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Paula Zwernemann: Pflegekinderhilfe, Adoption in Theorie und Praxis

Cover Paula Zwernemann: Pflegekinderhilfe, Adoption in Theorie und Praxis. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2014. 364 Seiten. ISBN 978-3-8248-1008-6. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Autorin

Paula Zwernemann studierte Soziale Arbeit an der Kath. Fachhochschule in Freiburg. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Sozialarbeiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt Waldshut. Paula Zwernemann war maßgeblich an dem Aufbau des Pflege- und Adoptivkindersonderdienstes der Stadt Waldshut beteiligt. Sie selbst erzog drei leibliche und zwei Pflegekinder. 2006 erhielt sie den Förderpreis der Stiftung zum Wohl des Pflegekindes für herausragende Arbeiten im Dienste von Pflegekindern.

Entstehungshintergrund

Im Vorwort der Autorin beschreibt diese ihre Intention für die Veröffentlichung ihres Buches zum Thema „Pflegekinderhilfe / Adoption in Theorie und Praxis“. Sie selbst machte bereits in ihrer Kindheit Erfahrungen im Umgang mit Pflegekindern in ihrem sozialen Umfeld. Der Satz eines Pflegekindes aus dieser Zeit sei ihr besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben: „Wenn die (er meinte die Sozialarbeiterin) nur einmal mit mir reden würde und nicht nur mit dem Lehrer, dem Pfarrer und den Pflegeeltern.“ (S. 15). Dieser Satz beschreibt aus Sicht von Paula Zwernemann die Hilflosigkeit des betroffenen Pflegekindes und den Fokus der institutionellen Arbeit seitens des Jugendamtes zu dieser Zeit. Er sollte, so die Autorin, unter anderem auch dazu beitragen, dass sie den Beruf der Sozialarbeiterin erlernte und sie sich für das Recht, den Schutz und das Schicksal von benachteiligten Kindern einsetzte.

Thema

Paula Zwernemann geht in ihrem Buch „Pflegekinderhilfe / Adoption in Theorie und Praxis“ zwei zentralen Fragen nach. Als erstes fragt sie, „Was passiert, wenn ein Kind nicht ohne Gefährdung seiner Entwicklung in seiner biologischen Familie aufwachen kann?“ Darauf aufbauend geht sie in der Frage dem Aspekt nach „Welche Informationen benötigen Pflege- und Adoptiveltern, wenn sie sich für die Aufnahme eines Kindes entscheiden und welche Hilfen und Unterstützungen erhalten diese, wenn Probleme auftreten?“. Hierbei stehen nicht nur allein die Bedürfnisse der Pflege- und Adoptiveltern besonders im Vordergrund ihrer Betrachtung, sondern auch die individuellen Bedürfnisse der Pflege- und Adoptivkinder selbst. Die Autorin geht insbesondere auf die Bedeutung der zuvor hergeleiteten Fragestellung für die Praxis innerhalb der Pflegekinderhilfe und der Adoption ein. Die Ausarbeitung von Paula Zwernemann umfasst detaillierte Beschreibungen von verschiedenen Missständen im Pflegekinder- und Adoptionswesen in Deutschland. Abschließend stellt die Autorin die im Grundgesetz verankerten Rechte der Kinder und Jugendlichen und damit auch die Grundbedürfnisse der Pflege- und Adoptivkinder in den Vordergrund.

Aufbau und Inhalt

Der formale Aufbau des Buches gliedert sich in zwölf Hauptkapitel, ein abschließendes Resümee und ein Kapitel über bedeutsame Gesetze und Rechtssprechungen für Pflegekinder. Die zwölf Hauptkapitel enthalten jeweils diverse Unterpunkte.

Der Inhalt des Buches von Paula Zwernemann ist klar strukturiert und lässt die Leserin bzw. den Leser die einzelnen Schwerpunkte, wie z.B.: Wie eine Familie zur Pflege- bzw. Adoptionsfamilie wird, welche Grundbedürfnisse die Pflegekinder haben, welche Rolle das Jugendamt bei der Vermittlung und auch der Betreuung der Pflege- bzw. Adoptionsfamilien haben, sowie die rechtlichen Grundlagen für die entsprechende Zielgruppe gut erkennen. Im Folgenden werden die vier von zwölf zuvor genannten Hauptkapiteln genauer betrachtet.

Das erste der vier hervorzuhebenden Hauptkapitel behandelt die Frage, wie eine Familie zu einer Pflege- bzw. Adoptivfamilie wird. Hierbei geht die Autorin insbesondere auf die Vorbereitung potentieller Pflege- bzw. Adoptiveltern ein. Die Vorbereitung der zukünftigen Pflege- und Adoptiveltern, im Besonderen deren realistische Selbsteinschätzung in Bezugnahme auf deren Aufgaben als Pflege- bzw. Adoptiveltern werden von Paula Zwernemann herausgestellt. Was macht eine professionelle Pflege- bzw. Adoptivfamilie aus? Welche Ressourcen müssen solche Familien haben und welche pädagogischen Aufgaben können bzw. können sie nicht erfüllen? Welche Unterstützungsangebote benötigen diese Familien und was kann bzw. sollte das Jugendamt zur Unterstützung dieser Familien beitragen? Die Autorin stellt hierbei explizit die Rolle des Jugendamtes in Bezug auf den Prozess der weiteren Beheimatung der Pflegekinder und deren Begleitung in der zukünftigen Pflege- bzw. Adoptivfamilie heraus. Als letzten Aspekt betont die Autorin, dass auch nach einer bereits erfolgten erfolgreichen Vermittlung von Pflegekindern das Pflegeverhältnis vorzeitig beendet wird. Paula Zwernemann stellt heraus, wie die Betroffenen mit diesem Umstand umgehen und welche Rolle die Sozialarbeiter_innen bei der Lösung dieses Umstandes spielen sollten.

Im zweiten der hervorzuhebenden Hauptkapitel werden die Grundbedürfnisse der Pflegekinder beschrieben. Die Autorin geht im Besonderen auf die Aspekte der Versorgung der Pflege- und Adoptivkinder ein. Hier beschreibt sie unter anderem den Aspekt der Bindung. Nach Bowlby (1951) ist die Bindung von Kindern zu primären Bezugspersonen überlebensnotwendig, wobei er im Wesentlichen von der Bindung des Kindes zur Mutter sprach. Paula Zwernemann stellt in diesem Kapitel im Allgemeinen die Bindungstheorie von Bowlby (1951) vor, expliziert diese jedoch nicht im Hinblick auf die Mutter, sondern passt ihre Ausführungen auf die „Bezugsperson“ des Kindes an. Abschließend beschreibt die Autorin das Modell nach Erikson (1973), welches die Entstehung von Urvertrauen und Urmisstrauen bei Säuglingen und Kleinkindern beschreibt. Ferner führt sie die verschiedenen Bindungstypen auf und beschreibt den Aspekt der Bindungsstörung (Brisch, 2007). Die zuvor genannten Aspekte setzt Zwernemann in den Kontext der Pflegekinderhilfe und der Adoption in Deutschland.

Das dritte hervorzuhebende Kapitel befasst sich mit der Rolle des Jugendamtes bei der Vermittlung und auch der Betreuung der Pflege- bzw. Adoptionsfamilien. Hier wird vor allem die Auseinandersetzung mit der Rekrutierung des Jugendamtes von Pflegefamilien beschrieben. Hierbei stellt die Autorin die These auf, dass die beste Rekrutierungsform für neue Pflegefamilien bereits zufriedene Pflegeeltern sind, dies wird durch die „Zehn Gebote“ für die Gewinnung von Pflegeeltern besonders deutlich. Hierbei wird vor allem die Qualität der Betreuung der neuen Pflegeeltern durch Fachkräfte hervorgehoben. Ehrlichkeit und Transparenz werden von der Autorin als erste Priorität für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Fachkräften und Pflegeeltern genannt. Als abschließenden Aspekt nennt Paula Zwernemann die fachliche Ausrichtung des Jugendamtes als einen wichtigen Faktor für eine gelingende Arbeit mit Pflegeeltern bzw. Pflegefamilien.

Das vierte hervorzuhebende Hauptkapitel beschreibt bedeutsame Gesetze und Rechtsprechungen für Pflegekinder. Dieses Kapitel umfasst somit die Darstellung von diversen gesetzlichen Grundlagen in der deutschen Rechtsprechung von dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bis hin zu Rechtsprechungen des europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Sicherlich ist die Hervorhebung eines solchen Kapitels eher ungewöhnlich, jedoch bildet dieses die Handlungsgrundlage für im Sozialen Bereich tätige Personen, die im Umgang mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen, in besonderen Kontexten, wie z.B. Kindern und Jugendlichen, die in Pflegefamilien untergebracht sind. So ist zum Beispiel der Auszug aus dem Namensänderungsgesetz (NamÄndG) aufgeführt. Häufig sind es Pflegekinder, die nicht den Namen ihrer Pflegeeltern tragen, die unter diesem Umstand leiden. Das Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) hat daher Pflegekindern den Weg erleichtert ihren Namen zu ändern, um sich in ihrer neuen Familie zugehöriger zu fühlen. Paula Zwernemann hebt in diesem Kapitel diese gesetzlichen Änderungen hervor und ermöglicht der Leserin bzw. dem Leser daher einen guten Überblick über die rechtlichen Gegebenheiten.

Diskussion

In diesem Buch werden unterschiedliche Aspekte in Bezug auf die Theorie und die Praxis der Pflegekinderhilfe bzw. der Adoptionsvermittlung in Deutschland erläutert und ein sehr detaillierter Überblick im Hinblick auf die einzelne Aspekte von der Vorbereitung der potentiellen Pflegeeltern bis hin zu den Rechten der Kinder gegeben. Dies bedeutet, dass mit diesem Werk in der erweiterten und aktualisierten Neuausgabe von 2014 zwar keine neue Grundlage der Diskussion über diese Thematik vorliegt, die Aspekte der Pflegekinderhilfe jedoch ausführlich und für die Praxis hervorragend dargestellt wird. Wer eine kontroverse und neue Diskussion gerade im Bereich des Pflegekinderwesens in Deutschland sucht, wird enttäuscht. Hier hätte eine differenziertere Darstellung neuerer Forschungsergebnisse zu diesem Thema, ebenso wie eine objektivere Darstellung erfolgen können. Da dieses Buch jedoch nur wenig empirische Ergebnisse enthält und ganz eindeutig aus Sicht einer Praktikerin geschrieben wurde, ist diese Kritik eventuell zu hart. Positiv hervorzuheben ist jedoch die Ausführlichkeit, in der die Autorin die Thematik mit sehr vielen praktischen Fallbeispielen beleuchtet. Dies wird auf insgesamt 339 Seiten Fließtext und einem ausführlichen Anhang mit Musteranträgen für die Praxis sehr deutlich.

Fazit

Zusammenfassend handelt es sich bei diesem Buch um eine durchaus solide Darstellung des Themas „Pflegekinderhilfe und Adoption in Theorie und Praxis“. Es ist gut sehr geeignet für Sozialarbeiter_innen und Sozialpädagog_innen, sowie Erzieher_innen und weitere Berufsgruppen die mit Klientinnen und Klienten dieses Buches arbeiten. Eben ein Buch von einer Praktikerin für Praktikerinnen und Praktiker. Der ausgeprägte Praxisbezug des Buches bildet zudem eine gute Grundlage für die Auseinandersetzung mit diesem Thema für die Betroffenen selbst, sowohl für Pflege- und Adoptivfamilien, sowie für ältere Pflege- und Adoptivkinder. Das Buch wird als lesenswert eingestuft und gibt einen guten Überblick über die Thematik.

Literatur

  • Bowlby, J. (1951). Maternal Care and Mental Health. World Health Organisation Monograph Series, No. 2. Geneva.
  • Brisch, K.H. (2007). Bindung und Umgang. Bühler Schriften zum Familienrecht, Band 15. Bielefeld. 90.
  • Erikson, Erik H. (1973). Identität und Lebenszyklus. Frankfurt am Main.

Rezensentin
Silke Remiorz
Sozialarbeiterin & Sozialpädagogin (B.A.) & Sozialwissenschaftlerin (M.A.). Zurzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Dortmund im Forschungsprojekt „Vaterschaft zwischen Jugendhilfeerfahrung und väterlicher Kompetenz“ des Central European Network of Fatherhood, mit dem Hauptsitz in Wien. Die Rezensentin ist zudem Promotionsstudentin an der Universität Wien.
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Zitiervorschlag
Silke Remiorz. Rezension vom 16.06.2014 zu: Paula Zwernemann: Pflegekinderhilfe, Adoption in Theorie und Praxis. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2014. ISBN 978-3-8248-1008-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16654.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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