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Walter Ellermann, Peter Thiesen (Hrsg.): Das sozialpädagogische Praktikum

Cover Walter Ellermann, Peter Thiesen (Hrsg.): Das sozialpädagogische Praktikum. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2014. 4., überarbeitete Auflage. 160 Seiten. ISBN 978-3-589-24847-6. 17,95 EUR.

Sozialpädagogische Praxis Band 3.
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Autor

Walter Ellermann, Diplompädagoge, Oberstudienrat, ist als Dozent an der Fachschule für Sozialpädagogik in Lübeck tätig.

Thema

Walter Ellermann legt sein 2002 erstmals erschienenes Buch „Sozialpädagogisches Praktikum“ 2014 in einer erneut überarbeiteten Fassung vor. Es ist bereits die 4. Auflage, was darauf hinweist, dass die Publikation gut nachgefragt wird.

Praktika in der Sozialen Arbeit sind konstitutive und integrale Bestandteile der Ausbildung zukünftiger Fachkräfte, verstanden als zeitlich begrenzte, fachlich vorbereitete, begleitete sowie nachbereitete Ausbildungsphasen in einem ausgewählten Handlungsfeld der Berufspraxis mit dem Ziel, in der Ausbildung erworbene Kompetenzen zu erproben, zu erweitern und zu reflektieren. Ungeachtet ihrer zentralen curricularen Bedeutung ist die Zahl einschlägiger Buchpublikationen aber sehr übersichtlich.

Dies ist es auch deshalb erstaunlich, weil Praktika am Lernort Praxis als relevante, unverzichtbare Strukturelemente sozialer Ausbildungen zu einem gesellschaftlichen Handlungsfeld gehören, das in den letzten Jahrzehnten eine insgesamt enorme Expansion seines Fachpersonals mit einer steigenden Fachlichkeit verzeichnen konnte. Das Fachpersonal in der Sozialen Arbeit setzt sich allerdings aus sehr unterschiedlichen Berufsgruppen mit unterschiedlichsten formalen Qualifikationen zusammen, wobei ErzieherInnen sowie SozialarbeiterInnen/SozialpädagoInnen zu Kernqualifikationen zählen. Eine weitere Begründung für die deutlich gestiegene Bedeutung berufspraktischer Ausbildungsphasen in allen sozialen Berufen ist der Bologna-Prozess, der mit den Annahmen eines zusammenwachsenden Europas, eines europäischen Arbeitsmarktes und einer europaweiten Nutzung der nationalen Bildungspotenziale u. a. auf eine stärkere, Verbindung von Ausbildungs- und Studiengängen sowie Berufsfähigkeit (employability) zielt mit der Erwartung, dass AbsolventInnen adäquat qualifiziert und ohne „Praxisschock“ gut in ihren Beruf einmünden. Ein drittes Argument: Gewinnung und qualifizierte Begleitung von PraktikantInnen sind einer systematischen und langfristigen Personalentwicklung zuzuordnen, das Thema Fachkräfte(mangel) ist für Profession und Disziplin Sozialer Arbeit gleichermaßen relevant. Doch sowohl für die vollschulisch im berufsbildenden Bereich ausgebildeten ErzieherInnen als auch die akademisch SozialarbeiterInnen/SozialpädagogInnen ist die Zahl von Veröffentlichungen zum Thema Praktikum, wie bereits festgestellt, überschaubar. Für den hochschulischen/universitären Kontext sei exemplarisch auf Bernler/Johnsson (1995), Schulze-Krüdener/Homfeldt (2003), Abplanalb (2005), Schmitt (2007) verwiesen; die AutorInnen behandeln jeweils spezifischere Themen. Eine Einführung, das Buch von Rotenhan, ist 1982 erschienen. Für den Bereich Fachoberschulen/sozialpädagogische Fachschulen liegt neben dem Buch von Walter Ellermann keine andere einschlägige Veröffentlichung aktuell in der 4. Auflage vor.

Das Buch ist im Cornelsen Verlag, in der Reihe „Sozialpädagogische Praxis“ erschienen.

Aufbau

Es gibt ein Vorwort von Peter Thiesen, dem Herausgeber der Reihe Sozialpädagogische Praxis. Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert, wobei Kapitel 1 bis 10 systematisch ein Praktikum von seiner fachlichen Einordnung in den Ausbildungskontext ErzieherIn über die Suche eines Praktikumsplatzes, die Durchführung und fachliche Begleitung (Anleitung), seine fachliche Reflexion/Auswertung sowie die abschließende Beurteilung der Praktikantin/des Praktikanten abbilden. Eine kurze Zusammenfassung sowie eine gut strukturierte Arbeitshilfe zum jeweiligen Thema – demzufolge für PraktikantInnen oder AnleiterInnen – schließen jedes der ersten zehn Kapitel ab. Kapitel 11 informiert über relevante rechtliche Grundlagen eines Praktikums.

Inhalt

Der Herausgeber Peter Thiesen, Autor und Herausgeber von über 70 Büchern in den Bereichen Sozial-, Schul- und Spielepädagogik und somit einschlägig ausgewiesen, schreibt in seinem Vorwort, das der Autor aus der Perspektive der unterschiedlichen AkteurInnen – PraktikantIn, AnleiterIn, Lehrkraft – die verschiedenen Anforderungen an ein Praktikum anschaulich, fundiert und einfühlsam darstellt (S. 9). Sein abschließender Hinweis, dass im Buch der weiblichen Form sprachlich der Vorrang gegeben wurde, weil Männer immer noch eine Minderheit im sozialpädagogischen Berufsfeld seien (S. 10), wird für die nachfolgenden Ausführungen gern aufgegriffen, wenn es um die Fachkräfte geht.

Im Kapitel 1 – Warum ein sozialpädagogisches Praktikum? – fordert der Autor Praktikantinnen auf, sich vor und während des Praktikums mit der eigenen Berufsmotivation auseinander zu setzen. Anschließend betrachtet er Praktika in wechselseitigen Bezügen von „Theorie“ und „Praxis“ (S. 12f.) und betont, beide Bereiche seien gleichberechtigte, für einander unverzichtbare Segmente in der Ausbildung. Die Aussagen Ellermanns zu/r benötigten Kompetenzen sowie Performanz im Praktikum korrespondieren inhaltlich deutlich mit dem Modell beruflicher Kompetenzen von Geißler/Hege (1988) mit den Dimensionen instrumentelle, soziale und reflexive Kompetenzen, welchem Limbrunner (1998) personale Kompetenz als vierte Dimension hinzugefügt hat mit dem Hinweis, das professionelles Handeln Kompetenz voraussetze und Performanz erfordere. Weitere Aspekte des Kapitels sind verschiedene Formen von Praktika sowie Ziele, differenzierter dargestellt für ein Erkundungs- und Vertiefungspraktikum mit dem Hinweis an Praktikantinnen zur Relevanz eigener Zielsetzungen.

Im Kapitel 2 – Praxisstellen suchen und finden – werden zunächst hilfreiche Tipps für das Recherchieren von möglichen Praktikumseinrichtungen bei Trägern, Verbänden Sozialer Arbeit gegeben. Diese werden verknüpft mit Ausführungen zur seit den 1970er Jahren enormen Erweiterung von Handlungsfeldern in der beruflichen Praxis, in welchen Erzieherinnen tätig sind. Die erforderlichen Schritte zum Finden eines geeigneten Praktikumsplatzes, in deren Verlauf die durchaus unterschiedlichen Erwartungen sowie Ziele der Kooperationspartner Praktikantin – Praktikumseinrichtung – Ausbildungsstätte zu kommunizieren sind und im Ergebnis angemessen passfähig sein sollten, werden informativ dargestellt.

Im Kapitel 3 – Sich orientieren und einleben – erörtert der Autor Voraussetzungen für einen guten Einstieg in ein Praktikum. Dazu zählt er eine jeweils gründliche Vorbereitung von Praktikantin und Anleiterin auf die Zusammenarbeit, eine aktive Rolle als Praktikantin beim Beziehungsaufbau zu den AdressatInnen, Mitarbeiterinnen der Einrichtung, die Notwendigkeit einer klaren Trennung von Beobachtung und Deutung hinsichtlich wahrgenommenen Verhaltens. Das Thema Beobachtung wird exemplarisch für die Bereiche Kindergarten sowie Hilfen zur Erziehung der Kinder- und Jugendhilfe vertieft.

Im Kapitel 4 – Die Praktikantin im Spannungsfeld unterschiedlicher Erwartungen – werden jeweilige Rollenerwartungen und -anforderungen an die Praktikantin, Anleiterin sowie Lehrkraft der Schule erörtert. Herausforderungen, sich mit den nicht immer ausgesprochenen, teilweise widersprüchlichen Erwartungen auch kritisch und im Austausch mit den anderen Rollenträgerinnen auseinander zu setzen, werden beschrieben. Mit den oft unzureichenden Bedingungen für eine qualifizierte Anleitungstätigkeit in Einrichtungen (zu kleines Zeitbudget, fehlende Berücksichtigung in Stellenbeschreibungen, keine spezifischen Fortbildungen) sowie das in Tarifverträgen unterrepräsentierte Thema Qualifizierung des Berufsnachwuchses werden zudem strukturelle Aspekte in den Blick genommen.

Im Kapitel 5 – Das Praktikum als Entwicklungsprozess – geht es um den Ausbildungsplan, der dazu beitragen soll, das Praktikum als strukturierte Lern-, Entwicklungsphase zu gestalten mit dem Ziel, persönliche und fachliche Kompetenzen (Wissen, Können, berufliche Haltungen) weiterentwickeln zu können. Betont wird ein individuell zugeschnittener Ausbildungsplan mit vereinbarten Zielen, klar strukturierten Aufgaben, Tätigkeiten für die Praktikantin, abgestimmt auf das Arbeitsfeld, sowie einer zeitlichen Struktur mit schrittweise steigenden Anforderungen an ihr Handeln. Dieser Strukturvorschlag wird für einige mögliche Arbeitsbereiche des Praktikums differenzierter erörtert.

Im Kapitel 6 – Das pädagogische Handeln planen – werden Erziehen und Bilden als grundlegende Handlungen von Praktikantinnen in einem sozialpädagogischen Praktikum untersucht. Erziehungs- und Bildungsprozesse, in der praktischen Arbeit kaum voneinander zu trennen, werden modellhaft als pädagogisch-didaktischer Kreislauf mit den Schritten Analyse, Planung, Handeln und Auswertung abgebildet. Anforderungen an das Analysieren, Planen und Handeln werden unter Einbeziehung konkreter Beispiele aus einzelnen Handlungsfeldern des Praktikums vertiefend dargestellt und abschließend durch vier Arbeitshilfen, konzipiert für Einzelaktivität, Vorhaben mit mehreren Aktivitäten, Projekt, ergänzt.

Im Kapitel 7 – Reflektieren – wird die Reflexion des eigenen Tuns für berufliches Handeln als konstitutiv gekennzeichnet und anschließend, die Binnengliederung des vorhergehenden Kapitels aufgreifend, unter Berücksichtigung möglicher Reflexionsthemen für die Ebenen Einzelaktivität, ein mehrere Aktivitäten umfassendes Vorhaben, Projekt differenzierter erörtert. Das Einbeziehen der eigenen Person wird mit zu gewinnenden Erkenntnissen hinsichtlich eigener Stärken, Schwächen und sich daraus ergebender Lernfelder begründet; in der zweiten Arbeitshilfe werden der Praktikantin konkrete Anregungen hierfür gegeben.

Im Kapitel 8 – Anleitungsmethoden – werden Freiräume und Verbindlichkeit als Merkmale qualifizierter Anleitung markiert und erörtert. Die Berücksichtigung kognitiver und emotionaler Aspekte in Anleitungsgesprächen, die Reflexion der eigenen Person werden verdeutlicht. Anleiterinnen wird empfohlen, Prinzipien aus der personenzentrierten Gesprächsführung für die Gestaltung von Anleitungsgesprächen einzusetzen, exemplarisch wird dies für ausgewählte Handlungsfelder konkretisiert. Mit Bezug auf die Themenzentrierte Interaktion (TZI) wird die Betrachtung der Ich-, Wir-, Es-Ebene sowie des Globes für Reflexionen mit der Praktikantin vorgeschlagen; für die Bearbeitung von Konflikten ein methodisches Vorgehen in sechs Schritten vorgestellt. Überlegungen zu Gesprächen mit der Lehrkraft runden das Kapitel inhaltlich ab.

Im Kapitel 9 – Die eigene Arbeit darstellen – werden, ausgehend von einem Plädoyer für die kontinuierliche Dokumentation des eigenen Tuns während des gesamten Praktikums, verschiedene Optionen genauer vorgestellt: Materialmappe, Praxisgeschichte, Praxisbericht, Facharbeit, Praktikumsportfolio, Präsentation.

Im Kapitel 10 – Die Beurteilung – werden die Unterschiede zwischen einem Arbeitszeugnis und einer praktikumsbegleitenden Beurteilung für die Praktikantin ausführlich dargestellt, für die Erstellung einer Abschlussbeurteilung erhalten Anleiterinnen zahlreiche Hinweise.

In Kapitel 11 – Rechtliche Grundlagen – werden in Stichworten wichtige rechtliche Rahmenbedingungen erläutert.

Diskussion und Fazit

Die Publikation ist eine klar strukturierte Arbeitshilfe für sozialpädagogische Praktika in der Ausbildung von Erzieherinnen. Mit wechselnder Perspektive auf Praktikantinnen, Anleiterinnen und Lehrkräfte werden die vielschichtigen Anforderungen an die Planung, Durchführung und Auswertung eines Praktikums differenziert dargestellt und fundiert begründet, die einbezogenen Praxisbeispiele erhöhen die Anschaulichkeit der Ausführungen. Die Zusammenfassung sowie Arbeitshilfen am Ende jedes Kapitels fördern eine fokussierte, aktive Auseinandersetzung mit den behandelten Teilthemen. Anregend und unterstützend kann das Buch auch für erste Praktika im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe in Bachelor-Studiengängen Soziale Arbeit sein, vor dem Hintergrund der wenigen verfügbaren Bücher zum Thema, wie einleitend konstatiert. Studierende und Lehrende müssen zu Themen wie beispielsweise die Analyse von Trägern, Einrichtungen Sozialer Arbeit, Handlungsgrundsätze und Methoden Sozialer Arbeit, die theoriegeleitete Reflexion und Auswertung eines Praktikums natürlich weitere, einschlägige Fachliteratur aus der Sozialen Arbeit hinzuziehen, da dieses Buch für den Kontext Ausbildung von Erzieherinnen gilt.


Rezensentin
Dr. Birgit Willgeroth
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Zitiervorschlag
Birgit Willgeroth. Rezension vom 25.09.2015 zu: Walter Ellermann, Peter Thiesen (Hrsg.): Das sozialpädagogische Praktikum. Cornelsen Scriptor (Berlin) 2014. 4., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-589-24847-6. Sozialpädagogische Praxis Band 3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16706.php, Datum des Zugriffs 26.05.2016.


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