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Anna Ornstein, Eva Rass: Kindzentrierte psychodynamische Familientherapie

Cover Anna Ornstein, Eva Rass: Kindzentrierte psychodynamische Familientherapie. Eine Einführung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. 220 Seiten. ISBN 978-3-8379-2339-1. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR, CH: 32,90 sFr.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

In diesem Buch versammeln sich verschiedene von Anna Ornstein verfasste und von Eva Rass kommentierte Aufsätze zu Aspekten der psychoanalytischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, einer kindzentrierten Familientherapie und den Anforderungen an die Elternschaft. Dabei wird die emotionale Stützung der Eltern und die Notwendigkeit, sich mit deren Biographien therapeutisch auseinanderzusetzen als zwingende Voraussetzung, um mit Kindern und Jugendlichen psychodynamisch wirksam arbeiten zu können, in fast allen ihren Aufsätzen hervorgehoben.

Autoren und Entstehungshintergrund

Anna Ornstein gilt als prominente Vertreterin der analytischen Selbstpsychologie und der analytischen Kinderpsychotherapie. Sie lehrt in den USA an der Harvard University. Sie wuchs in Ungarn auf und wurde mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert. Sie studierte in Heidelberg Medizin und emigrierte dann in die USA. Prof. Dr. Eva Rass ist analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeutin und Supervisorin sowie Dozentin am Institut für Bindungswissenschaften und an verschiedenen deutschen Hochschulen. Eva Rass hat die Aufsätze von Anna Ornstein, die aus der Zeit zwischen 1996 bis 2012 stammen zusammengestellt und durch biographische Hintergrundinformationen von Anna Ornstein und eigene theoretische Erläuterungen ergänzt.

Aufbau

Das Buch ist in zehn Kapitel gegliedert, die von einer Einleitung und einer abschließenden Betrachtung gerahmt werden.

  • Das zweite Kapitel widmet sich der Biographie und dem ärztlich-therapeutischen sowie dem forscherischen Werdegang von Anna Ornstein.
  • Das dritte Kapitel gibt einen Einblick in das Konzept der analytischen Selbstpsychologie als zentrales theoretisches Rahmenkonzept für das Denken und Handeln von Anna Ornstein.
  • Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Herstellung des Kontaktes zu der inneren Welt des Kindes und mit der Notwendigkeit für den Behandler, ein therapeutisches Milieu zu schaffen, damit die Eltern sich in das symptombelastete Kind einfühlen können.
  • Das fünfte Kapitel nimmt die Elternschaft als Funktion des Erwachsenenselbst in den Blick und beschreibt insbesondere die elterlichen Selbstobjektfunktionen und die Anforderungen an die Selbst- und Empathieentwicklung der Eltern.
  • Das sechste und siebte Kapitel beschäftigen sich anhand von exemplarischen Falldarstellungen und der klassischen Kasuistik vom „kleinen Hans“ mit der Beziehung zwischen den Entwicklungsaufgaben in der Kleinkindzeit und in der frühen Adoleszenz sowie mit der selbstpsychologischen Perspektive zu den Hintergründen einer kindlichen Phobie.
  • Das achte Kapitel beleuchtet die veränderten Anforderungen an die Elternschaft aus historischer Perspektive und unter den gegebenen soziokulturellen Bedingungen;
  • das neunte Kapitel expliziert die von Anna Ornstein konzeptualisierte kindzentrierte Familienbehandlung mit ihren klinischen und handlungspraktischen Implikationen.
  • Das zehnte Kapitel widmet sich den „Kindern von Theresienstadt“ und deren Überlebensstrategien sowie der generationsübergreifenden Transmission von Traumata.

Inhalt

Bereits in der Einleitung macht Eva Rass deutlich, dass Anna Ornstein wesentlich an dem Paradigmenwechsel, der sich in der psychoanalytischen Kinderpsychotherapie in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts vollzog, mitgewirkt hat. Dabei ging es in erster Linie um die verstärkte Bedeutung der Entfaltung des kindlichen Selbst – wobei Eva Rass darauf hinweist, dass sich auch die Erkenntnisse aus der Säuglings- und Bindungsorschung damit kompatibel erwiesen. Eva Rass beschreibt im zweiten Kapitel, dass Anna Ornstein siebzehnjährig mit ihren Eltern nach Auschwitz deportiert wurde, der Vater starb in Auschwitz, ihre beiden Brüder kamen in Arbeitslagern um. Nach dem Krieg wurde die Mutter von Anna Ornstein Leiterin eines Waisenhauses für Kinder, deren Eltern nicht mehr zurückgekehrt waren; bereits aus diesem Detail werden die biographische Bezüge zu dem späteren therapeutischen und forscherischen Schaffen von Anna Ornstein sehr deutlich. Es wird beschrieben, wie stark Anna Ornstein, nachdem sie mit ihrem Mann in die USA emigrierte, von den theoretischen Konzepten von Heinz Kohut und Donald Winnicott beeinflusst und geprägt wurde. Auf dieser Grundlage veröffentlichte sie bereits 1976 einen ersten Aufsatz zu der Bedeutung eines Selbstobjektkonzeptes für die kindliche Entwicklung sowie über die Prinzipien einer kindzentrierten Familientherapie. Dabei war der Gedanke grundlegend, dass es im Falle einer Therapie nicht nur darum gehen könne, das innere Erleben des Kindes zu erfassen, sondern die Bedürfnislage der für das Kind bedeutsamen Erwachsenen wahrzunehmen und sich mit dieser auseinanderzusetzen. Denn das „offenkundigste Hindernis, das der elterlichen Empathie im Weg steht, ist die Furcht der Eltern vor dem Wiedererleben ihrer eigenen Kindheitsängste“ (39).

Eine weitere notwendige Voraussetzung, um elterliche Empathie zu entwickeln ist nach Anna Ornstein ganz im Sinne der Selbstpsychologie die Fähigkeit der Eltern, sich als getrennte Person von ihren Kindern zu erleben. Anhand zahlreicher klinischer Beispiele illustriert Anna Ornstein die Schwierigkeit und z. T. auch das Unvermögen von Eltern, dem Leid ihrer Kinder empathisch zu begegnen, weil sie selbst biographisch zu verstrickt sind. Eindrucksvoll zeigt Anna Ornstein, auf welche Weise Therapeuten diesem Phänomen begegnen können: „Das empathische Eingehen des Therapeuten auf den seelischen Zustand der Mutter und die immer wiederkehrende Deutung ihres eigenen Gefühls der Vernachlässigung und ihres Bedürfnisses, dass das Kind auf sie eingehen möge, machten es der Mutter möglich, mehr und mehr das Innenleben des Kindes anstelle ihrer eigenen Bedürfnisse, in den Mittelpunkt zu stellen.“ (90f.) Anna Ornstein hebt in ihren Aufsätzen insgesamt immer wieder hervor, dass die inneren Erfahrungen des Kindes, zu denen die Phantasien, Affekte und Abwehrmechanismen gehören, ebenso aufmerksam im therapeutischen Prozess wahrgenommen werden müssen wie das Umfeld des Kindes; beides müsse quasi gleichschwebend therapeutisch in den Blick genommen und dabei ein die Familie miteinbeziehendes therapeutisches Milieu geschaffen werden. Dies sei besonders unter den veränderten Formen und Anforderungen an die Elternschaft notwendig, in der Eltern durch Überforderung, Orientierungslosigkeit und daraus resultierender Entscheidungsschwäche vom kleinen Kind nicht ausreichend idealisiert werden könnten.

Diskussion

Das Buch gibt einen dichten und gehaltvollen Blick in die Denk- und therapeutische Handlungsweise von Anna Ornstein und liefert in seinem Anfangs- und Schlussteil wesentliche und hilfreiche theoretische und biographische Zusatzinformationen, die die Aufsätze von Anna Ornstein in den Kontext der psychoanalytischen Selbstpsychologie einbetten. Das Buch stellt einen interessanten und sehr lesenswerten Kontrapunkt zu anderen zumeist systemisch orientierten Ansätzen der Familientherapie- und Familienbehandlung dar und erläutert sehr schlüssig und theoretisch fundiert die fachliche Notwendigkeit, ein therapeutisches Milieu zu schaffen, dass die innere und biographische Not der Eltern zentral in den Blick nimmt und dabei auch Empathie für die elterlichen Bedürfnisse entwickelt. Auf diese Weise werden die Eltern dabei unterstützt, ihrerseits Empathie für ihre Kinder zu entwickeln. Gleichzeitig macht das Buch sehr deutlich, dass eine therapeutische psychodynamische Behandlung von Kindern und Jugendlichen ohne die ausreichende und tiefgehende Einbeziehung von deren Eltern fachlich eigentlich nicht zu verantworten ist. Kritisch erscheint, dass Eva Rass als Autorin nur implizit erscheint und es im Grunde dem allein Leser überlassen bleibt, welche Gedanken allein Anna Ornstein zuzuordnen sind und an welchen Stellen Eva Rass eigene Überlegungen einfließen lässt – da hätte man sich eine klarer zuordenbare Autorenschaft gewünscht.

Fazit

Ein sehr lesenswertes, theoretisch dichtes und mit vielen Fallbeispielen angereichertes Buch für Fachkräfte, die im therapeutischen Rahmen mit Familien arbeiten und die sich psychodynamischen Konzepten und Überlegungen, die im Übrigen überwiegend sehr gut und verständlich dargestellt sind, nicht verschließen. Das Buch ist sowohl für Praktiker als auch im wissenschaftlichen Kontext sehr zu empfehlen!


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 24.07.2014 zu: Anna Ornstein, Eva Rass: Kindzentrierte psychodynamische Familientherapie. Eine Einführung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. ISBN 978-3-8379-2339-1. Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16575.php, Datum des Zugriffs 27.06.2016.


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