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Michael Rösler, Wolfgang Retz u.a. (Hrsg.): Soziale Folgen der ADHS

Cover Michael Rösler, Wolfgang Retz, Alexander von Gontard, Frank W. Paulus (Hrsg.): Soziale Folgen der ADHS. Kinder - Jugendliche - Erwachsene. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 208 Seiten. ISBN 978-3-17-021699-0. 44,90 EUR.
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Autoren

Prof. Dr. Michael Rösler ist Direktor des Instituts für Gerichtliche Psychologie und Psychiatrie (IGUP) am Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg. Prof. Dr. Wolfgang Retz ist am selben Ort Leitender Oberarzt des Instituts. Prof. Dr. Alexander von Gontard ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Dr. Frank W. Paulus, Dipl.-Psych. ist in dieser Klinik Leitender Psychologe.

Entstehungshintergrund

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist gegenwärtig die am häufigsten diagnostizierte Störung im Kindes- und Jugendalter. Als Thema meist brisanter und häufig aufgeregt geführter Debatten in Wissenschaft und Öffentlichkeit gerät meist allzu schnell aus dem Blick, welche Reaktionen betroffene Menschen insbesondere im sozialen Handeln erfahren und wie sich die soziale Umwelt der Individuen bei ADHS verändert. Der Sammelband „Soziale Folgen der ADHS. Kinder – Jugendliche – Erwachsene“ bietet daher einen geeigneten und auf den gesamten Lebenslauf ausgerichteten Rahmen, um sowohl empirische und systematische Überblicke, als auch therapeutische Anwendungsorientierungen über das hierzu verfügbare Wissen vorzustellen.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Mehr als 30 Autorinnen und Autoren haben insgesamt an den Beiträgen des Sammelbandes mitgearbeitet. Das Buch ist in drei Bereiche unterteilt:

  1. ADHS und soziale Entwicklung,
  2. ADHS in verschiedenen Lebensfeldern und
  3. spezielle therapeutische Aspekte.

Auf deren kompakte Ausführungen und Einsichten kann im Rahmen dieser Rezension lediglich in Auszügen eingegangen werden.

I. Susann Hänig stellt „Auswirkungen der Erziehung auf die sozialen Kompetenzen bei Kindern mit ADHS“ (S. 11) dar und legt ihren Fokus dabei auf Interaktionsmodelle, die vor allem die Kommunikation in der Erziehung zwischen Kind und Mutter aufzeigen. Bezüglich verschiedener Erziehungsstile scheint der autoritative Stil gegenüber anderen „die kindliche Entwicklung am besten zu unterstützen“ (S. 18). Dabei hält Hänig jedoch auch fest: „Nicht nur Kinder mit Problemverhalten, sondern alle Kinder scheinen von einer klaren, regelgeleiteten aber auch herzlichen und autonomiefördernden Umgebung zu profitieren“ (ebd.). Im Folgenden stellen zwei weitere Beiträge jeweils die „Sozialen Folgen der ADHS im Vorschulalter“ (S. 21) sowie „im Erwachsenenalter“ (S. 26) vor. In Bezug auf das Erwachsenenalter zeigt Wolfgang Retz Auswirkungen der ADHS auf Ausbildung und Beruf, auf Familienleben und Partnerschaft, auf das Verhalten im Straßenverkehr und auf die Entwicklung delinquenten Verhaltens sowie Risiken für die körperliche Gesundheit anhand von Studien auf (S. 26ff.). Im Fazit bleibt die Einsicht, dass die „psychosozialen Problemlagen“ bei entsprechenden Therapieplanungen nicht außer Acht gelassen werden sollten (S. 33).

II. Da ADHS mit Problemlagen in „verschiedenen Lebensfeldern“ (S. 37) einhergeht, enthält der Sammelband eine Reihe von Beiträgen, die Ausschnitte aus zahlreichen Lebenspraxen vorstellen. Hans-Dieter Feind, Wilfried Gützmann und Bärbel Rodemer stellen dabei die Arbeit einer „beruflichen Rehabilitationseinrichtung“ (S. 39) vor, die bereits seit den späten 1970er Jahren Menschen mit Behinderungen und nach Einführung der entsprechenden Diagnosekriterien in ICD und DSM auch ADHS-Betroffene begleitete, um ihnen die „berufliche und soziale“ Wiedereingliederung zu ermöglichen. Wie bei dieser Arbeit „Netzwerkstrukturen“ sowie „Fort- und Weiterbildung“ (S. 42) des multimodal arbeitenden Personals funktionierten, bildet einen zentralen Aspekt des Beitrags. Nachdem in weiteren Beiträgen die „interpersonellen Fähigkeiten“ Erwachsener mit ADHS (S. 57), das Thema „ADHS und Sucht im Kindes- und Jugendalter“ (S. 63), die Wirkungen von Methylphenidat auf den „ADHS-Patient als Teilnehmer im Straßenverkehr“ (S. 76) sowie „ADHS und kindlicher sexueller Missbrauch“ (S. 86) diskutiert werden, folgt ein Beitrag von Frank W. Paulus zu „Computerspielabhängigkeit und ADHS“ (S. 99). Nach einer Einführung zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen sowie zum exzessiven Spielen werden theoriegestützte „Evidenzen einer Komorbidität von ADHS/HKS und Computerspielabhängigkeit“ (S. 104) diskutiert, um diese schließlich mit empirischen Evidenzen in Bezug zu setzen. Im Fazit hält der Autor fest: „Eine zunehmende Zahl von Studien liefert empirische Hinweise für einen Zusammenhang zwischen ADHS und Computerspielabhängigkeit bei jungen Erwachsenen, Jugendlichen und schon bei Kindern“ (S. 109). Entsprechende Empfehlungen für die Diagnostik und die Behandlung Betroffener sind im Text ebenso enthalten. Den zweiten Themenblock schließen drei weitere Beiträge zu „Versicherungs- und dienstrechtlichen Konsequenzen bei ADHS“ (S. 112), „ADHS und Delinquenz“ (S. 119) und zur „Beurteilung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit bei Erwachsenen mit ADHS“ (S. 129).

III. Im dritten Themenblock zu speziellen therapeutischen Aspekten führt der Sammelband nun anwendungsorientierte Beiträge auf, die sich der erfolgreichen Behandlung der ADHS durch Methylphenidat (S. 137), einer multimodalen Therapien im Vergleich zur Monotherapie (S. 146), der „Indikation zur Psychotherapie bei Erwachsenen mit ADHS“ (S. 155), dem therapeutischen „Vorgehen bei ADHS und komorbiden Suchterkrankungen“ (S. 169) und der „Behandlunsmotivation und Kooperation bei Kindern mit ADHS“ (S. 175) widmen. Abschließend blickt Bernd Janthur auf „psychosoziale Interventionen jenseits der Gesundheitshilfe“ (S. 188), wobei er zu dem Schluss kommt, dass „die Zusammenarbeit von Gesundheitshilfe, Jugendhilfe und Behindertenhilfe im Hinblick auf eine effektive und effiziente Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS noch verbesserungsfähig (-bedürftig!) ist“ (S. 201).

Das Buch enthält am Schluss ein Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Der Sammelband fasst Ergebnisse der Forschung zu verschiedensten sozialen Begleiterscheinungen beim Auftreten der ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter präzise zusammen. Trotz der Kürze der Beiträge sind zahlreiche Hinweise auf Studien enthalten, die zum Weiterlesen und -forschen anregen.

Die Breite an Themenzugängen überzeugt dabei, die Darstellungen sind gut gegliedert und bieten bei speziellen Einzelinteressen zu den lebenspraktischen Auswirkungen der ADHS auf den ersten Blick hilfreiche Darstellungen.

Leider enthält das Buch jedoch weder eine Einleitung, noch ein Vorwort, die den Einzelbeiträgen unter dem Titel „Soziale Folgen der ADHS“ eine gewisse inhaltliche Rahmung hätte geben können. Diese mag durch den Titel und mit einem Thema zwar zugrunde liegen. Gleichwohl hätte insbesondere Leserinnen und Leser aus der Sozialwissenschaft durchaus interessiert, was denn systematisch unter ‚sozialen Folgen‘ abweichenden Verhaltens zu verstehen ist, um so auch die Berichte aus der vorrangig medizinischen und psychologischen Forschung entsprechend verorten zu können. Die ‚sozialen Folgen‘, die in den Beiträgen auf Basis wissenschaftlicher Literatur thematisiert werden, betreffen schließlich einen Großteil menschlicher Lebenspraxis, vom Recht über das Verkehrswesen, von der Ökonomie bis zur Medizin – um nur einige zu nennen.

Wenngleich in einigen Beiträgen differenziert auf die bislang noch weitgehend unklaren Wirkungsrichtungen der ADHS einerseits und negative Auswirkungen auf das soziale Leben andererseits eingegangen wird, so bleibt nach dem Lesen einiger Beiträge dennoch der Eindruck, dass hier über soziale Missstände berichtet wird, die vom Individuum verursacht werden. Schon der Begriff ‚Folgen‘ impliziert eine Wirkungsrichtung. Inwiefern jedoch ungünstige soziale Umstände das Phänomen ADHS auch mitbestimmen, indem sie etwa zur Ausprägung des sozial unerwünschten Verhaltens beitragen, bleibt in einigen Beiträgen unhinterfragt.

Bei aller Kritik, die dem Sozialwissenschaftler als penibel vorgeworfen werden kann: nichtsdestoweniger füllt der Sammelband von Rösler, Retz, von Gontard und Paulus eine zentrale Lücke im interdisziplinär relevanten Forschungsstand. Mit ihm wird erstmals ein Überblick über soziale Folgend der ADHS in kompakter Form zur Verfügung gestellt.

Fazit

Das Buch muss allen Forscherinnen und Forschern zur ADHS und zum abweichenden Verhalten, gleich welcher disziplinären Provenienz, empfohlen werden. Ebenso wichtig erscheint mir die Empfehlung seiner künftigen Nutzung in den professionellen pädagogischen, therapeutischen und medizinischen Berufen, denn insbesondere für diese Berufszweige ergibt sich anhand der vorgestellten Studien ein neues, wissenschaftlich erweitertes Bild über die ADHS als eines der Phänomene, die das menschliche Leben in der Gegenwart nachhaltig prägen. Fazit: lesenswert.


Rezensent
Dr. Ulf Sauerbrey
Akademischer Rat auf Zeit am Lehrstuhl für Elementar- und Familienpädagogik an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Homepage www.uni-bamberg.de/efp/lehrstuhlteam/dr-phil-ulf-sa ...
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Zitiervorschlag
Ulf Sauerbrey. Rezension vom 04.03.2014 zu: Michael Rösler, Wolfgang Retz, Alexander von Gontard, Frank W. Paulus (Hrsg.): Soziale Folgen der ADHS. Kinder - Jugendliche - Erwachsene. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-021699-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16521.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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