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Winfried Saup, Angela Eberhard u.a.: Demenzbewältigung im betreuten Seniorenwohnen

Cover Winfried Saup, Angela Eberhard, Rosemarie Huber, Kristin Koch: Demenzbewältigung im betreuten Seniorenwohnen. Verlag für Gerontologie A. Moeckl (Augsburg) 2004. 124 Seiten. ISBN 978-3-928331-96-8. 25,00 EUR.
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Zur Thematik des Buches

Gegen Ende der 80er Jahre fand in der Altenhilfe eine merkliche Umorientierung in Richtung auf das relativ selbständige Wohnen im Alter statt. Konkret bedeutete dies u. a., dass Fördermittel für Anlagen des Betreuten Wohnens im Alter bereitgestellt wurden. Betreutes Wohnen im Alter umfasst altengerechte Wohnungen in Kombination mit Dienstleistungen (Hauswirtschaft, Betreuung und teilweise auch Pflege) meist in Verbindung mit weiteren Sicherungsanlagen (z. B. Notruf und regelmäßige Kontaktaufnahmen) und der Bereitstellung von Gemeinschaftsräumen. Diese neue sozialpolitische Ausrichtung führte zu einem regelrechten Bauboom, der seinen Höhepunkt in der zweiten Hälfte der 90er Jahre erzielte. Es wird geschätzt, dass gegenwärtig ca. 150.000 bis 230.000 Senioren in den Einrichtungen des Betreuten Wohnens leben.

Die Autoren

Prof. Dr. Winfried Saup lehrt Angewandte Gerontologie an der Universität Augsburg und leitet dort die Projektgruppe "Betreutes Wohnen". Über Angela Eberhard, Rosemarie Huber und Kristin Koch werden keine Angaben gemacht. Es kann jedoch vermutet werden, dass sie Mitarbeiterinnen der Projektgruppe "Betreutes Wohnen" sind.

Inhalt

Der Inhalt des vorliegenden Buches besteht in der Auswertung eines Fragebogens, der im September 2001 an 581 Einrichtungen des Betreuten Wohnens versandt wurde. Bis Mai 2002 wurde ein Rücklauf von 445 Antworten (76,6 Prozent) erreicht, von denen 428 in die Datenauswertung einbezogen werden konnten. Im Mittelpunkt der Befragung stand die Thematik Umgang mit Demenzkranken in den Einrichtungen des Betreuten Wohnens.

Die Arbeit ist in sechs Kapitel unterteilt.

  • In Kapitel 1 (Ausgangsproblematik: Betreutes Wohnen und Demenz) werden in knapper Form Erfahrungen mit Demenzkranken im Betreuten Wohnen und Informationen über die Auftretenshäufigkeit der Demenzen im Alter gemacht.
  • Kapitel 2 (Qualitative Vorstudie "Betreutes Wohnen und Demenz") enthält u. a. die Ergebnisse einer Vorstudie, bei der elf Betreuungskräfte verschiedener betreuter Wohnanlagen, drei Experten in kommunalen Fachstellen und Wohlfahrtsverbänden und einige Bewohner des betreuten Seniorenwohnens befragt wurden. Gefragt wurde u. a. nach den Vor- und Nachteilen des Betreuten Wohnens für Demenzkranke, nach den Faktoren, die den Verbleib dieser Bewohnergruppe im Betreuten Wohnen beeinflussen und Lösungsansätze für einen eventuellen längeren Verbleib in diesen Wohnanlagen.
  • Kapitel 3 (Durchführung einer bundesweiten Befragung) beschreibt den Vorgang der Vorbereitung und Durchführung der Erhebung.
  • In Kapitel 4 (Strukturmerkmale des betreuten Seniorenwohnens in Deutschland) werden eine Reihe von Daten über das Betreute Wohnen angeführt: Größe der Wohnanlage (durchschnittlich 38 Wohnungen), Betriebsträgerschaft (56 Prozent in freigemeinnütziger Trägerschaft), räumliche Ausstattung (85 Prozent der Anlagen verfügen über einen Gemeinschaftsraum, 38 Prozent über eine Cafeteria und 67 Prozent über ein Pflegebad) und die Organisationsstruktur (u. a. solitär betreutes Wohnen, integriert betreutes Wohnen und heimverbundenes betreutes Wohnen). Die Bewohner sind überwiegend weiblich (76 Prozent), hoch betagt (47 Prozent sind 80 Jahre und älter) und teils schon gebrechlich (fast 19 Prozent sind pflegebedürftig, überwiegend jedoch Pflegestufe 1). Die Betreuungsverträge und Dienstleistungen werden auch angeführt. Neben den Grundleistungen, die meist über die Servicepauschale finanziert werden, bieten viele Wohnanlagen auch noch Wahlleistungen an, die von den Bewohnern bei Inanspruchnahme selbst bezahlt werden müssen. Bei den Betreuungspersonen handelt es sich überwiegend um Mitarbeiter mit sozialpädagogischer oder pflegerischer Ausbildung.
  • Im Kapitel 5 (Demente Bewohner - eine Herausforderung für betreute Seniorenwohnanlagen) werden u. a. die Einstellungen und Ansichten der Mitarbeiter des Betreuten Wohnens Demenzkranken gegenüber dargestellt. Demenzkranke werden selbst beim Auftreten von Gedächtniseinbußen, Inkontinenz und sogar Halluzinationen noch als Bewohner akzeptiert, solange der Hausfrieden hierdurch nicht merklich beeinträchtigt wird. Nehmen jedoch Störungen wie aggressives Verhalten Mitbewohnern gegenüber, nächtliches Herumirren und häufiges Weglaufen neben anderen Formen der Selbst- und Fremdgefährdung zu, dann wird u. a. durch Kündigung der Auszug oder die Verlegung in ein Pflegeheim veranlasst.
  • Kapitel 6 (Handlungskonzepte für den Umgang mit Dementen im betreuten Wohnen) enthält eine Reihe von Überlegungen, durch welche Maßnahmen ein längerer Verbleib Demenzkranker in Einrichtungen des Betreuten Wohnens gewährleistet werden kann.

Kritische Würdigung

Zu allererst muss anerkennend angemerkt werden, dass sich die Autoren mit einer äußerst brisanten Thematik des Betreuten Wohnens auseinandergesetzt haben, denn die Demenzerkrankungen konterkarieren gravierend die Vorstellung und Leitkonzeption vom eigenständigen Wohnen im Alter in diesen Wohnanlagen. Wenn fast jeder zehnte Bewohner des Betreuten Wohnens bereits demenzkrank ist und nur wenige Einrichtungen hierauf mit einem angemessenen Demenzmanagement reagieren, dann scheint ein Problembewusstsein und ein Gefühl der Verantwortung den Bewohnern gegenüber noch nicht im ausreichenden Maße zu bestehen. Im Folgenden werden einige kritische Anmerkungen zu der vorliegenden Veröffentlichung angeführt.

  • Der fehlende Fragebogen. Der Rezensent vermisst die Darstellung des Fragebogens bei den Ausführungen. Bei einer umfangreichen Erhebung wird in der Regel das Untersuchungsinstrumentarium angeführt, damit die Möglichkeit zur Begutachtung und Analyse der Gegenstandserfassung gegeben ist.
  • Die fehlende Aufarbeitung der Fachliteratur zum Betreuten Wohnen. Zum wissenschaftlichen Arbeiten gehört die Rezeption des jeweiligen Forschungsstandes. Die Autoren begnügen sich jedoch mit nur einer Erhebung als Referenzrahmen für ihre Ausführungen, ohne auf die Fülle an Untersuchungen aus anderen Ländern u. a. auch zur Thematik Demenzkranke im Betreuten Wohnen einzugehen.
  • Strategie der Überforderung. Das Anliegen der Autoren besteht in dem längeren Verbleib Demenzkranker in den Einrichtungen des Betreuten Wohnens. Dieses Ansinnen gilt es aus der Sicht der Demenzkranken kritisch zu hinterfragen, denn die Autoren scheinen nicht das im Krankheitsverlauf immer geringer werdende Verarbeitungsvermögen dieser Personengruppe zu berücksichtigen. Demenzkranke sind bereits im mittleren Stadium der Erkrankung nicht mehr zum Alleinleben und der Bewältigung der damit verbundenen Aufgaben und Pflichten fähig. Herumirren, Agitiertheit und Halluzinationen sind Stress- und Überforderungsreaktionen Demenzkranker, die sich den Lebensumständen im Betreuten Wohnen nicht mehr gewachsen fühlen. In diesem Stadium sind Demenzkranke bereits auf die ständige Präsenz von Betreuungskräften angewiesen, was wiederum im Betreuten Wohnen nicht gewährleistet werden kann. Angezeigt ist daher eine rasche Verlegung in ein Pflegeheim und nicht der gar noch zu verlängernde Verbleib im Betreuten Wohnen, der letztlich nur ein qualvolles Leiden für die Betroffenen bedeutet.
  • Realitätsferne Empfehlungen. Die fehlende Aufarbeitung der internationalen Literatur über das Verhalten der Bewohner in betreuten Wohnanlagen kommt deutlich bei den verschiedenen Empfehlungen zu Tage, denn auch im Betreuten Wohnen gilt das Homogenitätsprinzip, wie eine Reihe von Untersuchungen gezeigt hat. Von kognitiv nicht beeinträchtigten Bewohnern Hilfestellungen für Demenzkranke im Sinne einer Nachbarschaftshilfe und gemeinsame Gemeinschaftsaktivitäten zu fordern, stellt eine objektive Überlastung dieser auch schon recht gebrechlichen Personengruppe dar und entspricht auch nicht ihren Wünschen und ihrem Leistungsvermögen. Zusätzlich auch noch von ihnen zu erwarten, dass sie störende Verhaltensweisen Demenzkranker wie z. B. nächtliches Herumirren tolerieren sollten, stellt eine weitere Form der Überforderung dar, die nicht mit dem Leitbild eines altersgerechten Wohnens übereinstimmt.

Fazit

Die vorliegende Untersuchung kann aus den angeführten Gründen nicht überzeugen und wird daher auch keine Hilfestellungen und Konzepte für den Umgang mit Demenzkranken im Betreuten Wohnen bieten.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 15.06.2004 zu: Winfried Saup, Angela Eberhard, Rosemarie Huber, Kristin Koch: Demenzbewältigung im betreuten Seniorenwohnen. Verlag für Gerontologie A. Moeckl (Augsburg) 2004. ISBN 978-3-928331-96-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1708.php, Datum des Zugriffs 27.05.2016.


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