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Ulrich Heimlich, Stephanie Lutz u.a.: Ratgeber Förderdiagnostik

Cover Ulrich Heimlich, Stephanie Lutz, Kathrin Wilfert de Icaza: Ratgeber Förderdiagnostik. Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Förderschwerpunkt Lernen ; [sonderpädagogische Förderung ; 1. bis 9. Klasse]. Persen Verlag (Hamburg) 2013. 140 Seiten. ISBN 978-3-403-23297-1. D: 23,90 EUR, A: 23,90 EUR, CH: 36,50 sFr.

Reihe: Bergedorfer® Grundsteine Schulalltag.
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Thema

Die Publikation befasst sich mit der Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen. Der Ratgeber hat die Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur neunten Klasse im Blick.

AutorInnen

Ulrich Heimlich ist Inhaber des Lehrstuhls Lernbehindertenpädagogik am Department Pädagogik und Rehabilitation der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1989 wurde seine 1987 bei der Universität Dortmund eingereichten Dissertation – Soziale Benachteiligung und Spiel – Ansätze einer sozialökologischen Spieltheorie und ihre Bedeutung für die Spielforschung und Spielpädagogik bei sozial benachteiligten Kindern – veröffentlicht.

Stephanie Lutz ist am vorgenannten Lehrstuhl als Studienrätin im Förderschuldienst tätig.

Kathrin Wilfert des Icaza ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl Lernbehindertenpädagogik in München. Sie ist zudem abgeordnete Lehrkraft für das Begleitforschungsprojekt Inklusive Schulen (BIS). Sie wurde mit einer empirischen Arbeit zur schulischen Integration Behinderter in Deutschland und Spanien promoviert.

Entstehungshintergrund

Die zu besprechende Veröffentlichung basiert auf verschiedenen Handreichungen zur Förderdiagnostik und Förderplanung im Förderschwerpunkt Lernen und baut auf dem 2005 publizierten Band zur Diagnose und Förderung im Förderschwerpunkt Lernen (Heimlich/März/Lotter 2005) auf.

Aufbau

Nach dem einführenden Vorwort gliedert sich der Ratgeber in:

  1. Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Förderschwerpunkt Lernen
  2. Methoden der Förderdiagnostik
  3. Fördergutachten
  4. Methoden schulischer Beratung

Der Anhang umfasst

  1. einen Leitfaden zum sonderpädagogischen Fördergutachten;
  2. eine Kopiervorlage des Beobachtungsprotokolls
  3. eine Kopiervorlage des Gesprächsprotokolls.

Inhalt

Die Sonderpädagogik verändert sich und mit ihr verändert sich auch die Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Förderschwerpunkt Lernen, womit die Weiterentwicklung der sonderpädagogischen Diagnostik erforderlich wird. Bei der sonderpädagogischen Diagnostik wendet sich der Blick immer mehr von der traditionellen Überweisungsdiagnostik ab und führt hin zu einer individualisierten Förderdiagnostik. Für den Förderschwerpunkt Lernen lassen sich Überschneidungen zu sozialen, emotionalen und sprachlichen Problemen konstatieren. Dieser letztgenannte Umstand führt weg von einem engen Fachrichtungsdenken und macht den Weg frei zur Beschreibung des individuellen Förderbedarfs, der eine Kompetenzorientierung nach sich zieht. Die Zielsetzung der sonderpädagogischen Diagnostik liegt auf der Entwicklung von Fördermaßnahmen. Die sonderpädagogische Diagnostik ist in diesem Sinne zentraler Bestandteil der sonderpädagogischen Förderung. „Förderdiagnostik im Förderschwerpunkt Lernen ist in der Hauptsache eine gute Schulleistungsdiagnostik, deren Ergebnisse die Ableitung von direkten Fördermaßnahmen im Lesen, Schreiben und Rechnen erlauben“ (S. 8).

Mit dem Blick auf die Inklusion wird eine Modifizierung der Richtlinien der allgemeinen Schule gefordert, damit eine individuelle Förderung der als lernförderungsbedürftigen Schülerinnen und Schüler gewährleistet ist.

Die zugrundeliegende Lerntheorie geht auf Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zurück und beschreibt Lernen als einen aktiven Interaktionsprozess mit der sozialen Umwelt. Lerngegenstände werden in einem ko-konstruktiven Akt produziert und für die Genese einer Lernbehinderung oder -störung werden Probleme des Lernens verantwortlich gemacht, die auf dem sozialen Kontext beruhen.

Die moderne Hirnforschung führt aus, dass das menschliche Gehirn immer zum Lernen bereit ist. „Lernen ist ein aktiver Vorgang, eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt“ (S. 9). Das Vorgenannte setzt vielfältige Umwelterfahrungen voraus.

Für die Entstehung von Lernschwierigkeiten sind kumulative Lernprozesse bedeutsam. Das Vorwissen ist ein wesentlicher Bestandteil für den Schulleistungserfolg.

Für die Diagnose im Förderschwerpunkt Lernen erscheint den Autorinnen und dem Autor folgend eine kognitiv orientierte Förderdiagnostik unabdingbar. „Ebenso erforderlich ist ein diagnostischer Blick auf die sensomotorischen, sozialen, emotionalen und sprachlichen Einflussfaktoren. […] Wir benötigen eine individualisierte Förderdiagnostik im Förderschwerpunkt Lernen, die uns die Grundlage für eine intensive sonderpädagogische Förderung an unterschiedlichen Förderorten im gesamten Bildungs- und Erziehungssystem liefert“ (S. 10).

Bei der Förderdiagnostik im Förderschwerpunkt Lernen beziehen sich die Autorinnen und der Autor auf die von Alfred Sander konzipierte Kind-Umfeld-Analyse.

Methodisch wird die wissenschaftlich fundierte Beobachtung und das ebenfalls wissenschaftlich fundierte Gespräch favorisiert. Es soll der aktuelle Entwicklungsstand festgestellt und der „Zone der nächsten Entwicklung“ zugeführt werden.

Bezüglich der Testgütekriterien wird, da es sich bei der Förderdiagnostik um qualitative Diagnostikmodelle handelt, auf die aus der quantitativ orientierten Psychodiagnostik stammenden Kriterien Objektivität, Releabilität und Validität verzichtet.

In den der Diagnostik folgenden Fördergutachten werden, neben den traditionellen Bestandteilen, begründete Annahmen über wichtige sonderpädagogische Förderungsaspekte aufgeführt. Zu bedenken ist das immer auch die allgemeine Schule der geeignete Förderort sein kann. Die förderdiagnostische Praxis ist ein Prozess der Lernbegleitung.

Das Fördergutachten und der Förderplan sind die Grundlagen für die Förderung eines jeden Schülers oder einer jeden Schülerin an unterschiedlichen Förderorten.

Zu den Methoden der Förderdiagnostik werden die auf Alfred Sander beruhende Kind-Umfeld-Analyse, die Fehleranalyse, die Beobachtung, die förderdiagnostischen Tests (zur Diagnose sprachlicher-, schriftsprachlicher-, mathematischer-, kognitiver-, sensomotorischer- und sozial-emotionaler Kompetenzen) und das diagnostische Gespräch herangezogen, wobei hier differenziert wird zwischen dem diagnostischen Elterngespräch, dem explorativen Gespräch mit Kindern und Jugendlichen und dem explorativen Lehrergespräch.

Für die Förderempfehlung gilt es nun ein sonderpädagogisches Fördergutachten zu erstellen. Eine derartige Begutachtung hat für den weiteren Bildungsgang der Kinder und Jugendlichen eine herausragende Bedeutung.

Das Ziel des sonderpädagogischen Fördergutachtens ist die Feststellung der Lern- und Entwicklungsvoraussetzungen von Kindern und Jugendlichen. Der vorgenannten Feststellung folgen die Förderungsempfehlungen. Das sonderpädagogische Gutachten ist eine Zwischenbilanz zur aktuellen Lebens- und Lernsituation.

Sonderpädagogische Fördergutachten haben eine präventive Funktion. Sie können der Inklusion dienlich oder die Basis für die Förderung in der Förderschule sein. Bestandteile der sonderpädagogischen Fördergutachten sind:

  • der Untersuchungsanlass
  • die Vorgeschichte
  • die Untersuchungsplanung
  • die Untersuchungsdurchführung
  • die Untersuchungsergebnisse
  • die Interpretation der Untersuchungsergebnisse
  • letztlich die Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung.

Die sonderpädagogischen Fördergutachten sollen im günstigsten Fall von wenigstens zwei sonderpädagogischen Expertinnen oder Experten, in Form von Förderdiagnostik-Teams, durchgeführt werden.

Bei der Gesprächsführung verweisen die Autorinnen und der Autor auf die Erkenntnisse der Kommunikationstheorie und der Gesprächspsychotherapie. Hinsichtlich der Grundhaltung eines Beratenden ist das Konzept Carl Rogers´ zu empfehlen. „Anhand einer Zielformulierung und der Bestimmung lösungsrelevanter Ressourcen begleitet der Berater den Ratsuchenden bei der Lösungsfindung, indem er mit ihm zusammen einzelne Lösungsschritte entwickelt“ (S. 125).

Zu den Methoden schulischer Beratung werden näher ausgeführt:

  • die Wertschätzung
  • die Empathie
  • die Kongruenz
  • die Betonung der Ressourcen
  • die Kontextberücksichtigung
  • die Lösungsorientierung.

Als Gesprächstechniken werden diskutiert:

  • das aktive Zuhören
  • die zusammenfassende Absicherung
  • das gezielte Fragen in Richtung Lösungsfindung.

Zu den Basisfertigkeiten des Beraters zählen, die näher ausgeführten Fertigkeiten:

  • des Organisierens
  • des Verstehens
  • des Leitens
  • des Klärens der Beziehung.

Bei der kooperativen Beratung handelt es sich um ineinander verwobene Ansätze der personenzentrierten, systemischen und kommunikationstheoretischen Psychologie. Kooperative Beratungen laufen phasenartig ab, wobei die einzelnen Phasen flexibel durchlaufen werden können. Die Verfasserinnen und der Verfasser schlagen folgenden, näher beleuchteten, Ablaufplan vor:

  • Einführung
  • Problem- und Ressourcenbeschreibung
  • Perspektivenwechsel
  • Situationsanalyse
  • Zielbestimmung
  • Lösungsfindung
  • Entscheidungsfindung
  • Umsetzungsvorbereitung
  • mit- und nachgehende Begleitung.

Gespräche mit Kindern und Jugendlichen gehen von der Grundannahme eines humanistischen Menschenbildes aus. Hierbei wird Reflexivität, Rationalität, Emotionalität, Kommunikations- und Handlungskompetenz vorausgesetzt. Zu beachten sind grundlegende Aspekte, die für die Altersstufen bis ca. 8 Jahren, von ca. 8-12 Jahren und ab ca. 12 Jahren definiert werden. Auch in diesem Abschnitt wird die Gesprächsstruktur klarer umrissen – und das ist:

  • die Gesprächsvorbereitung
  • die Gesprächseinführung
  • die Eingangsfrage
  • der Gesprächsinhalt
  • die Gesprächsabrundung.

Diskussion

Auf Seite 8 wird ausgeführt das Schwierigkeiten des Lernens u. a. mit der bisherigen Förderung einhergehen. Hierzu sei auf den diesbezüglichen Beitrag Wallons (1973, 154) verwiesen: „Die Schule fordert […] eine auf Kommando auszuführende Mobilisierung der intellektuellen Tätigkeiten in Richtung auf die durch Abfolge und Willkür verschiedenen Gegenstände. Mit dieser Erlaubnis hat […] (sie – CR) oft Missbrauch getrieben. Die gestellten Aufgaben müssen das Kind mehr oder weniger von seinen spontanen Interessen loslösen. Allzu häufig erreichen diese Aufgaben bei ihm nur eine erzwungene Anstrengung, eine künstliche Aufmerksamkeit oder eine wirkliche intellektuelle Schläfrigkeit. In sehr vielen Fällen sind das Übungen, deren Nutzen man erst auf lange Sicht und nicht während des Übungsvorganges erkennen kann. Daher schien es notwendig, die Aktivität durch zusätzliche Anregungen aufrechtzuerhalten. Das ist der Zweck der Belohnungen und Strafen, deren wesentliche Formel für viele heute noch ist: das Stück Zucker oder der Stock, das heißt ein einfaches Dressurverfahren.“

Unverständlich bleibt für mich, warum die Förderdiagnostik nur von Sonderpädagoginnen oder -pädagogen durchgeführt werden kann (vgl. S. 12). Brigitte Schumann veröffentlichte einen, über die URL http://bildungsklick.de [Download: 15.05.2014] abrufbaren, kritischen Beitrag zu Sonderpädagogik, dem ich mich anschließe. Auch ich fordere seit Langem, zumindest seit meiner eigenen Sonderbeschulung von 1983 bis 1989, die Abschaffung der Sonderpädagogik und damit auch der diesbezüglichen Diagnostik. Vielmehr sollen, mit Blick auf die Inklusion, alle Lehrerinnen- und Lehrausbildungen behinderungsspezifische Themen behandeln. Somit wird ein eigenständiger Ausbildungsgang in Sonder- oder Förderpädagogik überflüssig. Förderdiagnostisch tätig sein können dann alle Lehrerinnen und Lehrer, so eine sonderpädagogische Diagnostik überhaupt noch gewollt ist.

Die bis hierher besprochene Publikation baut sehr schön auf das die diagnostischen Grundlagen der Heil- und Sonderpädagogik vermittelnde Lehrbuch von Reichenbach und Thiemann (2013) zu welchem die Rezension über die URL www.socialnet.de/rezensionen/15756.php abrufbar ist, auf. Nach der Lektüre des Grundlagenlehrbuchs folgt konsequenterweise also die Lektüre des hier rezensierten Werkes.

Fazit

Die Lektüre der besprochenen Publikation kann für Studierende und Lehrende im Förderschwerpunkt Lernen empfohlen werden.

Literatur

  • Heimlich, Ulrich/Lotter, Monika/März, Martina: Diagnose im Förderschwerpunkt Lernen: Eine Handreichung für die Praxis. Donauwörth 2005.
  • Reichenbach, Christina/Thiemann, Helge: Lehrbuch diagnostischer Grundlagen der Heil- und Sonderpädagogik. Dortmund 2013.
  • Wallon, Henri: Die psychische Entwicklung des Kindes. Berlin 1973.

Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 06.06.2014 zu: Ulrich Heimlich, Stephanie Lutz, Kathrin Wilfert de Icaza: Ratgeber Förderdiagnostik. Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs im Förderschwerpunkt Lernen ; [sonderpädagogische Förderung ; 1. bis 9. Klasse]. Persen Verlag (Hamburg) 2013. ISBN 978-3-403-23297-1. Reihe: Bergedorfer® Grundsteine Schulalltag. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/16857.php, Datum des Zugriffs 31.07.2016.


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