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Rolf Schwarz: Frühe Bewegungserziehung

Cover Rolf Schwarz: Frühe Bewegungserziehung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 208 Seiten. ISBN 978-3-497-02401-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.

Reihe: Basiswissen Frühpädagogik.
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Autor

Prof. Dr. Rolf Schwarz, Dipl. Pädagoge und Lehrer, ist Juniorprofessor für Bewegungserziehung und Sport an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 208 Seiten und ist mit viele Tabellen, Bildern, Absätzen und graphischen wie farblichen Hervorhebungen übersichtlich gegliedert und zugänglich gestaltet.

Es besteht aus einer kurzen Einleitung des Autors, gliedert sich folgend in sieben thematische Schwerpunkte und schließt mit Literaturverzeichnis und Sachregister.

In der Einleitung findet über 7 Seiten eine begriffliche Grundlegung statt. Schwarz skizziert kurz den Ursprung der menschlichen Bewegung und stellt die Folgen von Bewegungsmangel durch die veränderte Lebenswelt auf die verschiedenen Entwicklungsbereiche des Menschen dar, die insbesondere die bewegungsorientierte Förderung von Kindern zwischen 0 bis 6 Jahren begründen. Er beschreibt das Menschenbild, welches seinem Buch zugrunde liegt und betont die Interdisziplinarität der Bewegungspädagogik der frühen Kindheit. Als zentralen Begriff benennt Schwarz die (frühkindliche) Entwicklung und definiert verschiedene Begriffe bzw. Konzepte aus der Entwicklungs- und Pädagogischen Psychologie wie der allgemeinen Pädagogik, die für das Feld der frühen Bewegungserziehung relevant sind, wie z.B. Phylogenese, Ontogenese aber auch Erziehung, Bildung oder Sozialisation.

Es folgt der Hauptteil des Buches, der sich in folgende Unterkapitel gliedert:

  1. Entwicklung kindlicher Bewegungen (29 Seiten)
  2. Beobachtung, Dokumentation und Beurteilung von Bewegung (23 Seiten)
  3. Zusammenhang von Bewegung und anderen Entwicklungsbereichen (51 Seiten)
  4. Bewegung und Inklusion (9 Seiten)
  5. Funktion und Bedeutung von Bewegung (10 Seiten)
  6. Motorische Kompetenz und Intervention: Forschungsgrundlagen optimaler Bewegungsförderung (23 Seiten)
  7. Praxis der Bewegungserziehung: Fördermodelle (22 Seiten)

Die ersten vier Unterkapitel schließen jeweils mit einem Absatz zu Empfehlungen für die bewegungserzieherische Praxis, alle Unterkapitel beinhalten am Ende Lernfragen sowie Literatur- und Website Empfehlungen zum jeweiligen Thema.

Im 1. Kapitel wird ausführlich auf die kindliche Bewegungsentwicklung eingegangen. Schwarz unterteilt hier in das Was (Motorik und Bewegung), das Wann (Bewegungsformen und ihr raumzeitliches Auftreten) und das Wie (Qualität und Quantität frühkindlicher Motorik) und greift dabei, wie in den anderen Unterkapiteln auch, sowohl auf bewegungswissenschaftliche als auch entwicklungspsychologische Erkenntnisse zurück.

Im 2. Kapitel thematisiert Schwarz das Feld der Bewegungsbeobachtung, Dokumentation und Beurteilung. Er unterscheidet zwischen einer Beurteilung und einer Diagnose, geht auf die wissenschaftlichen Grundlagen der Bewegungsdiagnostik und stellt in einer Tabelle verschiedene Beobachtungsinstrumente, testverfahren und Dokumentationshilfen vor.

Im 3. Kapitel stellt Schwarz den Zusammenhang von Bewegung zu anderen Entwicklungsbereichen dar. Teilkapitel finden sich zu Körper und Sinne, Kognition, Sprache und sozial-emotionaler Entwicklung.

Das 4. Kapitel wurde von Timm Albers verfasst (Professor für Inklusive Pädagogik an der Universität Paderborn) und widmet sich dem Themenkomplex Bewegung und Inklusion. Es werden die Grundlagen einer inklusiven Pädagogik vorgestellt und Gestaltungsmöglichkeiten inklusiver Prozesse beschrieben.

Im 5. Kapitel diskutiert Schwarz die Funktion und Bedeutung von Bewegung anhand ausgewählter bewegungspädagogischer Konzepte und Anmerkungen zum Thema von renommierten Sport- und Bewegungswissenschaftlern wie Grupe, Funke-Wieneke und Zimmer und leitet daraus Ziele und Inhalte für die frühe Bewegungserziehung ab.

Im Fokus des 6. Kapitels stehen die Forschungsgrundlagen einer optimalen Bewegungsförderung im Fokus. Dazu geht Schwarz kurz auf den Förderbegriff ein, bevor er einen tabellarischen Überblick zu längsschnittlichen und kontrollierten Studien zur Bewegungsförderung in Deutschland zwischen 1980 und 2012 gibt, deren Ergebnisse kurz diskutiert und bewertet werden. Darüber hinaus spricht er die Grenzen des Einsatzes standardisierter Testungen zum Nachweis von Effekten bewegungspädagogischer Förderung an und stellt den Zusammenhang zwischen Förderung, Testung und Menschenbild her.

Im 7. Kapitel stellt Schwarz verschiedene Fördermodelle aus dem Bereich der Frühen Bewegungserziehung vor. Er skizziert das Prager-Eltern-Kind-Programm, die Bewegungsförderung nach Emmi Pickler und Elfriede Hengstenberg, die Psychomotorik und Motologie sowie den Bewegungskindergarten, Bewegungsbaustellen und Bewegungslandschaften (geschrieben von Timm Albers).

Diskussion

Schwarz stellt mit seiner Bearbeitung des Themas ‚Frühe Bewegungserziehung‘ ein Fachbuch vor, das die Zielgruppe der FrühpädagogInnen und ErzieherInnen in Studium, Aus- und Weiterbildung (s. Klappentext) anspricht. Auf Basis bewegungswissenschaftlicher Theorien und Erkenntnisse sowie Entwicklungspsychologischer Grundlagen setzt er sich recht umfangreich und detailliert mit der Bewegungsentwicklung und -erziehung der 0-6 jährigen Kinder auseinander und gibt einen trotz der Kürze recht umfassenden Einblick in die theoretischen Grundlagen, die die praktische Arbeit im Feld fundieren und leiten.

Die einzelnen Kapitel sind im akademischen Stil gut verständlich geschrieben und aufgebaut. Zudem gelingt es Schwarz, trotz der eher wissenschaftlichen Ausrichtung in der inhaltlichen Darstellung, den Bezug zur Praxis immer wieder herzustellen, sei es durch die kurzen Kapitelzusammenfassungen, die darauf hinweisen, warum der folgende Inhalt für PädagogInnen wichtig und relevant ist, oder durch die konkret formulierten Empfehlungen für die bewegungspädagogische Praxis zum Ende verschiedener Kapitel.

Als besonders wertvoll erscheint mir, dass Schwarz die Zusammenführung von Erkenntnissen aus der Bewegungswissenschaft und -pädagogik und der Entwicklungspsychologie zu diesem Thema gut gelingt.

Zur konstruktiven Kritik sehe ich einige wenige Ansatzpunkte: Leider findet Literatur aus dem psychomotorischen Zweig der frühen Bewegungspädagogik (siehe z.B. Beudels 2010) keine Berücksichtigung. Diese einzubeziehen wäre sicherlich eine wertvolle Ergänzung im Sinne des interdisziplinären Anliegens (hier tun sich Bewegungswissenschaft und Psychomotorik/Motologie leider immer noch eher schwer). Insbesondere für die Bearbeitung der Förderkonzepte aus der Psychomotorik und Motologie macht es mehr als Sinn, auf die in der psychomotorisch geprägten Bewegungspädagogik bereits existierenden Literatur (z.B. Jost & Beins 2013, Beudels 2010, Zimmer 2011) zurückzugreifen, denn dieses Kapitel bleibt sehr allgemein bei grundlegenden Informationen zur Psychomotorik und Motologie. Eine Fokussierung auf psychomotorisches Arbeiten mit Kindern zwischen 0 und 6 Jahren findet hier nicht statt.

Darüber hinaus erschließt sich mir die Logik der Kapitelabfolge nicht gänzlich. Warum ist das sehr kurze Kapitel zu Bewegung und Inklusion (4.) dem Kapitel zur Funktion und Bedeutung von Bewegung und der Formulierung von Zielen und Inhalten (5.) vorgelagert, wie auch das Kapitel zur Bewegungsdiagnostik (2.)? Diese kritische Anmerkung ist möglicherweise nachrangig zu behandeln, da die Kapitel in sich gut verständlich gegliedert sind. Allerdings hat ich mir schon die Frage gestellt, warum das Kapitel Bewegung und Inklusion aufgenommen wurde, da es keinen Bezug zur Bewegungspädagogik hergestellt wurde. Eine Auseinandersetzung mit Fragen wie z.B.: Warum ist gerade die bewegungspädagogische Arbeit eine gute Möglichkeit, inklusive Prozesse für Kinder von 0-6 Jahren zu gestalten? und: Wo liegen mögliche Herausforderungen oder Grenzen? wäre zur Bearbeitung des Thema Bewegung und Inklusion interessant und sinnvoll gewesen.

Einen letzten Kritikpunkt sehe ich darin, dass das Thema ‚Geschlechtsidentität‘ und ‚Geschlechtersensibles Handeln‘ und dessen Bedeutung für die Frühe Bewegungserziehung nicht aufgegriffen wird. Aus der Entwicklungspsychologie wissen wir, dass gerade Kinder im Vorschulalter durch Bezugspersonen in der Entwicklung von Konstrukten von Femininität und Maskulinität sehr beeinflussbar sind. Diese Einflussnahme zeigt sich auch in Studien z.B. zum Eltern-Kind Turnen aus der Sportwissenschaft (s. Giess-Stüber 2006). Von diesem Erkenntnissen ausgehend ist es dringend notwendig, dass dieses Thema von der Fachliteratur aufgegriffen wird, um Professionelle und Interessierte im Feld der Frühen Bewegungserziehung zu sensibilisiert, zur Auseinandersetzung mit eigenen wie gesellschaftlichen Vorstellungen zu geschlechtertypischen Verhaltensweisen und den Auswirkungen auf der pädagogische Handeln anzuregen.

Fazit

Für Studierende der Bewegungspädagogik mit dieser Zielgruppe wie alle PädagogInnen im Feld, die eine gut verständliche, recht umfassende und verhältnismäßig kurze theoretische Fundierung der bewegungspädagogischen Arbeit mit Kindern suchen, ist dieses Buch zu empfehlen.

Literatur

  • Beudels, W.: Bewegung und Bewegungserziehung im Kindergarten. In: Beudels, W., Klein, N. & Schönrade, S. (Hrsg.) (2010): Bildungsbuch Kindergarten. Borgmann Media. 157-174.
  • Giess-Stüber, P. (2006) Frühkindliche Bewegungsförderung, Geschlecht und Identität. In:: Hartmann-Tews, I. & Rulofs, B. (Hrsg.): Handbuch Sport und Geschlecht. Hoffmann, Schorndorf 98-111.
  • Jost, M. & Beins, H. J.: Bewegung und Spiel für die Kleinsten. Psychomotorik für Kinder von 1 bis 4 Jahren. Verlag modernes lernen: 2013.
  • Zimmer, R. (Hrsg.): Psychomotorik für Kinder unter 3 Jahren. Entwicklungsförderung durch Bewegung. Freiburg, Basel, Wien: Herder, 2. Aufl. 2011

Rezensentin
Prof. Dr. Mone Welsche
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Mone Welsche. Rezension vom 11.11.2014 zu: Rolf Schwarz: Frühe Bewegungserziehung. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-497-02401-8. Reihe: Basiswissen Frühpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16663.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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