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Volker Brinkmann (Hrsg.): Sozialwirtschaft und soziale Arbeit im Wohlfahrtsverband

Cover Volker Brinkmann (Hrsg.): Sozialwirtschaft und soziale Arbeit im Wohlfahrtsverband. Tradition, Ökonomisierung und Professionalisierung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 136 Seiten. ISBN 978-3-643-12459-3.

Sozialökonomie und Sozialpolitik, Bd. 1.
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Thema

Volker Brinkmann legt mit der Veröffentlichung „Sozialwirtschaft und Soziale Arbeit im Wohlfahrtsverband“ eine kleine aber feine Textsammlung zu einem höchst virulenten Thema vor. Der Weg der Verbände, den Strünck bereits 2000 als Vermischung der „advokatorischen Interessensvertretung“ mit einem „professions-politischem Modus“ beschrieben hat, wird in dem vorliegenden Band aktuell weiter analysiert.

Aufbau und Inhalt

Der einleitende Beitrag von Volker Brinkmann beschäftigt sich im Kern mit den derzeit auf mehreren Ebenen diskutierten Modellen des sozialinvestiven Unternehmertums und den damit zwangsläufig einhergehenden wirkungsorientierten Steuerungsmodellen. Was in Deutschland in den 90ern mit den vertragsgesteuerten, also output-orientierten Modellen im Rahmen der „Neuen Steuerung“ begonnen hat, findet nun auf europäischer Ebene in der Form des (privaten) Sozialinvestments seine folgerichtige Fortsetzung. Aber ebenso wie die Illusion von einem „Sozialmarkt“, der ja nie ein wirklicher Markt war, birgt eben auch die naiv anmutende Illusion eines gelingenden sozialinvestiven Investment – Brinkmann schreibt hier von einer „Hybridkonstruktion aus dem Sachziel sozialer Problemlösung und dem Formalziel wirtschaftlichen Handels“ (S. 13) – eine ganze Reihe von Risiken Zunächst betont er die Gefahr eines „Durchgriff(s) der Anleger und Investoren auf die Sozialunternehmen, Sozialprojekte und deren Klientel.“ (S. 15) Des Weiteren konstatiert er die Gefahr einer wachsenden Dominanz des Sozialmanagements im Rahmen einer „sozialtechnizistisch verengten Form der Wirkungsperspektive“ (S.19) und einer sich hieraus möglicherweise ergebenden Dequalifizierung der Profession der Sozialen Arbeit als lediglich ausführendes Organ. Gleichwohl kommt Brinkmann zu dem Ergebnis, dass eine „mixed economy of welfare“ dann eine Alternative darstellen kann, wenn es gelingt, einen dazu passenden ordnungspolitisch sowie leistungs- und verwaltungstechnisch passenden Rahmen zu entwerfen.

Boeßenecker thematisiert in seinem Beitrag „An Morgen denken – Zukunft sichern!“ die Gefahr der freien Wohlfahrtspflege, im Zuge der sich verändernden strukturellen, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umweltbedingungen entweder in die Bedeutungslosigkeit zu fallen, oder ihre Gestalt so zu verändern, dass sie sich von gewerblichen Akteuren auf dem Sozialmarkt nur noch marginal unterscheidet. Die zu konstatierende „vorsichtige Modernisierung“ der Verbände als Reaktion auf die veränderten Bedingungen reichen lt. Boeßenecker nicht aus, um deren Bestand zu sichern und gleichzeitig ihr Profil gegenüber den erwerbsorientierten Akteuren zu schärfen. Eine weitere Erosion des gemeinnützigen Profils führe zwangsläufig zum Wegfall der Legitimation einer öffentlichen Subventionierung. Zentral erscheint ihm ein, weit über die traditionellen, werteorientierten Implikationen hinausweisende Kooperation und Vernetzung aller Wohlfahrtsverbände als Grundlage für die Schaffung einer gemeinwohlorientierten Infrastruktur. „Unterschiedliche Verbandstraditionen, Milieus und Motivbünden wären hierbei auf eine gemeinsame Ausgestaltung des zivilgesellschaftlichen Sektors gerichtet, nicht aber auf die Durchsetzung verbandlicher Egoismen und Besitzstandsstrategien.“ (S. 47) Als geeignetes Vehikel verweist Boeßenecker an dieser Stelle auf das aktuelle Genossenschaftsgesetz, welches so angelegt sei, dass es „ungeahnte“ Möglichkeiten eröffne und in der konsequenten Anwendung zu Wohlfahrtsverbänden „anderer Art“ führen könne, welche dann eine hybride Kombination aus gemeinnützigen, Werte-basierten, gewerblichen und bürgerschaftlichen Organisationsformen bilden könnten.

Während Brinkmann und Boeßenecker einen verbandsübergreifenden Blick auf die jeweilig thematisierten Handlungsstränge werfen, fokussiert Ernst-Basten, anders als es der gemein gehaltene Titel vermuten lässt, in dem Beitrag „Strategische Ausrichtung von Trägern und Wohlfahrtsverbänden für ein inklusives Gemeinwesen“ schwerpunktmäßig eine Zukunftsstrategie des PARITÄTISCHEN. Ein kurzer Status quo Bericht hinsichtlich der Position und Bedeutung der Wohlfahrtsverbände leitet über zu einer Anzahl von Thesen, die die derzeit tendenziell eher negative Bewertung der Verbände durch die Öffentlichkeit erklären sollen, bzw. hier Abhilfe versprechen. Zunächst stellt Ernst-Basten fest, dass die gesellschaftliche Bedeutung der Verbände im krassen Gegensatz zu ihrer aktuellen Größe stehen, was wiederum dadurch zu erklären sei, dass im Zuge der „Modernisierung“ der letzten Jahre der gemeinnützige Kern der Verbände hinter der Wettbewerbsorientierung kaum noch sichtbar wäre. Die Verbände, so Ernst-Basten, laufen derzeit Gefahr, ihren sozialpolitischen Einfluss zu verlieren, anstatt, wie immer häufiger von „Vielen Menschen im Land“ gewünscht, das Soziale in den Vordergrund zu stellen und die sozialanwaltschaftliche Tradition wieder ernst zu nehmen. Einen Ausweg aus dieser Krise sieht Ernst-Basten in der konsequenten Berücksichtigung inklusiver Implikationen, welche die Chance eröffnen würden, „bürgerschaftliches Engagement und neue Dienstleistungen auf allen Ebenen der Organisation zu einem „Bürger-Prof-Mix“ (S.58)“ zu verbinden. Dieser Mix, angewendet und umgesetzt auf lokaler Ebene, verbunden mit einem stetigen und transparenten Austausch auf Augenhöhe zwischen Leitung, Mitarbeitenden und Betroffenen biete wieder die Möglichkeit, “ als Verband im politischen Feld als relevanter politischer Interessensvertreter aufzutreten„(S. 66).

In dem recht kurzen Artikel von Dieter Ambronn „Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit der freigemeinnützigen Wohlfahrtspflege“ geht der Autor dezidiert auf drei Problemstellungen ein, die er als direkte Folge der Ökonomiesierung Sozialer Arbeit kennzeichnet. Das erste Problemfeld sieht er im Bereich des Selbstverständnisses der Träger und Verbände, welches er bei einer konsequenten Ausrichtung auf ökonomisch-marktliche Belange in Gefahr sieht. In Verbindung mit einer steigenden, sich aus der Professionalisierung der Sozialen Arbeit ergebenden Träger-Mobilität der Sozialarbeitenden, denen dadurch häufig die ideelle Anbindung an den jeweiligen Arbeitgeber und dessen Wertesystem verloren gehe, werde das Dilemma des Wertverlustes noch potenziert. Ein weiteres virulentes Feld tue sich dort auf, wo die Träger in der ökonomischen Pflicht des Quasi-Marktes nicht nur die Art der Leistungen diktiert bekommen, sondern darüber hinaus den konkreten Erbringungsprozess unter Rationalitäts- und nicht unter Humanitätsgesichtspunkten umsetzen. Zuletzt thematisiert Ambronn noch die schwierige Lohngestaltung, die sich häufig nur vordergründig an Tarifen orientiert, in der Realität aber massiv von der Refinanzierbarkeit durch die zu erzielenden Leistungsentgelte determiniert werde. Nach dieser grundsätzlichen Analyse wirft Ambronn noch einen Blick auf die sich programmatisch (im Sinne von Determination durch Rechtsnormen) verändernden Zielrichtungen moderner Sozialer Arbeit: Verordnete Klientenorientierung (z.B. im SGB VIII) und neue Beteiligungsmodelle (Persönliches Budget nach SGB IX), beides Entwicklungen, so Ambronn, die die Soziale Arbeit ökonomisch und fachlich fordern. Die erfolgreiche Bearbeitung der genannten Herausforderungen gilt laut Ambronn als Grundvoraussetzung dafür, dass die frei gemeinnützige Wohlfahrtspflege ein ernst zu nehmender und kompetenter Gestalter der sozialen Wirklichkeit in Deutschland bleibt.

Norbert Schmitz verbindet seinen Beitrag „Wohin steuert soziale Arbeit“ nicht mit einem Anspruch von Wissenschaftlichkeit, sondern sieht ihn als Resümee seiner über 20-jährigen berufspraktischen Erfahrung. Wie bereits die anderen Autoren im vorliegenden Band vor ihm, führt sein Text zunächst noch einmal in die markantesten Veränderungen der Sozialen Arbeit ein (Wegfall des Monopols für die Verbände, Einführung von CM sowie QM und Controllling etc.). Besonderes Augenmerk legt er dabei auf die sozialraumorientierten Ansätze, die nach seiner Ansicht den Kern Sozialer Arbeit – also die aktive Einbeziehung bzw. Veränderung der (sozialen) Umwelt der Klientinnen und Klienten- am besten treffen. Soziale Arbeit habe sich ohne Frage mehr und mehr professionalisiert, gleichwohl würden bestimmte Instrumente – gerade im Kontext von Ökonomisierungsfragen – die Gefahr in sich bergen, als Kontroll- und Steuerungstools „gegen“ die Bedürfnisse der Klienten eingesetzt werden zu können. Unter Bezugnahme auf das CM weist Schmitz auf die Gefahr hin, „dass doch letztendlich der sozial Professionelle Ziele und Schritte vorgibt, die sie/er aus eigenen Prioritäten bzw. eigener professioneller Sicht notwendiger Maßnahmen ableiten oder die durch staatliche Vorgaben in Rahmenkonzepten und Förderrichtlinien vorgegeben sind.“ (S.90) In diesem Kontext fordert er sowohl Handlungsspielräume für die operativ handelnden Professionellen, als auch deren Verpflichtung, „sozialen Handlungsbedarf aus den Erkenntnissen ihrer praktischen Arbeit heraus abzuleiten, um daraus Forderungen zu entwickeln.“ (S.109) Hinsichtlich der wirtschaftlichen Implikationen, denen die Soziale Arbeit ausgesetzt ist, fordert Schmitz von den Verbänden eine stärkere Betonung der sowohl sozial-ethisch als auch volkswirtschaftlich wirkenden Aktivitäten Sozialer Arbeit. Auch Schmitz hantiert hier mit dem hochproblematischen Theorem des (S)ROI, zu dem ich allerdings in der Konklusion dieser Rezension noch einmal dezidiert Stellung nehmen möchte. Soziale Arbeit, so Schmitzs Fazit, müsse wieder einen höheren Stellenwert in unserer Gesellschaft erlangen, um ihren sozialpolitischen Verpflichtungen nachkommen zu können.

Der Beitrag von Birgit Wartenpfuhl „Soziale Diagnostik im Spannungsfeld zwischen Ökonomisierung und Professionalität“ fällt in mehrerlei Hinsicht aus dem Rahmen der vorherigen Beiträge des vorliegenden Buches. Der größte Unterschied liegt in der Art des Textes, der als hochtheoretische Analyse bzw. Herleitung Aufbau und Funktion einer „sozialarbeitsbezogenen Diagnostik“ bearbeitet. Leider wird erst am Ende des Textes, der ohne Frage einem hohen wissenschaftstheoretischen Anspruch gerecht wird, deutlich, welches Ziel Wartenpfuhl verfolgt. Professionalität, und in diesem Fall originäre sozialarbeiterische Professionalität, ist ihrer Ansicht nach ein mächtiges Instrument im Kontext von potentieller Vereinnahmung und Fremdbestimmung respektive Fremddefinition. „Zu „Fremddefinitoren“ zählt Staub-Bernasconi beispielsweise betriebswirtschaftlich geschulte Sozialmanager ohne Ausbildung oder Wissen über Soziale Arbeit, die in erster Linie nach effizientem Outcome fragen……“ (S.130) Diesem Argument ist sicherlich in jeder Hinsicht zu folgen.

Hat man sich jedoch beim Lesen der vorangegangen Texte an einen erfrischend praxisbezogenen (gleichwohl theoretisch fundierten) Argumentationsstil gewöhnt, kommt der Erkenntnisprozess im Verlauf des Textes von Wartenpfuhl, zumindest in den ersten beiden Drittel, doch ziemlich ins Stocken.

Diskussion

Damit wäre ich auch schon bei dem Versuch einer Gesamtbewertung des vorliegenden Bandes. Insgesamt handelt es sich um eine wirklich gut lesbare, hoch relevante und intelligent zusammengestellte Textsammlung, die sich kritisch und gleichzeitig kreativ mit den aktuellen Entwicklungen rund um Professionalisierung, Ökonomisierung und Sozialunternehmertum auseinandersetzt.

Er mag auch als Grundlage dafür dienen, jene Fraktion der Sozialarbeitenden und der Sozialarbeitswissenschaften zur Vernunft zu bringen, die sich bei dem Versuch, Legitimation und Akzeptanz mit Hilfe professionsfernen, weil betriebs- und volkswirtschaftlich infizierter Kategorien ( (S)ROI, Evidenzbasierung, Wirkungsorientierung) zu erzeugen, auf einem gefährlichen Weg befinden. Die Sorge um und die Verantwortung für die Schwächsten in unserer Gesellschaft sollten ziel- und handlungsleitend für die Soziale Arbeit sein und nicht mainstream-orientierte und effekthaschende Rechenexempel. Lässt man sich auf diese Diskussion ein, dann gilt es die Soziale Arbeit spätestens dann zu Grabe zu tragen, wenn sich auch beim besten Willen kein gesamtgesellschaftlicher Mehrwert mehr zusammenkonstruieren lässt. Das wünsche ich uns nicht.

Fazit

Das vorliegende Buch eignet sich sowohl für Praktiker als auch für Bachelor Studierende höherer Semester der Sozialen Arbeit bzw. Master Studierenden im Managementbereich, gibt es doch einen guten Einblick in die zumindest aktuell in Europa einsetzende und spannende Diskussion um Sozialinvestment und Sozialunternehmertum.


Rezensent
Prof. Dr. Frank-Peter Oltmann
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Homepage www.efh-bochum.de
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Zitiervorschlag
Frank-Peter Oltmann. Rezension vom 18.07.2014 zu: Volker Brinkmann (Hrsg.): Sozialwirtschaft und soziale Arbeit im Wohlfahrtsverband. Tradition, Ökonomisierung und Professionalisierung. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. ISBN 978-3-643-12459-3. Sozialökonomie und Sozialpolitik, Bd. 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17140.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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