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Bettina Schmidt (Hrsg.): Akzeptierende Gesundheitsförderung

Cover Bettina Schmidt (Hrsg.): Akzeptierende Gesundheitsförderung. Unterstützung zwischen Einmischung und Vernachlässigung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-1575-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Herausgeberin

Prof. Dr. Bettina Schmidt studierte Sozialwissenschaften mit den Schwerpunkten Politik, Soziale Arbeit und Psychologie an der Universität Duisburg (1987-1993). Ihren Promotionsabschluss in Public Health erhielt sie 1998 an der Universität Bielefeld. Sie war von 1996 bis 2002 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld. Danach war sie in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln als Referentin und Referatsleiterin im Bereich Suchtprävention tätig. Seit 2004 ist Bettina Schmidt Professorin für Soziale Arbeit im Gesundheitswesen an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum.

Thema

Die physische sowie psychische Verletzlichkeit jedes Einzelnen bedingt unmittelbar die Inanspruchnahme von gesundheitsdienlichen Maßnahmen. Passenderweise konnte in den letzten zwei Jahrzehnten ein Voranschreiten des präventiven Denkens in der Gesundheitsversorgung wie auch im Handeln der Medizin verzeichnet werden. Es geht vor allem darum, nicht mehr nur auf entwickelte Störungen zu reagieren, sondern ein besonderes Augenmerk auf die Auslöser der Störungen zu legen. Lassen sich im therapeutischen Kontext Risikofaktoren identifizieren, wird interveniert, um Schlimmeres zu vermeiden. Es ist allerdings je nach Alter, Geschlecht, Lebenssituation oder Umfeld sehr unterschiedlich, wie diese Unterstützung tatsächlich vor Krankheiten schützt oder wie diese Strategie die Gesundheit aktiv wieder fördert. Hierin steckt folglich ein Dilemma: Mit Wahrscheinlichkeitsannahmen, die aus Bevölkerungsdaten resultieren, werden therapeutische Interventionen für eine einzelne Person abgeleitet. Die internationale Fachliteratur beschreibt die Erkenntnisbasis dafür aber als unzureichend und fordert gleichermaßen individuelle Risikoanalysen.

An diesem Punkt setzt Bettina Schmidt mit ihrem Sammelband „Akzeptierende Gesundheitsförderung: Unterstützung zwischen Einmischung und Vernachlässigung“ an. Sie legt dabei die Lupe auf die in den Gesundheitswissenschaften viel diskutierten Schwerpunkte „Gesundheitsförderung und Gesundheitsprävention“, ohne dabei auf die inhaltliche Differenzierung dieser Begriffe im Detail einzugehen. Ihre Ausgangsbedingung ist, wie sie formuliert, die immanente Erfolglosigkeit von Präventionsprogrammen. Es geht ihr in erster Linie darum, die vereinfachten Gesundheits- und Krankheits- sowie Interventionsannahmen zielgruppenspezifisch zu hinterfragen und darüber hinaus strukturelle Auslöser individueller Risiken wie z. B. Bildungs- und Einkommensungleichheiten sowie Lebenslagen stärken in den Kontext der Gesundheitsversorgung miteinzubeziehen. Dabei wird sie zu Beginn sehr deutlich, indem sie formuliert, dass der „aktuelle Gesundheitsanspruch unrealistisch ist und außerhalb der Verfügbarkeit eines Individuums liegt“ (vgl. S.11). Folglich sucht sie in ihrem Sammelband mit lupenähnlichen Fokussierungen auf Randgruppen nach Strategien und Umsetzungsmöglichkeiten akzeptierender Gesundheitsförderung.

Aufbau und Inhalt

Der Band aus der Reihe „Grundlagentexte für Gesundheitswissenschaften“ beinhaltet neben der Einführung der Herausgeberin Bettina Schmidt drei Kapitel, die sich in insgesamt 26 Abschnitte gliedern:

  1. I Gesundheit – Recht oder Pflicht, Freiheit oder Zwang?
  2. II Gesund ist bunt – Akzeptanz vielfältiger Gesundheiten unter pluralen Lebensbedingungen
  3. III Akzeptanzorientierung in der Gesundheitsförderung

Im ersten Kapitel, welches sich in sechs Unterkapitel gliedert, werden aktuelle Entwicklungen der Gesundheitsförderung im Spannungsfeld zwischen Rechten und Pflichten sowie zwischen Freiheit und Zwang problemanalytisch beleuchtet. Zu Beginn wird der öffentliche Diskurs über die Gesundheitsförderung dargestellt. In diesem Kapitel werden neben Fragestellungen wie „Gibt es ein Recht auf bestmögliche Gesundheit?“ und „Welche Rolle soll das Konzept der Autonomie und Selbstbestimmung bei der Gesundheitsförderung spielen?“ zusätzlich Gesundheitsdaten im historischen Abriss analysiert und mögliche Alternativen für den Umgang mit gesundheitlicher Ungleichheit diskutiert.

Im zweiten Kapitel wird das Verständnis von „Gesundheit versus Krankheit“ beschrieben. Dieses Kapitel gibt u. a. den Anreiz mit seinen elf Unterkapiteln, das enge Verständnis, was heute als gesund gilt, zu weiten und strebt gleichzeitig eine Relativierung der begrenzten Vorstellungen davon an, was einen vitalen Menschen heutzutage ausmacht. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der Diversität von Frauen und Männern, Kindern und Alten sowie der zusätzlichen Besonderheit, dass diese Personengruppen untereinander verschieden sind. Zum Ende des mittleren Kapitels wird deutlich, dass eine plurale Gesundheit nicht nur das Recht auf Freiheit benötigt, sondern es vor allem um Akzeptanz und Differenz hinsichtlich der vielfältigen Gesundheiten unterschiedlicher Individuen gehen sollte.

Das letzte Kapitel des Sammelbandes ist in neun Unterkapitel eingeteilt. Hier werden Optionen einer akzeptanzorientierten Gesundheitsförderung erörtert, die schlussendlich implizieren, dass alle Menschen – ob groß oder klein, dick oder dünn, jung oder alt – darin bestärkt werden sollten, ihre jeweiligen Gesundheitspotenziale in ihrem Lebensbereich bestmöglich zu verwirklichen. Um eine wirksame und akzeptierende Gesundheitsförderung etablieren zu können, sind Kreativität, Mut und Pragmatismus maßgeblich von Bedeutung. Ebenfalls wird die Rolle der Gesundheitspolitik in diesen Kontext analysiert und gleichzeitig gezeigt, wie sich Gesundheit gesamtgesellschaftlich fördern lässt. Abschließend wird deutlich, dass eine akzeptanzorientierte Gesundheitsförderung einer bevölkerungsweiten Unterstützung bedarf. Es geht darum, den Wissensstand der beteiligten Akteure zu nutzen, um die Lebensumstände so zu verändern, dass das Gesundheits- und Wohlempfinden steigt.

Fazit

Dieses Buch eignet sich für jene, die sich auf einen gut recherchierten und umfassenden Perspektivwechsel innerhalb der Gesundheitsförderung einlassen wollen und ebenfalls erkannt haben, dass eine wirksame Gesundheitsförderung nur dann nachhaltig sein kann, wenn die Verletzlichkeit jedes Einzelnen in seiner Unterschiedlichkeit gesehen wird.


Rezensentin
M.Sc. Bettina Lutze
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Forschungs- und Lehreinheit Medizinische Psychologie der Medizinischen Hochschule Hannover
Homepage www.mh-hannover.de/24896.html
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Zitiervorschlag
Bettina Lutze. Rezension vom 12.01.2015 zu: Bettina Schmidt (Hrsg.): Akzeptierende Gesundheitsförderung. Unterstützung zwischen Einmischung und Vernachlässigung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-1575-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17070.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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