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Joachim Döbler, Dawn B. Judd (Hrsg.): Dementia. European Social Care Perspectives

Cover Joachim Döbler, Dawn B. Judd (Hrsg.): Dementia. European Social Care Perspectives. Ostfalia University of Applied Sciences, Faculty of Social Work (Wolfenbüttel) 2014. 240 Seiten. ISBN 978-3-00-044055-7. D: 12,40 EUR, A: 12,80 EUR, CH: 18,50 sFr.

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Thema

Man schätzt, dass es 2050 weltweit 115 Millionen Menschen mit Demenz geben wird. Das vorliegende Buch enthält englischsprachige Beiträge aus Deutschland, Portugal, Schweden und Großbritannien und gibt Einblicke in die Art und Weise, wie die Versorgung von Menschen mit Demen in verschiedenen EU Ländern organisiert und weiterentwickelt wird.

AutorInnen

Die Beiträge stammen von Forschern und forschenden Praktikern aus unterschiedlichen Fachdisziplinen (Gerontologie, Psychologie, Soziologie, Soziale Arbeit, Pflege und Psychiatrie).

Aufbau

Das Buch enthält nach einer ausführlichen Einleitung zunächst umfangreiches epidemiologisches Datenmaterial aus ganz Europa. Im Anschluss wird die Versorgung Demenzkranker in Portugal mit ihren aktuellen Herausforderungen thematisiert.

Es folgt ein Kapitel aus Großbritannien, das sich mit der Entwicklung Demenzfreundlicher Städte und dem Wohnungsbau für Menschen mit Demenz befasst.

Zwei weitere Kapitel widmen sich aus britischer und deutscher Perspektive den Menschen geistigen und Lernbehinderungen und Demenz.

Den Abschluss bilden Ausführungen über die Anforderungen an persönliche Assistenten für Menschen mit Demenz und über schwedische Gartenaktivitäten mit Demenzkranken.

Inhalt

Zwischen 1990 und 2010 hat sich der Prozentsatz der über 65Jährigen in der EU von 3,7% auf 17,4% erhöht, bis 2060 erwartet man einen Anstieg auf ca. 30%. Männer haben zwar eine kürzere Lebenserwartung als Frauen, zitiert werden im ersten Kapitel jedoch Studien, dass sie im Alter prozentual größere Anteile ihrer Lebenserwartung bei relativ guter Gesundheit verbringen. Demenz wird inzwischen weltweit als eine der größten Herausforderungen für das Gesundheitssystem beschrieben, 2050 wird es weltweit etwa 115 Millionen Demenzkranke geben. In Deutschland rechnet man dann mit 2,6 Millionen Menschen mit Demenz. Zugleich wird hier nur jeder dritte ältere Mensch in Zukunft auf ein traditionelles familiäres Unterstützungsnetz zurückgreifen können. Dies stellt nicht nur eine große Herausforderung für die direkte berufliche Arbeit mit Demenzkranken dar, sondern stellt die ganze Gesellschaft vor neue Herausforderungen. In Ländern mit hohem Einkommen bilden derzeit die Kosten der professionellen Betreuung Demenzkranker (institutionelle Unterbringung, Pflegeleistungen) den größten Anteil an den Gesamtkosten, während in Ländern mit niedrigem Einkommen die informellen, familiären und ehrenamtlichen Belastungen den Großteil der Gesamtaufwendungen ausmachen.

Das portugiesische Kapitel macht deutlich, dass insbesondere in ländlichen Regionen noch erhebliche Herausforderungen bestehen und dass es trotz des portugiesischen Beitrittes zum Alzheimer Europe Projekt vielerorts an der Implementierung adäquater und erreichbarer Unterstützungssysteme mangelt.

Der britische Beitrag zur Entwicklung demenzfreundlicher Städte und Quartiere gibt die Ergebnisse verschiedener Forschungs- und Entwicklungsprojekte wieder, die teilweise unter Beteiligung der Zielgruppe entstanden: Hierbei geht es um bauliche und soziale Veränderungen, die es ermöglichen, dass Demenzkranke sich sowohl in ihrer Wohnung wohlfühlen, als auch verhältnismäßig sicher am öffentlichen Leben teilhaben können. Aus der Fülle der Vorschläge sei hier exemplarisch die Radwegeplanung (abgegrenzt von ausreichend breiten Gehwegen), die Schulung unterschiedlichster Berufsgruppen und die Helligkeit von Wohnbereichen (ältere Menschen brauchen im Vergleich zu Jüngeren 3-5 x so viel Licht) genannt. Jedoch besteht insgesamt in diesem Bereich noch erheblicher Forschungsbedarf.

In den folgenden Beiträgen werden besondere Herausforderungen an die Unterstützung von Menschen mit Down Syndrom und Demenz herausgearbeitet. Besonders die deutschen Behinderteneinrichtungen sind noch nicht ausreichend auf die Diagnostik und den Umgang mit demenzkranken Behinderten vorbereitet. Es bedarf deutschsprachiger Screening-Instrumente und angepasster Hilfepläne, sowie weiterer Praxis-Forschungsprojekte.

Im Kapitel über die persönlichen Assistenten für Menschen mit Demenz arbeitet Joachim Döbler aus soziologischer Perspektive heraus, wie Menschen mit Demenz ihre Fähigkeit zur Symbolisation verlieren und insbesondere in sozialen Situationen die notwendigen Aushandlungsprozesse nicht mehr vollziehen können, die für geteilte Bedeutungen und stimmige Interaktionen notwendig sind. Ihnen entgleitet ihre biografisch gewachsene Identität und sie verlieren die Fähigkeit, Emotionen in sozial erwünschter Weise zu regulieren. So werden an persönliche Assistenten sehr hohe Anforderungen gestellt: Sie müssten respektvoll und tolerant sowie in hohem Maße in der Lage sein, sich selbst zu reflektieren und die eigenen Reaktionen flexibel zu regulieren, zugleich im positiven paternalistischen Sinne für Verlässlichkeit, Sicherheit und emotionale Aufmerksamkeit sorgen. Darüber hinaus agieren sie in einem komplexen Beziehungsgeflecht mit Betroffenen, ihren Angehörigen, anderen Berufsgruppen und Ehrenamtlichen. Der Autor hat eine Studie mit 121 AbsolventInnen (83% Frauen) eines (vermutlich überdurchschnittlichen) Qualifizierungsprogramms, die in der Regel zuvor arbeitslos waren, durchgeführt und kommt zu einer ersten insgesamt recht positiven Bewertung mit offenen weiteren Forschungsfragen.

Abschließend werden landschaftsarchitektonische, ergotherapeutische und psychologische Aspekte der „Social therapeutic horticulture“, der Gartengestaltung für Menschen nach Verletzungen und für Menschen mit Demenz thematisiert und systematische Beobachtungen in 5 Gartenanlagen in Schweden ausgewertet.

Diskussion

Das Buch macht auf die großen Herausforderungen in Europa im Zusammenhang mit der menschenwürdigen Versorgung Demenzkranker aufmerksam und zeigt zugleich, dass Unterstützungssysteme und Forschungsinitiativen in unterschiedlichen europäischen Ländern und zwischen ländlichen und städtischen Regionen stark differieren. Der Beitrag aus Portugal ist in sich etwas widersprüchlich, der Beitrag zu den demenzfreundlichen Quartieren hätte die unterschiedlichen Studienergebnisse noch etwas besser integrieren können, um Wiederholungen zu vermeiden. Besonders interessant erschien mir (als Hochschullehrerin) der Beitrag des Mitherausgebers Joachim Döbler, der die Qualifikationsbedarfe für persönliche Assistenten Demenzkranker sehr differenziert herausarbeitet und auf die hohen, jedoch nicht flächendeckend umgesetzten Anforderungen an das Aus- und Weiterbildungssystem hinweist. Hier bedarf es meiner Auffassung nach innovativer Curricula und Lehr-Lernmethoden.

Fazit

Es handelt sich um ein englischsprachiges Fachbuch mit unterschiedlichen Beiträgen aus vier europäischen Ländern, das die Versorgung von Menschen mit Demenz als ganzheitliche gesellschaftliche Aufgabe thematisiert. Für gerontologische Forscher und an der Weiterentwicklung interessierte Praktiker finden sich in den einzelnen Beiträgen interessante und aktuelle Anregungen, weiterführende Informationsquellen und viel Datenmaterial.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus - Senftenberg, Campus Cottbus Sachsendorf
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 04.08.2014 zu: Joachim Döbler, Dawn B. Judd (Hrsg.): Dementia. European Social Care Perspectives. Ostfalia University of Applied Sciences, Faculty of Social Work (Wolfenbüttel) 2014. ISBN 978-3-00-044055-7. Preis plus Versandkosten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16810.php, Datum des Zugriffs 26.03.2017.


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