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Ronald Lutz: Soziale Erschöpfung. Kulturelle Kontexte sozialer Ungleichheit

Cover Ronald Lutz: Soziale Erschöpfung. Kulturelle Kontexte sozialer Ungleichheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 155 Seiten. ISBN 978-3-7799-2723-5. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,90 sFr.

Reihe: Edition Soziologie.
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Entstehungshintergrund und Thema

Titel auf Fachbüchern sind zumeist mehr oder weniger kunstvolle Konstrukte, bestehend aus griffiger Leitchiffre und wissenschaftlich-seriösem Untertitel. Sie leisten, was sie leisten sollen: Draufschreiben, was drin ist! Dabei fungieren Titel als sprachlich verdichtete Dispositive, die theoriegeleitete Vorentscheidungen darüber vermitteln, welche Beobachtungen und Beschreibungen für die Zustandsanalyse von Gesellschaft oder von gesellschaftlichen Teilsystemen als relevant und als charakteristisch angesehen werden.

Mit dem Titel der hier vorgelegten Publikation rekurriert Ronald Lutz, Prof. für Soziologie an der Fachhochschule Erfurt, nun auf gleich zwei Diskurs-Stränge: Zum einen auf soziologische Zeitdiagnosen, die sich der Kultur des ‚neuen‘, global operierenden Kapitalismus zuwenden und die Frage aufwerfen, wie und mit welchen die Folgen der ‚flexible Kapitalismus‘ auf soziale Strukturen, auf Selbst-Konzepte und auf die alltägliche Lebensführung (Kudera 2000), also die individuell verantwortliche und – mehr oder weniger – rationale Gestaltung des „eigenen Lebens“ (Beck 1997) durchschlägt. Dieses Dispositiv lässt sich exemplarisch von den Grundzügen bei Richard Sennett (2000) bis zum Lebensmodell eines „unternehmerischen Selbst“ (Bröckling 2007; zuerst: Voß/Pongratz 1998) nachzeichnen, dessen Möglichkeitshorizont unternehmerischer Selbstoptimierung und eigenverantwortlicher Selbstverwirklichung allerdings, so die Diagnosen, durch (Selbst)Überforderungen, Entfremdungsphänomene (bei W.Hofmann schon 1972: „seelischer Pauperismus“) und „Auszehrung“ (Oelsnitz/Schirmer/Wüstner 2014), Kontingenzerfahrungen und nicht zuletzt durch (kollektive) pathologische Erschöpfungszustände (Ehrenberg 2008; Keupp 2010; Neckel/Wagner 2013) dramatisch verengt wird.

Die von Ronald Lutz vorgelegten Analysen beziehen sich zum anderen auf Beiträge der neueren soziologischen Ungleichheitsforschung. Hier werden empirische Befunde zur Armutsentwicklung (insbes. bei Kindern und Jugendlichen) aufgenommen; vor allem aber werden analytische Konzepte eingearbeitet, mit denen die Signatur sozialer Ungleichheit in neuen und z.T. kontroversen Leitbegriffen gefasst wird. Neben den ‚klassischen‘ Zugängen zu Phänomenen der ‚Marginalisierung‘, der ‚Deprivation‘ oder der sozialräumlichen ‚Segregation‘ lassen sich ‚soziale Vulnerabilität‘, Prozesse der ‚Prekarisierung‘ und der ‚sozialen Exklusion‘ als neue Formeln identifizieren, die mit den Beiträgen von Bude (2008), Castel/Dörre (2009) und Kronauer (2002) nicht nur Prominenz erlangt, sondern auch heftige Kontroversen ausgelöst haben. Herauszuheben sind die Debatten über die „Überflüssigen“ (Bude/Willisch 2008) und die „Unterschicht“ (Kessl/Reutlinger/Ziegler 2007 www.socialnet.de/rezensionen/5360.php; Lindner/Musner 2008) – beides begriffliche Figuren, die entgegen dem Anspruch, soziologische „Problematisierungskategorien“ (Bude 2008: 31) zu sein, relativ schnell in normativ konnotierten und politisierten Diskurssträngen aufgenommen wurden und insofern das berufliche Ethos sozialarbeiterischen Handelns unmittelbar tangieren.

Unter weiträumiger Umschiffung dieser Kontroversen integriert Lutz beide hier skizzierten Diskursstränge zu einer Semantik „sozialer Erschöpfung“, die sich der individuellen Erfahrung, dem Erleiden von Armut und Marginalisierung, den alltäglichen Verwundungen, dem Scheitern in prekarisierten Lebensverhältnissen zuwendet. Diese Erschöpfung verdichte sich, so seine vorsichtige sozialkonstruktivistische Wendung, zu „Kulturen der Armut, die Folgen für die Entwicklungschancen der Kinder haben.“ Sozial erschöpfte Menschen seien „immer weniger in der Lage, ihre alltäglichen Verrichtungen eigenständig, sinnvoll und nachhaltig zu organisieren.“ (Klappentext) Eine ‚vorsichtige‘ Wendung deshalb, weil Lutz damit die gelebte Realität, das Sich-Einrichten in bedrohten und deprivierten Lebenslagen, mithin auch alltagsweltliche Deutungen und Symbolisierungen sozialer Ungleichheit thematisiert, ohne sich damit in die Turbulenzen der Unterschicht-Debatte ziehen zu lassen. Entsprechend zurückhaltend verweist der Untertitel eben nicht auf die in kollektiven Lebensentwürfen angelegten Schemata zur Erzeugung von Praxen, also auf den Habitus als generative Grammatik (Bourdieu 1970), sondern auf die kulturelle Kontextualisierung, anders formuliert: die Überformung strukturbildender Machtverhältnisse. Darin sind Handlungen „ein Reflex von Benachteiligung …“ (132)

Mit seiner Publikation nimmt Ronald Lutz frühere Arbeiten auf, die sich „Erschöpften Familien“ (www.socialnet.de/rezensionen/13256.php) in zumeist sozial benachteiligten Lebenssituationen sowie Problemen der Kinder- und Jugendarmut zugewandt haben.

Aufbau und Inhalt

Dem Buch ist ein umfangreicher Einstieg vorangestellt, in dem der Leser mit den Facetten, den Formen und Folgen der „Erschöpften Gesellschaft“ vertraut gemacht wird. Über die psychodynamische Dimension des ‚Ausbrennens‘ in (helfenden) Berufen hinaus hätten sich Erschöpfungszustände zu einer „kulturellen Bedrohung“ ausgeweitet. Diese seien der Dialektik einer ökonomisierten Moderne geschuldet, deren Autonomie- und Freiheitsversprechen sich in den ‚Unlebbarkeiten‘ (Beck/Beck-Gernsheim 1994) des individualisierten Alltags verflüchtigen, an einer „allgegenwärtige(n) Abstiegsgefahr mit faktischen Aufstiegsblockaden“ (Neckel 2008: 37) und insgesamt an einer zunehmenden Ungleichverteilung von Gütern und Ressourcen brechen. Insbesondere Menschen in den unteren Soziallagen seien von einer Verengung ihrer Möglichkeitsräume, zunehmender Vulnerabilität und sozialer Erschöpfung betroffen. Dies werde evident bei Problemen in der Lebensführung. In radikaler Konsequenz führe diese Überforderung „zu einem Sich-Einrichten in eher prekären Lagen (.), zu einem Rückzug auf die gerade noch notwendigen Tätigkeiten zur Gestaltung des Alltags.“ (13) Ronald Lutz plädiert dafür, diese Handlungsdispositionen als „Kulturen der Armut“ zu begreifen. Er positioniert sich damit, allerdings ohne Nennung von Literaturreferenzen, zwischen den Polen der Unterschicht-Debatte: den Protagonisten einer zunehmenden Moralisierung sozialer Ungleichheit und jenen Vertretern, die Blicke auf die sinnhafte Logik sozialer Verhaltensweisen und Identitätsbildung als „Kulturalisierung sozialer Differenzen“ (Heite/Klein/Landhäußer/Ziegler 2007) ablehnen.

Im weiteren gliedert sich die Publikation in sieben – etwas disparat gelabelte – Kapitel, die im folgenden inhaltlich zusammengefasst werden sollen:

Kapitel 1 „Zugänge: Moderne und Erschöpfung“ bestätigt noch einmal den soziologisch-analytischen Anspruch, „den handelnden Menschen in seiner von der Lebenslage Armut geprägten Lebensführung zu betrachten.“ (16) Ein solcher Blick auf handelnde Subjekte und deren Alltagskultur sei frei von Schuldzuweisungen, frei von Diffamierungen und Dämonisierungen, die – auch im historischen Rekurs – immer dann aktiviert würden, wenn in der Folge wachsender Ungleichheiten und gesellschaftlicher Spaltungen ein soziales Klima entsteht, in dem Statusängste und Abgrenzungsbedürfnisse projektiv ausagiert werden. Überlagert werde die so konstruierte Differenz von den im ‚Projekt der Moderne‘ strukturell angelegten Risiken (Beck/Beck-Gernsheim 1994) und Schließungen, die Subjekte (nicht nur) am unteren Rand der Gesellschaft zunehmend in die Falle einer doppelten ‚Responsibilisierung‘ (Krasmann 2000; Lessenich 2008) laufen lassen.

In Kapitel 2 „Ungleichheit: Drinnen und Draußen“ macht Ronald Lutz zunächst deutlich, dass Armut als Resultat sozialer Ungleichverteilung von Ressourcen zu sehen ist. Zeittypisch müssten wir, abweichend von den Ergebnissen der ‚Dynamischen Armutsforschung‘ der 90er Jahre (Leibfried/Leisering 1995), von einer sich verfestigenden Unterversorgung in verschiedenen Dimensionen der Lebenslage ausgehen. Armut heute kulminiere in einer partiellen oder völligen „Ausgrenzung aus Möglichkeits- und Teilhaberäumen.“ (33) Gleichwohl biete der zentrale Ansatz der ‚Dynamischen Armutsforschung‘, armutsbetroffene Menschen als Handelnde und nicht nur als passive Opfer zu sehen, das Substrat für eine analytische Auseinandersetzung mit ‚Kulturen der Armut‘.

Kapitel 3 Armut: Fakten und Prozesse rekapituliert zentrale (statistische) Befunde zur Armutsverteilung unter besonderer Berücksichtigung Jugendlicher.

Kapitel 4 Erweiterung: Wohlstandskonflikte und Prekarisierung lenkt den Blick auf Polarisierungen und Umschichtungen im Statusgefüge. Als Folge der Flexibilisierung und Ausweitung atypischer Erwerbsverhältnisse seien eine in sozialen Auf- und Abstiegsprozessen schrumpfende Mitte und die Formierung einer neuen Zwischenschicht zu konstatieren. Diese kann treffend als ‚Prekariat‘ bezeichnet werden. Prekäre Lebenslagen sind gekennzeichnet durch eine geringe Arbeitsplatzsicherheit, verminderte bzw. diskontinuierliche Einkommen, limitierte Teilhabechancen und eine kaum hinreichende Daseinsvorsorge. Prägend für die Lebensführung sei die permanente Ungewissheit, das eigene Leben als planbares Projekt in stabilen Sozialbeziehungen realisieren zu können. Wo dies nicht gelingt, droht der Absturz in eine Schrumpfexistenz des ‚abgehängten Prekariats‘ (FES 2006). Verunsicherungen und Deprivationsängste schlagen hier zunehmend um in Einstellungen und Selbstkonzepte, in denen Erschöpfung, Fatalismus und Resignation die Verfestigung abgekoppelter „Parallelgesellschaften“ (87) flankieren.

Kapitel 5 Pathologien: Beschleunigung und Erschöpfung erweitert die Analysen zur ‚Refeudalisierung‘ ökonomischer und sozialer Verhältnisse (Neckel 2010), indem es die Tiefenstruktur der kapitalistischen Postmoderne auslotet. Ronald Lutz folgt dabei den von Rosa (2005; 2009) vorgelegten Topoi des Wachstums und der Beschleunigung. Verschränkt mit den Unbestimmtheiten und Autonomieerwartungen einer individualisierten Modernde, erzeuge das „kapitalistische Beschleunigungssystem“ (Rosa 2009: 93) enorme Fliehkräfte, die das Scheitern, die Resignation, die Erschöpfung und schließlich die Depression als individuelle wie kollektive Erfahrungen wahrscheinlich machen: „für jene, die drinnen sind, und vor allem für jene, die erst gar nicht hineinkommen.“ (97)

Kapitel 6 Prozess: Verwundbarkeit und Soziale Erschöpfung verfeinert die Analysen im einem Sinne, den ich als ‚differentielle Theorie sozialer Erschöpfung‘ bezeichnen möchte. Unterhalb der Ebene makrosoziologischer Theoriebildung wendet Ronald Lutz sich hier konkreten Prozessen zu, die er in drei Richtungen aufschlüsselt: Sein erster Blick arbeitet mit der Metapher des Pfades. Erkennbar werde die Struktur von Armuts-Karrieren, in denen ‚Kipppunkten‘ eine Schlüsselfunktion zukommt: Sie sind „Grenzzustände, die als Gefährdungen sowie Beschränkungen von Fähigkeiten und Möglichkeiten den Lebensweg in unterschiedliche Richtungen führen können.“ (115) Welche Richtung ein solcher Pfad einschlage, hänge zum zweiten von den Ressourcen ab, die Subjekte im performativen Kontext der täglichen Lebensführung kompetent mobilisieren können. Offensichtlich werde damit zum dritten die Ungleichverteilung von Verwirklichungschancen und Lebensrisiken im Vergleich sozialer Gruppen, sozialer Milieus oder, so ist hinzuzufügen, auch generativer Lagerungen. Im empirisch konkretisierenden Blick auf sozial benachteiligte Familien seien denn auch sehr unterschiedliche Muster der alltäglichen Lebensführung und der Bewältigung von Mangellagen erkennbar.

Allerdings: Je länger Familien von Armut betroffen sind, desto wahrscheinlicher werde es, dass Verhaltensweisen des ‚Sich-Einrichtens‘ an die nächste Generation weitergegeben werden. Insofern markiert Kapitel 7 den Kulminationspunkt: Kulturen der Armut sind in Erfahrungen der Not und des Scheiterns gewachsene Deutungen und Handlungsdispositionen, die unter Umständen sozial ‚vererbt‘ werden. Mit anderen Worten: sie sind Alltagskulturen, deren Möglichkeitsräume zwar eingeschränkt sind, in denen gleichwohl die Zugehörigkeit zum ‚Draußen-Sein‘, die rituelle Distanzierung von gesellschaftlichen Normalitätserwartungen, die Teilhabe an Gelegenheitsökonomien identitätsstiftende Wirkungen entfalten können. Teil dieser Identität sind „Armutsbewältigungsmuster“, die sich nach Lutz „durch eine gefühlte Hilflosigkeit, Depression, Perspektivlosigkeit, ein Sich-Einrichten und Abfinden mit Armut sowie eine Weitergabe von bestimmten Verhaltensregeln an Kinder beschreiben lassen.“ (134)

Ansätze zur Auflösung verfestigter Armut kann es nach Lutz in keinem Fall auf dem eingeschlagenen Weg der „Erziehung zur Armut“ (Kessl/Reutlinger/Ziegler 2007) geben. Denn so werde der Sozialstaat selbst zum „Beförderer von Ausgrenzungsprozessen“. (141) Und auch eine Rückbesinnung auf die klassische Sozialpolitik der Risikobearbeitung scheint in Anbetracht demographischer Transformationen, sozialer Modernisierungsprozesse und Strukturveränderungen im globalisierten Kapitalismus (Kocka/Offe 2000; Lessenich 2008) illusorisch. Erforderlich seien Konzepte zur Schaffung kommunaler „Verwirklichungskulturen“ (134), Maßnahmen zur Verringerung von Langzeitarbeitslosigkeit und prekärer Beschäftigung (Mindestlohn), Strukturen zur Vereinbarung von Familie und Beruf, eine verstärkte Förderung frühkindlicher Bildung sowie lokal gebündelte Familienhilfen. Im Rahmen zivilgesellschaftlicher Gelassenheit müsse es schließlich möglich sein, auch jene Menschen mitzunehmen, deren Lebenskräfte in extremen Armutserfahrungen aufgezehrt sind.

Diskussion

Die von Ronald Lutz vorgelegte Publikation ist hilfreich und anregend, indem sie Befunde der soziologischen Ungleichheitsforschung zusammenträgt und im Hinblick auf ‚Soziale Erschöpfung‘ als einen Kernbefund fokussiert, an dem Menschen in der flexibilisierten und ökonomisch beschleunigten Moderne, vor allem aber in prekären und marginalisierten Lebenszusammenhängen zunehmend zu leiden scheinen. Dass diese Erschöpfung sich an den gesellschaftlichen Rändern zu ‚Kulturen der Armut‘ verdichte, ist ein zwar plausibler, aber riskanter Denkansatz. Er ist riskant, weil

  • … er weitgehend ohne empirische Absicherung entwickelt wird. Der von mir unterstellte Anspruch einer ‚differentiellen Theorie sozialer Erschöpfung‘ wird weder quantifizierend, etwa Vesters „Stufung der Volksmilieus“ (2005: 27f.) folgend, noch mit den Methoden der qualitativen Sozialforschung eingelöst. Dabei zeigen exemplarisch der von Busch-Geertsema/Ruhstrat (1993) vorgelegte Armutsbericht für die Stadt Bremen, Sennetts Gespräche zum ‚Scheitern‘ (2000: 159ff.) und vor allem die von Schultheis/Schulz (2005) herausgegebenen Lebensgeschichten zu den leidvollen Zumutungen des deutschen Alltags eindringlich die kulturelle Pluralität von Armut: etwa die lebensgeschichtliche Relevanz von Schlüsselsituationen, die mit Armutskonstellationen typischerweise variierende (Be)Deutung von Ausgrenzungserfahrungen oder die positionsabhängige und perspektivische Wahrnehmung soziökonomischen Wandels. Im Vergleich zu diesen Zeugnissen bleibt der von Lutz vorgelegte Beitrag skizzenhaft und zu programmatisch, um kategorial überzeugen zu können.
  • … er den eigenen Anspruch, Kulturen der Armut handlungstheoretisch aufzuschlüsseln, nämlich mit Blick auf die alltägliche Lebensführung handelnder Subjekte, begrifflich und analytisch nur in Ansätzen einlöst. Weder rekurriert Lutz konsequent auf sozialkonstruktivistische Beiträge aus den Traditionsbeständen der Wissenssoziologie, noch folgt er vertiefend Forschungsansätzen, die sich den dialektischen Wechselwirkungen zwischen Sozialstrukturen und Kulturen zuwenden. Anregungen dazu finden sich in den Konzepten und Empirien der ‚alltäglichen Lebensführung‘ (Kudera/Voß 2000), des ‚Habitus‘ (Bourdieu 1987: 98) oder des ‚Eigen-Sinns‘ (vor allem historiographisch entfaltet bei Lüdtke 1993), die gegenüber strukturellen Handlungsbedingungen die relative Autonomie sozialer Akteure ins Spiel bringen.
  • … weil die alltägliche Erfahrung von Prekarität und Ausgrenzung in den Milieus der Unterprivilegierten neben dem Fatalismus des Sich-Abfindens auch andere Bewältigungsmuster hervorbringt. Menschen, die exkludiert, pädagogisch belagert und inkriminiert werden, zeigen in je unterschiedlichen Situationen und Figurationen ‚quertreibende‘ Verhaltensweisen (Lüdtke 1993: 11), sind erfindungsreich (Preußer 1989) und subversiv. Wo Kapitalien knapp und Armutserfahrungen allgegenwärtig sind, haben Duldsamkeit, Toleranz und Affektkontrolle einen nur geringen Grenznutzen. Zugang zu sozialer Anerkennung und identitätsstiftender Teilhabe versprechen statt dessen kollektive Selbststilisierungen, die mit sozial riskanten oder sanktionierten Ausdrucksformen und offen diskriminierender Abgrenzung arbeiten. Wird nun die Auseinandersetzung mit solchen Verhaltensmustern durch Artikulationstabus blockiert, so verkommt der Zugang zu ‚Kulturen der Armut‘ zur Mystifikation ‚opfertypischer‘ Bewusstseinslagen.
  • … weil er durch den Vorwurf, Marginalisierung werde moralisierend mit der Lebensführung der Betroffenen selbst erklärt (Heite/Klein/Landhäußer/Ziegler 2007), in eine unproduktive Defensive gezwungen wird. Tatsächlich ist die Frage nach der ‚Schuld‘ soziologisch trivial, keinesfalls aber die Frage, inwieweit und in welcher Form ‚Schuldzuweisungen‘ in alltägliche Deutungsfiguren sozialer Ungleichheit eingebaut sind. Die historisch weit zurückreichende Unterscheidung von verschämter und unverschämter, unverschuldeter und selbst-verschuldeter Armut wird so zu einer attributiven Konstruktion von Differenz, die als akteurs- oder situationstypische Interpretation in Forschungen zur symbolischen Ordnung sozialer Ungleichheit eingespeist werden kann. Insofern hätte ich einen wissenssoziologisch reformulierten Beitrag zu ‚Kulturen der Armut‘ gerne in der zuletzt rezensierten Publikation „Wissen und soziale Ungleichheit“ (Berli/Endreß 2013) (www.socialnet.de/rezensionen/15887.php) gefunden.

Fazit

Ronald Lutz hat eine anregende Publikation vorgelegt, die neuere Gesellschaftstheorien und Befunde zur Ungleichheitsforschung zu einer eigenständigen Perspektive integriert. Bedauerlicherweise wird der Zugang zum Werk durch eine erst im Nachlesen schlüssige Systematik erschwert. Insbesondere auf der zweiten Gliederungsebene wird manches vereint, was sich inhaltlich flieht. Missvergnügen bereiten zudem unzählige gedankliche und sprachliche Wiederholungen, die bekräftigend wirken sollen, dem geübten Leser aber einige Redundanzen zumuten. Beziehen wir meine kritischen Anmerkungen zur theoretischen Tiefenlotung in das Fazit ein, so entsteht der Eindruck, dass verstreute Skripte hier zu einer eigenständigen Publikation zusammengefasst wurden. Ihr Adressat wären Studierende in Studiengängen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik, denen sich die Soziologie als normativ engagierte und analytisch einladende Bezugswissenschaft präsentiert.


Rezensent
Prof. Dr. Dipl.-Soz. Joachim Döbler
Ostfalia, Fakultät Soziale Arbeit, BA-Studiengang „Soziale Arbeit“, MA-Studiengänge „Sozialmanagement“ und „Präventive Soziale Arbeit: Kriminologie & Kriminalprävention“
Homepage www.doebler-online.de


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Zitiervorschlag
Joachim Döbler. Rezension vom 25.02.2015 zu: Ronald Lutz: Soziale Erschöpfung. Kulturelle Kontexte sozialer Ungleichheit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2723-5. Reihe: Edition Soziologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16494.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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