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Heimerziehung und Heimerfahrung. Kontinuitäten und Brüche

Cover Heimerziehung und Heimerfahrung. Kontinuitäten und Brüche. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. 123 Seiten. ISBN 978-3-89691-991-5. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.

Wem hilft die Kinder- und Jugendhilfe? Teil 2.
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Thema

Auch nach Abschluss des „Runden Tisches Heimerziehung“ im Jahr 2011 wird die Diskussion zum geschehenen Unrecht in deutschen Kinderheimen und zur Frage einer möglichen Aufarbeitung intensiv geführt. In diesen Rahmen ist die vorliegende Aufsatzsammlung einzuordnen. Das Werk umfasst (als Heft Nr. 131, Jg. 34 der Zeitschrift „Widersprüche“) auf 120 Seiten insgesamt 9 Aufsätze zum Thema „Geschichte und Kritik der Heimerziehung“ aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Schwerpunkt liegt auf einer Aufarbeitung gewaltvoller und entrechtender Praxis in Einrichtungen der stationären Erziehungshilfen der 40er bis 70er Jahre in beiden teilen Deutschlands.

Autor_innen und Entstehungshintergrund

Die meisten Aufsätze sind umgearbeitete Manuskripte von Vorträgen, die im Rahmen eines Fachtages der Diakonischen Anstalten „Karlshöhe“ am 14. Februar 2009 gehalten worden sind. Diese Einrichtung hatte sich nach intensiver Vorbereitung mit der eigenen Geschichte im Rahmen einer Tagung auseinandergesetzt. Bei den Autor_innen handelt es sich um Professoren der Sozialen Arbeit, anderen leitenden Fachkräften aber auch um Betroffenen. Der Band setzt eine Diskussion fort, die bereits im Vorgängerheft Nr. 129 der „Widersprüche“ begonnen worden war.

Aufbau und Inhalte

Einleitend greift Manfred Kappeler Erfahrungen auf, die er und seine Kolleg_innen bei der Anhörung von Expert_innen sowie von ehemaligen „Heimkindern“ im Petitionsausschuss des deutschen Bundestages im April 2008 gemacht hat. Es wird deutlich, wie schwierig es den Zuhörer_innen fiel, die unglaublichen Schilderungen der Betroffenen als tatsächliche Erlebnisse wahrzunehemen und wie hoch die Hürde einer tatsächlichen Aufarbeitung der Leiden heute noch ist.

Hans Thiersch untersucht die „Schwarze Pädagogik in der Heimerziehung“ unter dem Blickwinkel der Nicht-Anerkennung von grundlegenden Rechten, die keinesfalls durch die damaligen Verhältnisse und Begründungen zu rechtfertigen ist. Er zeigt auf, dass es bereits zu jener Zeit – wenn auch nur weinige – Alternativen zur herrschenden Heimerziehungspraxis gab. „Der Verführung zur Macht im pädagogischen Geschäft“ (S. 29) muss auch in der modernen Erziehungshilfe entgegengewirkt werden.

Annelen Schünemann-Kroner schaut als Betroffene auf diese schreckliche Zeit zurück und wendet sich gegen das Vergessen. Aufarbeitung braucht Respekt all derjenigen, die sich dieser schwierigen Aufgabe stellen.

Johannes Richter nimmt auf die Geschichte der Jugendhilfe Bezug und verdeutlicht, dass in einer politisch motivierten Erziehungshilfe sich die Unterstützung der „Schwächsten“ stets mischt mit dem hang zur Disziplinierung und Kontrollierung der „Schwierigsten“. Bereist seit dem frühen 19. Jahrhundert lassen sich im Zuge der Industrialisierung solche Bestrebungen nachweisen, indem Erziehung immer schon eng mit dem Gedanken an „gesellschaftliche Tüchtigkeit“ verbunden war. Eine tiefergehende Berücksichtigung solcher geschichtlichen Erkenntnisse fehlen weitgehend auch in neueren Untersuchungen.

Marcus Hußmann berichtet über seine Erfahrungen als Feldforscher im Umfeld einer Hamburger Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die auf der Straße leben. Er macht in seiner „Untersuchung über Fallprozesse von Jugendlichen aus Straßen- und Hauptbahnhofszenen“ deutlich, mit welchen Hürden, aber auch mit welchen unerwarteten Zugangsmöglichkeiten eine solche Forschungsaktivität verbunden sein kann.

Dorothee Bittscheid und Timm Kunstreich analysieren in ihrem Beitrag den Prozess der Abschaffung der geschlossenen Unterbringung in Hamburg anhand eines Fluss-Schemas, in dem die Wechselwirkung von Macht und Gegenmacht der politischen Akteure verdeutlicht wird. Es genügt nicht, dass die politischen Anbahnungsprozesse das Thema auf die aktuelle Tagesordnung bringen und die entsprechenden Interessen bündeln. Vielmehr bedarf es für den letztlichen Erfolg der Abschaffung einer Entwicklung, innerhalb derer „polizeiliches und strafrechtliches Denken das Terrain der Jugendhilfe räumen“ (S. 82) muss.

Ingo Skoneczny behandelt die Problematik, die mit einer „Entschädigung“ Betroffener durch die dafür eingerichteten Fonds verbunden ist. Entsprechend eingerichtete Beratungsstellen sind überfordert, Fristen laufen ab. Bei vielen der Betroffenen macht sich Unzufriedenheit und das Gefühl des Abgeschoben-seins breit. Dies betrifft auch Interessenunterschiede innerhalb der Gruppe der Interessenvertreter.

Manfred Kappeler und C.W. Müller berichten über persönliche Erfahrungen als Professoren des Instituts für Sozialpädagogik an der Berliner TU, wie sie im Januar 1990 erstmals mit ihren Kolleg-innen des Ostberliner Instituts für Sozialpädagogik an der Humboldt-Universität zusammentrafen. Die Schilderung hebt insbesondere hervor, welche Spannung entstand zwischen – einerseits –  den drängenden Fragen und Unsicherheiten in Bezug auf die vergangene Professionsgeschichte auf beiden Seiten und – andererseits – den formalen und angstbesetzten Rahmenbedingungen, unter denen das Treffen stadtfand.

Abschließend ergänzt Tilman Lutz unter dem Titel „Widerspruch und Ordnung“ den Band um einen Auszug aus Band „Aktuelle Leitbegriffe der Sozialen Arbeit“ (Bakic/Diebäcker/Hammer; Löcker-Verlag, 2013). Es wird deutlich gemacht, das im Zuge der ökonomischen Liberalisierung der Sozialen Arbeit zunehmend die Funktion zugeschrieben wird, Klienten innerhalb dieses Systems zu aktivieren und der ökonomischen Vergesellschaftung zuzuführen.

Diskussion und Fazit

Der überschaubare Sammelband vereinigt unterschiedliche Perspektiven und unterschiedliche Analyseebenen zu einem zentralen Thema: Die Geschichte der Heimerziehung in Ost- und Westdeutschland. Die Beiträge sind durchweg orientiert an einer kritischen Beleuchtung nicht nur vergangener, sondern auch aktueller Entwicklungen in der stationären Jugendhilfe. Der Band ist geeignet, die doch oftmals sehr eng geführte Diskussion um den aktuellen Stand aktueller Erziehungshilfen historisch und professionspolitisch zu öffnen und dadurch den Blick auf nach wie vor wirksame Hintergründe zu schärfen.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Moch
Duale Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart. Studiengangsleiter Erziehungshilfen 1
Vorsitzender der Fachkommission Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Matthias Moch. Rezension vom 22.05.2015 zu: Heimerziehung und Heimerfahrung. Kontinuitäten und Brüche. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. ISBN 978-3-89691-991-5. Wem hilft die Kinder- und Jugendhilfe? Teil 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17165.php, Datum des Zugriffs 29.06.2016.


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