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Yvette Völschow (Hrsg.): Kriminologie ländlicher Räume. Eine mehrperspektivische Regionalanalyse

Cover Yvette Völschow (Hrsg.): Kriminologie ländlicher Räume. Eine mehrperspektivische Regionalanalyse. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 394 Seiten. ISBN 978-3-658-04645-3. 49,99 EUR.
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Thema

Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um eine umfängliche Kriminologische Regionalanalyse. Sie entstand mit dem Ziel einer möglichst komplexen Darstellung der Kriminalitäts- und Sicherheitslage im Landkreis Vechta. Es werden sowohl quantitative als auch qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung angewandt, um möglichst reichhaltige, vielfältige und daher auch mehrperspektivische Ergebnisse zu erzielen. Die Vielfalt der Zugangsmöglichkeiten zu einem sozialen Phänomen – hier der Kriminalitäts-und Sicherheitslage im Landkreis Vechta – ermöglicht dabei ein sehr vollständiges und reflexives Verständnis. Zudem werden die erhobenen Daten nicht lediglich zusammengetragen, sondern auch interpretiert, wodurch sich der Wert für Theorie und besonders Praxis erhöht.

Herausgeberin

Yvette Völschow ist Professorin für Sozial-und Erziehungswissenschaften am Institut für Soziale Arbeit, Bildungs-und Sportwissenschaften (ISBS) und Leiterin der Arbeitsstelle für Reflexive Personal-und Organisationsentwicklung an der Universität Vechta.

Die vorliegende Analyse umfasst zahlreiche Teilstudien, die unter der Mitwirkung mehrerer Projektbeteiligter entstanden und die jeweils als Autoren fungieren.

Die Untersuchung wurde vom Niedersächsischen Landespräventionsrat, von der Universität Vechta und dem Landkreis Vechta finanziell gefördert. Eine personelle Unterstützung erhielt die Studie durch den Landkreis, das Polizeikommissariat und die Universität Vechta.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Analyse wurde als qualifiziertes, umfassendes Lagebild der Kriminalität, der Kriminalitätsfurcht und deren Entstehungszusammenhänge im Landkreis Vechta entwickelt. Sie soll eine datenmäßige Ausgangsbasis für zielgerichtete Strategien der Prävention von Devianz und Kriminalität sowie der Furcht davor darstellen und als solche genutzt werden.

Damit wird bestimmten Standards der Qualitätssicherung beim kriminalpräventiven Handeln entsprochen, so z.B. denen des European Forum For Urban Security (EFUS) 2007 oder den Beccaria-Standards aus 2005 und beschreibt die für alle kriminal- und devianzpräventiven Bemühungen elementarsten Punkte der Problembeschreibung sowie der Analyse der Entstehungsbedingungen, d.h. eine differenzierte Erforschung und Beschreibung der Ausgangslage. Denn nur so lassen sich in einem späteren Schritt sowohl ursachen-und ressourcenorientiert als auch wirksam und messbar präventive Maßnahmen durchführen.

Zudem sollen die Besonderheiten dieser eher ländlichen Untersuchungsregion im Hinblick auf sozioökonomische Struktur und kriminologisch relevante Aussagen herausgearbeitet werden. Somit kann ein Unterschied zu Erkenntnissen aus städtischen bzw. großstädtischen Untersuchungen festgestellt werden.

Exkurs: Das Drei-Säulen-Modell einer Kriminologischen Regionalanalyse

Der Aufbau der Studie orientiert sich erfreulich stringent an dem aus der Fachliteratur schon seit längerem bekannten und der gängigen Praxis immer häufiger angewandten Grundsatz des „Drei-Säulen-Modells der Kriminologischen Regionalanalyse“.

1. Die Untersuchungsregion: hier sollen die Struktur und Gliederung des Untersuchungsgebiets sowie die Siedlungs-und Bevölkerungsstruktur und sozioökonomische Faktoren dargestellt werden. Diese Säule enthält auch differenzierte Angaben über die Gebietsfunktion und -Nutzung. Diese Säule bildet die Grundlage für regionale Vergleiche z.B. im Hinblick auf Kriminalitätsbelastung, Tatgelegenheitsstruktur und soziale Ungleichheit.

2. Die Kriminalität: die zweite Säule liefert eine differenzierte Darstellung des Kriminalitätsgeschehens im Untersuchungsbereich, d.h. die wichtigsten Ist-Stände, Veränderungen, Trends und Auffälligkeiten sowie Schwerpunkte. Von Belang sind quantitative Daten wie die registrierte Kriminalität (Hellfeld) sowie ergänzend Ergebnisse von Dunkelfeldstudien (z.B. Bürgerbefragung). Ferner kommen qualitative Methoden wie z.B. Experteninterviews in Betracht. Die Analyse der Gesamtsituation lässt Rückschlüsse auf den momentanen Bedarf nach Schwerpunktmaßnahmen zu.

3. Struktur der Kriminalitätskontrolle: hier wird der derzeitige Ist-Stand der formellen und informellen Kriminalitätskontrolle abgebildet, d.h. sämtliche Organisationen und Institutionen, die für Kriminalitätskontrolle und Prävention zuständig sind, werden zum Analysegegenstand selbst (Polizei, Jugendamt, karitative Einrichtungen, Vereine, Beratungsstellen etc.). So entsteht ein Bild der Möglichkeiten und der Grenzen des Wirkens der formellen und informellen Sozialkontrolle. Etwaige Defizite und analog Überschüsse bzw. Fehlverteilungen werden deutlich, ebenso mögliche Kooperationsmöglichkeiten betroffener Akteure.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über das Modell:

I. Untersuchungsregion

II. Kriminalität

III. Kriminalitätskontrolle

1. Regionale Gliederung

1. Registrierte Kriminalität (HF)

1. Zielsystem

2. Bebauung/ Nutzung

2.1 Gebietsfunktion (Industrie-

gebiet, Wohngebiet…)

2.2 Verkehrsstruktur (Verkehrs-

knotenpunkte, Flughäfen,

Bahnanschlüsse…)

2.3 Geographische Lage (Lage

zu Ballungsräumen, Lage

Zu Landes-/Bundesgrenzen,

ländl./städt.Charakter…)

1.1 Umfang der registr.Kriminalität

1.1.1 Eingangsstatistik

1.1.2 Ausgangsstatistik

1.1.3 Tatzeitstatistik

1.1.4 Einflüsse auf die Krimi-

nalitätsentwicklung

1.2 Beschreibung der Kriminalität

1.2.1 Gesamtkriminalität

1.2.2 Kriminalitätsstruktur

1.2.3 Kriminalitätsquotienten

1.2.4 Einzeldelikte/- bereiche

2. Polizei

2.1 Organisatorische Struktur

2.2 Strafverfolgung und

Verbrechensverhütung

2.2.1 Personalsituation

2.2.2 Techn. Ausstattung

2.2.3 Informations- und

Kommunikationssysteme

2.3 Stärke, Altersstruktur

2.4 Spezialdienststellen

2.5 Notrufe/ Funkstreifenwagen-

einsätze

3. Organisationen

Einrichtungen,

Objekte mit sicherheitsrele-

vantem bzw.Kriminalitätsbezug

1.3 Räumliche und zeitliche Ver-

teilung der Kriminalität

1.4 Sonstige tatbezogene Aspekte

1.4.1 Tatmittel

1.4.2 Schadensangaben

1.4.3 Erstrebtes/ erlangtes Gut

3.Justiz

3.1 Organisation und Stärke

3.2 Spezialisierungen

3.3 regionale Besonderheiten

(z.B. „Häuser des Jugend-

rechts“…)

4. Sozio-ökonomische Faktoren

4.1 Soziale Einrichtungen und

Faktoren

4.2 Bildungssituation

4.3 Wirtschaftliche Lage

4.3.1 Lage/ Funktion

4.3.2 Arbeitslosigkeit

2. Tatverdächtige

2.1 Gesamtzahlen

2.2 Deutsche Tatverdächtige

2.3 Nichtdeut. Tatverdächtige

2.4 Wohnort der Täter

2.5 Tätermobilität

2.6 Wiederholungstäter

2.7 Tätergemeinschaften

4. Sonstige Behörden

4.1 Örtl. zuständige Behörden

4.2 Überörtl. Zuständige

Behörden

4.3 nichtpolizeiliche Akteure

formeller Sozialkontrolle

(karitative Organisationen,

Wachdienste, soz.Dienste)

5. Bevölkerungsdaten

5.1 Einwohnerzahlen

5.2 Bevölkerungsdichte

5.3 Bevölkerungsstruktur

5.4 Ethn. Zusammensetzung

5.5 Bevölkerungsentwicklung

3. Opfer

3.1 Geschlecht

3.2 Alter

3.4 Besonderheiten (berufl.

Stellung, Behinderung…)

3. Zusammenarbeit zwischen

Behörden / Organisationen

mit Sicherheitsaufgaben

3.1 Zusammenarbeit der

Instanzen formeller und

Informeller Sozialkontrolle

3.2 Andere

6. Aspekte städtebaulicher

Kriminalprävention

6.1 Art der Wohnlagen

6.2 Zustand der Wohnanlagen

6.3 Grünflächen

6.4 Freizeiteinrichtungen

4. Ergebnisse spezieller Analysen

und Untersuchungen

(z.B. DF-Forschungsmethoden,

Experteninterviews…)

4.1 Bürgerbefragungen(Anzeige-

verhalten, Motive für Nicht-

Anzeige.)

4.1.1 Subjektive Sicherheit

(Kriminalitätsfurcht, subj.

Risikowahrnehmung, Ver-

meideverhalten…)

4.2 Täter-/Opferbefragungen

bzw. -interviews

4.3 Experteninterviews

4. Medien

4.1 Überörtliche Medien

4.2 Lokale Medien

4.3 Art der Berichterstattung

über Kriminalität

4.4 Anzahl der Berichte über

Kriminalität

Die Kriminologische Regionalanalyse bietet durch die Kombination einer Vielzahl empirischer Methoden nicht nur ein umfassendes Bild des regionalen Kriminalitätsgeschehens und dessen Kontrolle, sondern gibt auch Aufschluss über bestimmte Einflussfaktoren für die Kriminalitätsentwicklung, Entstehungszusammenhänge, die Wechselwirkung regionalspezifischer Ursachen sowie Aspekte der Kriminalökologie. Dies ermöglicht wiederum eine zielgerichtete, ressourcenorientierte Maßnahmen- und Personalplanung.

Aufbau und Inhalt

Die Vechtaer Analyse ist mehrperspektivisch angelegt und stellt im Ergebnis eine Kombination fünf verschiedener Untersuchungsstränge dar.

Zur Anwendung kommen als quantitativ-statistische Methoden zunächst in Kapitel 4 eine sehr umfangreiche Hellfelddatenanalyse der PKS (Polizeiliche Kriminalstatistik), also die offiziell registrierte Kriminalität im Landkreis Vechta(z.B. Tatzeitstatistik, Tatverdächtigenstatistik, Opferdaten u.s.w.). Die Hellfeldanalyse wird durch eine Dunkelfelduntersuchung (Kapitel 5) in Form einer Bürgerbefragung im Landkreis Vechta zum subjektiven Sicherheitsempfinden ergänzt. Hier kommen beispielsweise Fragen zu Furchtsituationen, unsicheren Orten und Zufriedenheit mit der Polizei zum Tragen. Für diese Untersuchung wurde ein teilstandardisierter Fragebogen eingesetzt, der an eine Zufälligkeitsstichprobe von insgesamt 5.633 Personen (ca. 1% der im Landkreis Vechta lebenden Bevölkerung) in 25 Untersuchungsquartieren versandt wurde. Der Rücklauf lag bei 33,5%.

Ergänzend zu den vorgenannten quantitativen Methoden wurden zwei qualitative Teilstudien durchgeführt, d.h. erstens leitfadengestützte, offene Experteninterviews zu den Themen Jugendgewalt und Prävention (Kapitel 6). Hier wurden insgesamt zwölf Fachvertreter verschiedener Institutionen wie z.B. Polizei, Schule, Sozialpädagogik, die mit dem Thema Jugendgewalt betraut sind, nach ihrer Meinung zum regionalen Präventionsangebot interviewt. In diesem Zusammenhang findet zugespitzt auf die Themen Alkoholkonsum, Gewalt und Migration und basierend auf dem Konzept des Labeling Approach eine Untersuchung bestimmter Effekte von Zuschreibung bzw. Etikettierung statt.

Zweitens wurde eine Lebensweltanalyse Jugendlicher (Kapitel 7) mit und ohne Migrationshintergrund durchgeführt. Im Mittelpunkt stand hier das Thema „Gewalterfahrungen“. Hierzu wurde sich einer Mischform aus narrativem und problemzentrierten, leitfadengestützten Interview als Untersuchungsdesign bedient. Interviewt wurden insgesamt 13 Jugendliche bzw. Heranwachsende im Alter zwischen 15 und 26 Jahren, von denen elf einen Migrationshintergrund haben. Es sollte hier insbesondere die individuelle Sichtweise der Jugendlichen mit Gewalterfahrungen und deren Konsequenzen herausgestellt werden. Ferner wurden Lebensbereiche wie z.B. Familie, Freizeitverhalten und Religion untersucht.

Diese vier Untersuchungsstränge können der im Exkurs dargelegten Säule 2 „Kriminalität“ des „Drei-Säulen-Modells der Kriminologischen Regionalanalyse“ zugeordnet werden, deren Erfordernisse durch diese Untersuchungsformen in einem sehr hohen Maß erfüllt werden.

Der Säule 3 „Struktur der Kriminalitätskontrolle“ kann schließlich der fünfte Untersuchungsstrang zugeordnet werden, in dem der Versorgungsgrad des Landkreises Vechta mit Freizeitangeboten und konkreten Präventionseinrichtungen (Kapitel 8) differenziert dargestellt wird. Diese Bestandsaufnahme konnte vermittels Fragebogen an die entsprechenden Institutionen gewährleistet werden.

Abgefragt wurden beispielsweise Institutionen aus den Bereichen Sport, Bildungsangebote/ Schule, Musik, Brauchtum und Kultur sowie religiöse Angebote. Hintergrund für die Umsetzung dieses Untersuchungsstranges ist einerseits eine Empfehlung der WHO (World Health Organization), derzufolge eine solche Bestandsaufnahme die Grundlage für die Entwicklung präventionsorientierter Maßnahmen darstellt und auch Rückschlüsse auf etwaige Bedarfe und analog Mehrfachbesetzungen zulässt.

Andererseits soll diese Bestandsaufnahme die Kooperation und Vernetzung von lokalen Akteuren der Prävention initialisieren bzw. zur gezielten Gestaltung bereits vorhandener Netzwerke und Kooperationsformen beitragen.

Die wesentlichen Ergebnisse der einzelnen Teilstudien münden in einen umfangreichen Katalog von Handlungsempfehlungen (Kapitel 9), die auf die Eindämmung bzw. Beseitigung der ermittelten Problemlagen und deren Ursachen abzielen. Es wird erneut hervorgehoben, welche Institutionen mit direkt oder indirekt präventionsorientiertem Charakter bereits vorhanden sind und inwiefern diese sich künftig programmatisch auf die ermittelten Problemlagen einstellen können, um diese sinnvoll zu beheben.

Die Bandbreite dieser Empfehlungen umfasst sämtliche aus der Kriminologie bekannten Dimensionen der Prävention, d.h. primäre, sekundäre und tertiäre Maßnahmen sowie raum-, delikts- und besonders zielgruppenbezogene Maßnahmen. Die Handlungsempfehlungen werden dabei konkret umschrieben und auf etwaige Adressaten bezogen.

Ferner ist jede Handlungsempfehlung geradezu logische Folge der Zusammenschau der Untersuchungsergebnisse, die wiederum die Begründungen bzw. Bestätigungen für die Ursachen dieser Problemlagen und analog auch für die einzusetzenden Maßnahmen liefern.

In jedem einzelnen Untersuchungsstrang tragen ergänzend umfangreiche Kartenabbildungen sowie Tabellen zur Visualisierung und der Verständlichkeit der Ergebnisse bei.

Diskussion

Mit der Untersuchung „Kriminologie ländlicher Räume – Eine mehrperspektivische Regionalanalyse“ wird den Erfordernissen vorgenannter und in der Studie selbst erwähnter Institutionen wie beispielsweise der WHO oder der EFUS aber auch Empfehlungen des Beccaria-Programms und den allgemeinen und seit langem bekannten Grundlagen der Kriminologischen Regionalanalyse Rechnung getragen. So handelt es sich hier insgesamt sowohl für sämtliche Akteure der Inneren Sicherheit des Landkreises als auch für einen objektiven Interessenten um eine äußerst transparente, nachvollziehbare und verständliche Darstellung einer hochkomplexen wissenschaftlichen Studie. Klar erkennbar wird im Grundsatz, dass die Wissenschaft schließlich den Praktikern vor Ort dienen soll.

Zahlreiche Tabellen, Abbildungen sowie kartografische Darstellungen geben stets Aufschluss über die Einzelergebnisse und veranschaulichen diese somit.

Für jede Teilstudie bzw. jede darin angewandte empirische Methode erfolgt eine Begründung im Hinblick auf den Sinn, den Nutzen und das Ziel. Dabei wird jede Methode kritisch in Bezug auf ihre Vor- und Nachteile, besonders im Hinblick auf den jeweiligen Untersuchungsgegenstand, dargelegt.

Sämtliche Feststellungen werden darüber hinaus in einen kriminologisch-theoretischen Hintergrund eingebettet, bzw. finden die Feststellungen ihre möglichen Begründungen in gängigen kriminalitätstheoretischen bzw. soziologischen Erklärungsansätzen, was wiederum Perspektiven der Prävention aufzeigt. Jede Teilstudie mündet zudem als Einzelzusammenfassung in einer Art Zwischenfazit mit Annahmen über den Ausblick.

DieUntersuchungsregion, d.h. die Säule 1, und hier in Kapitel 3 insbesondere der sozioökonomische Status wird sehr detailliert beschrieben und teils werden auch Kausalzusammenhänge zum örtlichen Kriminalitätsaufkommen hergestellt. Zudem liefern die Erkenntnisse der Beschreibung der Untersuchungsregion in Zusammenschau mit den Erkenntnissen beispielsweise der quantitativen Erkenntnisse Hinweise über lokale Deliktshäufigkeiten und Belastungen. Auch die Ergebnisse der Bestandsaufnahme präventiver Einrichtungen (Kapitel 9) lassen Rückschlüsse auf die Beschreibung der Untersuchungsregion zu. Außerdem wird die Untersuchungsregion vielfach in Form themenspezifischer Landkarten verbildlicht. Insofern wäre es m.E. zu diskutieren, ob die Studie nicht als auf sechs Untersuchungssträngen basierend bewertet wird.

In diesem Zusammenhang wären allerdings die hier unter „Untersuchungsregion“ aufgeführten Präventionsräte bzw. Sozialen Einrichtungen sowie Einrichtungen und Objekte mit Sicherheitsrelevanz bzw. Kriminalitätsbezug (z.B. JVAen) m.E. eher als Erweiterung des fünften Untersuchungsstrangs zuzuordnen. Ergänzend hierzu böte sich auch eine differenzierte Beschreibung der Versorgung und Erreichbarkeit der für den Landkreis zuständigen Polizeibehörde/-n an.

Besonders hervorzuheben ist das aus der Analyse resultierende internetfähige Geoinformationssystem (WebGIS), das kartografisch die bedeutendsten polizeilichen Hellfelddaten, die Ergebnisse der Bürgerbefragung sowie die Übersicht über die Präventions- und Freizeitangebote darstellt. Dies gewährleistet dem Interessenten nicht nur einen schnelleren und gezielteren visualisierten Überblick, sondern lässt auch Handlungsbedarf erkennen und bietet ferner eine Grundlage für Vernetzungsbestrebungen zuständiger Akteure der Prävention und auch der Repression.

Zur Vervollständigung und Nachvollziehbarkeit für den Leser wären das Muster des Bürgerfragebogens bzw. der der Bestandsaufnahme der Präventions- und Freizeiteinrichtungen im Landkreis Vechta in Form einer Anlage hilfreich gewesen.

Es ist empfehlenswert, in fünf bis sieben Jahren eine Folgestudie zu erstellen, wenn eine derartige Analysen den Anspruch erhebt, ein wirksames Mittel zur Kriminalitätskontrolle zu sein, eingedenk der zeitlich langen Dauer, bis sich tatsächlich messbare Erfolge in der Präventionsarbeit einstellen. Dabei müsste z.B. überprüft werden, welche der Handlungsempfehlungen in welchem Ausmaß auch tatsächlich umgesetzt werden bzw. wurden. Jedoch sollten dann bei jeder Maßnahmenplanung und – Umsetzung die Grundsätze des Projektmanagements zur Anwendung kommen. Nur so können in einem späteren Schritt Aussagen über Effizienz und Effektivität der Maßnahmen getroffen werden.

Um also gesellschaftliche, politische und die Kriminalität betreffende Entwicklungsprozesse und nicht zuletzt auch die Wirkungen etwaiger Präventionsmaßnahmen evaluieren zu können, muss eine derartige Kriminologische Regionalanalyse auf eine fortzuschreibende Dokumentation ausgelegt sein.

Fazit

Mit der Untersuchung „Kriminologie ländlicher Räume – Eine mehrperspektivische Regionalanalyse“ liegt ein beispielhaftes Werk für Untersuchungen im Bereich Grundlagenforschung bzgl. Prävention von Kriminalität und Devianz vor. Sie wird den theoretischen Erfordernissen einer Kriminologischen Regionalanalyse im Hinblick auf die praktische Anwendbarkeit in vollem Maße gerecht.

Daher unterscheidet sie sich in ihrer Qualität und Anwendbarkeit von zahlreichen ähnlichen Studien, die allerdings lediglich eine Zusammenstellung von wenigen Daten beinhalten, die zudem nur mit wenigen quantitativen Methoden erhoben wurden.

Es handelt sich hier um eine Studie, die für alle relevant ist, die mit direkten oder indirekten Präventionsaufgaben im Landkreis Vechta betraut sind. Ihre Inhalte dürften dazu führen, dass das Thema Prävention wieder stärker ins Bewusstsein rückt. Dies bezieht sich besonders auf Akteure, deren Tätigkeit möglicherweise nur „nebenbei“ Präventiveffekte aufweist (z.B. im Bereich Sport) und die gemäß Erkenntnissen der Studie gezielt fortentwickelt werden können.

Sie verweist aber auch wieder einmal auf die profane Erkenntnis, dass nicht nur Verantwortliche aus den Bereichen Politik, Schule, Polizei u.s.w. die erkannten Problemlagen lösen können, sondern auch darauf, dass letztlich jeder einzelne im Rahmen seiner persönlichen Möglichkeiten dazu beitragen kann, sein Lebensumfeld lebenswert(er) und damit auch sicherer zu gestalten.

Die Studie zeigt auf Basis komplexer empirischer Befunde zielgerichtete Möglichkeiten auf, regionalen Problemlagen wirkungsvoll zu begegnen. Daher ist sie zukunftsorientiert und auf Nachhaltigkeit ausgelegt. Es dürfte nun an den handelnden und verantwortlichen Akteuren liegen, inwiefern die aufgezeigten Chancen genutzt werden.

Für den Landkreis Vechta ist die Untersuchung „Kriminologie ländlicher Räume – Eine mehrperspektivische Regionalanalyse“ in sozialwissenschaftlicher, kriminologischer und besonders in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht ein Gewinn.


Rezensentin
Sybille Becker-Oehm
M.A.
Kriminaloberkommissarin, Kriminologin Landesinstitut für Präventives Handeln/Saarland
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Zitiervorschlag
Sybille Becker-Oehm. Rezension vom 09.03.2015 zu: Yvette Völschow (Hrsg.): Kriminologie ländlicher Räume. Eine mehrperspektivische Regionalanalyse. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04645-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16772.php, Datum des Zugriffs 27.03.2017.


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