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Thomas Klie: Wen kümmern die Alten?

Cover Thomas Klie: Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft. Pattloch (München) 2013. 255 Seiten. ISBN 978-3-629-13041-9. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Gedanken zu den neuen Anforderungen einer Gesellschaft, die allen ihren Mitgliedern Sorge trägt, auch den Verletzlichen.

Autor

Thomas Klie ist Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg und leitet das Zentrum für zivilgesellschaftliche Entwicklung Freiburg/Hamburg sowie das Institut für angewandte Sozialforschung, Alter, Gesellschaft, Partizipation in Freiburg.

Thomas Klie ist Mitglied der 7. Altenberichtskommission der Bundesregierung. Er gab wesentliche Impulse für die „sorgende Gemeinschaft“ (caring community). Thomas Klie ist in vielen Zusammenhängen für eine nachhaltig ausgerichtete Pflegepolitik engagiert, beispielsweise in der wissenschaftlichen Begleitung der Projekte des Netzwerkes „Song – Soziales neu gestalten“. (siehe auch www.zukunft-quartier.de)

Aufbau und Inhalt

In 13 Kapiteln und einer Einführung bringt Thomas Klie seine Einschätzungen pointiert zur Sprache: sei es die drohende Aufforderung zur Selbstentsorgung, die wohl allzu einseitig negative und auf jeden Fall äusserst stigmatisierende Thematisierung von Demenzerkrankungen, die für manche Menschen verletzende pauschalisierende Rede von den „jungen Alten“ oder seien es die beiden Hauptthemen des Buches, nämlich

  • die Rolle der Angehörigen resp. der Zivilgesellschaft sowie
  • die Aufgaben des Staates in einer alternden Gesellschaft.

Thomas Klie bringt die komplexen Diskurse und ausfransenden Spannungsfelder prägnant auf den Punkt.

Die Idee der Kindheit sei die vielleicht menschlichste Erfindung der Rennaissance gewesen, wird Neil Postman (1992) zitiert. Die Differenzierung von Kindheit als eigenständige Lebensphase erfolgte dann jedoch erst im 19. Jahrhundert – und, nebenbei bemerkt, für arme Kinder bedeutend später als für jene der bürgerlichen Klassen in den industrialisierten Ländern, und auch heute noch gibt es „Kinder ohne Kindheit“, welche arbeiten müssen oder auf sich selbst gestellt und ohne Schutz sind. Die Aufgabe des 21. Jahrhunderts, so Klie, müsse nun der Übergang in eine Gesellschaftsordnung sein, in der auch für die Lebensphase des Alters adäquate Antworten in den gesellschaftlichen Aktivitäten, Organisationen und Einrichtungen gefunden müssten. Dies gilt ganz besonders im weiten Feld der Pflege, deren durchschnittliche Dauer sich von einigen Wochen oder Monaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf rund sieben Jahre ausgeweitet habe. Zentral sei es, jede Massnahme vom einzelnen Menschen her zu denken und das Hauptgewicht auf seine Möglichkeit der gesellschaftlichen Teilhabe zu legen. Egal ob pflegebedürftig oder selbständig, leidend oder fröhlich, sozial vernetzt oder einzelgängerisch, jeder Mensch soll sich in einer sorgenden Gesellschaft resp. caring community zugehörig fühlen.

Nicht das Leiden an Grenzsituationen kann verändert werden, jedoch die Einstellung der Menschen zu sich selbst. Andreas Kruse (2012) sieht in der Entwicklung einer gegenseitigen Sorgekultur eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe der nächsten Jahrzehnte. Zu einer Anthropologie des Alters gehören vier Dimensionen:

  • Selbständigkeit
  • Selbstverantwortlichkeit (gegenüber sich selbst)
  • Mitverantwortlichkeit (gegenüber anderen)
  • Akzeptanz der eigenen Abhängigkeit.

Diese letzte Dimension steht in einem gewissen Widerspruch zum Leistungsdenken und Selbstbestimmungs-Ethos, welches in unserem Denken eng mit dem Bild des aktiven Alterns verbunden ist. Diese Entwicklungsaufgaben des Alter(n)s stellen sich jedem alternden Menschen, wobei, so Thomas Klie, es manchmal leichter falle, im Alter ein neues Interessengebiet zu entwickeln als ein bestehendes Verhalten zu verändern.

Ganz zentral ist für Thomas Klie die Thematik der Pflege. Dass hier großer Reformbedarf besteht – welcher 2015 ja nun in Deutschland auch realisiert wird – ist für Thomas Klie ebenso klar wie der sich abzeichnende und verschärfte Mangel an Pflegefachkräften. Für Thomas Klie ist es grundsätzlich erfreulich, dass Deutschland mit 70% der geleisteten Pflege durch Angehörige einen diesbezüglichen Spitzenplatz in Europa einnimmt. Umso kategorischer lehnt er jedes Ansinnen ab, Angehörige als „Pflegedienst der Nation“ zu missbrauchen. Vielmehr müssten Möglichkeiten ausgebaut werden, um Entlastung der pflegenden Angehörigen zu gewährleisten und diese auch vor Überforderungssituationen zu schützen – wie die pflegebedürftigen Menschen vor durch solche Überforderung entstehende Gewalt.

Handlungsbedarf ortet Thomas Klie auch bei der Prävention und Gesundheitsförderung im Alter. Dadurch könnten neben der Verbesserung der Lebensqualität und Förderung der Langlebigkeit auch langfristige und nachhaltige Kostenersparnisse erreicht werden.

Diskussion

Man könnte dem vorliegenden Buch von Thomas Klie vielleicht an gewissen Stellen (beispielsweise bei der Thematisierung von Demenzerkrankungen in der Gesellschaft) eine gewisse Redundanz und bei manchen Klagen über die träge Politik gar leicht polemische Töne vorwerfen. Das Buch liest sich dennoch für mich keinesfalls als Anklage, sondern eher als Aufruf zum überlegten Handeln auch im Kleinen. Die Anliegen sind dringlich, jedoch nicht jammernd formuliert. Thomas Klie präsentiert hier vielleicht nicht den ganz neuen, noch nie – häufig genug von ihm selber lancierten oder zumindest mitentwickelten – Gedanken; die grossen Stärken des Buches liegen meines Erachtens dafür in der knappen und präzisen Darstellung der aktuellen Lage und Probleme sowie in den zahlreichen Beispielen guter Praxis, welche Thomas Klie immer wieder einstreut und kommentiert.

Fazit

In lesefreundliche Kapitel-Happen aufgeteilt, mit knackigen Titeln und jeweils einem kurzen Abstract zu Beginn versehen und in einer trockenen, manchmal leicht sarkastischen Sprache geschrieben, lädt das Buch von Thomas Klie sowohl zum Schmökern ein als auch dazu, in kurzer Zeit einen fundierten Einblick in die aktuellen Themen rund um den Umgang mit pflegebedürftigen alten Menschen zu gewinnen. Ein absolutes Must für alle, denen an einer guten Zukunft und gesellschaftlichem Zusammenhalt liegt – denn eine sorgende Gesellschaft grenzt nicht aus und hat für alle ein menschliches Antlitz.

Literatur und Quellen:

  • Kruse, Andreas (2012): Entwicklung im sehr hohen Alter. In: Kruse, Andreas; Rentsch, Thomas; Zimmermann, Harm-Peter (Hg.): Gutes Leben im hohen Alter. Das Altern in seinen Entwicklungsmöglichkeiten und Entwicklungsgrenzen verstehen. Heidelberg: Akademische Verlagsgesellschaft, S. 33-61.
  • Postman, Neil (1992): Das Verschwinden der Kindheit. Frankfurt am Main.
  • www.zukunft-quartier.de

Rezensentin
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 23.10.2014 zu: Thomas Klie: Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft. Pattloch (München) 2013. ISBN 978-3-629-13041-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16597.php, Datum des Zugriffs 31.07.2016.


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