilitation.

Das Kapitel IV behandelt im ersten Teil (Interessendiagnostik) die Diagnostik der Berufsfindung von Schüler/innen und Auszubildenden. Hier werden auf jeweils einer Seite neun mehr oder weniger standardisierte Verfahren vorgestellt. Im zweiten Teil (Motivationsdiagnostik) werden verschiedene Motivationstheorien, soweit sie als Grundlage von standardisierten Tests fungieren, zusammengefasst und anschließend diverse Tests zur Lern- und Leistungsmotivation im Beruf umrissen.

Das Kapitel V widmet sich der Lerndiagnostik und gliedert sich in drei Abschnitte, verfasst von drei verschiedenen Autoren/innen. „Lern-und Leistungsdiagnostik im pädagogischen Kontext“ beschreibt abstrakt grundsätzliche Perspektiven (historisch, fachsystematisch, typenspezifisch u.a.) auf die Diagnostik von Lernvoraussetzungen und Lernentwicklungen. „Diagnostik individueller Lernformen“ geht ein auf verschiedene empirisch ausgerichtete Strategien und Instrumente, um individuelle Lernverläufe zu evaluieren. Systematisch beschrieben werden Beobachtung, Selbstevaluation, Förderplanung und Testverfahren. Der dritte und letzte Abschnitt, „Diagnostik kooperativer Lernformen“ (Kommunikation und Kooperation in Lerngruppen und Arbeitsteams) behandelt Fragen der Diagnostik von Lerngruppen einschließlich des Trainings von Codierern/innen bzw. Rater/innen.

Bei diesem Kapitel springt ins Auge, dass im Unterschied zu den beiden vorherigen Hauptkapiteln keine Testverfahren erwähnt werden, obwohl diese auf dem Testmarkt angeboten werden. In den letzten Jahren wurden eine Reihe standardisierter Verfahren zur Diagnostik individueller Lernvoraussetzungen, etwa von Kulturtechniken, sowie zur Diagnostik der Kommunikation und Kooperation von Arbeits- und Lerngruppen publiziert.

Das letzte Kapitel VI beleuchtet verschiedene Anwendungsgebiete der berufs- und arbeitsbezogenen Diagnostik. Die vier Abschnitte tragen die Titel „Arbeits- und Tätigkeitsdiagnostik“, „Managementdiagnostik“, „Förderdiagnostik“ und „Diagnostik und Prävention von Ausbildungsabbrüchen“. Im Unterschied zum vorherigen Kapitel gerät hier, neben der Darstellung von diagnostischen Modellen und Strategien, die praktische Anwendung wieder deutlich in den Blick. Dargestellt werden exemplarisch standardisierte Testverfahren, insbesondere im Abschnitt „Arbeits- und Tätigkeitsdiagnostik“. Außerdem werden Ergebnisse und Erfahrungen aus größeren diagnostischen Forschungsprojekten zur beruflichen Integration referiert.

Diskussion

Das vorliegende Handbuch soll nach dem Willen der Herausgeber „eine Lücke in der Behandlung berufspädagogischer Methoden und Verfahrensweisen schließen und zu einer Weiterführung der systematischen und theoretischen Fundierung der Berufspädagogik führen“ (S. 21). Vielleicht ist das gelungen. Zweifellos ist es das erste Diagnostikbuch, das sich primär an die Berufs- und Wirtschaftspädagogik richtet. Aber was sind mögliche Zielgruppen? Dazu finden sich keine Angaben. Der Rezensent gibt seit einigen Jahren einführende Lehrveranstaltungen zur berufspädagogischen Diagnostik für angehende Berufsschullehrer/innen. Die Hoffnung, ein Basislehrbuch oder ein Handbuch zum Nachschlagen für diese Lehrveranstaltungen in der Hand zu haben, hat sich leider nicht erfüllt. Für Studierende ist die Darstellung in weiten Teilen zu abstrakt. Diese Einschätzung gilt ebenso für akademisch ausgebildete Praktiker/innen, die in den Systemen der Berufsbildung und der beruflichen Rehabilitation arbeiten.

Ein zusätzliches Manko dieses Handbuches ist es, dass es sich zu wenig an der Kategorie der beruflichen Handlungskompetenz (Fach-, Methoden-, Selbst- und Sozialkompetenz) orientiert. Dies ist die Leitkategorie in der Berufs- und Wirtschaftspädagogik, ähnlich wie Intelligenz und Persönlichkeit in der differentiellen Psychologie.

Fazit

Dieses Handbuch punktet durch seine Themenfülle und seine interdisziplinäre Sichtweise auf die Diagnostik in der Berufspädagogik, der beruflichen Bildung und der beruflichen Rehabilitation. Leser/innen bekommen eine Ahnung der vielfältigen Möglichkeiten berufspädagogischer Diagnostik. In der Darstellung dominieren die Konzepte und Verfahren der quantitativen, standardisierten Testdiagnostik. Qualitative Verfahren werden nur in wenigen Abschnitten behandelt.

Negativ ist die Uneinheitlichkeit in der Darstellung bezüglich des Verhältnisses von Theorie und Anwendung. In einigen Kapiteln werden ausschließlich theoretische Modelle diskutiert, in anderen Abschnitten liegt der Schwerpunkt auf den Schritten des diagnostischen Prozesses im Praxisfeld. In einigen Kapiteln werden zahlreiche Tests skizziert, in anderen überhaupt keine erwähnt. Für ein Handbuch, das zum Nachschlagen für eigene Forschungen oder zur begleitenden Lektüre von Lehrveranstaltungen dienen soll, ist eine stärkere Stringenz in der Gliederung und Darstellung über alle Kapitel hinweg erforderlich.


Rezensent
Dr. Burkhard Vollmers
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Zitiervorschlag
Burkhard Vollmers. Rezension vom 03.06.2014 zu: Andreas Frey, Urban Lissmann, Bernd Schwarz (Hrsg.): Handbuch berufspädagogische Diagnostik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2013. ISBN 978-3-407-83173-6. Reihe: Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16423.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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