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Myriam Schwarzer-Petruck: Emotionen und pädagogische Professionalität

Cover Myriam Schwarzer-Petruck: Emotionen und pädagogische Professionalität. Zur Bedeutung von Emotionen in Conceptual-Change-Prozessen in der Lehrerbildung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 239 Seiten. ISBN 978-3-658-04619-4. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Die Entwicklung pädagogischer Professionalität durch Conceptual-Change-Prozesse stellt die Lehrerfortbildung vor eine große Herausforderung. Die pädagogischen Vorstellungen von LehrerInnen sind biografisch gewonnen und damit emotional aufgeladen. Emotionen und pädagogische Professionalisierung sind jedoch ein weitgehend unerforschtes Feld. Und das, obwohl uns die Hirnforschung ihre Bedeutung bereits vor mehr als zehn Jahren nachgewiesen hat. Myriam Schwarzer-Petruck fragt in ihrem Buch: Warum treten Emotionen in Conceptual-Change-Prozessen auf und was bedeuten sie? Wie kann mit ihnen gearbeitet werden, um Professionalisierungsprozesse anzustoßen? Die Autorin entwickelt ein Modell, das annimmt, dass für das Erreichen eines Conceptual-Change zwei aneinander anschließende emotional-kognitive Phasen wichtig sind: Eine erste Phase kognitiver Dissonanz begleitet von negativen Emotionen sowie eine zweite Phase der kognitiven Bestärkung begleitet von positiven Emotionen und dem Erleben von Autonomie, Kompetenz und sozialer Einbindung bezüglich des Handelns als LehrerIn.

Autorin

Myriam Schwarzer-Petruck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Jena, Trainerin für Verständnisintensives Lernen sowie Mitglied der Arbeitsgemeinschaft „Verstehenswerk“.

Entstehungshintergrund

Die Forschungsarbeit wurde als Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena im Rahmen des Thüringer Entwicklungsprogramms für Unterricht und Lernqualität, einem konstruktivistisch orientierten Lehrertraining, erstellt.

Aufbau und Inhalt

Die Forschungsarbeit hat das Ziel, im Rahmen des Thüringer Entwicklungsprogramms für Unterricht und Lernqualität die Reflexion subjektiver Theorien über Unterricht und Lehrerhandeln durch die Entwicklung ko-konstruierender und adaptiver Handlungsroutinen zu erforschen. Die Arbeit setzt sich mit der Frage auseinander, welche kognitiv-emotionalen Prozesse in diesen Professionalisierungsprozessen ablaufen. Da emotionale Prozesse und professionelles Lehrerhandeln ein noch weitgehend unerforschtes Feld sind, es aber wichtig ist diese Prozesse zu verstehen um zu verstehen, wie Lehrerhandeln sich wandeln kann, wird im Rahmen dieser Arbeit ein „Prozessmodell zur Verarbeitung von Emotionen mit dem Ziel eines Conceptual Change“ entwickelt. Conceptual Change bedeutet zusammengefasst, die Veränderung des Konzeptes, das ein Lehrer hat. Diese Veränderung muss aber nicht das Ersetzen des einen durch ein anderes Konzept bedeuten. Es kann auch durch das Einnehmen einer umfassenderen Perspektive erfolgen. Es geht hier zusammengefasst um Lernprozesse, in denen durch Erfahrung entstandene, naive Theorien neu organisiert oder die entsprechende Perspektive erweitert wird. Welche Bedingungen braucht es, damit solche Conceptual Change Prozesse stattfinden können? Welche Qualität müssen Lernprozesse haben, um einen Conceptual Change zu erzielen?

  • In der Zusammenfassung und der Einleitung (Kapitel 1) wird ein kurzer Überblick über die Ergebnisse und ihrer Bedeutung im Kontext der Lehrerbildung vorgenommen.
  • In Kapitel zwei wird zunächst das Thüringer Entwicklungsprogramm vorgestellt, um zunächst dem Leser einen grundlegenden Einblick in die Arbeit dieses Programms zu geben. Dabei geht die Autorin auf die Ziele des Programms ebenso ein wie auf die Theorien, auf denen es beruht. Dies ist zum einen die Theorie des verständnisintensiven Lernens und zum anderen die Selbstbestimmungstheorie. Es werden Erklärungsansätze zur Entstehung subjektiver Theorien erläutert und diskutiert und somit ein Zusammenhang zwischen subjektiven Theorien und Emotionen hergestellt.
  • Im dritten Kapitel wird der Begriff „Emotionen“ für die Arbeit definiert. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Unterscheidung zwischen Emotionen und Gefühl. Hier wird sehr komprimiert dargestellt, was zum Beispiel bekannte Neurobiologen wie Antonio Damasio zu Emotionen erforscht haben.
  • Im vierten Kapitel wird dann aus Sicht der Praxis und der Theorie auf die Bedeutung von Emotionen in Conceptual Change Prozessen eingegangen. In diesem Kontext wird die Evolutionstheorie vorgestellt und in die aktuelle Debatte um die Bedeutung von Emotionen in der Professionalisierung von Lehrern diskutiert. Weiterhin wird auf die Conceptual ChangeProzessen relevanten Faktoren eingegangen, die hier relevant sind. Es geht dabei im Kern um die Bedeutung von positiven und negativen Emotionen und die jeweilige Bedeutung für Lernprozesse.
  • In Kapitel fünf geht es um die Motivation in Conceptual Change Prozessen und im sechsten Kapitel stehen die Verarbeitung von Emotionen und die damit verbundenen kognitiven Prozesse im Mittelpunkt. Die Autorin geht davon aus, dass motivationale Faktoren die Conceptual Change Prozesse stark beeinflussen. Diese motivationalen Faktoren von LehrerInnen – die Zielorientierung, das Interesse, die Selbstwirksamkeit und die Kontrolle über das eigene Lernen werden näher beschrieben. Experiencing nimmt im Rahmen der Verarbeitungsprozesse eine besondere Bedeutung ein, bei dem es darum geht, in sich hineinzuschauen mit dem Ziel, die Bedeutung der eigenen Gefühle zu verspüren.
  • Das Conceptual Change Modell dieser Arbeit wird in Kapitel sieben vorgestellt und es wird mit anderen Modellen verglichen. Anhand des Modells werden die emotional-kognitiven Prozesse von LehrerInnen in Professionalisierungsprozessen erklärt. Das Modell zeigt sehr deutlich auf, wie die Lerninhalte in der Lehrerfortbildung mit der „eigenen Theorie“ der Lehrer zusammenpassen und was passieren muss, damit es zu einer Veränderung der eigenen subjektiven Theorie kommen kann.
  • Die forschungsmethodischen Aspekte werden im Kapitel 8-11 dargestellt. Zunächst werden die für die Studie notwendigen Hypothesen und Fragestellungen dargestellt. Im Anschluss daran stellt die Autorin das Untersuchungsdesign vor. In Kapitel zehn werden die Ergebnisse dargestellt. Im darauf folgenden Kapitel werden die methodischen Grenzen der Untersuchungen diskutiert.
  • Wie das Conceptual Change Modell weiter entwickelt werden kann und ein Ausblick auf die Notwendigkeit weiterer Forschungen wird in den letzten beiden Kapiteln thematisiert.

Diskussion

Myriam Schwarzer-Petruck beschreibt am Ende ihrer Arbeit, dass die methodische Schwächen der Untersuchung in der sehr kleinen Stichprobengröße liegt, wenngleich sie auch der Ansicht ist, dass mit ihrer Arbeit ein Erkenntnisgewinn auf dem bisher wenig erforschten Feld der Bedeutung von Emotionen für die Professionalisierung von LehrerInnen erzielt worden ist. Ich werte in dieser Arbeit den Erkenntnisgewinn deutlich höher als die methodische Schwäche. Die Autorin hat sich einem Thema gewidmet, das in seiner Bedeutung und in der pädagogischen Forschung leider immer noch völlig vernachlässigt wird. Dazu gehört neben Interesse und Leidenschaft für das Thema auch Mut, ein solches Thema zu bearbeiten - alles das wird in dieser Arbeit deutlich. Mit den Ergebnissen und ihren praktischen Empfehlungen für die Aus-, Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen hat die Autorin zum einen sehr deutlich gemacht, dass in diesem Feld weitere Forschung dringend notwendig ist und zum anderen, dass wir, wie sie es getan hat, neue Wege gehen müssen, um die Probleme in unserem Bildungssystem in den Griff zu bekommen. Dieses Buch zeigt unter anderem auf, was es braucht, um Veränderungen von Unterrichtsroutinen bei LehrerInnen zu erreichen, welche Bedeutung eine tragende Beziehung zwischen Trainern (und aus meiner Sicht auch DozentInnen an den Hochschulen) für den Lernerfolg von LehrerInnen hat und welche Bedeutung die Entwicklung emotionaler Kompetenz für LehrerInnen hat.

Fazit

Das Buch Emotionen und pädagogische Professionalität. Zur Bedeutung von Emotionen in Conceptual-Change-Prozessen in der Lehrerbildung von Myriam Schwarzer-Petruck ist ein „Meilenstein(chen)“ in der dringend notwendigen pädagogischen Forschung um die Bedeutung von Emotionen für Lehr- und Lernprozesse. Es ist allen in der Aus-, Fort- und Weiterbildung von LehrerInnen empfohlen, die bereit sind, ihre eigenen subjektiven Theorien und damit auch ihre persönlichen Einstellungen und Werte emotional zu reflektieren, um „Veränderung“ (ganz konstruktivistisch gedacht) zu ermöglichen.


Rezensent
Michael Kobbeloer
ist Autor, Trainer und Vortragsredner. Er erlebte das Bildungssystem aus allen Perspektiven und gab zuletzt seinen Beruf als Studiendirektor und Leiter einer Fachschule auf. Mit "emodaktik® - lernen erLeben" hat er sein Konzept der "Emotionalen Didaktik" umgesetzt und begleitet Lehrende auf dem Weg in ein zukunftsorientiertes Bildungssystem. Er ist unter anderem zertifizierter Trainer für emotionale und erfahrungsorientierte Lernmethoden sowie LernPROzess-Trainer
Homepage www.kobbeloer.de
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Zitiervorschlag
Michael Kobbeloer. Rezension vom 15.08.2014 zu: Myriam Schwarzer-Petruck: Emotionen und pädagogische Professionalität. Zur Bedeutung von Emotionen in Conceptual-Change-Prozessen in der Lehrerbildung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04619-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17064.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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