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Hartmut Sautter (Hrsg.): Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung

Cover Hartmut Sautter (Hrsg.): Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Neue Wege durch die Schule. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. 271 Seiten. ISBN 978-3-17-021808-6. 29,80 EUR.

Reihe: Schulpädagogik.
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Thema

Kinder und Jugendliche mit autistischem Verhalten sind in allen Schularten von der allgemeinen Schule bis zur Sonderschulen zu finden. Immer mehr Lehrerinnen und Lehrer sind mit dieser Tatsache konfrontiert. Das Buch stellt verschiedene Blickwinkel vor, um Mut zu machen, sich mit Interesse und Engagement auf Schülerinnen und Schüler mit Autismus einzulassen. Es möchte Wissen vermitteln, welches die Pädagoginnen und Pädagogen in die Lage versetzt, Menschen aus dem autistischen Spektrum besser zu verstehen und mit dem notwendigen Handwerkszeug für den Unterrichtsalltag ausgestattet zu sein.

Autor

Herausgegeben haben das Buch Dr. Hartmut Sautter, Dipl. Päd. Katja Schwarz und Prof. Dr. Rainer Trost. Sie forschen und lehren an der Fakultät für Sonderpädagogik der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

Aufbau und Inhalt

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Aufsatzsammlung, die sich auf 271 Seiten in vier Kapiteln gliedert. Die Überschriften der jeweiligen Aufsätze wiederholen sich am oberen Seitenrand, was die Lesbarkeit erleichtert. Überschriften, Aufzählungen sowie Diagramme und Übersichten lockern die Texte auf.

  1. Kinder und Jugendliche mit Autismus verstehen und begleiten
  2. Biografisch orientierte Sichtweisen und Perspektiven
  3. Schulische Förderung und Unterrichtskonzepte
  4. Zur schulischen Integration
  5. Zum Übergang Schule – Beruf

Kapitel I Kinder und Jugendliche mit Autismus verstehen und begleiten. Hartmut Sautter befasst sich mit zwei Sichten in der Begleitung von Menschen mit Autismus: der Außensicht und der Innensicht. Es folgt ein Aufsatz von Dietmar Zöller & Marlies Zöller, die beleuchten, warum Autisten Bücher schreiben und welchen Beitrag diese Bücher für ein besseres Verständnis der autistischen Problematik leisten können. Neben eigenen Betrachtungen werden O-Töne von Betroffenen zitiert. Brita Schirmer betrachtet einen Aspekt sonderpädagogischer Förderung, nämlich wie es gelingt, dass Schülerinnen und Schüler mit Autismus-Spektrum-Störung Beziehungen zu Mitschülern aufbauen und gestalten können. Dieses Kapitel endet mit einem Artikel von Dagmar Hoehne, die das Kompetenznetzwerk Oberschwaben und die Entwicklung einer psychosozialen Versorgungslandschaft vorstellt.

Kapitel II Biografisch orientierte Sichtweisen und Perspektiven. Es beginnt mit Christine Preißmann, die eine ideale Schule für Kinder und Jugendliche mit Autismus aus ihrer Sicht beschreibt. Peter Schmidt reflektiert seine eigene Schulzeit in Hinblick auf das, was eine autistenfreundliche Schule braucht. Axel Brauns hatte Glück in seiner Schulzeit und Dietmar Zöller erinnert sich, wie es ihm in der Schule erging. Zwei Mütter Helga Braun-Habscheid & Barbara Hummel schreiben im Rückblick über hilfreiche Aspekte sowie Stolpersteine in der Schulzeit ihrer autistischen Kinder.

Kapitel III Schulische Förderung und Unterrichtskonzepte. Rainer Trost stellt Ergebnisse des Forschungsprojekts „Hilfen für Menschen mit autistischem Verhalten“ in Bezug auf ein Konzept zur schulischen Förderung von Kindern und Jugendlichen aus dem autistischen Spektrum vor. Nicole Schuster bennent Lösungsansätze für die Schulpraxis, die Autismus als Herausforderung wahrnimmt. Im Artikel von Matthias Hall & Michael Wieland steht die schulische Förderung autistischer Kinder und Jugendlicher in allgemeinen Schulen und Sonderschulen im Mittelpunkt. Susanne Rabe berichtet von dem Schulkonzept des strukturierten Lernen nach dem TEACCH-Ansatz und stellt dabei die Frage, ob es sich dabei um eine pädagogische Einengung oder notwendiges Gerüst für schulisches Lernen von Schülerinnen und Schülern mit Autismus-Spektrum-Störung handelt. Klaus-Peter Böhringer & Liane Sawall berichten über die Förderung der Teilhabe von Schülerinnen und Schülern mit autistischem Verhalten am Unterricht. Das Kapitel endet mit einem Artikel von Theo Klauß zur gestützte Kommunikation (FC) im schulischen Kontext.

Kapitel IV Zur schulischen Integration. Die Autoren Roland Götzinger, Gudrun Richter, Markus Scheidle, Rosemarie Scheidle & Barbara Wittmann beschreiben Wege der integrativen Beschulung eines Jungen mit frühkindlichem Autismus an einem Gymnasium – aus Sicht des Betroffenen, der Mutter, der Schulbegleiterin, des Schulleiters und der Autismusbeauftragten. Sibylle Rehm-Haug & Bruno Tieck betrachten Voraussetzungen einer erfolgreichen schulischen Eingliederung von Schülerinnen und Schülern mit Autismus-Spektrum-Störung. Katja Schwarz nennt vor dem Hintergrund juristischer Gegebenheiten differenziert die Möglichkeiten und Wege der Beantragung einer Schulbegleitung für Schülerinnen und Schüler mit autistischem Verhalten auf. Silvia Großmann-Tippelt berichtet aus der Praxis einer Schulbegleitung und das Kapitel endet mit dem Erfahrungsbericht von Christine Preißmann, die aufgrund ihres Asperger Autismus in der Schule Mobbingerfahrungen gemacht hat.

Kapitel V Zum Übergang Schule – Beruf. Katja Frank zeigt beispielhaft Möglichkeiten eines erweiterten Unterrichtsangebotes für 6 Schülerinnen und Schüler schon während der Schulzeit auf, Dale Göbel stellt tagesstrukturierende Maßnahmen zur Unterstützung persönlicher Sicherheit und Stabilität vor und Gabriela Oess-Rühl beschreibt Wege und Hindernisse eines Jugendlichen mit Autismus bei der Integration in die Werkstatt. Ursula Schmid beschreibt am Beispiel von Aron W., wie der Übergang Schule – Beruf für junge Erwachsene mit autistischen Verhaltensweisen aus Sicht einer Werkstatt für behinderte Menschen gestalten werden sollte. Das Buch endet mit dem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Es geht um die Suche nach Antworten auf folgende Fragen: wie können „Schulen diesem besonderen Personenkreis gerecht werden und ihm angemessene Hilfen und Unterstützung bieten? Welche Ansätze haben sich hierfür in der Praxis bewährt? Welche Konzepte eröffnen neue Wege?“ (S. 10). Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Fachtagung, die im Jahr 2010 zweimal aufgrund der großen Nachfrage unter dem Titel „Kinder und Jugendliche mit autistischem Verhalten, neue Wege durch die Schule“ an der Evangelischen Akademie Bad Boll stattfand. Mit dem Abdruck der Tagungsbeiträge wird ein umfassender Überblick der verschiedenen Perspektiven (aus professioneller Sicht, aus Sicht von Betroffenen und von Angehörigen) gegeben. Hartmut Sautter legt mit seinem Beitrag die Grundlage: Er greift darin die Diskrepanz zwischen einer Außensicht und einer­ Innensicht als zentrale Problematik auf und zeigt anhand zahlreicher Beispiele, dass es nicht selten ist, dass das Verhalten von Menschen aus dem Autismusspektrum aus einer unwissenden Außensicht falsch interpretiert wird, was zu vielerlei Missverständnissen und Fehlinterpretationen führt. Nicht selten hat der Betroffene das Nachsehen und negative Konsequenzen zu schultern. Die Aussagen von Sautter sind äußerst wichtig und man sollten sie sich immer wieder vergegenwärtigen, wenn man es mit Menschen aus dem autistischen Spektrum zu tun hat. Die Praxis zeigt leider noch sehr häufig, dass es nicht selten zu Mißverständnissen und falschen Interpretationen kommt, die soziale Interaktionen erschweren. Davon handeln auch die vorgestellten biografischen Beispiele. Solche Tagungen sind wichtig, denn sie schärfen das Bewusstsein für die Probleme, aber auch für Möglichkeiten. Die Begleitung und Förderung dieses Personenkreises ist eine gesellschaftliche Aufgabe und geht alle Beteiligten an.

Fazit

Das Buch ist die Sammlung von Manuskripten, die von zwei aufeinanderfolgenden Fachtagungen im Jahr 2010 in Bad Boll stammen. Die zahlreichen Beiträge geben dem Leser aus verschiedenen Perspektiven einen umfassenden Überblick auf theoretischer und praktischer Ebene. Neben Forschungsergebnissen und biografischen Beiträgen werden erfolgreiche praxisnahe Konzepte vorgestellt und reflektiert. Sie geben Anregungen und stellen Handwerkszeug für die unterrichtliche Praxis in der Schule und beim Übergang Schule-Beruf zur Verfügung. Die Themen sind auch nach vier Jahren noch äußerst aktuell, sodass die Anschaffung des Buches auf jeden Fall empfohlen werden kann.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 15.05.2014 zu: Hartmut Sautter (Hrsg.): Kinder und Jugendliche mit Autismus-Spektrum-Störung. Neue Wege durch die Schule. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-17-021808-6. Reihe: Schulpädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16787.php, Datum des Zugriffs 04.12.2016.


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