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Gunter Schmidt: Das neue Der Die Das

Cover Gunter Schmidt: Das neue Der Die Das. über die Modernisierung des Sexuellen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. 153 Seiten. ISBN 978-3-8379-2325-4. 16,90 EUR.
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Thema

Als anthropologische Konstante gehört die Sexualität in jeder Gesellschaft zu den elementaren Formen des sozialen Lebens. Die vielzitierte „natürlichste Sache der Welt“ auf seine biologischen Determinanten zu reduzieren, würde sicher zu kurz greifen. Schließlich ist Sexualität nicht einfach „da“, sondern wird im Interaktionsrahmen stets aufs Neue performativ hergestellt – und je nach Zeit und Ort unterschiedlich kodiert. Im Schatten der Individualisierung und gesellschaftlichen Ausdifferenzierung vollzieht sich ein sexueller Strukturwandel, deren Auswirkungen in viele Lebenskonzepte (Moral, Geschlechts- und Körperbilder, Partnerschaft, Familie etc.) eingreifen. Altbewährte Vorstellungen und Sinnsetzungen wie z.B. die starre Grenzziehung zwischen Hetero- und Homosexualität verschwimmen, und einstmals feststehende, unhinterfragte Begriffe erlauben inzwischen unterschiedliche Lesarten. Diese Entwicklung gibt berechtigten Anlass dazu, weniger von „Sexualität“ als von „Sexualitäten“ zu sprechen (siehe: www.socialnet.de/rezensionen/15631.php). Sexueller Wandel meint nicht nur die Art und Weise wie Menschen ihre Sexualität leben, sondern auch, welche Normalitätserwartungen sie dabei hegen, und welche Erklärungsmodelle und Legitimationsgrundlagen herangezogen werden. Wie auch das vorliegende Buch von Gunter Schmidt unter Beweis stellt, ist die moderne Sexualität ein höchst vielschichtiges Feld, dessen Einzelkomponenten schwer zu überblicken sind und eine genauere Betrachtung lohnenswert machen.

Autor

Der Psychotherapeut und Sozialpsychologe Gunter Schmidt war im Uniklinikum Hamburg Eppendorf (Abteilung für Sexualforschung) in Forschung und Lehre tätig. Zudem war er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung und Präsident der International Academy of Sex Research. Derzeit ist Schmidt Mitglied des Bundesvorstandes der pro familia. Während seiner langen Laufbahn hat er in diversen Forschungsprojekten mitgewirkt und zahlreiche Publikationen vorgelegt. So ist er u. a. auch Mitherausgeber der renommierten Fachbuchreihe „Beiträge zur Sexualforschung“. Große Bekanntheit erlangten vor allem seine Studien zur Sexualität von Jugendlichen und Studierenden. Schmidt gilt als einer der führenden und meist rezipierten deutschen Sexualwissenschaftler.

Entstehungshintergrund

Hervorgegangen ist das Buch aus Manuskripten von Vorlesungen und Vorträgen, die Schmidt in den letzten Jahren gehalten hat. Der Band ist erstmals bereits im Jahr 2004 erschienen. Es handelt es sich nun um eine überarbeitete, aktualisierte und um zwei Kapitel erweiterte Neuauflage. Ältere Werke des Autors wie „Das große Der Die Das“ (1986) oder „Das Verschwinden der Sexualmoral“ (1996) können als Vorläufer betrachtet werden.

Aufbau

Die etwa 150 Seiten fassende Monografie besteht aus insgesamt elf etwa gleich langen Kapiteln, die ihrerseits in kleiner Abschnitte gegliedert sind.

Inhalt

Der sexuelle Wandel hat neue Ausdrucksformern und Deutungen hervorgebracht, die Schmidt in seinem Buch bilanziert. Ein Blick in die letzten Jahrzehnte zeigt, wie sehr sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Sexualität und damit verbundene soziale Normen verändert haben. Traditionelle Verbindlichkeiten wurden gelockert und klassische, lange Zeit als unumstößlich geltende Ideale, etwa bezüglich der Geschlechtsrollenerwartungen, hinterfragt. Damit hängen u.a. auch die gesellschaftliche Neubewertung sowie der quantitative Anstieg von vorehelichem bzw. außerehelichem Koitus zusammen. Sexuelle Beziehungen wurden aus der Institution Ehe entlassen, und letztere ist in Zeiten der Pluralisierung der Lebensstile nur noch eine von mehreren Optionen. Ehescheidungen erfahren eine Uminterpretation, indem sie immer weniger als ein legitimierungsbedürftiges Versagen, sondern als zunehmend anerkannte Problemlösungsstrategie verhandelt werden. Zwar konnten sich Partnerschaften von der Ehe emanzipieren, doch sind auch sie durch eine wachsende Instabilität gekennzeichnet, weil sie weniger denn je auf pragmatischen Beweggründen aufbauen und dadurch leichter in Frage gestellt werden können. Die „Kontinuitätsbiografie“ (20) wird tendenziell abgelöst von einer Aneinanderreihung serieller Monogamien. Sex scheint (in Zeiten, in denen er von der Reproduktion abgekoppelt ist) zwar einerseits unverbindlicher geworden zu sein, dennoch hat ihn „die feste Partnerschaft […] nach wie vor fest im Griff“ (24). So findet Schmidt zufolge etwa 95% der Geschlechtsverkehre in festen Beziehungen statt.

Ausgemachte Polaritäten zwischen richtig und falsch, gut und schlecht, normal und pervers haben sich verflüssigt und bieten heute Raum für heterogene Zwischenformen. Praktiken wie die des Oralverkehrs, welcher vor hundert Jahren noch als perverse Abart gebrandmarkt war, lassen sich heute problemlos in den „Standardkanon“ sexueller Spielarten integrieren. Ganz ähnliches gilt für die damals tabuisierte und pathologisierte Masturbation. Längst wird sie als eigenständige Sexualpraktik nicht nur anerkannt, sondern auch nicht weiter in einem kompensatorischen Sinne verstanden; vielmehr kann sie in friedlicher Koexistenz mit dem Partnersex stehen – was sich durch empirische Untersuchungen bestätigen lässt. Auch haben sich bestimmte Varianten des Sadomasochismus vom Stigma der Perversion lösen können und werden heute sogar verstärkt als Mittel einer (Wieder-)Belebung der partnerschaftlichen Sexualität positiv quittiert.

An die Stelle einer von ehemaligen sexuellen Normsetzungsinstitutionen wie Staat und Kirche diktierten Sexualmoral ist eine von gleichberechtigten Sexualpartnern ausgetragene Verhandlungsmoral getreten, so die Generalthese des Autors. Diese Form der beidseitigen sexuellen Selbstbestimmung bewertet nicht die sexuellen Handlungen an sich, sondern vielmehr die Umstände ihres Zustandekommens. Im Zentrum steht die Idee der Reziprozität, die den Geschlechtsverkehr als „gemeinsame Aktion des Paares“ (56) betrachtet. Von der Verhandlungsmoral profitiert in heterosexuellen Beziehungen vor allem die weibliche Sexualität, welche hierdurch überhaupt erst als solche anerkannt wird, und nicht mehr länger der männlichen Lust unterworfen ist (gender equalisation).

Das Prinzip der Verhandlungsmoral ragt auch in das Rechtssystem hinein: In der Strafgesetzgebung spielt die Frage, ob gewisse Sexualhandlungen unter gegenseitigem Einvernehmen zustande gekommen sind oder nicht (was keineswegs immer eindeutig zu bestimmen ist), eine nicht unbedeutende Rolle. Im Zuge der Liberalisierung erscheint Sexualität also nur noch dann problematisch, wenn sie das Terrain des reziproken Konsenses verlässt. Umso mehr werden Formen des sexuellen Missbrauchs, nicht zuletzt im Kontext der Pädophilie, streng sanktioniert.

Mit dem Wandel gehen auch veränderte wissenschaftliche Konzepte zur Erklärung der Sexualität einher, in die Schmidt Einblicke gewährt. So wurde etwa das Trieb- bzw. „Dampfkesselmodell“ vom Ressourcenmodell abgelöst. Ein eigener Abschnitt stellt die Unterschiede beider Ansätze gegenüber. „Uns spätmoderne Menschen treibt nicht so sehr die Frage um, wie man sexuelle Spannungen und Druck loswerden kann, um Ruhe zu finden, sondern was man alles mit der Sexualität anstellen kann“ (37). Ein anderes Kapitel beschäftigt sich mit dem wissenschaftlichen Diskurs zur Kindersexualität (Gegenüberstellung von homologer und heterologer Position), welcher in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert seinen Anfang nahm, und nicht möglich gewesen wäre ohne die „frühe bürgerliche sexuelle Revolution, die den Sex als einen Teil des Charakters und der Identität konzipierte“ (72).

Das Buch liefert ebenso quantitatives Material aus der eigenen Forschung des Autors über Häufigkeit und Qualität von Paarsexualität. Dabei wird u. a. mit einigen Trugschlüssen aufgeräumt, wie dem, dass die heute geringeren Koitusfrequenzen ein „Ausdruck kollektiver sexueller Langeweile“ (52) seien. Auch das Lebensalter der Partner ist für die Häufigkeit des Geschlechtsaktes nicht so sehr entscheidend, sondern vielmehr die Dauer der Paarbeziehung. Auf den Punkt gebracht: „Eine 60-jährige Frau, die seit zwei Jahren mit ihrem Partner zusammen ist, ist – gemessen an der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs – sexuell aktiver als ein 30-jähriger, der zehn Jahre lang liiert ist“ (53). Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass der gemeinsame Koitus in unterschiedlichen Phasen der Paarbeziehung mit unterschiedlicher Bedeutung aufgeladen wird. Thematisiert wird auch der Wandel der Jugendsexualität. Deren Liberalisierung und Medialisierung werden genauso beleuchtet wie Geschlechtsspezifika, der biografische Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehres sowie die Rolle der Masturbation im sexuellen Erleben und Verhalten Jugendlicher.

Des Weiteren befasst sich der Autor mit der Infragestellung einer lange Zeit selbstverständlichen, quasinatürlichen Geschlechtsdichotomie, einer lebenslangen Geschlechtskonstanz und der Monosexualität – was von einem historischen Abriss der Homo- und der Intersexualitätsforschung ergänzt wird. Es erfolgt dabei u. a. ein Verweis auf die über das wissenschaftliche Fachpublikum hinaus bekannt gewordenen Arbeiten von Alfred C. Kinsey, der schon Mitte des letzten Jahrhunderts auf ein hetero-homosexuelles Kontinuum aufmerksam machte. Insofern sind „homo“ oder „hetero“ keine festen und lebenslangen Setzungen, sondern intraindividuell variabel. Schmidt weiß dies durch eigene Interviewstudien zu bestätigen. „Man kann davon ausgehen, dass Homosexuelle gemeinhin das Ausmaß ihrer Homosexualität und Heterosexuelle das Ausmaß ihrer Heterosexualität überschätzen“ (132 f.).

In seinem Resümee fasst Schmidt nochmals die letzten 50 Jahre des sexuellen Wandels zusammen, welcher letztlich in der Entmystifizierung des Sexuellen mündet.

Diskussion

Das neue Der Die Das ist streng genommen ein altes Der Die Das. Als aktualisierte Neuausgabe kann die Arbeit mit dem gegenwärtigen Forschungsstand mithalten, darüber hinaus liefert sie indes keine radikalen Neuigkeiten. Wer sich aktuellste bahnbrechende Erkenntnisse aus der Sexualwissenschaft erhofft, wird aller Voraussicht nach enttäuscht. Weil das Buch – obschon auf unterhaltsame Weise – Altbekanntes wieder aufwärmt, dürfte sich der Erkenntniszuwachs all jener Leser, die mit dem status quo der deutschen Sexualwissenschaft bereits vertraut sind, in Grenzen halten. Redundanzen tauchen selbst innerhalb des Buches auf, was aber zugegebenermaßen auch durch die Interpenetration der einzelnen Kontexte bedingt ist, die sich nun mal analytisch schwer trennen lassen. Gewinnbringend ist die Lektüre deshalb insbesondere für jene Leser, die mit den sexualwissenschaftlichen Standarddiskursen noch wenig vertraut sind – beispielsweise Studierende einer Einführungsveranstaltung. Wer nach einer kompakten Zusammenfassung des sexuellen Wandels der letzten Jahrzehnte in leicht verständlicher Form sucht, ist mit diesem Buch in jedem Fall sehr gut bedient. Insofern ist es auch für eine nichtwissenschaftliche Leserschaft durchaus empfehlenswert. Möchte man hingegen mehr über einzelne Hintergründe erfahren, ist man mit vertiefender Literatur besser beraten.

An Anschaulichkeit gewinnt der Band dadurch, dass neben theoretischen Überlegungen auch empirische Erkenntnisse (etwa anhand von Fallbeispielen) dargelegt werden. Eine erweiterte Übersicht erhält der Leser durch verschiedene Exkurse wie etwa zur Homosexualität im Nationalsozialismus.

Leider verrät das Buch, seiner beabsichtigten Kompaktheit geschuldet, wenig über methodologische Herangehensweisen – umso spannender wären Reflexionen hinsichtlich der Generierung von Daten in intimen Kontexten gewesen.

Fazit

Eine kompakte, anschauliche und gut lesbare Darstellung des sexuellen Wandels der vergangenen Jahrzehnte, der als Überblick über die Thematik empfehlenswert ist.


Rezensent
Matthias Meitzler
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Zitiervorschlag
Matthias Meitzler. Rezension vom 13.08.2014 zu: Gunter Schmidt: Das neue Der Die Das. über die Modernisierung des Sexuellen. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. ISBN 978-3-8379-2325-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17099.php, Datum des Zugriffs 05.12.2016.


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