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Hilarion G. Petzold: Integrative Therapie

Cover Hilarion G. Petzold: Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden einer schulenübergreifenden Psychotherapie. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2004. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. 1276 Seiten. ISBN 978-3-87387-066-6. 85,00 EUR, CH: 140,00 sFr.

Reihe: Integrative Therapie, Band 2.
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Einführung in das Thema, Hintergrund und Autor

Ich lese das Werk als "fachfremder" Rezensent: als Supervisor. Ich lese es, weil die Psychotherapie eine der wichtigsten Quelle der Theoriebildung im Bereich der Supervision ist. Dementsprechend reproduziert die Supervision auch das Theorieproblem der Quelle: verschiedene Schulen stellen ausschließende Wahrheitsansprüche, ringen um die Macht in Berufverbänden und Öffentlichkeit - und blockieren auf diese Weise entscheidende Diskurse. Petzold gelingt im Bereich der Psychotherapie ein integratives Modell, das in der Auseinandersetzung (aber auch in der Zusammensetzung) mit zahlreichen therapeutischen Ansätzen und Theorien, aber auch mit umgebenden, über- oder untergeordneten Wissenschaften Gestalt gewinnt. "Polylogisch" nennt er das, weil "dialogisch" nicht wirklich treffend wäre. Petzold integriert schon in seinem persönlichen Bildungsweg unterschiedliche, aber interagierende Wissenschaften, Theorien und Methoden: er hat in Theologie promoviert, in Psychologie und Philosophie bei Gabriel Marcel und schließlich in Heil- und Sonderpädagogik. Seine therapeutischen Lehrjahre brachten ihm die klassische Psychoanalyse, die Gestalttherapie, die Körperarbeit, die Transaktionsanalyse und anderes nahe. Begleitendes Thema war immer das Theater: in der Begegnung mit Iljine in Amerika, aber auch mit dem Begründer des Psychodramas Jakob Levy Moreno. Petzolds Gesamtbibliographie füllt im dritten Band allein 28 klein gedruckte Seiten. Ich erlaube mir einen Satz, der aus dem wissenschaftlichen Sprachspiel ausbricht (das tut auch Petzold gelegentlich): Wir können froh sein, dass Petzold nicht in Amerika geblieben ist - im Wilden Westen werden Männer, die zu viel wissen, leicht erschossen...

Aufbau und Inhalt

Dieser kleine Seitenhieb bietet die Möglichkeit der Überleitung zur inhaltlichen Darstellung des komplexen Werkes. Das "opus magnum" umfasst drei Bände mit insgesamt annähernd 1300 Seiten. Der erste ist überschrieben mit "Klinische Philosophie" (sic!), der zweite mit "Klinische Theorie" und der dritte mit "Klinische Praxeologie". Die Struktur des Werkes orientiert sich also am "tree of science", den Petzold im ersten Band vorstellt und der Metatheorie (darunter Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Ethik, Anthropologie etc.) über "realexplikative Theorien" (allg. Theorie der Psychotherapie, Persönlichkeitstheorie, Entwicklungstheorie etc.) und "Praxeologie" (Praxistheorie, Interventionslehre, Prozesstheorien etc.) zur "Praxis" führt.

  1. Im ersten Band werden also Grundlagenfragen behandelt. Eine gute Einführung in das Gesamtwerk und den Petzold'schen Ansatz bietet die "Einführung zur zweiten Auflage" mit dem Titel: "Integrative Therapie in Kontext und Kontinuum" (I, 25ff). Die kann als Wegweiser durch die drei Bände, aber auch durch das Schaffen Petzolds überhaupt gelesen werden. Andere grundlegende Texte folgen: "Das Ko-respondenzmodell als Grundlage der Integrativen Therapie und Agogik" (I, 93ff) sowie mehrere grundlegende Arbeiten zur Hermeneutik der Integrativen Therapie. "Das Ko-respondenzmodell" ist das Filetstück der Theorie Petzolds. Hier laufen viele, wenn nicht alle Linien zusammen. "Ko-respondenz" umreißt das, was bei Habermas "Diskurs" heißt: also die kommunikative Verständigung über die (soziale) Wirklichkeit und über die Geltungsansprüche sozialer Normen. "Ko-respondenz" geht aber darüber hinaus. Zwar ist sie "eine Form intersubjektiver Begegnung und Auseinandersetzung über eine relevante Fragestellung einer gegebenen Lebens- und Sozialwelt" (I, 94), sie verweist aber zugleich auf die anthropologische Grundgegebenheit, dass "alles Sein Mit-Sein" ist (I, 95). Das hat Konsequenzen für das gesellschaftstheoretische und das ethische (und metaethische) Konzept der Integrativen Therapie, für das Verständnis der Hermeneutik, für die therapeutische Beziehung und auch für den Zusammenhang von Theorie und Praxis, wie er in der Integrativen Therapie gedacht wird. All diesen hier nur genannten Konsequenzen des "Ko-respondenzmodells" hat Petzold ausführliche Arbeiten gewidmet, nicht alle sind allerdings im vorliegenden Werk enthalten.
  2. Der zweite Band bietet die "Klinische Theorie". Im Zentrum dieses Themas steht der Aufsatz mit dem Titel "Der 'TREE OF SCIENCE' als metahermeneutische Folie für Theorie und Praxis der Integrativen Therapie" (II, 383ff). Auch hier taucht das "Ko-respondenzmodell" wieder auf, denn der Aufsatz beginnt mit einem Abschnitt, der "Ein Plädoyer für eine ko-respondierende, 'plurale therapeutische Kultur' hält, wobei "Ko-respondenz" hier vor allem als Forderung zu einer angstfreien und gleichwohl nicht eklektischen, sondern reflektierten und systematischen Methodenintegration erscheint. Eine mehrperspektivische Sicht kann mehr sehen als ein durch Schulscheuklappen behinderter Blick auf therapeutische Theorie und Praxis. Es gehört m.E. zu den großen Stärken des Petzold'schen Ansatzes, dass er den Blick immer wieder weitet und ungewohnte Synopsen bietet. Den "Tree of science" entfaltet Petzold auf den vier Ebenen der Metatheorie (Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Kosmologie, Anthropologie, Gesellschaftstheorie, Ethik und Ontologie), der "Realexplikativen Theorien" (Allgemeine Theorie der Therapie, Persönlichkeitstheorie, Entwicklungstheorie, Gesundheits- und Krankheitslehre, Spezielle Theorie der Therapie), der Praxeologie (Prozesstheorie, Interventionslehre, Methodenlehre, Theorie der Institutionen, Praxisfelder, Zielgruppen) und der Praxis. Das liest sich für einen, was die Psychotherapie betrifft, fachfremden Rezensenten recht vollständig - und ist auf jeden Fall mehr, als viele andere therapeutische Entwürfe reflektieren - und in diesem komplexen Theoriekontext wird dann z.B. auch die Pathogenese bedacht (II, 463ff und 530ff). Wichtig (wenn man denn überhaupt Petzolds Arbeiten nach Wichtigkeit sortieren kann) ist der Abschnitt "Integrative Therapie in der Lebensspanne" (II, 515ff), der ein entwicklungspsychologisches Modell bietet, das die Integration verschiedener körperorientierter Therapieformen begründet, die m.E. eine der Stärken der Integrativen Therapie darstellen. Hier kommen Arbeitsformen der Gestalttherapie ebenso zum Tragen wie das Psychodrama und die Bewegungstherapie, die das "Leibgedächtnis" aktivieren. Diese Methodenintegration wird im abschließenden Aufsatz "Das 'neue Integrationsparadigma' in Psychotherapie und klinischer Psychologie und die 'Schulen des Integrierens' in einer 'pluralen therapeutischen Kultur'" (II, 701ff) erneut reflektiert und begründet.
  3. Der dritte Band trägt den Untertitel "Klinische Praxeologie" und dürfte vor allem für die Praktiker im Bereich Therapie von Interesse sein. Für andere, die in erster Linie die Theoriekonstruktion reizt, ist er gleichwohl nicht uninteressant, denn in diesem Band zeigt sich, wie die grundlegenden theoretischen und metatheoretischen auf der Ebene der Praxisreflexion wieder erscheinen. Der erste Artikel "Die Chance der Begegnung" (III, 781ff) thematisiert wieder das Sein des Menschen als "Mit-Sein", zugespitzt auf die Frage der Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen. Die Zuspitzung ist bezogen auf eine konkrete und besondere Form psychotherapeutischer Arbeit, der Ansatz aber ist verwurzelt im Denken der großen "Beziehungsphilosophen" des 20. Jahrhunderts: Buber, Levinas, Marcel u.a. Auch dieses eine Stärke des Petzold'schen Entwurfes: von jeder Ebene des "tree of sciences" Bezüge herstellen zu können zu jeder anderen - und eben immer wieder auch zur Metaebene. Der Beitrag "Integrative Therapie mit Kindern" formuliert Arbeitsbegriffe, die nicht nur in der Arbeit mit Kindern eine Rolle spielen, sondern in der therapeutischen Arbeit überhaupt bedacht werden müssen: Kontakt, Begegnung, Beziehung, "Beelterung", "Nachbeelterung", Übertragung, Widerstand etc. Es folgen drei Beiträge mit dem Schwerpunkt körperbezogene Therapieformen - die theoretische Grundlegung findet sich in übersichtlicher Form in dem gemeinsam mit Ilse Orth verfassten Aufsatz "Integrative Leib- und Bewegungstherapie mit erwachsenen Patienten" (III, 851ff). (Auf eine weitere hilfreiche Zusammenfassung der "Integrativen Leibtherapie" durch die beiden AutorInnen sei kurz verwiesen: H. Petzold, I. Orth: Thymopraktik, die Arbeit mit Leib, Bewegung und Gefühl. In: H. Petzold, J. Sieper: Integration und Kreation Bd. 2 S. 519ff) Im Zusammenhang mit der Körperorientierung in der Integrativen Therapie will ich, da hier ohnehin kein vollständiges Inhaltsverzeichnis geboten werden kann, nur noch auf den abschließenden Aufsatz mit dem Titel "Der 'informierte Leib' - 'embodied and embedded' - Leibgedächtnis und performative Synchronisationen" (III, 1051ff) hinweisen, in dem noch einmal die (bewegungstherapeutische) Arbeit mit dem Leibgedächtnis vorgestellt wird.

Die drei Bände werden abgeschlossen mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis (100 Seiten!!!) und der schon genannten Petzold-Bibliographie. Im Anhang finden sich ein sehr hilfreiches, dreißigseitiges Stichwortregister sowie ein Farbteil mit Bildern aus der Integrativen Körpertherapie.

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit und Nützlichkeit

Über die Tauglichkeit und Nützlichkeit des Werkes kann und muss wohl auch nicht diskutiert werden. Sollte jemand ein entschiedener Gegner des Petzold'schen Konzepts sein, wird er das Opus dennoch tauglich und nützlich finden - so wie auch Katzen dicke Bäume schätzen, um ihre Krallen zu schärfen. Über die Lesbarkeit der Arbeiten Petzolds dagegen ist immer diskutiert worden - auch mit ihm selbst natürlich. Ihm sei es, hat er gesagt, durchaus bewusst, dass seine Sprache sehr komplex sei. Das könne aber auch nicht anders sein, weil der Gegenstand, um den es gehe, noch viel komplexer sei. Wenn sie die Komplexität des Gegenstandes wenigstens annähernd abbilden wolle, könne die Sprache nicht simplifizieren. Das sei zugestanden - Philosophie, auch klinische, pflegt selten belletristischen Stil oder erreicht nicht das erforderliche Abstraktionsniveau. Dennoch finde ich es erschwerend, dass Petzold zu viel von seinem gewiss riesigen Wissen (siehe oben meinen augenzwinkernden Kommentar zu diesem Thema) auf zu kleinem Raum unterzubringen versucht - und manchmal eben in einem einzigen Satz. Deshalb müssen dann ständig neue Fremdworte und/oder grammatikalische Innovationen und Parenthesen erfunden werden, die den Stil schwierig machen: der Leser und die Leserin können selten ausruhen und sich in diesem Augenblick der Lektüre einmal nur auf diesen Aspekt des Themas konzentrieren. In Petzolds Theorie ist jederzeit und überall alles da: Theorie und Methatheorie, Praxis und Methode - und all das immer mit Verknüpfungen zur Anthropologie, Epistemologie, Ethik, Ontologie, Therapeutischen Theorie und wohin noch alles. Kein Wunder, dass man beim Lesen über die vielen Verknüpfungen stolpert!

Aber es lohnt sich, wieder aufzustehen und weiter zu lesen. Es könnte sein, dass man das dann an einer ganz anderen Stelle tut, weil der Kopf beim Stolpern auf anderes gestoßen ist. Aber das geht eben auch bei diesem Werk: man kann nicht nur stolpern, sondern auch springen: vom einen Aufsatz in den anderen, vom einen Band in den anderen. Das macht Spaß - und bereichert! Und so kann man sich springend, stolpernd, kreisend Petzolds opus magnum erschließen - und wenn man seinen Literaturhinweisen folgt, noch manches mehr! Und man wird zu Beginn jedes Aufsatzes gut und wohltuend geerdet: nämlich in einer grundlegenden philosophisch-anthropologischen Vergewisserung, die die Basis jeder weiteren Arbeit bildet und den Standpunkt, von dem aus Petzold seine sehr reizvollen "Polyloge" führt.

Als LeserInnenkreis kommen natürlich in erster Linie die FachkollegInnen in den Blick: Psychologen und Psychotherapeuten. Die Analytiker unter ihnen werden manche Gelegenheit haben, sich zu ärgern, die Gestaltpsychologen werden möglicherweise an Weitsicht und Klarheit gewinnen durch die überraschenden Bezüge und systematische Darstellung. Ich könnte mir aber durchaus auch vorstellen, dass die Bände für Philosophen von großem Interesse sind - auf jeden Fall sind sie für Fragen der Ethik, der Anthropologie, der Erkenntnislehre und der Sozialphilosophie hochrelevant. Und schließlich werden auch nicht wenige SupervisorInnen zu diesen Büchern greifen und dabei mehr über die eigenen Theoriequellen, aber auch die eigene Methodikbegründung lernen. Petzold selbst hat an anderen Orten seinen Entwurf auch für das Geschäft der Supervision spezifiziert - aber es ist auch für SupervisorInnen nicht falsch, direkt aus der Quelle zu schöpfen. Wer noch? Ich denke: alle, die sich professionell und wissenschaftlich mit Menschen befassen, werden Gewinn von einer Lektüre der "Integrativen Therapie" haben - man kann das Werk auch gut als Steinbruch nutzen, ohne ihm damit Unrecht zu tun!

Fazit

Ein Fazit erübrigt sich beinahe nach dem oben Gesagten: ein spannendes, sehr reiches und sehr bereicherndes Werk, das jede Mühe bei der Lektüre belohnt! Das gilt ohne Einschränkung. Abseits von der inhaltlichen Wertschätzung ein kleiner kritischer Hinweis an den Verlag: die Bände sind schlecht gebunden! Der erste Band meines Exemplars, den ich vermutlich am intensivsten gelesen, aber dennoch pfleglich behandelt habe, löst sich schon auf. Das kann und darf nicht sein bei einem Werk, mit dem man eigentlich lange und immer wieder arbeiten will! Also entweder mehr/besseren Leim oder die teurere Leinenbindung!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 08.06.2004 zu: Hilarion G. Petzold: Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden einer schulenübergreifenden Psychotherapie. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2004. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. ISBN 978-3-87387-066-6. Reihe: Integrative Therapie, Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1645.php, Datum des Zugriffs 30.09.2016.


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