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Michael Vogt (Hrsg.): Lebens- und Bedarfslagen im Alter

Cover Michael Vogt (Hrsg.): Lebens- und Bedarfslagen im Alter. Herausforderungen für die Beratung, klinische Sozialarbeit und Geriatrie. ZIEL Verlag (Augsburg) 2014. 231 Seiten. ISBN 978-3-944708-00-3. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 35,00 sFr.
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Thema

Die belastende Spanne des Pflegealters zwischen aktiv-autonomem Alter und Tod scheint dank präventiver und gesundheitsförderlicher Lebensstile im Alter immer kürzer zu werden. Und doch stellt sich für diese Lebensendzeit bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit die Frage, wie hierfür die Ressourcen zu organisieren sind. Spezifische soziale Dimensionen gilt es hierbei zu berücksichtigen. Je nachdem, ob die ihrem Lebensende entgegen Gehenden allein oder als Partner, in Stadt oder Land leben, als Migranten oder Einheimische alterten, im früheren Leben mit Behinderungen konfrontiert waren oder nicht. Diesen Implikationen geht der von Michael Vogt herausgegebene, 231seitige, bei Ziel Augsburg erschienene Sammelband „Lebens- und Bedarfslagen im Alter“ nach.

Herausgeber

Professor Dr. phil. Michael Vogt lehrt nach seinen Ausbildungen zum Diplom-Sozialarbeiter und Diplom-Pädagogen an der Hochschule Coburg die Gebiete Klinische Sozialarbeit sowie Psychologische Grundlagen der Handlungslehre der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Acht Einzelbeiträge des Sammelbandes „Lebens- und Bedarfslagen im Alter“ beleuchten die sozialen Dimensionen der auf Hilfe und Unterstützung angewiesenen Altenpopulation.

Ein Plädoyer für eine neue Sozialraumorientierung bei der Verbringung der letzten Lebenszeit gibt Alfons Maurer. Er distanziert sich von verbreiteten Katastrophen-Szenarien durch gesellschaftliche Überlastungen mit alten Menschen. Diesen stellt er die Entwicklung von Eigenkräften alter Menschen im Sozialraum entgegen. Anstelle von Institutionalisierung seien individuelle Kräfte zu entwickeln und zu erhalten. Der schwindenden familialen Orientierung könne mit dem Dorfprinzip, dem Sozialmix und dem Dritten Sozialraum begegnet werden.

Das Setting von sozialer Altenberatung schildert Meinolf Peters mit Sozial-, Wohn-, Gesundheits-, Rechts-, Sicherheits- und Lebensberatung.

Die Situation der Migration rückt Norbert Kunze in seinem Beitrag in den Vordergrund und plädiert anhand von Fallbeispielen für Kultursensibilität. Es müsse interdisziplinär und multi-ethnisch agiert werden.

Klinische Sozialarbeit mit alten Menschen in gesundheitlichen Problemlagen hat nach Michael Vogt auch den Kontext der Partnerpaar-Situation in die Betrachtung mit hinein zu nehmen. Es geht darum, dass die Personen alternder Paare trotz Konflikten, Enttäuschungen und Traumata die Kontrolle über ihr Leben behalten. Dazu sind neue Verhaltensweisen einzuüben. Individuumszentrierte Ansätze haben bifokaler Betrachtung zu weichen.

Die Beseitigung von Störungen in der als Bedürfnis auch im Alter virulent bleibenden Sexualität auf biologischem, psychologischem und sozialem Gebiet verfolgt Yasmin Schunk für das Arbeitsfeld der Klinischen Sozialarbeit. Denn die Befriedigung sexueller Bedürfnisse steigert das Wohlbefinden auch im Alter. Störungen können gesundheitlich, psychisch und partnerschaftlich bedingt sein. Bei Demenz des Mannes können Frauen mit tabuloseren sexuellen Wünschen des Partners konfrontiert werden. Das kann bis zum Verzicht auf Entlastung durch andere Pflegepersonen gehen.

Ausgehend von internationalen politischen Programmen zur Integration und Wertschätzung alter Menschen sucht Wolfgang Rutz nach salutogenetischen Praktiken zur Wahrung der psychischen Gesundheit Älterer. Die Stiftung von sozialen Kontakten hat sich hier oftmals als hilfreich erwiesen.

Im ländlichen Raum sieht Hans Goldbrunner eine Überalterung der Bevölkerung, infolge verdünnter gesundheitsdienstlicher Infrastruktur aber auch erhöhte Selbsthilfepotentiale auch intergenerationeller Art. Der ländliche Raum wird in Ballungsraum-Nähe ökonomisch stärker, in Landflucht-Regionen indes schwächer. Die generationellen Ambivalenzen können die jeweiligen Identitäten Älterer und Jüngerer stärken.

An der multimorbiden Problemlage Älterer agiert Johannes Kraft zufolge ein rein punktueller, technizistischer Gesundheitsansatz oftmals vorbei. Deshalb ist ein bio-psycho-soziales Gesamtmodell der Geriatrie zu erstreben mit den Lotsen der Klinischen Sozialarbeit. Eine ganzheitliche Betrachtung und Behandlung sind erforderlich. Deren Organisationsformen sind in Deutschland derzeit länderspezifisch noch uneinheitlich.

Diskussion

Die Bedarfe hochaltriger Menschen sind vielfältig und damit mehrdimensional. Hilfen zur Stützung sind somit auf vielen Gebieten zu reflektieren und zu ergreifen: In den Partnerschaften, im familialen und sozialen Umfeld, in der psychischen Stimmungslage, in der sozial-geografischen Umgebung, in der ethnischen Struktur und in der gesundheitlichen Verfassung. Entsprechend multidisziplinär ist der Band „Lebens- und Bedarfslagen im Alter“ zurecht angelegt. Sein Fokus liegt da, wo am ehesten mit sehr alten Menschen mit schwindenden Ressourcen agiert wird: In der Sozialen Arbeit und in der Geriatrie.

Wichtige Erkenntnisse werden in dem von Michael Vogt heraus gegebenen Band zusammen getragen, die von den Hilfeagenturen vor Ort nutzbar gemacht werden können. Dabei ist es zu begrüßen, dass der Band nicht nur auf Erhalt und auf Wiedergewinn von Alltagskompetenzen und Selbstständigkeit abzielt, sondern durchaus auch das Lebensende unter anderem mit palliativer Versorgung mit in den Blick nimmt. Angesichts der zunehmenden Altersarmut hätte man sich auch einen Beitrag zur Armutsüberwindung gewünscht. Genauso hätte zur Situation lebenslang Behinderter im Alter noch etwas ausgesagt werden können.

Die unterschiedlichen Handlungsfelder in der Arbeit mit Hochaltrigen bringen es mit sich, dass die einzelnen Beiträge des Bandes teils doch sehr fachspezifisch ausgerichtet sind: Eher soziologische und psychologische Abhandlungen stehen organisationell argumentierenden Darlegungen gegenüber. Immer aber bleibt das Bemühen der beteiligten Autoren nach einer fachübergreifenden Zusammenschau zum Wohle der eingeschränkten, sehr alten Menschen spürbar.

Fazit

Ein multidisziplinär angelegter Band von hilfreichen Aufsätzen für die Begleitung von Menschen in der hochaltrigen (Pflege-)Lebensphase wird mit „Lebens- und Bedarfslagen im Alter“ vorgelegt. Ausgiebig werden Hilfestellungen für diese von Einschränkungen gekennzeichnete Lebensphase aufgezeigt.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 31.03.2014 zu: Michael Vogt (Hrsg.): Lebens- und Bedarfslagen im Alter. Herausforderungen für die Beratung, klinische Sozialarbeit und Geriatrie. ZIEL Verlag (Augsburg) 2014. ISBN 978-3-944708-00-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16652.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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