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Sven Huber: Zwischen den Stühlen

Cover Sven Huber: Zwischen den Stühlen. Mobile und aufsuchende Jugendarbeit im Spannungsfeld von Aneignung und Ordnungspolitik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 209 Seiten. ISBN 978-3-658-03317-0. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit - Band 11.
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Thema

Auf der Basis einer Analyse theoretischer Grundlagen und empirischer Erkenntnisse zum Handlungsfeld mobiler und aufsuchender Jugendarbeit erarbeitet der Autor im Rahmen einer empirisch-qualitativen Studie, inwieweit sich Fachkräfte mobiler und aufsuchender Jugendarbeit im Spannungsfeld zwischen der Förderung sozialräumlich ausgerichteter Aneignungs- und Bildungsprozesse Jugendlicher und ordnungspolitisch motivierten Versuchen der Indienstnahme verorten.

Autor und Entstehungshintergrund

Sven Huber ist seit 2013 Dozent und Projektleiter an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Zuvor war er mehrere Jahre als Oberassistent im Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich am Lehrstuhl "Außerschulische Bildung und Erziehung" tätig. Die Publikation von Sven Huber gründet auf der von ihm im Jahr 2013 am Fachbereich für Bildungs- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal angenommene Dissertation.

Die Publikation erschien als elfter Band in der Reihe "Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit" deren Herausgeber Fabian Kessl (Universität Duisburg/Essen) und Christian Reutlinger (Fachhochschule St. Gallen) sind.

Aufbau und Inhalt

Sven Huber gliedert die Publikation in sieben Kapitel.

Die Einleitung (Kapitel 1) verschafft einen Überblick über den Aufbau und Inhalt des Buches und skizziert in knapper Form den aktuellen Forschungsbedarf im Arbeitsfeld mobiler und aufsuchender Jugendarbeit.

In Kapitel 2 befasst sich der Autor mit konzeptionellen, methodischen und theoretischen Grundlagen ausgewählter aufsuchender Ansätze in der Arbeit mit Jugendlichen. Hierfür werden vier aufsuchende Ansätze (Street Gang Work, mobile Jugendarbeit, aufsuchende Jugendarbeit und Detached Youth Work) mit ihren jeweiligen historischen Implikationen, theoretischen Begründungen sowie den entsprechenden konzeptionellen und methodischen Grundlagen näher beschrieben. Das Kapitel schließt mit einer Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der vier aufsuchenden Ansätze. Auf dieser Grundlage werden verschiedene Vergleichskategorien herausgearbeitet (grundlegende und theoretische Begründung, Zielgruppen und Ziele, Methoden, Element der Prävention, Beziehungs- und Vermittlungsarbeit).

In Kapitel 3 werden grundlegende Rahmenbedingungen und Entwicklungen im Bereich der mobilen, bzw. aufsuchenden Jugendarbeit in der Deutschschweiz in den Blick genommen. Hier eruiert der Autor einen Mangel an theoretischen und empirischen Befunden, als auch an fehlenden gesetzlichen Grundlagen zu mobiler und aufsuchender Jugendarbeit (als Teil Offener Jugendarbeit) in der Deutschschweiz. Aufgezeigt werden auch die Anstrengungen verschiedener zentraler Akteure seit Mitte der 1990er Jahre, welche die mobile und aufsuchende Jugendarbeit als Bestandteil und Regelangebot der Offenen Jugendarbeit fachpolitisch zu begründen versuchen.

Das Kapitel 4 greift aktuelle sozialpolitische Entwicklungen und ihre Folgen für die Soziale Arbeit und die (mobile/aufsuchende) Jugendarbeit im Kontext des aktivierenden Sozialstaats und der (Re-)Territorialisierung auf. Die Ausführungen zielen darauf ab, die aktuelle Diskussion zu den Chancen und Grenzen von Ansätzen mobiler und aufsuchender Jugendarbeit auf dem Hintergrund sozialpolitischer Entwicklungen systematisch verorten zu können. Mit Blick auf die politischen Entwicklungen in Deutschland und der Schweiz konstatiert der Autor, dass sozialpolitische Strategien zunehmend auf die Selbstaktivierung von Individuen abzielen und darauf setzen, möglichst eigenverantwortliche Lösungen individueller Probleme in der Lebensführung anzustreben. In diesem Kontext rücken die sozialstrukturellen Verhältnisse der Klientel Sozialer Arbeit auch vermehrt in den Hintergrund. Anhand verschiedener Quellen belegt der Autor, dass die skizzierte Entwicklung in letzter Konsequenz dazu führt, dass auch die Soziale Arbeit vermehrt unter Druck gerät, aktivierungs- und ordnungspolitischen Interessen gerecht zu werden und zu folgen. Mit Blick auf das Handlungsfeld der Offenen Jugendarbeit hält der Autor fest, dass die Offene Jugendarbeit aufgrund ihrer Strukturcharakteristika (Freiwilligkeit der Teilnahme und der Offenheit der Angebote) auf den ersten Blick zwar sehr bedingt geeignet scheint, die skizzierte sozialpolitische Aktivierungs- und Ordnungsprogrammatik aufzugreifen. Gleichwohl, so die Hypothese des Autors, können sich Formen einer "Aktivierungspädagogik" sehr wohl auch im Feld mobiler und aufsuchender Jugendarbeit abbilden.

Im nachfolgenden Kapitel 5 führt der Autor einen Diskurs unterschiedlicher Positionen zu mobiler und aufsuchender Jugendarbeit. Hierfür entwickelt der Autor eine idealtypische Typologie, welche sich in drei unterschiedliche Positionen (FürsprecherInnen, SkeptikerInnen und KritikerInnen) zur mobilen und aufsuchenden Jugendarbeit gliedern. Diese drei entwickelten Positionen resultieren aus einer systematischen und fundierten Analyse der verfügbaren Literatur zu mobiler und aufsuchender Jugendarbeit im deutschsprachigen Raum. Der Diskurs belegt, dass sich im Feld mobiler und aufsuchender Jugendarbeit durchaus förderliche als auch aktivierungs- und ordnungspolitische Elemente abbilden. Ein weiteres Zwischenergebnis der Analyse zeigt, dass sich die Vertretenden aller drei Positionen in ihrer Argumentation vorwiegend auf theoretischen Diskursen und praxislastigen Konzepten abstützen. Sven Huber stellt hier einen Mangel an Versuchen fest, die jeweilige Position mit (bereits vorhandenen) empirischen Wissensbeständen systematisch zu fundieren und zu kontextualisieren. Der Autor postuliert in diesem Kontext die Notwendigkeit einer ausgeprägten Verschränkung von Theorie und Empirie.

In Kapitel 6 entwickelt der Autor eine empirische Perspektive auf den Gegenstand und greift damit seine zuvor geäußerte Forderung auf. Im Mittelpunkt steht die Forschungsfrage, inwiefern städtische Kontrollpolitiken Einfluss auf die Tätigkeit mobiler und aufsuchender Jugendarbeitender haben und welche möglichen Konflikte und daraus heraus resultierenden Konfliktbewältigungsstrategien sich bei den Fachkräften identifizieren lassen. Nach der Aufarbeitung und Zusammenfassung des deutsch- und anglosprachigen Forschungsstands zum Forschungsgegenstand stellt der Autor das Forschungsdesign seiner empirisch-qualitativen Studie vor. Neben der Darstellung der qualitativen Erhebungs- und Auswertungsverfahren und dem Sample (befragt wurden 13 Jugendarbeitende aus der Deutschschweiz) werden auf Grundlage der erhobenen Daten exemplarische Fallanalysen und vergleichende Analysen aufgezeigt. Zentrale Ergebnisse dieser Analysen sind am Ende des Kapitels zusammengefasst und mit bereits publizierten und vergleichbaren empirischen Studien anderer Autoren verknüpft.

Inhaltlich zeigen die empirischen Befunde auf, dass die befragten Jugendarbeitenden eine Affinität zum (im Kapitel 2 beschriebenen) Konzept der aufsuchenden Jugendarbeit aufweisen. Dabei richtet sich das Angebot grundsätzlich an alle Jugendlichen im öffentlichen Raum. Der Förderung sozialräumlicher Aneignungsprozesse Jugendlicher messen die Befragten zwar eine wichtige Rolle zu – ein Zusammenhang zwischen Aneignungs- und Bildungsprozessen stellt jedoch keiner der Befragten her. Im Zentrum des Handelns steht die Beziehungsarbeit zwischen den Befragten und den Jugendlichen – dabei bilden sich (gemäß der Hypothese des Autors) auch Formen der Kontrolle in unterschiedlicher Ausprägung ab. Während bei einem Typus im Rahmen kontrollierter Einflussnahme die Intensivierung der Beziehung zwischen Jugendarbeitenden und Jugendlichen aus Sicht Befragter wächst, sieht eine andere Gruppe der Befragten genau in einer intensiven Ausprägung von Kontrolle eine Gefährdung für die Beziehung zwischen Jugendlichen und Jugendarbeitenden. Infolge versucht dieser Gruppentypus eine starke Vertiefung der Beziehung eher zu vermeiden. Dennoch zeigen sich selbst bei diesem Gruppentypus durchaus "sanfte" und implizite Formen der Kontrolle, beispielsweise mit dem Versuch sich als Jugendarbeitender von anderen Akteuren im Sozialraum zu unterscheiden und indirekt auf Kontrollmechanismen anderer (z.B. Polizei) zu verweisen. Ein weiteres Ergebnis zeigt auf, dass sich die Befragten der Kontrollanteile ihres Auftrags durchaus bewusst sind und besitzt mehrheitlich die Fähigkeit ihr fachliches Selbstverständnis z.B. ihre eigene Rolle im Zuge einer Konfliktlösung, gegenüber anderen Akteuren darzulegen und zu reflektieren.

Mit Blick auf die Nutzung des öffentlichen Raums durch Jugendliche sieht die Mehrheit der Befragten eine zunehmende Verdrängung und Vertreibung aufgrund polizeilicher Überwachung und Kontrolle, in dessen Folge sich Cliquen und Gruppen aufspalten und Misstrauen gegenüber im öffentlichen Raum tätigen Akteuren entwickeln. Dies führt den Befragten zufolge zu einer erhöhten Mobilität Jugendlicher und erschwert die Kontaktaufnahme und Beziehungsarbeit zwischen aufsuchend tätigen Jugendarbeitenden und Jugendlichen.

Im letzten Teil des Buches (Kapitel 7) nimmt der Autor ein Resümee und einen Ausblick vor. Zusammenfassend bewegt sich die Mehrheit der Befragten zwischen den Stühlen, zwischen Hilfe und Kontrollerwartungen und zwischen Aneignung und Befriedungsansprüchen. Die Befunde und weitere zitierte empirische Studien zeigen aber auch, dass sich zunehmend weitere Akteure (z.B. Jugendpolizei, ordnungsdienstliche Sozialarbeit) an der Methodik und Begrifflichkeiten mobiler und aufsuchender Arbeit bedienen und auf operativer Ebene – parallel zu mobiler und aufsuchender Jugendarbeit – gegenüber Jugendlichen im öffentlichen Raum in Erscheinung treten und dies auf strategisch-planerischer Ebene zu einer Konkurrenzierung um personelle und finanzielle Ressourcen kommt. Entwicklungsbedürftig erscheint auch die inzwischen selbstverständlich gewordene Zusammenarbeit zwischen Jugendarbeitenden und der Polizei, bei der es um klarere Abgrenzungen und einen kritisch zu führendenden Dialog gehen sollte. Infolge fordert der Autor eine systematische Weiterentwicklung theoretischer Grundlagen und eine breit angelegte, arbeitsfeldspezifische Modernisierungsdebatte als auch (in Anlehnung an Scherr) den Versuch auf konzeptioneller Ebene Operationalisierungen allgemein gefasster Ziele und Methoden in konkrete Handlungsschritte vorzunehmen. Der Autor zeigt abschließend auf, dass der öffentliche Raum für Jugendliche zunehmend enger wird. Zwar können Jugendarbeitende in diesem Kontext konkrete Vermittlungs- und Aushandlungsprozesse z.B. zwischen Anwohnenden, Behörden-Vertretenden führen – viel zentraler ist jedoch das Führen eines breit angelegten öffentlichen Dialogs sowie das Implementieren kommunaler Strukturen zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Auf diese Weise könne es gelingen, dass sich die aufsuchende Jugendarbeit von einem "Raumwärter" zu einem "Grenzwächter" im öffentlichen Raum entwickelt.

Diskussion

Die Aufarbeitung historischer Entwicklungen, theoretischer Grundlagen und empirischer Forschungsbefunde sowie die empirischen Erkenntnisse des Autors tragen dazu bei, das Arbeitsfeld aufsuchender Jugendarbeit in der Deutschschweiz (und dem deutschsprachigen Raum) systematisch und fundiert abzubilden. Aufgrund der Analyse verschiedener aufsuchender Ansätze in der Arbeit mit Jugendlichen und deren Entstehungshintergrund (vgl. Kapitel 2 und 3) sowie den Chancen und Grenzen dieser Ansätze im Kontext aktueller sozialpolitischer Entwicklungen (vgl. Kapitel 4 und 5) ermöglicht dem Lesenden ein vertieftes Verständnis über aufsuchende Ansätze in der Arbeit mit Jugendlichen im deutschsprachigen Raum. Besonders gewinnbringend stellt sich der kontroverse Diskurs über mögliche Chancen und Grenzen aufsuchender Ansätze in der Arbeit mit Jugendlichen, auf der Grundlage einer Analyse verfügbarer Publikationen und Autoren im deutschsprachigen Raum, dar (vgl. Kapitel 5). Hier macht Huber sehr gut deutlich, dass die Positionen der "KritikerInnen", SkeptikerInnen" und "BefürworterInnen" aufsuchender Ansätze in der Arbeit mit Jugendlichen bislang kaum empirisch fundiert sind. Umso mehr erscheinen Hubers Plädoyer für eine stärkere Verschränkung von Theorie, Empirie und Praxis und sein auf diese Weise begründetes Forschungsdesign sowie seine empirischen Befunde als äußerst nutzbringend für den weiteren Diskurs zu aufsuchender und mobiler Jugendarbeit (vgl. Kapitel 6 und 7).

Fazit

Die Publikation richtet sich einerseits an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Bereichen Soziale Arbeit und der Kinder- und Jugendhilfe – insbesondere im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit. Andererseits finden auch Jugendarbeitende aus der Praxis, kommunale Jugendreferentinnen und -referenten sowie Jugendpflegerinnen und -pfleger und Fachpersonen in Ämtern, Behörden und Trägerschaften wertvolle Denkanstöße zur Weiterentwicklung des Handlungsfeldes mobiler und aufsuchender Jugendarbeit, welche die Reflexion der eigenen Praxis fördern und wertvolle Hinweise zur Entwicklung konzeptioneller und struktureller Grundlagen mobiler und aufsuchender Jugendarbeit geben.


Rezensent
Manuel Fuchs
M.A. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut Kinder- und Jugendhilfe, Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Manuel Fuchs. Rezension vom 07.07.2015 zu: Sven Huber: Zwischen den Stühlen. Mobile und aufsuchende Jugendarbeit im Spannungsfeld von Aneignung und Ordnungspolitik. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03317-0. Reihe: Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit - Band 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16522.php, Datum des Zugriffs 01.10.2016.


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