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Eberhard Göpel (Hrsg.): Gesundheit bewegt

Cover Eberhard Göpel (Hrsg.): Gesundheit bewegt. Wie aus einem Krankheitswesen ein Gesundheitswesen entstehen kann. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. 255 Seiten. ISBN 978-3-935964-58-6. 19,80 EUR.
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Einführung in das Thema

Ökonomische Zwänge und steigende, sich im Wandel befindende Anforderungen innerhalb des Gesundheitswesens machen es erforderlich, bisherige Strukturen und Handlungsweisen zu evaluieren und zu aktualisieren. Die drastische Zunahme chronisch degenerativer Erkrankungen bei gleichzeitigem Rückgang der durch externe Ursachen bedingten Erkrankungen macht deutlich, dass innerhalb unseres Gesundheitswesens ein Umdenken stattfinden muss, bei dem nicht länger die Frage nach krankmachenden Faktoren, sondern die Frage nach gesundheitsfördernden und -erhaltenden Faktoren im Vordergrund stehen muss. Fokussiert werden müssen nachhaltige Strategien zur Privilegierung von PatientInnen, damit diese in die Lage versetzt werden, den Gesundheitsprozess durch Partizipation aktiv mit zu gestalten, anstatt sich überholten Strukturen und Techniken passiv auszuliefern.

Formuliertes Ziel des vorliegenden Buches ist es daher, "Ideen und Anregungen" zu geben, wie sich ein solcher Wandel vollziehen lässt. Hierzu haben sich verschiedene AutorInnen zusammen gefunden und in ihren Beiträgen Visionen geliefert, die es zu diskutieren und umzusetzen gilt.

Hintergründe für die Entstehung des Buches

Die Autorinnen und Autoren dieses Buches fühlen sich verbunden, durch die gemeinsame "Utopie einer Gesundheitsgesellschaft, die eine menschengemäße Balance halten kann zwischen totalisierender Vereinheitlichung und atomisierender Vereinzelung, zwischen einem Recht auf Differenz und einem Recht auf Zugehörigkeit, zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Käuflichen  und Unverkäuflichen, zwischen Jung und Alt, Frauen und Männern, Gegenwart und Zukunft und zwischen Diesseits und Jenseits des menschlichen Verstandes und Vorstellungsvermögens." Der Grundstein zu dieser Verbundenheit wurde auf einer internationalen Tagung zur "Humanisierung des Gesundheitswesens" (Bielefeld) und dem ersten bundesweiten "Gesundheitstag" in Berlin gelegt und dauert mittlerweile mehr als 25 Jahre an. Seit dieser Zeit arbeiten die Autoren (gemeinsam) für und an einer "Gesundheitsbewegung" in Deutschland, die WissenschaftlerInnen und PraktikerInnen gleichermaßen Ideen und Anregungen zu konstruktiven Initiativen für ein "menschliches Gesundheitswesen" geben will.

Gewidmet ist dieses Buch Anneli Keil zum 65. Geburtstag und deren Emeritierung als Professorin an der Universität Bremen.

Aufbau ...

Einleitung

  • Gesundheit bewegt. Wie aus einem Krankheitswesen ein Gesundheitswesen entstehen kann (Eberhard Göpel)

Zukunftsprojektionen

  • Die Gesundheitsgesellschaft zwischen Markt und Staat (Ilona Kickbusch)
  • Die Visionen eines Gesundheitssystems der Postindustriellen Gesellschaft (Ellis Huber)
  • Auf dem Weg zu nachhaltiger Gesundheit? Handlungsoptionen und -bilanz (Alf Trojan)
  • Szenarien für die Gesundheitspolitik (Eberhard Göpel)

Bewusstseinswandel und Gesundheitsförderung

  • Über die Leibhaftigkeit der Gesundheit (Helmut Milz)
  • Gesundheitsfördernde Patienteninformation in der Gesundheitsversorgung (Beate Blättner)
  • Gesundheitsförderung in der Allgemeinpraxis: Wie wir den Gesundheitstrieb befriedigen können (Theodor Dierk Petzold)
  • Die Dimensionen des Bewusstseins in der Gesundheitsförderung (Wilfried Belschner)

Strukturwandel und Gesundheitsförderung

  • Gender Mainstreaming als Konzept der Gesundheitsförderung (Alexa Franke)
  • König Kunde und Partner Patient. Verbraucherschutz und Patientenunterstützung (Christoph Kranich)
  • Strukturentwicklung für ein partizipatives Gesundheitswesen - am Beispiel der Gesundheitsläden und Patientenstellen (Günter Hölling)
  • Let`s dance: Mögliche Tanzschritte mit der veränderten Ökonomie der Integrierten Versorgung (Helmut Hildebrandt)
  • Gesundheitspolitik nach menschlichem Maß und die Wiederbelebung der Kommunalen (Eberhard Göpel)

Anhang

  • Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung

...und Inhalte des Buches

Grundlage der Autorenbeiträge bildet die Erkenntnis, dass der Wandel der Morbidität das naturwissenschaftlich-medizinisch geprägte Denkmodell an seine Grenzen stoßen lässt und sich diesem Wandel unweigerlich ein struktureller und inhaltlicher Wandel innerhalb des Gesundheitssystems anschließen muss, wenn man den gestellten Anforderungen weiterhin gerecht werden will. Dabei werden gängige Praktiken, wie die "bürokratische Verwaltung von Behandlungsverfahren" und deren "warenwirtschaftliche Kalkulation" kritisch diskutiert und neue Wege einer reflexiveren Praxis, die sich durch ein höheres Maß an Partizipation auszeichnet aufgezeigt. Grundlage der dargestellten Vorstellungen einer humanitären und nachhaltigen "Gesundheitsgesellschaft" bildet die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung der WHO. Die hier geforderte Hinwendung zur Gesundheitsförderung wird von den Autoren in drei Aspekte gegliedert, die deren Umsetzung bedingt. Diese werden in den Kapiteln Zukunftsanalysen (Zukunftsprojektionen), Bewusstseinswandel (Bewusstseinswandel und Gesundheitsförderung) und Strukturwandel (Strukturwandel und Gesundheitsförderung) aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet und diskutiert. Zentraler Hintergrund dieser Darstellungen ist das Bewusstsein und der Appell, dass die "Zukunft der Gesundheit der nächsten Generationen neu erfunden werden muss und die Kreativität und gesellschaftliche Verantwortung vieler Menschen dabei gefordert ist."

Da auch im Hinblick auf globale Entwicklungen die politisch-ökologischen Bestrebungen keineswegs automatisch in die richtige Richtung streben müssen, sondern eher vom Gegenteil auszugehen ist, erfährt im zweiten Kapitel der Stellenwert von "Zukunftsprojektionen" und Evaluationsmöglichkeiten einen Bedeutungszuwachs. Eberhard Göpel z.B. beschreibt in seinem Beitrag "Szenarien für die Gesundheitspolitik" eindrucksvoll mögliche Entwicklungsszenarien und stellt somit ein geeignetes Instrument vor, sich die Vor- und Nachteile möglicher Entwicklungsverläufe zugänglich zu machen, wohl wissend um die eingeschränkte Vorhersagbarkeit möglicher Sekundärentwicklungen. Dennoch plädiert er für die Aufnahme dieser Methode innerhalb der gesundheitspolitischen Legislative, zur Schaffung einer größeren Transparenz und Überprüfbarkeit gesundheitspolitischer Intervention.

Kapitel drei beschreibt den Aspekt des Gesundheitsverständnisses als einen sich im Wandel befindlichen Prozess vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Bezüge, wobei auch hier wieder der Ausblick auf mögliche und notwendige Weiterentwicklungen gegeben wird. So diskutiert z.B. Beate Blättner in ihrem Beitrag "Gesundheitsfördernde Patienteninformation in der Gesundheitsversorgung" die Möglichkeit, PatientInnen zu tatsächlichen Co-Produzenten der "Health Professionals" zu erheben und hinterfragt dabei kritisch den Sinn, den Patienteninformationen für die Betroffenen selbst darstellen. Resümierend stellt sie dabei noch einmal Ergebnisse vorangegangener Studien namenhafter Wissenschaftler heraus, die zu dem Schluss geführt haben, dass der größte Teil, der für die Krankheitsbewältigung zu verrichtenden Arbeit von den Betroffenen selbst geleistet werden muss. Vorausgesetzt dass diese von den "Health Professionals" adäquat unterstützt und begleitet werden. An Praxisbeispielen werden die Defizite gängiger Patienteninformation dargestellt und damit grundsätzliche Risiken für deren Misslingen aufgezeigt. Diese Vorgehensweise ermöglicht dem Leser gleichzeitig einen Ausblick auf die Möglichkeiten einer gelingenden Bewältigung durch die Patienten und die daraus erwachsenden Chancen der Gesundheitsförderung innerhalb der Patienteninformation.

Kapitel vier  widmet sich schließlich dem möglichen und notwendigen "Strukturwandel" zur Umsetzung von Gesundheitsförderung. Christoph Kranich weist in seinem Beitrag "König Kunde - Verbraucherschutz und Patientenunterstützung" auf die individuelle und gesellschaftliche Bedingtheit von Krankheit hin und fordert die gleichmäßige Berücksichtigung beider Felder bei der "Gesundheitsarbeit" innerhalb des Gesundheitswesens. Die von ihm vorgeschlagene strukturelle Veränderung hätte die Implementierung zweier weiterer Zweige (zusätzlich zum medizinisch-kurativen Zweig) zur Folge. Erstens der Zweig, der Menschen bei der individuellen Verarbeitung der Krankheit und bei dem Umgang mit den Folgen der Erkrankung unterstützt und zweitens der Zweig, der das Gesundheitsbewusstsein in alle politischen und gesellschaftlichen Bereiche überträgt, damit kollektive, dysfunktionale Mechanismen aufgespürt und bewältigt werden können. Dabei spricht er sich gleichermaßen für die Zuweisung einer "aktiven Patientenrolle" (als Co-Produzent) aus. Hier stellt er Kriterien für die Arbeit von Patientenorganisationen auf, um deren Qualität gewährleisten zu können. Daran schließen sich ergänzenderweise die Ausführungen von Günther Hölling mit seinem Beitrag "Strukturentwicklung für ein partizipatives Gesundheitswesen - am Beispiel der Gesundheitsläden und PatientInnenstellen" an. Er schlüsselt die Anforderungen, die an ein partizipatives Gesundheitswesen zu stellen sind, auf und verdeutlicht die Strukturentwicklung am Beispiel der Gesundheitsläden und PatientInnenstellen, ohne dabei zu versäumen, auch kritische Aspekte und Überlegungen zu erwähnen.

Tauglichkeit für potenzielle LeserInnen

Als Utopien bezeichnet man Zukunftsträume, deren Umsetzung als unausführbar gelten. Wie eingangs bereits erwähnt beschreiben die Autoren dieses Buches selbst ihre Verbundenheit begründet auf der "Utopie einer Gesundheitsgesellschaft, die eine menschengemäße Balance halten kann zwischen totalisierender Vereinheitlichung und atomisierender Vereinzelung, zwischen einem Recht auf Differenz und einem Recht auf Zugehörigkeit, zwischen Stärke und Schwäche, zwischen Käuflichen  und Unverkäuflichen, zwischen Jung und Alt, Frauen und Männern, Gegenwart und Zukunft und zwischen Diesseits und Jenseits des menschlichen Verstandes und Vorstellungsvermögens."

Unbestreitbar ist jedoch, dass die dargestellten Visionen über die Anforderungen einer Utopie hinausgehen und daher der Vermutung (und Hoffnung) Ausdruck verliehen werden kann, dass diese zumindest zum Teil verwirklicht werden können, wenn sich genügend Menschen dazu bereit erklären, ihren Teil zu dieser Umsetzung beizusteuern. Dementsprechend sollte das vorliegende Buch auch als Appell verstanden werden, weiter an einer humaneren Gesundheitsentwicklung zu arbeiten und sich kritisch sowohl mit "Gegebenem" als auch mit "Zukünftigem" auseinander zusetzen.

Fazit

Unter den genannten Prämissen sind die Beiträge dieses Buches sowohl für Wissenschaft und Praxis, als auch für interessierte Laien zu empfehlen, da sich letztlich alle Menschen als Akteure auf dem Weg zu einem neuen Gesundheitswesen begreifen müssen.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Päd. Monika Köppel
Praxis für Sozialtherapie & Psychosoziale Beratung
Homepage www.sozialtherapie-koeppel.de


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Zitiervorschlag
Monika Köppel. Rezension vom 26.10.2004 zu: Eberhard Göpel (Hrsg.): Gesundheit bewegt. Wie aus einem Krankheitswesen ein Gesundheitswesen entstehen kann. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2004. ISBN 978-3-935964-58-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1663.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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