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Gerard Egan: Helfen durch Gespräch

Cover Gerard Egan: Helfen durch Gespräch - ein Trainingsbuch für helfende Berufe. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2001. 192 Seiten. ISBN 978-3-407-22052-3. 12,00 EUR.

Taschenbuchausgabe der 3. unveränderten Auflage 1996.

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Hintergründe zur Einordnung des Autors und seines Buches

Gerard Egan studierte Theologie und Psychologie und ist Professor für Psychologie an der Loyola- Universität in Chicago und außerdem Priester der Erzdiözese Chicago. Er hat in den 70iger und 80iger Jahren einige Bücher über Beratung geschrieben und auch Trainingsprogramme bei der Ausbildung von Beratern und Therapeuten konzipiert. Er arbeitet auch als Organisationsberater für Kirchen, Schulen und Wirtschaftsunternehmen (soweit der Klappentext des vorliegenden Buches).

Das Buch ist 1986 in den USA erschienen und einige Jahre später von Volker Krumm, Hochschullehrer in Salzburg, ins Deutsche übersetzt worden. Jetzt liegt das Buch als deutsche Taschenbuchausgabe vor. Krumm hat auch - dargestellt in einer ausführlichen Einleitung - die Übungen von Egan in Weiterbildungs-Seminaren erprobt. Er selbst hält die Fülle der Übungen als zu umfangreich für nur eine Semesterveranstaltung von 3-4 Wochenstunden. Er warnt vor einer Übernahme der Übungen ohne theoretische Begleitlektüre. Handeln ohne theoretische Reflexion sei ebenso fragwürdig "wie die (vor allem an Universitäten) vorherrschende Tradition des Reflektierens ohne praktische Übersetzungsanstrengungen und Bewährungsprüfungen" (S.14). Auch wenn der Ansatz von Egan eklektizistisch sei - verbindet er doch gesprächstherapeutische, kognitive und verhaltenstheoretische Ansätze- so seien die Übungen für einen Vertreter eines bestimmten Ansatzes doch leicht in die eigene Sprache und das eigene Modell einzubinden.

Dieser Meinung und Wertung von Krumm kann ich mich - schon ehe detaillierter auf das Übungsprogramm eingegangen werden soll - zum großen Teil anschließen. Ich habe die Fülle der Übungen als eine Art eines "wertvollen Steinbruchs" angesehen, aus dem man sich die passenden Materialien für ein konzeptgeleitetes Beratertraining heraussuchen kann und die nicht zu dem Konzept passenden Bausteine zurückläßt. Wenn man z.B. klientenzentriert arbeitet, kann man die Übungen zum Problemausdruck des Klienten, zum empathischen und aktivierenden Verstehen und vielerlei andere Übungen verwenden, nicht aber die direktiven Übungen zur Problemklärung, Ziel- und Handlungsaktivierung. Ähnlich könnten sich lösungsorientiert vorgehende Berater sicher gut mit den Übungen zum Erkennen von Ressourcen, dem Benennen von Veränderungen, den Übungen zu Handlungs- und Umsetzkonzepten einverstanden erklären und weniger mit Übungen, die sich z. B. auf die selbstexplorative Ausweitung der Klientenvorgeschichte beziehen

So werden Berater aller Sparten: Therapeuten, Pädagogen, Krankenschwestern und Seelsorger, Sozialarbeiter, Erzieher usw. Gewinn aus dem Buch ziehen, da die Vielzahl an Beispielen nahezu alle Lebensschwierigkeiten umfaßt. Das Buch ist also unabhängig von der Bindung an eine spezielle Praxis und ein spezielles theoretisches Beratungskonzept verwendbar. Da die dargestellten Beispiele sich in der Kleingruppe realisieren lassen, können die Lernpotentiale und die Möglichkeiten einer Gruppe herangezogen werden. Noch mehr: wenn die Gruppenmitglieder nicht nur "fremde Erfahrungen" in einer Rollenposition realisieren, sondern auch eigene Erfahrungen einbringen. Möglichkeiten des Zugangs für eigene Erfahrungen gibt z.B. eine Liste von "Problemthemen zur Selbstmitteilung" (S. 31 ff).

Inhaltlicher Aufbau des Trainingsbuches

Der Aufbau des Buches ist logisch und konsequent und folgt in etwa auch dem zeitlichen Verlauf eines Beratungsgesprächs.

Grundlegende kommunikative Fertigkeiten: hier werden Übungen zur Zuwendung und Teilnahme an einem anderen Menschen eingebracht, Übungen zum Zuhören und zu einem verstehenden, akzeptierenden Verhalten. Das Einfühlungsvermögen wird verstärkt indem man lernt, auf die Äußerungen, Gefühle und Verhaltensweisen des anderen zu achten.

Probleme erkennen und klären: die Übungen zielen vor allem auf das Erzählen und genauere Benennen von Konflikten. Im Unterschied zur Therapie werden hier das soziale Umfeld, der Einfluß der realen Lebenswelt mit ihren beruflichen und institutionellen Forderungen mit einbezogen. Die Übungen beziehen sich immer nicht nur auf eine Erlebenseinheit (z.B. Gefühle), sondern ganzheitlich auch auf damit zusammenhängende Wahrnehmungen, Erfahrungen und Verhaltensweisen. Dadurch wird immer wieder deutlich, daß die Lösung von Beratungsanliegen ein ganzheitlicher Prozeß ist, der die Ziel-, Verhaltens- und Lösungsperspektive mit einbezieht.

Einen Soll-Zustand entwickeln und Ziele setzen: Übungen werden vorgestellt, in denen - auf eine bestimmte Fragestellung hin - Zukunftsbilder entworfen werden, der Klient diese Zukunftsbilder bewertet, die Ziele konkreter auswählt und sie auch operational formuliert.

Handeln - den Sollzustand in die Realität umsetzen: hier finden sich brainstorming- Übungen zur Strategie- Entwicklung, das Formulieren von Plänen, Erstellen von Zielen und Teilzielen, Erkennen von Hindernissen in der Planausführung und Möglichkeiten zur Kontrolle und nachträglichen Bewertung der Handlungen

Die oben kurz skizzierten vier Hauptkapitel folgen in etwa dem zeitlichen Ablauf von Beratungsgesprächen. Am Anfang das mehr passive empathische Verstehen in die Lebenssituation und in die Gefühlslage eines Klienten, dann das Präzisieren des Problems und die Erkundung eigener Ressourcen im Hinblick auf die Problembewältigung, schließlich die Zielsetzung und die Umsetzung in Handlung.

Bewertung

Was bei den Übungen zum zeitlichen Ablauf im Vordergrund steht, ist für den Berater der Erwerb eines methodischen, handlungsorientierten Rüstzeugs. Was ich allerdings etwas vermißt habe, ist - neben der Vermittlung von Handlungskompetenz des Beraters dessen Beziehungskompetenz. Damit werfe ich einen Punkt kritisch auf, der außerordentlich wichtig für die Beratungspraxis ist. Ein auch beziehungskompetentes Verhalten des Beraters ist - auch nach Erkenntnissen der Beratungslehre - zu fast der Hälfte verantwortlich für den Beratungserfolg. Beratungsbeziehungen (z.B. Pertnerschaftlichkeit, Dominanz, Rivalität, Barrieren zwischen Klient und Berater, pädagogische Unterweisung, Kontrolle, Identifizierung und Solidarisierung, Helfer-Syndrom usw.) sind insoweit wichtig, als sie die Übernahme von Beratungsangeboten erleichtern oder erschweren, die Motivation fördern oder hemmen und das gegenseitige Einverständnis und Glaubwürdigkeit des Beraters vermindern oder erhöhen (Compliance). Auch bestimmte typische produktive oder unproduktive Beratungsbeziehungen kann man durch Rollenspiele darstellen und gegebenenfalls durch Supervision und feed-back- Prozesse angehen.

Zusammenfassende Kritik

Die obigen zuletzt gemachten Ausführungen sind auch meine wesentlichen Kritikpunkte: die Übungen in dem Trainingsbuch von Egan beziehen sich vor allem auf den Erwerb einer Methoden- und Handlungskompetenz von Beratern. Dafür ist das Buch eine Fundgrube für Berater unterschiedlichster Praxis und unterschiedlichster Konzeptmodelle. Für nahezu alle Problemstellungen bei der Durchführung von Beratungsgesprächen finden sich entsprechende Übungen, die mit Gewinn eingesetzt werden können. Die für den Beratungsprozeß so wichtigen Beziehungskompetenzen werden weniger gefördert, vermutlich weil die Trainingssituation (Rollenspiel-Übungen) dies weniger zuläßt und dringlich macht als die praktische Beratungssituation eines praktizierenden Beraters.

Das Buch ist meiner Meinung in gekürzter Version anwendbar als Semester-Angebot (4 Semesterwochenstunden) bei Studenten höherer Semester und bei lernenden Beratern und Berufsanfängern, die über theoretische Grundkenntnisse hinaus wichtige methodische Kompetenzen erwerben und in die Praxis umsetzen wollen. Für Berater und Beraterinnen, die bereits einige Zeit in der Praxis stehen, liefert es neue methodische, handlungsbezogene Vorgehensweisen, deckt aber - wie oben gesagt - das Bedürfnis und die Notwendigkeit der Bearbeitung von Beziehungs- und Selbsterfahrungsanteilen zu wenig ab. Es ist ein Buch für Schwerpunktbildung und Weiterbildung. Das didaktische Konzept einer Aneignung durch Rollenspiel und echte eigene Erfahrungen im Rahmen von Kleingruppen läßt erwarten, daß sonst nur theoretisch angeeignete Grundlagen erfahrbar, anwendungsorientiert und praxisrelevant erlebt und verarbeitet werden.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Sander
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften. Psychologie, insbes. klinische Psychologie, psych. Beratungs- und Behandlungsmethoden
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Zitiervorschlag
Klaus Sander. Rezension vom 01.07.2001 zu: Gerard Egan: Helfen durch Gespräch. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2001. 192 Seiten. ISBN 978-3-407-22052-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/170.php, Datum des Zugriffs 21.05.2012.


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