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Wolfgang Edelstein, Lothar Krappmann u.a. (Hrsg.): Kinderrechte in die Schule

Cover Wolfgang Edelstein, Lothar Krappmann, Sonja Student (Hrsg.): Kinderrechte in die Schule. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2014. 205 Seiten. ISBN 978-3-95414-033-6. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Kinderrechte sind in der Schule bisher selten ein Thema. Zwar wurden sie inzwischen in einigen Bundesländern in die Bildungspläne oder Curricula aufgenommen oder es wurden gelegentlich Projekte dazu veranstaltet, aber sie sind in kaum einer Schule zum Alltag geworden. Zwar sind seit den 1970er Jahren in allen Schulgesetzen Schülervertretungen vorgeschrieben, aber ihre Kompetenzen sind immer noch auf Informations- und Beratungsrechte beschränkt. In den Schulen wird nicht mehr gezüchtigt, den Schülern wird mit mehr Respekt begegnet und die Unterrichtsformen sind vielfach dialogischer geworden. Aber die Strukturen und Beziehungen sind weiterhin durch Machtasymmetrien gekennzeichnet, in denen die Schüler sich am unteren Ende befinden. Schüler haben kaum Einfluss auf die Unterrichtsinhalte und die Entscheidungen, die von den Schulautoritäten getroffen werden. Sie haben auch keine rechtsverbindlichen Beschwerde- und Interventionsmöglichkeiten, obwohl ihnen die UN-Kinderrechtskonvention zusichert, dass in allen sie betreffenden Angelegenheiten (und was betrifft Schüler in der Schule nicht?) ihr „bestes Interesse“, ihre Sichtweisen und ihre Meinungen vorrangig zu berücksichtigen sind.

Daran wird nicht nur deutlich, dass Kinderrechte in den Schulen noch wenig Beachtung finden, sondern dass die Schulen sich in wesentlichen Aspekten auch von den Grundsätzen eines demokratischen Gemeinwesens unterscheiden. In der institutionellen Hierarchie der Schule werden die Rechte des Einzelnen legal anders definiert als die Rechte des einzelnen Staatsbürgers in einer Demokratie. Institutionelle Hierarchien definieren Abhängigkeits- und Machtverhältnisse, die nicht durch ausschließlich demokratische Verfahren zustande kommen, während genau dies zum Grundkonzept eines demokratischen Konzepts gehört. Umso gespannter war ich zu erfahren, wie die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes im Rahmen einer auf Demokratie zielenden Pädagogik die „Kinderrechte in die Schule“ bringen wollen.

Entstehungshintergrund

Der Band berichtet von den Versuchen des Vereins „Makista – Bildung für Kinderrechte und Demokratie“, im Bundesland Hessen sog. Kinderrechte-Schulen zu etablieren und ein „Modellschul-Netzwerk für Kinderrechte Rhein-Main“ aufzubauen. Die Initiative, die 2010 begann, wird von der Ann-Kathrin-Linsenhoff-UNICEF-Stiftung und von UNICEF Deutschland unterstützt. Im Rahmen des Modellprojekts konnten zehn Schulen im Rhein-Main-Gebiet „erproben, wie Schulentwicklung zu den Kinderrechten gelingen kann und übertragbare Standards sowie Praxisbeispiele schaffen“ (S. 20). Außerdem sollte die hessische Landesregierung veranlasst werden, die Erfahrungen der Modell-Schulen in ihren „Referenzrahmen für Schulqualität“ aufzunehmen.

Aufbau und Inhalt

Mit dem „theoretisch fundierten Praxisbuch zu den Kinderrechten an der Schule“ (S. 11) sollen verschiedene Perspektiven und Zugänge zum Thema geboten werden. Ein umfassender Blick soll ermöglicht werden, indem Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft, Unterrichts- und Schulpraxis, Kunstpädagogen, Schulleiter und Schulberater, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und kommunale Kinderbeauftragten sowie UNICEF-Vertreter zu Kinderrechten zu Wort kommen.

Gerahmt wird das Buch durch Beiträge zum grundlegenden Zusammenhang von Kinderrechten und Demokratiepädagogik. Sie stammen von Lothar Krappmann, der bis 2011 dem UN-Kinderrechtsausschuss angehörte, und von Wolfgang Edelstein, dem früheren Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, der sich einen Namen als Inspirator der sog. Demokratiepädagogik gemacht hatte und bis 2009 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik (DeGeDe) war.

Dazwischen finden sich Überblicks-Beiträge zur Entwicklung des Modellschul-Netzwerks für Kinderrechte in Hessen (Sonja Student und Jasmine Gebhard), Porträts von zehn Kinderrechte-Schulen (Jasmine Gebhard) und zur Stellung der Kinderrechte im Hessischen Referenzrahmen Schulqualität (Franziska Perels und Bernd Schreier).

In weiteren Beiträgen werden Einzelaspekte der Kinderrechte-Schulen dargestellt. Dabei geht es, teils mit Blick auf einzelne Schulen, um folgende Fragen: Fortbildung (Jasmine Gebhardt), Prozessberatung und Evaluation (Ulrike Leonhardt und Lea Berend), Gewaltprävention (Helmolt Rademacher), kindgerechte Grundschule (Barbara Busch), Klassenrat als Basis für Kinderrechte und Demokratie in der Schule (Christa Kaletsch und Marion Altenburg van Dieken), Kinderrechte im Schulcurriculum am Beispiel des Sportunterrichts (Jutta Gerbinski und Hannes Marb) und die Bedeutung des Kunsterlebens für die Aneignung der Kinderrechte (Rüdiger Steiner).

Vier weitere Beiträge befassen sich mit Fragen, die über einzelne Schulen hinausweisen. Es wird das UNICEF-Projekt „JuniorBotschafter für Kinderrechte“ dargestellt (Marianne Müller-Antoine und Sebastian Sedlmayr), die Frage erörtert, wie Eltern in die Kinderrechtsarbeit einbezogen werden können (Rüdiger Steiner) und wie Schulen ihr Engagement für Kinderrechte öffentlich machen können (Lea Berend). Im letzten Praxisbeitrag stellt das Kinderbüro in Oberursel seine Arbeit in Bezug auf Schulen vor (Bettina Schuster-Kunivits). Am Ende finden sich Literaturempfehlungen zu „Bildung für Kinderrechte und Demokratie“ und ein Hinweis auf die „Praxis-Mappe Kinderrechte für die Klasse“, die online zugänglich ist.

Diskussion

Der Sammelband gibt einen anschaulichen Einblick, wie Kinderrechte zum Bestandteil des Schulalltags werden können. Es wird sichtbar, wie unterschiedlich je nach Ausgangbedingung und Schulprofil die Wege sein können, um Kinderrechte in der Schule praktisch werden zu lassen. Ebenso wird deutlich, wieviel dabei vom persönlichen Engagement der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schulleiter abhängt. Die Berichte sind meist flüssig geschrieben und gut zu lesen. Gleichwohl empfand ich bei der Lektüre ein zunehmendes Unbehagen.

Obwohl das Modellprojekt von einer Forschergruppe der Universität des Saarlandes wissenschaftlich begleitet wurde, sind die meisten Beiträge eigentümlich distanzlos geschrieben. Sie beschreiben die Erfahrungen mit vielen Details, analysieren und reflektieren sie aber kaum.

Kinderrechte werden in dem Modellprojekt in erster Linie als eine Art Bildungskanon verstanden, der den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln ist. Zwar wird an einer Reihe von Beispielen beschrieben, wie die Kinderrechte von Schülern aufgegriffen und praktiziert werden können. Aber die Schüler werden kaum als Subjekte gesehen, denen eine eigene Sicht auf die Kinderrechte zugetraut und die Möglichkeit gegeben wird, diese zur selbstorganisierten Vertretung ihrer Interessen oder für kritische Stellungnahmen zu nutzen. In dem Projekt wird den Kinderrechten ein bestimmter Sinn und Zweck vorab zugeschrieben. Ihr Erwerb soll in erster Linie dazu beitragen, die Kinder im Sinne von Gewaltprävention zu sozialverträglichem Verhalten zu veranlassen, und ihnen ermöglichen, demokratische Tugenden einzuüben.

In seinem einleitenden Beitrag hatte Lothar Krappmann mit Blick auf die schulischen Rahmenbedingungen für die Umsetzung der Kinderrechte betont: „Es verlangt eine Schulstruktur, die die Mitwirkung der Kinder nicht nur als freiwilliges Projekt aufnimmt, sondern sie zu einem festen Bestandteil der Arbeit der Einrichtungen macht“ (S. 15). Doch nach dem Verständnis des Modellprojekts scheinen die tatsächlichen asymmetrischen Machtstrukturen der Schule und die darin für Schülerinnen und Schüler angelegten Handlungsbeschränkungen überhaupt kein Thema zu sein. In keinem einzigen Praxisbeitrag werden sie problematisiert. Die Klassenräte werden z.B. nicht als eine Möglichkeit beschrieben, die hierarchischen Strukturen in Frage zu stellen und herauszufordern, sondern sind als eine Art Diskussionsforum konzipiert, das vollkommen losgelöst von diesen als eine Art „pädagogischer Provinz“ vorgestellt wird.

Das hiermit benannte Problem ist bereits im Konzept der Demokratiepädagogik angelegt, in deren Rahmen sich das Projekt der Kinderrechte-Schulen verortet. Ihm zufolge wird Demokratie nicht gegen mögliche Widerstände erkämpft, sondern durch Verhaltensänderung und Teilhabe, die immer als möglich vorausgesetzt wird, angeeignet. Die Kinderrechte werden in diesem Zusammenhang als eine Grundlage des demokratischen Verhaltensrepertoirs gesehen, die einzuüben ist. Im abschließenden Beitrag von Wolfgang Edelstein wird dies besonders deutlich, wenn er darauf verweist, dass die Umsetzung von Kinderrechten in der Schule in erster Linie dazu dient, „Schlüsselkompetenzen“ für selbstwirksames und autonomes Handeln sowie für soziales Verstehen und die moralische Urteilsbildung zu erwerben. Von diesen wird erhofft, dass sie die angenommene Gewaltbereitschaft verringern, die Leistungsbereitschaft steigern, die soziale Kohäsion fördern und die demokratischen Überzeugungen festigen. Auf diese Weise verstanden, zielt die Aneignung und der Gebrauch der Kinderrechte weniger auf selbstbestimmte Emanzipation und kritisches Denken, sondern eher auf die flexible Bereitschaft, sich auf rasch sich verändernde Bedingungen einzustellen, und auf freiwilliges „Mitmachen“ in gegebenen Verhältnissen.

Fazit

Ein anschauliches Praxisbuch, in dem viel Engagement für die Kinderrechte zum Vorschein kommt, aber auch sichtbar wird, wie deren Umsetzung in der Schule das kritische Potential der Kinderrechte verfehlen kann.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 21.10.2014 zu: Wolfgang Edelstein, Lothar Krappmann, Sonja Student (Hrsg.): Kinderrechte in die Schule. Debus Pädagogik Verlag (Schwalbach/Ts.) 2014. ISBN 978-3-95414-033-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17073.php, Datum des Zugriffs 01.07.2016.


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