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Maria Ohling: Soziale Arbeit und Psychotherapie

Cover Maria Ohling: Soziale Arbeit und Psychotherapie. Verändert sich die berufliche Identität psychotherapeutisch weitergebildeter SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-1967-4. D: 23,95 EUR, A: 24,20 EUR, CH: 33,20 sFr.
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Thema

Im Beltz Juventa Verlag hat Maria Ohling in der Reihe Grundlagentexte Soziale Berufe ein Buch über die Schnittstelle Soziale Arbeit und Psychotherapie veröffentlicht. Der Titel ist: Soziale Arbeit und Psychotherapie – Veränderung der beruflichen Identität von SozialpädagogInnen durch Weiterbildungen in psychotherapeutisch orientierten Verfahren. Die Autorin trifft mit diesem Buch auf den Kern sozialpädagogischen Denkens und Handelns: die berufliche Identität.

Autorin

Die promovierte Autorin ist selbst Dipl.-Sozialpädagogin (FH) und Dipl.-Pädagogin und ist einschlägig psychotherapeutisch weiterqualifiziert. Sie lehrt als Professorin für Handlungs- und Methodenkonzepte an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Landshut, Fakultät Soziale Arbeit. Frau Ohling hat im Bereich der Identitätsforschung von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen im Kontext psychotherapeutischer Weiterbildung bereits mehrfach veröffentlicht.

Aufbau

Das Buch umfasst neun Kapitel.

  • Nach der Einleitung wird im zweiten Kapitel „Berufliche Identität“ im Allgemeinen und im Speziellen bei Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen thematisiert.
  • Kapitel 3 beschäftigt sich mit den Unterschieden und Überschneidungen von Sozialer Arbeit und Psychotherapie.
  • Im Kapitel 4 wird der empirische Forschungsstand über die berufliche Identität von sozialpädagogisch Berufstätigen, deren Motivation für das Studium Soziale Arbeit und über die Motivationen dieser Berufsgruppe für eine psychotherapeutische Weiterbildung referiert.
  • Kapitel 5 stellt drei von der Autorin durchgeführte qualitative Studien vor über Auswirkungen psychotherapeutischer Weiterbildung auf die berufliche Identität als Sozialpädagogin und Sozialpädagoge.
  • Da der Wunsch nach verbesserter Handlungskompetenz ein zentrales Weiterbildungsmotiv darstellt, beschäftigt sich Kapitel 6 mit der Bedeutung dieser Kompetenz in der Sozialen Arbeit.

Die letzten drei Kapitel befassen sich mit den Konsequenzen der vorgelegten Befunde:

  • In Kapitel 7 wird überlegt, ob die Klinische Sozialarbeit für psychotherapeutische weitergebildete sozialpädagogisch Berufstätige eine sozialpädagogisch fundierte Identität bieten könnte, die in der Berufspraxis oftmals vermisst und im Bereich Psychotherapie - dann aber mit einer psychotherapeutisch Identität – zu finden gehofft wird.
  • Kapitel 8 thematisiert, was die Identitätsbildung in der Sozialen Arbeit erleichtern könnte.
  • Im Kapitel 9 zieht die Autorin ihr Fazit.

Das Buch ist klar gegliedert und gut verständlich geschrieben. Es umfasst 221 Seiten. Sehr lesefreundlich sind nach einzelnen Kapiteln die abgesetzten Zusammenfassungen. Doch leider sind diese nicht durchgängig. Die dahinterliegende Systematik erschließt sich nicht, bei einem Nachblättern vermisst man sie.

Inhalt und Diskussion

Die Frage nach der beruflichen Identität als Teil der Ich-Identität der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen stellt die Autorin in den Kontext von Identitätsbildung in der Postmodernen, der durch Freiheit und Vielfältigkeit auf der einen Seite aber auch durch den Zwang, eine Identität zu bilden zu müssen, gekennzeichnet ist. Es ist fast bedrückend, wenn dann vierzehn Gründe geballt am Stück folgen, warum es für diese Berufsgruppe schwer war und ist, ein berufliches Selbstverständnis auszubilden. Doch so gut wieder jede und jeder Berufsangehörige/r wird sich in mehreren Punkten wiederfinden.

Die Literatur, in der das vom Grundsätzlichen her beschrieben und beklagt wird, ist umfänglich, umso mehr überrascht dann der Befund der Autorin, dass es zu dem Thema keine repräsentativen Studien oder zumindest triangulierten Selbstberichte (wie in der Identitätsforschung üblich) gibt. Ihre Hypothese ist, dass Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen eine psychotherapeutische Weiterbildung aufzunehmen in der Hoffnung, eine klarere berufliche Identität zu erlangen.

Anhand von drei empirischen Studien wird dieser Hypothese im Rahmen der Weiterbildungen in Familientherapie sowie in Suchttherapie und in der Ausbildung zur/m Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin/therapeuten nachgegangen. Da es sich um nicht-repräsentative Studien handelt, sind die Ergebnisse als „Indizien“ zu werten – und die Indizien weisen deutlich in Richtung der Hypothese. Ändert sich nun die Identität? Die Antwort der Autorin ist:

  1. es kommt darauf an und
  2. in unterschiedlichem Maße.

Hart formuliert: Wer bisher keine sozialpädagogische Identität hatte, dessen Identität kann sich auch nicht ändern. Eine Identitätsänderung (von der sozialpädagogischen zur therapeutischen Berufsidentität) ist bei der Ausbildung zum/r Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten/in deutlicher ausgeprägt als in den zwei anderen Weiterbildungen. Bei den Untersuchungen ließ sich aber auch noch ein andere interessante Gruppe herauskristallisierten: es sind Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, die sich zusätzlich psychotherapeutische Kompetenz erworben haben, aber eine sozialpädagogische Berufsidentität behalten und nicht durch eine (psycho-)therapeutische Identität ersetzen.

Wie kann es gelingen, dieses Verständnis von beruflicher Identität zu fördern, damit Sozialpädagogen und Sozialpädagoginnen – in der Sprache der Autorin – nicht der Sozialen Arbeit „verloren gehen“? Wenn Soziale Arbeit ihr Herzstück, nämlich die Arbeit an der sozialen Dimension menschlichen Seins sowie die Arbeit am Verhalten und an den Verhältnissen, in die psychotherapeutische Arbeit einbringt, muss nicht mehr durch eine Weiterbildung notwendigerweise die soziale gegen die psychischen Dimension ausgetauscht werden. Wie bereichernd das sein kann für beide Seiten, zeigt die Autorin im Kontext von Gesundheit, Suchtkrankenhilfe, aufsuchender Familientherapie oder multisystemischer Familientherapie. Klinische Sozialarbeit könnte aus Sicht der Autorin die Funktion einer „Identitätshaube“ für psychotherapeutisch weitergebildete sozialpädagogische Fachkräfte übernehmen. Über das klinische Verständnis der Arbeit könnte ihnen Soziale Arbeit weiterhin ihre berufliche Heimat bieten.

Da sowohl bei der Studienwahl Soziale Arbeit als auch bei dem Vorhaben, eine psychotherapeutische Weiterbildung zu absolvieren, der Wunsch nach verbesserter Handlungskompetenz als Bestandteil einer eindeutigeren Berufsidentität eine hohe Priorität hat, müssen die Hochschulen in der grundständigen Ausbildung und in Masterstudiengängen diesem Bedarf nachkommen, sonst wird der Berufsnachwuchs seinen Bedarf woanders decken – mit all den Unabwägbarkeiten für die berufliche Identität. Und auch die psychotherapeutischen Ausbildungsinstitute sind gefragt: Welchen Stellenwert soll eigentlich die soziale Dimension von psychischer Gesundheit und Krankheit in der Ausbildung bekommen? Ist ihnen berufliche Herkunftsidentität ein Wert oder ist sie bedeutungslos oder soll diese sowieso gegen Identifikation mit der zu erlernenden Methode ersetzt werden?

Fazit

Frau Ohling trifft mit ihrem Buch Soziale Arbeit ins Mark: Wie gut ist es um die berufliche Identität der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen bestellt? Die Befunde sind so neu nicht, wenngleich der Autorin der Verdienst gebührt, empirische Belege vorzulegen. Umso drängender sind die Fragen, die das Buch aufwirft: wer muss an welchen Stellen womit und wie gezielt Identitätsbildung betreiben? Der Idee, mangelnde berufliche Identität als Chance für Soziale Arbeit zu sehen, erweist die Autorin eine Absage. Hier wird aus der Not eine Tugend gemacht. Statt dessen müssen sich alle Lehrenden an den Hochschule sehr kritisch fragen, wo wird Identitätsbildung thematisiert und wie umfangreich ist die Ausbildung in Handlungskompetenzen. Es scheint so zu sein, dass der „methodische Heißhunger“ der Berufsangehörigen durch ein „Abspeisen“ in den Hochschulen noch verstärkt wird.

Dieses Buch ist empfehlenswert für alle hauptberuflich Tätigen sowie Lehrbeauftragten an Hochschulen, für Praxisanleiter/innen in den Praxisstellen für die praktischen Studiensemester, für Leiter/innen und Mitarbeitende an sozialen Einrichtungen, die neue Kolleginnen und Kollegen einarbeiten und natürlich für Studierende der Sozialen Arbeit im Bachelor- und Masterbereich. Dieses Buch sollte zudem in keinem psychotherapeutischen Ausbildungs- und Weiterbildungsinstitut fehlen – und dort im Team auch die Frage auslösen, wie halten wir es mit der eigenen beruflichen Herkunftsidentität und wie mit der unserer Kundschaft.


Rezensent
Prof. Dr. Christoph Walther
Technische Hochschule Nürnberg, Fakultät Sozialwissenschaften; Dipl.-Sozialpädagoge (FH) mit psychotherapeutischer Weiterqualifikation


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Zitiervorschlag
Christoph Walther. Rezension vom 25.11.2014 zu: Maria Ohling: Soziale Arbeit und Psychotherapie. Verändert sich die berufliche Identität psychotherapeutisch weitergebildeter SozialpädagogInnen und SozialarbeiterInnen? Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-1967-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17080.php, Datum des Zugriffs 28.06.2016.


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