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Holger Schmidt: ‚Das Gesetz bin ich‘ (Normalität in der Sozialen Arbeit)

Cover Holger Schmidt: ‚Das Gesetz bin ich‘. Verhandlungen von Normalität in der Sozialen Arbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. 496 Seiten. ISBN 978-3-658-03826-7. 54,99 EUR.
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Holger Schmidt legt mit dieser Publikation unter dem Titel „‚Das Gesetz bin ich ‘Verhandlungen von Normalität in der Sozialen Arbeit“ (Erscheinungsdatum: 26.02.2014, Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH; Produktinfo: 496 S. 31 Abb., 11 Abb. in Farbe, Sozialpädagogik, Soziale Arbeit, ISBN 978-3-658-03827-4) eine empirische Studie über Offene Kinder- und Jugendarbeit vor, um am Beispiel dieses Handlungsfelds zu untersuchen, wie Normen reproduziert, das heißt an die nachfolgende Generation und damit an Jugendliche „weitergegeben“ werden.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der frühen Kindheit an der Technischen Universität Dortmund. Bei der Studie handelt es sich um die Dissertation des Autors, die im Jahr 2014 von der Technischen Universität Dortmund angenommen wurde. Die Publikation wendet sich an ErziehungswissenschaftlerInnen, SozialpädagogInnen sowie Dozenten und Studierende der Sozialen Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Feststellung, dass die öffentliche Diskussion, aber auch die – möglicherweise durch das mediale und politische Interesse gesteuerte – Forschung bei ihrer Betrachtung in der Regel auf die normabweichende Jugend abstellt. Normabweichendes Verhalten Einzelner werde dadurch als typisch für eine ganze Generation und damit als soziales Problem wahrgenommen. Die öffentliche Thematisierung und Skandalisierung führe zur Politisierung und schließlich zu politischen Forderungen an die Sozialpolitik und Justiz. Dabei werde als Bezugspunkt für die Feststellung normabweichenden Verhaltens ein in der bestehenden Erwachsenengeneration existierendes Gerüst sozialer Normen vorausgesetzt, an dem sich die Nachfolgegeneration zu orientieren habe und in das sie zu integrieren sei. Die Übernahme der sozialen Normen solle die Ordnung der Gesellschaft fortbestehen lassen und eine gewisse Handlungssicherheit gewährleisten. Diese Betrachtung vernachlässige, dass die Übertragung von Normen und Werten auf die Folgegeneration tatsächlich weitgehend gelinge, denn bislang sei keine normfreie Gesellschaft entstanden. Es könne ohne weiteres angenommen werden, die Reproduktion sozialer Normen im Rahmen der Sozialisation finde auch in den Handlungsfeldern der sozialen Arbeit gegenüber Kindern und Jugendlichen statt. Während sich die Forschung aber in erster Linie mit den Gründen normabweichenden Verhaltens befasse, bestehe hinsichtlich der Bedingungen, die soziale Normen in sozialpädagogischen Institutionen reproduzierten, eine Forschungslücke.

Der Autor sucht daher nach den Voraussetzungen einer gelingenden Konstituierung sozialer Normen anstatt nach Gründen für deren Scheitern. Dabei geht er davon aus, dass sich die Reproduktion sozialer Normen aufgrund der verschiedenen Strukturen der Institutionen, in denen Sozialisation stattfinde, ebenfalls unterschiedlich gestalte. Eine allgemeingültige Aussage lasse sich daher kaum treffen. Vielmehr müsse auf einer mikrosozialen Ebene gesucht werden. Um die Frage konstitutiver Bedingungen sozialer Normen in Institutionen Sozialer Arbeit zu beantworten, wählt der Autor die Mikroebene der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Da die Besucherinnen und Besucher in diesem Bereich weitestgehend normkonform handelten, müssten konstitutive Bedingungen sozialer Normen feststellbar sein.

Zunächst (S. 15 ff.) werden die theoretischen Grundlagen sozialer Normierung gut dargestellt. Dabei zeigt sich vor allem, dass soziale Normen durch Interaktion entstehen. Es ergeben sich zudem konkrete Fragestellungen (S. 49), die der Autor zusammenfasst und im Weiteren beantworten möchte. Hierzu wird der empirische Forschungsstand zusammengefasst (S. 51 ff.). Dabei greift der Autor auch auf die empirischen Erkenntnisse außerhalb der gewählten Mikroebene der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zurück, da das vorliegende Material innerhalb der Mikroebene allein (noch) nicht ausreiche. Immerhin stütze es aber die Hypothese des Verfassers, dass die Besucherinnen und Besucher innerhalb der Offenen Jugend- und Kinderarbeit normkonformer handelten als außerhalb. Als Untersuchungsmethode seiner Studie beschreibt der Autor eine fokussierte Ethnografie, in der quantitative und qualitative Forschungsmethoden aufeinander aufbauen (S. 89 ff.). Die in der Studie gewonnenen Ergebnisse werden sodann vorgestellt (S. 105 ff.) und auch schon bewertet. So zeigt sich hier, dass die Hypothese, wonach sich Besucherinnen und Besucher von Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit normkonformer verhielten, offensichtlich für physisch, nicht aber ohne weiteres auch für psychisch gewalttätiges Verhalten gelte.

Im Hauptteil der Arbeit (S. 149 ff.) vergleicht der Autor schließlich die mikrosozialen Prozesse der Interaktion als Entstehungsgrund sozialer Normen in zwei Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit., die auch bei der Erhebung des Datenmaterials einbezogen worden waren. Bei ihnen hatte die Studie hinsichtlich der Normabweichung bzw. Normkonformität bezüglich physischer Gewalt durch Besucherinnen und Besucher zu genau entgegen gesetzten Ergebnissen geführt, so dass eine Suche nach den Gründen besonders interessant erscheint.

Der Autor gelangt zu dem Ergebnis, dass die in der Interaktion zwischen Besucherinnen und Besucher und den Fachkräften konstruierte Macht der Fachkräfte und somit die Machtasymmetrie eine konstitutive Bedingung sozialer Normen sei. Die Macht resultiere nicht schon aus der Position, sondern müsse sich von den Fachkräften angeeignet werden. Dabei müssten den Besucherinnen und Besuchern die Situationen erkennbar sein, in denen sich das Machtgefälle zeigt, um das Verhalten der Fachkräfte selbst nachvollziehbar zu machen. In diesem Zusammenhang gehe es vor allem um eine identische Situationsdeutung. Verschiedene Situationsdeutungen könnten durch Interaktion einander angenähert werden, anderenfalls setzten sich die Fachkräfte aufgrund der Macht durch. Fachkräfte müssten also Situationsdeutungen der Besucherinnen und Besucher möglichst frühzeitig erkennen. Auf Normbrüche könne dann präventiv reagiert werden oder mittels Sanktionen. Der Autor identifiziert – nicht abschließend – fünf verschiedene negative und positive Sanktionen, mit denen soziale Normen durchgesetzt werden sollen. Sanktionen seien daher ebenfalls konstitutive Bedingungen sozialer Normen. Den sozialen Normen über den räumlichen Bereich der Institution hinaus Geltung zu verschaffen, gelinge allerdings nur, wenn auch der Sinn der Normen vermittelt und akzeptiert werde. Die bloße Absicht der Vermeidung von Sanktionen innerhalb der Institution reiche nicht. Eine weitere konstitutive Bedingung sozialer Normen sei die soziale Kontrolle durch die Fachkräfte, aber auch zwischen den Kindern und Jugendlichen. Dabei spiele die interne Hierarchie eine Rolle, die aber durch Ereignisse, insbesondere auch Konflikte, außerhalb der Einrichtungen beeinflusst werden könne. Schließlich könnten Teamstruktur und -kommunikation möglicherweise ebenfalls konstitutive Bedingungen sozialer Normen sein, was noch näher zu untersuchen sei.

Diskussion und Fazit

Die Arbeit liest sich interessant und überzeugend. Sie ist in sich logisch gegliedert und setzt die richtigen Schwerpunkte. Dabei ist sich der Autor bewusst, dass seine Studie nur der Anfang einer vertieften Forschung der konstituierenden Bedingungen sozialer Normen im Bereich der Sozialen Arbeit sein kann. Das liegt schon an dem von ihm gut nachvollziehbar gewählten engen Lebensbereich, dem Handlungsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, und dem weiteren Untersuchungsschwerpunkt, dem Vergleich zweier Einrichtungen. Der Ansatz ist konsequent. Nur so lassen sich konkrete Bedingungen anhand konkreten Sachverhalts ermitteln. Inwieweit sich die so gefundenen Ergebnisse verallgemeinern lassen, wird erst zu beantworten sein, wenn derartige Studien auch für andere soziale Mikroebenen in ausreichender Zahl vorliegen. Dies wird ein eigener Forschungsgegenstand sein. Der Autor stellt allerdings zurecht die grundsätzliche Frage nach der Rolle der Sozialen Arbeit bei der Reproduktion sozialer Normen, die noch ungeklärt sei, und stellt insbesondere fest, dass eine sozialpädagogische Theorie sozialer Normen zu fehlen scheint, anhand derer die Frage, welche sozialen Normen die Soziale Arbeit aus einem professionellen Selbstverständnis heraus reproduzieren soll, verhandelt werden kann, um dies nicht der einzelnen Fachkraft, letztlich geprägt durch die von dieser erlebten eigenen Sozialisation, zu überlassen. Hier wären einige weiterführende Gedanken des Autors zu möglichen Ansätze sicherlich interessant gewesen. An dem guten Gesamteindruck ändert dies allerdings nichts.


Rezensentin
Dr. Sabahat Gürbüz
Rechtsanwältin,Fachanwältin für Familienrecht. Lehrbeauftragte (Frankfurt University of Aplied Sciences)
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Zitiervorschlag
Sabahat Gürbüz. Rezension vom 08.10.2014 zu: Holger Schmidt: ‚Das Gesetz bin ich‘. Verhandlungen von Normalität in der Sozialen Arbeit. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03826-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17022.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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