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Ahmet Toprak: Türkeistämmige Mädchen in Deutschland

Cover Ahmet Toprak: Türkeistämmige Mädchen in Deutschland. Erziehung - Geschlechterrollen - Sexualität. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. 216 Seiten. ISBN 978-3-7841-2450-6. D: 23,90 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Rund drei Millionen türkeistämmige Menschen leben gegenwärtig in Deutschland. Bei den Diskussionen um die Integration von Migranten wird denen muslimischer Herkunft oft „Integrationsunwilligkeit“ unterstellt und es werden nicht selten dafür als Belege Themen genannt wie unterdrückte Frauen und arrangierte Ehe bzw. Zwangsheirat, häusliche Gewalt und frauenfeindliche Männer, die u.a. ihre Frauen zwingen, Kopftuch zu tragen, oder türkeistämmige Frauen, die kaum die deutsche Sprache beherrschen. Alles Stereotypen und Vorurteile? Ist die Gruppe der türkeistämmigen Mädchen/Frauen tatsächlich so homogen, wie behauptet wird? Wie denken diese selbst über Themen, die sowohl in der Familie als auch in der Öffentlichkeit tabuisiert werden? Was denken sie tatsächlich über Jungfräulichkeit, voreheliche Sexualkontakte, Partnersuche und traditionelle Geschlechterrollen?

Ahmet Toprak will in seiner vorliegenden Studie diese und andere Fragen aufgreifen und dabei die Betroffenen, die türkeistämmigen Mädchen/Frauen, zu Wort kommen und zu diesen Themen Stellung nehmen lassen. Er hat dafür mit 23 Personen aus dem Ruhrgebiet Tiefen- und vier Gruppeninterviews durchgeführt. Die Interviewten sind zwischen 15 und 25 Jahren alt. 18 von ihnen gehören der dritten Generation an und sind in Deutschland geboren, während die anderen fünf durch Heirat im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland gekommen sind und daher über geringe Deutschkenntnisse verfügen. Die Befragten gehören drei unterschiedlichen Glaubensrichtungen an: 16 von ihnen sind Sunniten, sechs Aleviten und eine gab an, Schiitin zu sein.

Autor

Dr. phil. Ahmet Toprak ist Diplom-Pädagoge und Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften. Darüber hinaus ist er auch tätig in der Weiter- und Fortbildung für Multiplikatoren mit interkulturellem Ansatz wie interkulturelles Konfliktmanagement und der Situation deutsch-türkischer Migrantenfamilien, vor allem in der Beratungsarbeit mit jungen Männern.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von einer knappen thematischen Einführung und anschließenden Erläuterungen zum methodischen Vorgehen sowie einer Beschreibung der Untersuchungsgruppe ist das Buch nach fünf Themenbereichen gegliedert. Während die ersten vier Bereiche verschiedene Typen türkeistämmiger Mädchen/Frauen betreffen, die nach der Auswertung des Datenmaterials ermittelt wurden, enthält das letzte Kapitel politische und pädagogische Schlussfolgerungen. Die Analyse des Datenmaterials zu den vier Typen erfolgt nach ähnlichem Schema: Nach den jeweiligen Kurzbiografien der befragten Frauen werden deren Vorstellungen und Sichtweisen hinsichtlich der Erziehung, Geschlechterrollen, Sexualität und Religion ermittelt.

Den ersten Typ nennt Toprak Heiratsmigrantinnen. Es handelt es sich hierbei um fünf Frauen, die in der Türkei geboren, fast ausschließlich im ländlichen Umland aufgewachsen und sozialisiert wurden. Sie haben in der Regel keine abgeschlossene Berufsausbildung und arbeiten kaum bzw. wenn ja, dann als Küchen- oder Reinigungskraft. Die Ehen der Frauen wurden arrangiert und die Ehepartner stammen aus dem unmittelbaren Kreis der Familie, manche der Ehepartner sind nahe Verwandte der Frau. Einige von ihnen leben bereits seit einigen Jahren in Deutschland, ihre Sprachkenntnisse sind allerdings schwach oder schlecht, auch derjenigen, die den Integrationskurs besucht haben. Geheiratet haben diese Migrantinnen früh, zwischen 16 und 20 Jahren, haben dann entsprechend früh Kinder bekommen. Sie wohnten am Anfang der Ehe gemeinsam mit dem Partner bei den Schwiegereltern, zogen aber um, als die ersten Kinder auf die Welt kamen. Durch die ländliche Herkunft geprägt, erscheinen sie zunächst traditionell, sind aber in der Regel offen für neue Erkenntnisse und Themenfelder. Da diese Frauen alle ihre Bezugspersonen in der Türkei gelassen haben, sind sie auf die Bekannten, Freunde oder Verwandten des Partners als Bezugspersonen angewiesen. Sie leben zum Teil von der Außenwelt isoliert, ohne Außenkontakte. Wenn, dann haben sie Bezüge zur eigenen Ethnie. Ihre ländlich geprägte Sozialisation hat scheinbar auch ihr traditionelles Verständnis über Geschlechterrollen geprägt. Ihr Erziehungsstil ist autoritär. Ihre religiösen Einstellungen haben sie sicher von ihren Eltern in vorgegebener Art und Weise übernommen, werden aber, auch bedingt durch die Migration, immer wieder relativiert oder in Frage gestellt.

Beim zweiten Typen der Interviewten handelt es sich um Konservative Mädchen/Frauen. Bei dieser Gruppe stehen die traditionellen Werte und Normen im Mittelpunkt der familiären Interaktion. Diese von ihren Eltern vermittelten Werte und Normen sowie die erfahrene geschlechtsspezifische und autoritäre Erziehung möchten sie wiederum an ihre Kinder weitergeben, sofern sie selbst Kinder haben. In Bildungsfragen möchten sie ihre Töchter aber nicht benachteiligen. Bevorzugt werden Ehepartner aus der eigenen Ethnie. Voreheliche Sexualität lehnen sie ab, pflegen aber Liebesbeziehungen, und zwar heimlich und unter Bewahrung der Jungfräulichkeit. Obwohl sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, sind ihre Deutschkenntnisse schwach. Viele von ihnen haben keinen Schul- oder Berufsabschluss, wie ihre Eltern, die als Arbeiter oder Hilfsarbeiter tätig sind. Die meisten Familien stammen aus kleineren, traditionell geprägten Kreisstädten oder Dörfern in der Türkei. Die konservativen Mädchen und Frauen haben mehrere Geschwister. Toprak schätzt das Bildungsniveau und die Deutschkenntnisse der Eltern dieser Gruppe als sehr gering. Die Bereitschaft zu Einbürgerungen ist in diesem Milieu gering.

Lebenskünstlerinnen/Krisenbewältigerinnen nennt Toprak den dritten Typ der Interviewten, die er als „weder sehr modern noch konservativ“ charakterisiert. Die Mädchen versuchen Teile der konservativen Einstellungen in einer modernen und offenen Gesellschaft zu verwirklichen. Wie die zweite Gruppe hat auch diese Gruppe in der Regel eine traditionelle und geschlechtsspezifische Erziehung erhalten. Die Lebenskünstlerinnen/ Krisenbewältigerinnen lehnen aber diese teilweise ab; sie kommen aber auch mit den liberalen, „deutschen“ Vorstellungen und dem modernen und offenen Lebensstil der Deutschen teils nicht zurecht. Das Niveau ihrer Bildungsabschlüsse und ihrer Deutschkenntnisse ist zwar heterogen, aber höher als das ihrer Eltern. Die jungen Frauen haben in der Regel mehrere Geschwister, wobei sie die Brüder als Kontrollinstanz oder als verlängerter Arm des Vaters beschreiben. Was ihre sexuellen Einstellungen, ihr Heiratsverhalten und ihre Religiosität betrifft, sind sie ambivalent: Sie lehnen zwar voreheliche sexuelle Beziehungen grundsätzlich ab, praktizieren sie aber dennoch heimlich und hoffen darauf, dass ihr zukünftiger Ehemann keinen großen Wert auf Jungfräulichkeit legt. Gerne würden sie zwar einen aufgeschlossenen und toleranten türkischen Mann heiraten, große Hoffnung haben sie aber nicht, einen solchen zu finden, da sie die türkeistämmigen Männer als konservative Machos betrachten. Da für sie dennoch deutsche Männer als Ehemann nicht in Frage kommen, heiraten sie im Zweifel doch einen türkeistämmigen Mann. Sie fühlen sich zwar dem Islam zugehörig, tragen aber nicht alle religiösen Normen mit. Die Einbürgerungsquote ist bei ihnen höher als bei dem zweiten Typ der Interviewten, den Konservativen jungen Frauen.

Im nächsten Kapitel geht es um den letzten Typ der Interviewten, den Toprak Liberale Mädchen/Frauen nennt. Deren Eltern weisen im Vergleich zu vorhergehenden Gruppen mit einem Hochschulstudium bzw. einem Abitur ein hohes Bildungsniveau auf, haben sich an der Erziehung ihrer Kinder gleichermaßen beteiligt und waren in der innerfamiliären Interaktion gleichberechtigt. Die liberalen jungen Frauen, die ebenso wie ihre Eltern ein hohes Bildungsniveau haben und über ausgezeichnete Deutschkenntnisse verfügen, sind also so sozialisiert worden, dass Entscheidungen im familiären Konsens gemeinsam getroffen werden. Daher lehnen diese Mädchen die traditionellen Werte und Normen und eine entsprechende Erziehung mit klassischen Geschlechter- und Erziehungsrollen ab. Für sie haben Mädchen und Jungen die gleichen Rechte und Pflichten. Sie und die anderen Familienmitglieder sind fast alle eingebürgert. Häufig handelt es sich um Familien mit zwei Kindern. Ihre liberale Lebenshaltung kommt auch in Verbindung mit ihren sexuellen Einstellungen, Heiratsverhalten und Religiosität zum Ausdruck: Voreheliche Partnerschaften kommen unter bestimmten Bedingungen vor. Die liberalen jungen Frauen verstecken ihren Freund nicht oder arrangieren keine heimlichen Treffen, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Voreheliche Sexualität wird bei diesen Mädchen praktiziert, auch wenn keine konkrete Eheoption vorhanden ist. Nationalität der Männer oder Ehepartner spielt eine untergeordnete Rolle; binationale Partnerschaften und Ehen sind eher üblich.

Im letzten Kapitel des Buches werden politische und pädagogische Schlussfolgerungen gezogen: Die erste Schlussfolgerung von Toprak betrifft die Einsicht darin, dass die Bundesrepublik Deutschland faktisch eine Einwanderungsgesellschaft ist und sie sich diese Rolle aktiv annehmen und sozialpolitisch gestalten müsse. Er appelliert an die Institutionen wie Schulen oder Jugendhilfeeinrichtungen, sich interkulturell zu öffnen, indem sie ihre Leitungen davon überzeugen und sie durch Mitarbeiterschulung und gezieltes Akquirieren des Personals mit Migrationshintergrund vorantreiben sowie indem sie ihre Angebote an die sich verändernden Bevölkerungsgruppen anpassen. Toprak hält ferner die Partizipation und Expertise der Migrationsselbstorganisationen für zwingend nötig, um eine gezielte und ganzheitliche Öffnung voranzutreiben. Interkulturelle Öffnung setze zudem voraus, dass das Personal genannter Einrichtungen interkulturelle Kompetenz erwirbt. Toprak empfiehlt im Hinblick auf die konkrete Arbeit mit der Zielgruppe, dass deren Ressourcen wahrgenommen und gefördert werden. Seine weiteren Empfehlungen lauten in Überschriften: Niederschwellige Angebote und Elterntrainings, Vorurteile benennen und bekämpfen, Teilnahme am schulischen Sexualunterricht forcieren und Ausbau der Ganztagsschulen zur Förderung von Bildungsbenachteiligten.

Diskussion und Fazit

Die Typenbildung von Toprak ist überzeugend, seine Ausführungen hierzu sind sehr informativ, relativ detailliert und authentisch.

Toprak gelingt in dem vorliegenden, ausgezeichnet lesbar geschriebenen Buch anhand der vier Typen aufzuzeigen, dass die Frauen emanzipierter und selbstbewusster handeln als vielfach in der Öffentlichkeit dargestellt wird. Und zwar nicht nur hinsichtlich der Partnerwahl, sondern auch bezüglich der Geschlechterrollen und Erziehungsvorstellungen. Viele der Frauen gestalten ihren Lebensplan eigenständig trotz mancher Widerstände in der Familie und im sozialen Umfeld.

Toprak versteht es, die individuellen Sichtweisen der 23 Befragten genauso zu berücksichtigen wie sozialwissenschaftliche Erkenntnisse und die aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen in Deutschland zu den jeweiligen Themen.

Die Arbeit von Toprak bietet nicht nur sehr gute Anstöße für Diskussion über die im Buch aufgegriffenen Themen, die in den öffentlichen Debatten größtenteils undifferenziert betrachtet werden. Auch wegen seinen Schlussfolgerungen/Empfehlungen für die Politik und Pädagogik ist die vorliegende Publikation für die Politiker/innen und Sozialwissenschaftler/innen zu empfehlen. Zudem erhalten Pädagogen/innen, Fachkräfte aus Schule, Jugendhilfe und Beratungsstellen in dieser Arbeit wegweisende Informationen und Hinweise hinsichtlich der Optimierung ihrer (sozial-)pädagogischen Arbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 23.06.2014 zu: Ahmet Toprak: Türkeistämmige Mädchen in Deutschland. Erziehung - Geschlechterrollen - Sexualität. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2014. ISBN 978-3-7841-2450-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16734.php, Datum des Zugriffs 25.05.2016.


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