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Martin W. Schnell, Werner Schneider u.a. (Hrsg.): Sterbewelten. Eine Ethnographie

Cover Martin W. Schnell, Werner Schneider, Harald Kolbe (Hrsg.): Sterbewelten. Eine Ethnographie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 146 Seiten. ISBN 978-3-658-03433-7. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 45,50 sFr.

Reihe: Research. Palliative Care und Forschung.
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Thema

Die zentrale These des vorliegenden, in seinem Umfang recht kompakten Buches lautet: Sterben ist nicht alleine ein biologischer Vorgang mit medizinischer, vielleicht allenfalls noch psychologischer Zuständigkeit; Sterben ist vielmehr ein sozialer Prozess. Die Situationen, Konstellationen und Einrahmungen von Sterbeabläufen besorgen eine von Interaktionen und Aushandlungen, institutionellen Bedingungen, materiellen Gegebenheiten usw. abhängige Realisierung der Sterbepraxis. Menschen sterben also nicht schlichtweg, sondern sie werden „sterbend gemacht“. Die soziale Konstruktion von „Sterbewelten“ bietet sich, so der Tenor der Beiträge, für ethnografische Nachforschungen und Überprüfungen etablierter Sterbe-Images nachdrücklich an.

Herausgeber

Martin W. Schnell hat eine Professur für Sozialphilosophie und Ethik an der Universität Witten-Herdecke inne, Werner Schneider ist Professor für Soziologie an der Universität Augsburg und der Pflegewissenschaftler Harald Kolbe arbeitet in Westfalen als Projektleiter im Bereich Maßregelvollzug.

Entstehungshintergrund

Mit den „Sterbewelten“ liegt ein Studie in der Buchreihe „Palliative Care und Forschung“ vor, deren Herausgeber es sich zum Ziel gesetzt haben, die Erfahrungswelten von Betroffenen und von Berufspraktikern mit theoretischer und empirischer Forschung, insbesondere mit methodischen Strategien zu verbinden.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte von sehr unterschiedlichem Umfang. Neben drei einführenden bzw. vertiefenden Kapiteln zur Methode steht der monografieartige Text von Schneider, der auf über 80 Seiten Ethnografie, Dispositivanalyse und die Vielfalt von Sterbewelten in Beziehung setzt.

Inhalt

Eine wissenschaftstheoretische Ouvertüre eröffnet die Lektüre mit einer Differenzierung von subjektivistischen und objektivistischen Betrachtungsweisen. Damit beginnt eine von gleich mehreren Definitionsansätzen, die den Begriff Ethnografie einzukreisen versuchen. (Am Ende taucht eine Literaturliste mit weiteren Empfehlungen auf, über deren Brauchbarkeit sich allerdings streiten lässt.) Gerade im Kontext von Sterbeszenarien ist entscheidend, dass sozialwissenschaftliche Forschung sich nicht auf die Selbstinterpretationen von Akteuren verlässt, andererseits aber auch nicht nach „ideologischen“ Motivationsbegründungen fahndet (vgl. 10). Da mit dem Sterben ein, soll man es so nennen?, Ausnahmeerlebnis in Gang gerät, ist es nicht überraschend, dass ein planvoller Umgang mit den Herausforderungen etwa der innerfamiliären Sterbebegleitung eher selten beobachtet werden kann (vgl. 53). Umso stärker wird das Sterben im „Ernstfall“ zur Projektionsfläche, auf der sich mit einem Mal der sonst kaum je reflektierte und zudem verführerisch „einleuchtende“ Wunsch nach einem „guten Lebensende“ abbilden lässt.

Anders als Lebenswelten, die als sozialwissenschaftlicher Fachbegriff ebenso gebräuchlich sind, wie sie begriffsgeschichtlich jweitgehend als unproblematisch gelten, sind Sterbewelten jene Erlebnis-, Diskurs-, Normierungs- und durchaus auch Machtspektakel, in die Personen spätestens dann verstrickt werden und sind, wenn sich die abstrakte Pauschalsterblichkeit aller zu einem biografischem Einzelsterbeschicksal verdichtet. Nicht der Körper spricht vom Sterben, und häufig auch nicht die Menschen, die es betrifft; und doch impliziert der Ausdruck, dass das Herausfallen einer Person aus sozialen Situationen irreversibel bevorsteht. Das Sterben, genauer: das „Sterben Machen“ verdient auch deshalb besondere, zumal ethnografische Aufmerksamkeit, als die Wirkung von Diskursen sich nicht an „Wissens-“ und „Wahrheitspolitiken“ festmachen lässt, sondern von Alltagspraktiken abhängt (vgl. 76). Es wird folglich nicht räsoniert, was anders ist, wenn einer stirbt, oder was Sterben vom Leben unterscheidbar macht, sondern es wird allzu häufig von der Selbstverständlichkeit einer Korrespondenz zwischen der „Phasen-Zwangsläufigkeit“ und der sich anschleichenden Nicht-Präsenz der sterbenden Person ausgegangen. Anders formuliert: angesichts von Sterbefällen wird das Lebensende so erlebt, als handele sich beinahe um ein drehbuchgeleitetes Geschehen, das keinen Ausweg kennen darf.

Eine ethnografische Perspektive, d.h. eine, die teilnehmende Beobachtung als Erkenntnisquelle ins Spiel bringt und die Persönlichkeit der Forscher als Faktor berücksichtigt, kommt im Sterbens- und Todeskontext nicht ohne methodologische Probleme aus (81). Und immerzu tut in ethnografischen Unternehmungen Sinnrekonstruktionen not, die mitunter auf der Anerkennung und Deutung der Fremdheit von Aspekten einer ansonsten vertrauten Kulturumgebung basiert (vgl. 84ff.). Neben diesen forschungspraktischen Bedingungen werden ferner die Durchleuchtung von Dispositiven und diskursiven Praktiken als erkenntnisleitende Prinzipien vorgestellt, die u.a. Subjektivierungs- und Objektivierungsstrategien als Handlungs- und insbesondere als Kommunikationseffekte entschleiern.

Die Brauchbarkeit verschiedener Interviewtypen und ein Plädoyer für exploratives Vorgehen im ethnografischen Modus (93ff.) wird ergänzt durch eine beispielhafte Darstellung qualitativer Analyse im Sinne der Grounded Theory (103ff.), bevor anschließend als Forschungsfeld das Hospiz in den Fokus rückt. Die private Lebenswelt endet hier nicht, obwohl die Vorstellung dominiert, das Hospiz als prototypischer „Sterbeort“ lasse die Lebenswelt draußen und umhülle Betroffene wie ein sterbeweltlicher Schleier. Auch vermeintlich positive Effekte wie das alternative Zeitmanagement im Umgang mit Sterbenden (d.h., mit subtil zu Sterbenden deklarierten Akteuren) täuschen nicht darüber hinweg, dass das Sterben dem Leben mitunter aufgezwungen wird: Gerade jetzt, wo kaum noch Zeit bleibt, wird diese paradoxerweise institutionell gewährt (Arztvisite, Aufmerksamkeit des Pflegepersonals, Aktivitäten usw.). Dahinter steht, der Verdacht liegt nahe, kein Loblied auf „humanes Sterben“, sondern eine normative Schablone.

Eigenes Sterben, heißt es nach gerade einmal 130 Seiten am Ende der Untersuchung, wird zunehmend als „Selbst-Sorge“ aufgefasst, die aber zugleich die soziale Gemeinschaft derer, die „sterbend gemacht“ werden, miteinbezieht. Keiner stirbt für sich allein, wenn ein soziales Umfeld den Sterbeprozess als solchen konstatiert und dadurch gewissermaßen performativ „mit umsetzt“. Die „machtvolle Praxis des ‚Sterben Machens‘ [müsse] in ihrem Verhältnis zu den jeweils geltenden Leitvorstellungen und Normierungen, den verfügbaren Sterberäumen und zuhandenen Sterbebedingungen empirisch“ (133) erkundet werden, lautet denn auch das Fazit.

Diskussion

Bei einem Büchlein mit dem Titel „Sterbewelten“ kommt eine stark methodologisch geprägte Einleitung zunächst eher unerwartet. Dieser Zugriff ist jedoch umso plausibler, wenn der Einführungscharakter berücksichtigt wird, der den Band zum einem Hilfsmittel auch – und gerade – für Praktiker macht. So betrachtet, bieten sich selbst die Nebenpfade, die vom akuten Forschungsfeld wegführen, als lohnende Exkursionen an. Methodisch versierte Leser mögen sich an dieser Stelle vielleicht engere Sterbensbezüge wünschen, und da viele Ausführungen recht voraussetzungsvoll ausfallen, dürfte diese Rezipientengruppe sich vielleicht am stärksten angesprochen fühlen. Davon sollten sich Interessierte und Neugierige aber nicht abschrecken lassen, denn die Lektüre hilft mit, zu verstehen, dass und warum es unterschiedliche Kulturen des Trauerns, der Fürsorge, des Beistandes, kurzum: des Umgangs mit allen Stadien des Sterbens gibt. „Richtig“ oder gar „gut“ fällt Sterben, wenn überhaupt, immer nur relativ zu diesen Rahmungen und Eingrenzungen und zu den darin bezogenen Standpunkten aus.

An einem Beispiel wie dem Wachkoma-Diskurs (vgl. 69f.) lässt sich demonstrieren, dass auch das Sterben ein Phänomen der Sinnzuschreibung ist. Ist, wer körperlich, ja „handgreiflich“ nicht mehr am sozialen Geschehen teilnimmt und vermeintlich die Bedingungen dieser Teilnahme nicht mehr autonom zu steuern vermag, als Person schon auf dem Weg in den Personenstandsverlust? Wer kann, vor dem Hintergrund des Rekurses auf welchen Wissensbestand, hier Unsicherheit und das „Fremde“ des komatösen Zustandes gegen abgesicherte Positionen aufrechnen – und sukzessive anderes Wissen suspendieren? Mit anderen Worten, wer darf Sterben deuten (vgl. 77)? Das Sterbe- und Todesdispositiv der Medizin zu überlassen, täte der realen Komplexität des Sachverhaltes Gewalt an. Die Medizin operiert nicht wie eine fabrikmäßige Registrationsmaschinerie, die aufgrund nüchterner Kalkulationen Lebens- und Sterbenschancen vergleicht. Zumindest lassen sich Sozialpartner nicht ohne weiteres von „besseren Einsichten“ der wie auch immer „materiell“ unterfütterten Wissenssysteme von persönlichen Anschauungen abbringen. So ist die Frage, wer wann wie tot ist, eben doch auch eine kulturelle – und allemal eine gesellschaftliche.

Eines der angeführten Beispiele betrifft weiterhin die so genannte Patientenverfügung. Als gewissermaßen ordnungserhaltendes Instrument konzipiert, nötigt sie denjenigen, die über die plakative „Vernunft“ der Auseinandersetzung mit den Formalitäten verfügen, eine Beschäftigung mit dem eigenen Sterben ab (vgl. 89). Transzendentalen Bewältigungswünschen dient dies ebenso wenig wie einem überindividuell gültigen „guten Sterben“. Materielle Instrumente scheinen der Organisation des Lebensabschieds zu dienen, aber was ist es, das sie tatsächlich reibungslos umsetzen? Über Unterlagen, Einverständniserklärungen, Messungen, Prognosen und Diagnosen werden auf routinierte Weise Sterbewelten konstruiert, deren Faktizität von da an kaum mehr in Frage stehen.

Deshalb fordern die Beiträger zu Recht mehr Ethnografie in den Hospizen, Hospitälern, Privatzimmern und sonstigen Sterberäumen. Ihre Fürsprache fällt überzeugend aus; die Argumentation besticht, zumal für Leser, die nach versierten Methoden und niveauvollen Hinweisen für die Durchforstung des Dickichts zwischen Lebensende und Todesbeginn suchen. Es ist in der Tat die Sichtweise aus der Mitte des Feldes heraus, welche „die Rekonstruktion der gesellschaftlichen Ordnung von Sterben und Tod als relationale Machtanalyse, die den Zusammenhang zwischen diskursiv vermitteltem Wissen um Sterblichkeit des Menschen, den institutionell-vergegenständlichten Praktiken sowie den damit verbundenen Normierungen für die sozialen und dinglichen Bezüge [gestattet,] sowie die Selbstwahrnehmung der Subjekte ausweist“ (120). Ohne die Bereitschaft, zu überprüfen, was den Sterbenden das soziale Stigma des Sterbezustandes verleiht und was in der Folge die zwiespältige „Anerkennung“ des Sterbestatus´ forciert, bleibt die Alltäglichkeit des Todes der Sphäre undurchsichtiger Schicksalsschläge verhaftet.

Fazit

Eine nicht allzu umfangreiche, jedoch ebenso anspruchsvolle wie auch ansprechende Anleitung, Dispositive und Diskurse im Bereich von Sterben und Tod analytisch zu hinterfragen und somit ethnografisch zu klären, was es bedeutet, wenn vom Sterben die Rede ist.


Rezensent
Dr. Thorsten Benkel
Universität Passau
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Zitiervorschlag
Thorsten Benkel. Rezension vom 10.10.2014 zu: Martin W. Schnell, Werner Schneider, Harald Kolbe (Hrsg.): Sterbewelten. Eine Ethnographie. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03433-7. Reihe: Research. Palliative Care und Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16639.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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