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Christina Schachtner (Hrsg.): Kinder und Dinge

Cover Christina Schachtner (Hrsg.): Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FabLabs. transcript (Bielefeld) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-8376-2553-0. 29,99 EUR.
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Thema

Das neu aufgekommene Interesse an der „Welt der Dinge“, das in den Sozial- und Kulturwissenschaften unter dem Stichwort „material turn“ diskutiert wird, hat bisher kaum Eingang in die Kindheitsforschung gefunden. Dies ist erstaunlich, da das Thema schon in den 1920er Jahren unter Bezug auf Kinder und ihre Weltaneignung erörtert wurde.

In dieser Zeit hatte aus sozialpsychologischer Perspektive Kurt Lewin bereits vom „Aufforderungscharakter“ der Dinge gesprochen. Er wollte darauf aufmerksam machen, dass sich die Menschen nicht einer neutralen, sondern einer stimulierenden Dingwelt gegenübersehen, die ihnen freundlich oder feindlich begegnet, die lockt, motiviert, erschreckt. Lewin sah Dinge mit „willensartigen“ Tendenzen ausgestattet, die sich bereits dem Kleinkind offenbaren. Als Beispiele, die den Säugling zum Zugreifen motivieren, nennt er das glitzernde Spielzeug, ein Bändchen oder den Zipfel eines Tuchs. Der Philosoph und Pädagoge John Dewey hatte ebenfalls schon in den 20er Jahren den Zusammenhang zwischen dem Gebrauch der Dinge und der Erkenntnis der Wirklichkeit in den Mittelpunkt seines Forschungsinteresses gerückt. Ihm zufolge lernen die Menschen nicht durch die passive Anschauung, sondern durch den Gebrauch der Dinge die Welt erkennen und verstehen. Dewey hatte schon bei kleinen Kindern beobachtet, dass sie aktiv die Eigenschaften der Dinge erkunden und sich so die sie umgebende Welt aneignen. Ähnliche Gedanken hatte um die gleiche Zeit der Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak formuliert.

Der aktuelle Diskurs über das Verhältnis von Menschen und Dingen ist durch die von dem französischen Soziologen Bruno Latour konzipierte „Akteur-Netzwerk-Theorie“ geprägt. Ihr zufolge sind neben den Menschen auch Kultur- und Naturdinge als „Akteure“ an den Handlungsabläufen beteiligt. Latours populär gewordener Satz „Die Menschen sind nicht mehr unter sich“ verweist auf die Handlungsmacht der Dinge, ohne dass er ihnen eine deterministische Wirkung zuschreibt. Andere zeitgenössische Autor*innen gehen nicht so weit, die Dinge als Akteure zu sehen, aber auch sie setzen sich von Handlungstheorien ab, die Handlungen ausschließlich dem menschlichen Subjekt zurechnen. Ihre Sichtweise lässt sich mit dem von Ernst Schraube formulierten Satz umreißen: „Nicht nur wir tun etwas mit den Dingen, auch die Dinge tun etwas mit uns.“ Das Nachdenken über die „evokativen“ Eigenschaften von Dingen hat durch die rasant sich entwickelnde Computer- und Kommunikationstechnologie immensen Auftrieb erhalten.

Entstehungshintergrund

Im vorliegenden Sammelband wird der Versuch unternommen, die Debatte um das interaktive Verhältnis von Menschen und Dingen für die Kindheitsforschung fruchtbar zu machen. Der Band knüpft nicht von ungefähr an Erfahrungen von Kindern im Umgang mit Computern an. Auslöser war die sog. FabLab-Studie, die von einem Forschungsteam der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt in Zusammenarbeit mit dem Happylab Vienna durchgeführt wurde. Ein FabLab oder ein Fabrication Laboratory ist eine Hightech-Werkstatt für jedermann, in der mit computergestützten Maschinen verschiedenste Produkte durch die sog. Fabber hergestellt werden. Im vorliegenden Fall wurden Workshops mit Kindern im Alter zwischen 9 und 14 Jahren wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. In den Workshops bedruckten die Kinder ein mitgebrachtes T-Shirt mit einem von ihnen am Bildschirm entworfenen Motiv, entwickelten mit Hilfe des Programms Google SketchUp ihr Traumhaus, das mittels eines 3 D-Druckers als materieller Gegenstand in Miniaturform ausgedruckt wurde, stellten ein elektronisches Musikinstrument her, das als Drawdio bezeichnet wird, und programmierten ein Computerspiel. Die Aufmerksamkeit der Forscherinnen war auf die gestaltenden Tätigkeiten der Kinder, ihre Interaktion miteinander, mit der Workshop-Leiterin, mit den technischen Geräten und mit den von ihnen hergestellten Produkten gerichtet. Außer den Beiträgen, die sich mit den Erfahrungen der Kinder in den Workshops befassen, enthält der Band vier Beiträge, die über die Geschichte der materiellen Kinderkulturen, die Bedeutung der Dinge in Kinderzimmern, sowie von Musikinstrumenten und Puppen im Leben von Kindern reflektieren.

Aufbau und Inhalt

Im einführenden Beitrag („Kindliche Dingwelten im Lichte des material cultural turns“) fragt die Herausgeberin Christina Schachtner in grundsätzlicher Weise nach der Bedeutung der Dinge im menschlichen Leben, insbesondere in der Lebenswelt der Kinder, und gibt einen Überblick über die Fragestellungen, den methodischen Ansatz und den Verlauf der FabLab-Studie. Im Zusammenhang mit dem Versuch, den Begriff „Dinge“ zu bestimmen, erörtert sie in einem weiteren Beitrag („Kinder, Dinge und Kultur“) zum einen die materielle und immaterielle Dimension der Dinge, zum anderen deren Instrumentalität und Erlebnisbedeutung. Unter Bezug auf die empirischen Ergebnisse der FabLab-Studie setzt sie sich mit den Interaktionsformen auseinander, die von den Dingen als „hybriden Objekten“ hervorgerufen werden, diskutiert ihre kulturellen Implikationen und fragt schließlich aus der Sicht der Akteur-Netzwerk-Theorie, was Aufwachsen im „Netzwerk der Dinge“ bedeuten kann.

Im dritten Beitrag („Der Zauber der Dinge in der Kindheit“) widmet sich Burkhard Fuhs der Frage, wie die materielle Kultur der Kinder als Ausdruck von Kindheit verstanden werden kann und welche Auswirkungen der materielle Wandel auf die Welt der Kinderdinge hat. Unter einer historischen Perspektive zeigt er, dass Dinge wie Bilder, Spielzeug, Kinderliteratur immer schon „Mediendinge“ waren. Diese Medien betrachtet er als wichtigste „Rohstoffquelle“ kindlicher Fantasien, denn ihr entnähmen die Kinder ihre Themen und Helden, um ihre „inneren Welten und Entwicklungsaufgaben zu gestalten“.

Die folgenden drei Beiträge stellen unter verschiedenen Aspekten die Vorgeschichte und die Ergebnisse der FabLab-Studie vor. Irene Posch („Digitale Welten begreifen“) gibt einen Überblick über die FabLab-Bewegung und die technischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der FabLabs. Sie sieht sie als Orte, die ihre Nutzer*innen ermächtigen, von Konsument*innen zu Produzent*innen und sogar zu Erfinder*innen zu werden. Anhand der von ihr konzipierten und durchgeführten Workshops im Happylab Vienna zeigt sie auf, wie für Kinder ein Ermöglichungsraum geschaffen wird, in dem sie mit Hilfe digitaler Technologie ihre ästhetischen Vorstellungen, ihre technischen Fertigkeiten und Träume mobilisieren und entfalten können. Elisabeth Augustin („Herstellen und Lernen“) richtet ihre Aufmerksamkeit auf die Herstellprozesse im Happylab Vienna und auf die damit verbundenen Lernerfahrungen. Sie analysiert die enge Verbindung von Herstellen und körperlichem Erleben, beschreibt das Basteln und Herstellen als ein Handeln, das sinnliche Erfahrungen ermögliche, ein gesteigertes Gefühl der Selbstwirksamkeit hervorrufe und schließlich auch als eine Praktik des „Sinnbastelns“ im Dienste von Identitätsarbeit betrachtet werden könne. Ausgehend von einem alltagsweltlich orientierten Ästhetik-Begriff zeigt Birgit Witze („Ästhetik in der Dingwelt von Kindern“), dass die Kinder ihre ästhetischen Erfahrungen nicht primär in der Auseinandersetzung mit Kunst gewinnen. Wichtiger sei hierfür die Beschäftigung mit Symbolen und Produkten der Konsum- und Populärkultur sowie das Hantieren und Gestalten der Dinge, z.B. beim Schneiden von Videos oder bei der Bearbeitung von Bildern am Bildschirm „im Zuge einer kreativen Mimesis“.

Die letzten drei Beiträge des Bandes erweitern den Blick auf die Bedeutung von Dingen im Alltag der Kinder. Jutta Buchner-Fuhs („Das Kinderzimmer und die Dinge“) beschreibt das Kinderzimmer als einen Ort, in dem Kinder als Akteur*innen ihren Eigen-Sinn entfalten. Ihr zufolge gehen Kinder Allianzen und Beziehungen mit den im Kinderzimmer vorhandenen Dingen ein, die ebenso Agency besitzen wie die kindlichen Akteur*innen. Inspiriert von Bruno Latour vertritt sie die These, dass Dinge und kindliche Selbstinszenierungen eine untrennbare Verbindung darstellen. Musikinstrumente sind die Dinge, die im Mittelpunkt des englischsprachigen Beitrags von Jytte Bang stehen („The meaning of musical instruments and music technologies in children‘s lives“). Kinder, die ein Musikinstrument lernen, sähen in diesem gleichermaßen ein technisches Artefakt wie die mit ihm erzeugte Musik, beides werde von den Kindern als Einheit erlebt. Um dies zu verstehen, sei ein Dialog mit den historischen, kulturellen, institutionellen und kreativen Dimensionen des Artefakts notwendig. Im abschließenden Beitrag von Insa Fooken („Puppen – Besondere Dinge für Kinder?“) geht es um Dinge, die seit jeher in der Welt der Kinder präsent sind. Puppen bieten ihr zufolge aufgrund ihrer Menschenähnlichkeit einen spezifischen Resonanz- und Gestaltungsraum für Kinder. Fooken sieht sie als „Übergangsobjekte“, die zwischen dem kindlichen Ich und der Welt vermitteln und ihm bei der Verarbeitung von Alltagserfahrungen helfen. Mit ihnen ließen sich aber auch Wut, Hass, Gemeinheit, Destruktivität ausleben. Allerdings seien Puppen heute eine „bedrohte Spezies“.

Diskussion

Der Band macht verdienstvoller Weise auf einen bislang in der Kindheitsforschung vernachlässigten Aspekt im Leben von Kindern aufmerksam. Er trägt dazu bei, das vornehmlich in westlichen Gesellschaften verbreitete Kindheitsbild zu hinterfragen, demzufolge Kindheit eine Art Schutzzone darstellt, die dem „Ernst des Lebens“ entzogen oder vor ihm zu bewahren sei. Dieses Bild wurde zwar auch in der Sozialisations- und Kindheitsforschung inzwischen problematisiert, aber die hier kultivierten Vorstellungen von Kindheit als „sozialer Konstruktion“ und „kindlicher Subjektivität“ oder „Agency“ erscheinen noch immer eigentümlich losgelöst von ihren materiellen Voraussetzungen und Begleitumständen. Ein Beleg dafür ist, dass zwar viel davon gesprochen wird, die „Stimmen“ oder „Sichtweisen“ der Kinder ernster zu nehmen, aber den Kindern als arbeitenden oder wirtschaftlich handelnden Subjekten wenig Aufmerksamkeit (und noch weniger Ermutigung und Förderung) zuteilwird.

Die Dinge, um die es in dem vorliegenden Band geht, sind sehr verschiedener Natur. Ob sie, wie die meisten in dem Band zu Wort kommenden Autor*innen anzunehmen scheinen, ein „eigenes Leben“ oder gar die Eigenschaften eines handelnden Subjekts besitzen, bezweifele ich. Aber sie spielen im Leben der Kinder eine wichtige Rolle und dienen ihnen dazu, sich als tätige Subjekte, die etwas bewirken und verändern können, zu erfahren und sich von ihnen herausfordern zu lassen. Die digitalen Technologien sind hierfür in besonderem Maße geeignet, indem sie den Kindern gleichermaßen körperliche, sinnlich-ästhetische und mentale Erfahrungen ermöglichen, und es ist gewiss kein Zufall, dass sich diese Technologien nicht mehr eindeutig der bisher den Erwachsenen vorbehaltenen Arbeits- und Produktionssphäre zuordnen lassen.

Die in den FabLab-Werkstätten ermöglichten Tätigkeiten und Erfahrungen zeigen die Kinder als Akteure, die Dinge „herstellen“, die ihnen wichtig erscheinen und mit denen sie sich identifizieren. Ihre Tätigkeiten hätten auch als Arbeit bezeichnet werden können. Dass dies in den Beiträgen nicht geschieht, deutet darauf hin, dass die Autorinnen sie noch als eine Art Spielwiese betrachten, die mit dem „Ernst des Lebens“ (noch) nichts zu tun hat oder zu tun haben soll. Es wäre reizvoll, sich vorzustellen (und zu untersuchen!), in welcher Weise solche oder vergleichbare Tätigkeiten auch im Alltagsleben der Kinder Einzug halten oder schon Teil ihrer Lebensrealität sind. Leider begnügen sich die auf den Alltag der Kinder bezogenen Beiträge mit der „Bearbeitung“ von Gegenständen, die mit dem bürgerlichen Kindheitsbild kompatibel sind (Spielzeug, Puppen, Musikinstrumente) und die über jeden Verdacht erhaben zu sein scheinen, der heilen Kinderwelt Schaden zuzufügen.

Eine andere Beschränkung des Bandes sehe ich darin, dass nicht gefragt wird, in welcher Weise sich in den „Dingen“ selbst soziale Beziehungen und Verhältnisse abbilden oder gar hinter ihnen verborgen bleiben können. Dinge zu „gestalten“ und sich an ihnen zu „erproben“, mit welchen Technologien auch immer, ist ein Tun, das lebenswichtig sein und Befriedigung verschaffen kann. Aber dafür müssen auch die (Rahmen-)Bedingungen stimmen. In einer Welt, in der jedes Produkt, das zum Leben benötigt wird, früher oder später zur Ware mutiert oder fast immer nur als solche zu haben ist, werden die Beziehungen der Menschen (und auch schon die der Kinder) selbst zu Dingen, was in dem ehrwürdigen (und in dem an keiner Stelle des Bandes auftauchenden) Begriff der „Verdinglichung“ zum Ausdruck kommt. Auch das noch so selbstständige „Herstellen“ in „Fabrication Laboratories“ kann sich dem nicht entziehen, solange die gesellschaftlichen Verhältnisse und Bedingungen so bleiben, wie sie sind.

Fazit

Das Buch regt zum Nachdenken an, wie wichtig der Gebrauch und der herstellende Umgang mit Dingen schon im Leben von Kindern sind und sein können, fordert aber auch dazu heraus, den Umgang mit den „Dingen“ selbst kritischer auf seine „Bedingungen“ zu hinterfragen.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Children‘s Rights European Academic Network (CREAN) c/o Freie Universität Berlin
Homepage www.enmcr.net
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 07.08.2014 zu: Christina Schachtner (Hrsg.): Kinder und Dinge. Dingwelten zwischen Kinderzimmer und FabLabs. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2553-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17136.php, Datum des Zugriffs 25.06.2016.


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