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Gerhard W. Lauth: ADHS in der Schule

Cover Gerhard W. Lauth: ADHS in der Schule. Übungsprogramm für Lehrer. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 2., überarbeitete Auflage. 121 Seiten. ISBN 978-3-621-28133-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

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Thema und Entstehungshintergrund

Vier Jahre nach der Erstauflage 2009 gibt Gerhard W. Lauth die Zweitauflage des Buches „ADHS in der Schule“ mit der Begründung heraus, dass die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS) immer noch ein Problem in der Schule sei, unter dem „Lehrer, Eltern und die Schüler selbst leiden“ (S. 9). Der Blick auf ADHS habe sich allerdings in der Schule verändert und der Umgang mit ADHS sei offener geworden, da Lehrerinnen und Lehrer verstärkt über ADHS informiert und aufgeklärt würden. Demzufolge seien sie nun selbst in der Lage, objektive Beobachtungen anzustellen und empirische Befunde zu Rate zu ziehen. Dies führe dazu, dass die Zusammenarbeit mit den Eltern verbessert wird und die Lehrerinnen und Lehrer einen ADHS betroffenen Schüler verstärkt unterstützen können. Dennoch sei weiter anzumerken, so Lauth, dass nicht allein ADHS-Schüler Schwierigkeiten im Unterricht haben, sondern auch Schüler, die nicht von ADHS betroffen sind, durch Unkonzentriertheit, störendes Verhalten oder Impulsivität auffallen.

Aus diesem Grund hat sich die Thematik des Buches „ADHS in der Schule“ um die Beantwortung der Frage „Was tun?“ (ebd.) erweitert. Fragen der Erstauflage, was ADHS eigentlich sei oder wie es entstehe, rücken daher jetzt in den Hintergrund. Vordergründig seien hier Methoden vorzustellen, welche dem ADHS-Betroffenen und anderen „schwierigen Schülern“ (ebd.) helfen, sich am Unterricht zu beteiligen und ihnen das Lernen ermöglichen. Somit sei das Ziel des vorliegenden Buches, effektive Handlungsanweisungen und Richtlinien vorzugeben, um das Lernen und Verhalten der ADHS betroffenen und störenden Schüler im Unterricht zu verbessern.

Herausgeber

Der Herausgeber und Autor des Buches ist Gerhard W. Lauth, seit 1997 Professor für Psychologie und Psychotherapie in der Heilpädagogik an der Universität zu Köln. Er ist zudem Psychologischer – und Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeut. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen die Therapie von Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörungen bei Kindern und Erwachsenen, die Bedingungen von und die Intervention bei Lernstörungen sowie die Ausbildung von elterlichen Erziehungskompetenzen.

Aufbau

Das Buch behandelt zunächst in einem ersten theoretischen Teil das Störungsbild und in einem zweiten Teil das Übungsprogramm mit insgesamt sieben Bausteinen.

Im ersten Teil werden aufmerksamkeitsgestörte/ hyperaktive Kinder und ihr Verhalten im Unterricht näher betrachtet, bevor wissenschaftliche Kriterien für eine Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, ihre Häufigkeit, ihr Verlauf und komorbide Störungen in den Fokus rücken. Anschließend wird auf die Entstehung von Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörungen, Grundlagen für die Förderung von ADHS betroffenen Schülern und Programmpunkte für eine schulnahe Intervention eingegangen, bevor neun praktische Tipps vorgestellt werden.

Im zweiten Teil wird das Übungsprogramm vorgestellt. Zunächst wird dargelegt, wie das Training aufgebaut wird und welche grundlegenden Sichtweisen der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung im Vordergrund stehen. Daran anknüpfend werden die sieben Bausteine aufgezeigt:

  • Baustein 1: Das Erscheinungsbild der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung
  • Baustein 2: Situationsabhängigkeit des Schülerverhaltens
  • Baustein 3: Strukturierende Maßnahmen bei ADHS
  • Baustein 4: Das Verhalten des ADHS-Schülers durch Verstärkung lenken
  • Baustein 5: Verstärkung durch Token-Systeme
  • Baustein 6: Verbesserung der Handlungsregulation beim ADHS-Schüler
  • Baustein 7: Zusammenarbeit mit den Eltern

Schließlich wird die Wirksamkeit des Übungsprogramms diskutiert und das Buch durch ein E-Book, welches die PDF-Version des Buches sowie Arbeitsblätter enthält, ergänzt.

Inhalt

Im theoretischen ersten Teil und somit 1. Kapitel des Buches wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung in den Blick genommen. Hier werden die Kardinalsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität des Störungsbildes ADHS kurz vorgestellt, bevor auf das Verhalten im Unterricht im Vergleich zu „unauffälligen Schülern“ (S. 13) näher eingegangen und dies mit Studien, einem Fallbeispiel und einem kurzen Exkurs für Lehrer untermauert wird. Anschließend werden der niedrige Beliebtheitsgrad, soziale Schwierigkeiten, interaktionelles Zwangsverhalten (coersives Verhalten), Lernschwierigkeiten und vor allem die geringen Abweichungen in der Intelligenz sowie intellektuelle Schwächen hervorgehoben. Es folgt ein sehr knappes Eingehen auf die Stärken der Schüler.

Im 2. Kapitel werden die Hauptmerkmale der Störung und Untergruppen der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung, auch in Abgrenzung zur ADHS, nach den Diagnosemanualen DSM-5 und ICD-10 vorgestellt.

Das 3. Kapitel beinhaltet die Häufigkeit von ADHS im Schulalter, Begleitmerkmalen und den Verlauf von ADHS. Bei der Häufigkeit wird auf eine internationale Studie (American Psychiatric Association 2013), aber auch auf deutschlandweite Studien (Angold et al. 1999 oder auch die Studie des Robert-Koch-Instituts 2007) eingegangen und schließlich eine Auftretenshäufigkeit von ADHS zwischen 3-7% festgestellt, was einer Häufigkeit von ein bis zwei Kindern pro Schulklasse entspricht. Es werden weiter kurz Subtypen und das Verhältnis von Jungen und Mädchen erörtert sowie komorbide Störungen, wie LRS, Dyskalkulie oder aggressives Verhalten knapp erwähnt. Darüber hinaus werden Risiko- und Schutzfaktoren vorgestellt, wobei letzte vor allem im schulischen Bereich gefördert werden sollen. Das heißt, dass der Betroffene von den Lehrern im Lernen unterstützt werden soll und darüber hinaus eine gute Beziehung zwischen Lehrer und Schüler angestrebt wird. Die Schule soll sich diesbezüglich als „ausgleichende Einrichtung“ (S. 32) verstehen.

Die Entstehung der Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung wird im 4. Kapitel betrachtet. Diesbezüglich wird die Theorie der mangelnden Selbststeuerung vorgestellt und multifaktorielle Ursachen von ADHS, wie neurobiologische als auch ungünstige Umweltbedingen (familiär-soziale Faktoren), erwähnt. Somit gibt es verschiedene zusammenwirkende Ursachen von ADHS, die in der Wissenschaft unterschiedlich betrachtet und auch angenommen werden. Fakt ist nach Lauth, dass ADHS multifaktorielle Ursachen (biologische und neurologische, persönliche, soziale) besitzt, die letztlich in ihrer Kombination zu ADHS führen können (vgl. Lauth/ Schlottke 2009).

Grundlagen für die Förderung von ADHS-Schülern sind Thema des 5. Kapitels. Hier werden drei Punkte vorangestellt, bei denen ADHS-Betroffene Schwierigkeiten haben: Erstens, sie „haben prinzipielle Schwächen“ (S. 40), welche das Arbeitsgedächtnis, die Selbstanweisung, die Selbstregulation von Emotionen sowie die Rekonstruktion betreffen. Zweitens, sie „beteiligen sich zu wenig am Unterricht“ (S. 41) und, drittens, ihre Verhaltensweisen werden „sehr stark von der Unterrichtssituation bestimmt“ (S. 42). Im Anschluss wird mit der Abbildung 5.3 eine „‚Hitliste‘“ schwieriger Unterrichtssituationen von ADHS-Betroffenen im Vergleich zu Nicht-Betroffenen veröffentlicht.

Das 6. Kapitel stellt Programmpunkte für eine schulnahe Intervention vor, welche vor allem für die Betroffenen wichtig ist und auch in der Therapie um ADHS eingefordert wird. Dazu gehören bspw. eine direkte und klare Anweisung durch den Lehrer. Er soll mögliche Schwierigkeiten der ADHS-Betroffenen früh erkennen und entsprechend handeln. Lediglich auf die Probleme von den betroffenen Schülern zu reagieren sei nach Lauth wenig sinnvoll und nutzbringend und so werden kurz einige Methoden, wie die Formulierung positiver Zielstellungen, das ‚Classroom Management‘ oder auch die Zusammenarbeit mit den Eltern angesprochen.

Es folgen neun praktische Tipps, die im 7. Kapitel kurz aufgezählt werden und als Einzelmaßnahmen hilfreich im Umgang mit ADHS-Schülern sein können. Zu erwähnen wären hier bspw. das Wiederholen von Anweisungen durch den Schüler, das Aufzeigen von Lösungen durch den Lehrer oder das Einführen einer Tagesbilanzkarte für den Schüler.

Im zweiten, praktischen Teil, wird das Übungsprogamm genauer vorgestellt, welches auf den aktuellen Erkenntnissen über ADHS sowie über wirksame Maßnahmen im schulischen Bereich basiert. Im 8. Kapitel werden die Trainingskonzeption, die grundlegende Sichtweise auf die Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung und der Trainingsaufbau erörtert. Beim Trainingsaufbau sollen sieben Bausteine des Übungsprogramms vorgestellt werden, obwohl nur sechs aufgelistet sind. Das Übungsprogramm beinhaltet 15 Stunden, dauert 6 Wochen und ist für drei bis zwölf Teilnehmer (Beratungslehrer, Lehrer, Schulleiter …) geöffnet und kann schulintern oder schulübergreifend angeboten werden.

Die Kapitel 9 bis 15 stellen dann vertiefend die einzelnen Bausteine des Übungsprogramms vor (siehe Aufbau): Es werden zu jedem Baustein die Zeitplanung, der Inhalt, Materialien und Unterlagen sowie der Ablauf genau benannt und transparent erläutert, wie das Übungsprogramm im Einzelnen abläuft. Dabei hat jeder Teilnehmer mit einem ‚Zielkind‘ (vgl. S. 71) im Unterricht zu üben, also einem von ADHS betroffenen Schüler bzw. einem Schüler, der Symptome einer ADHS aufweist oder durch störendes Verhalten auffällt. So sollen einzelne Bausteine des Programms praktisch umgesetzt werden.

Im letzten und 16. Kapitel wird die Wirksamkeit des Übungsprogramms angesprochen, welches anhand zweier Studien evaluiert wurde: Die erste Studie untersuchte mittels des Fragebogens „ADHS typisches Verhalten in Schulsituationen“ zu drei Zeitpunkten (vor, direkt nach und sechs Wochen nach dem Übungsprogramm), ob sich das Verhalten des Zielkindes verändert und ob sich die Belastung der Lehrkraft verringert hat. Kurz erwähnt wird, dass bei den Hauptschullehrern die Messung „sechs Wochen nach dem Übungsprogramm“ (S. 113) entfiel. Im Ergebnis verbesserte sich nach Lauth das Verhalten des Zielkindes signifikant und die Lehrer nahmen eine geringere Belastung wahr. Mit der zweiten Studie wurde mit 30 Schülern aus dem „Kompetenzzentrum für Lernen“ ermittelt, wie sich das Übungsprogramm in Kombination mit einer Förderung von ADHS-Betroffenen auswirkt. Auch hier wurde mit demselben Messinstrument gearbeitet. Dabei erhielt eine Gruppe der Schüler eine Lernförderung und die Lehrer nahmen am Übungsprogramm teil. Die andere Gruppe erhielt keine Lernförderung und die Lehrer nahmen an der Kurzversion des Übungsprogramms teil. Die Schüler wurden dann ‚davor‘ und ‚danach‘ mittels des Fragebogens befragt. Im Fazit wird dann kurz festgehalten „dass das Lehrertraining die kritischen Unterrichtssituationen verbesserte“ (S. 115) – mehr nicht. Diese Studie von Ramacher-Faasen/ Lauth befindet sich, so Lauth, noch im Druck.

Das E-Book beinhaltet neben der elektronischen Version des Buches noch 36 Arbeitsblätter, die das Übungsprogramm ergänzen. Diese beinhalten Fallbeispiele, wichtige Informationen über ADHS im Überblick, Fragebögen, Unterstützung bei der Formulierung klarer Regeln, Token-Systeme, einen Punkteplan, einen Vertrag zwischen Lehrer und Schüler, Signalkarten oder eine Tabelle zur Planung der Tagesbilanz.

Diskussion

Lauth rückt die Frage, was ADHS sei oder wie es entsteht zugunsten einer explizit praktischen Anleitung für Lehrer inklusive Arbeitsblätter in den Hintergrund. Er gibt den Lehrerinnen und Lehrern auf diese Weise ‚Rüstzeug‘ für ihre tägliche Arbeit mit, welches nicht mehr nur für ADHS-Betroffene genutzt, sondern auch allgemein für unkonzentrierte, impulsive oder störende Schüler verwendet werden kann. Was allerdings ungeklärt bleibt, ist die Frage nach dem ‚Warum‘: Warum kann das Kind nicht aufmerksam bleiben, warum stört es den Unterricht und warum reagiert es mit unkontrolliertem Verhalten? Auch die Frage nach der Ursache von ADHS wird von Lauth lediglich kurz abgearbeitet und mit multifaktoriellen Faktoren erklärt, welche kurz benannt werden. Für ihn haben die Störungen im Unterricht Vorrang und primär soll die Arbeit des Lehrers erleichtert werden, da störendes Verhalten im Unterricht nach Lauth immer mehr zunehme.

Im dritten Kapitel wird auf die Auftretenshäufigkeit von ADHS eingegangen und zusammenfassend festgehalten, dass ADHS ein bis zwei Kinder pro Schulklasse betrifft (vgl. 26f.). Hierbei verwundert dann die generalisierende Aussage des Buches, dass „Lehrerinnen […] eine größere Häufigkeit von ADHS fest[stellen]; Eltern und Ärzte […] da zurückhaltender“ seien (S. 26). Das bedeutet, dass Lehrkräfte anscheinend doch ungenügend weitergebildet oder aufgeklärt werden und es dadurch zu vermehrten Diagnose-Annahmen seitens der Lehrer kommt – also eigentlich genau das Gegenteil hier dargestellt und angesprochen wird, was Lauth in der Einleitung vorgibt. Dabei sind die fachlich angemessenen Diagnosekriterien in DSM-5 und ICD-10 äußerst streng und dürfen nur von Ärzten und speziell ausgebildeten Psychologen angewendet werden. Und schließlich erhalten dann nur die wenigsten verhaltensauffälligen Kinder tatsächlich auch die Diagnose ADHS, was das vorliegende Buch ja auch thematisiert – nämlich nur ein bis zwei Schulkinder pro Klasse. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass der Lehrer ein Kind mit abweichendem bzw. störendem Verhalten mit der Diagnosevermutung ADHS „labelt“, d.h. etikettiert. Und genau das wird leider mit diesem Buch bewirkt – es findet eine ‚Etikettierung‘ statt und der Lehrer selektiert selbst, welches Verhalten er seitens der Schüler als störend empfindet oder eben nicht. Auch allein die kurze positive Betrachtung der Störung mit lediglich 13 Zeilen auf 116 Seiten spricht wenig für die Betroffenen und ihre potentiellen Stärken. Das Buch erweckt den Anschein, dass mit diesem Übungsprogramm vor allem die Lehrer in ihrer beruflichen Tätigkeit entlastet werden sollen – auch wenn Lauth eingangs am Rande erwähnt, dass dieses Übungsprogramm schließlich auch den Schülern helfen würde.

Die Problematik des Buches und auch des Übungsprgramms besteht darin, dass etwas mit Arbeitsblättern und Tipps versucht wird zu therapieren, was überhaupt nicht geklärt ist! Warum stören denn die Schüler? Liegt es am Lehrer? Liegt es an familiären Problemen oder sind gar emotionale- oder Teilleistungsstörungen eine Ursache für das abweichende, störende Verhalten, so dass wohlmöglich vordergründig ADHS vermutet wird, weil darüber viel in den Medien gelesen und berichtet wird? Zwar wird der Zusammenhang angedeutet, aber Teilleistungsstörungen wie LRS oder Dyskalkulie werden eher als mögliche zusätzliche Störungen von ADHS betrachtet. Das ist sicherlich richtig, aber genauso können diese isoliert auftreten. Auf emotionale Störungen wird dann ebenfalls nur sehr knapp verwiesen – die ADHS und das störende Verhalten stehen im Mittelpunkt. Doch gerade bei ADHS werden unterschiedlichste Standpunkte aus unterschiedlichsten Fachdisziplinen vertreten – so z.B.: ADHS sei frei erfunden, es sei eine ernstzunehmende Erkrankung, welche geheilt werden könne, es sei ein medizinisch-neurobiologisches Problem oder aber auch ADHS sei ein rein pädagogisches Problem, welches mit geeigneten Erziehungsmaßnahmen beeinflusst werden kann. Und selbst der Begriff ‚Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung‘ ist sowohl bei den Wissenschaftlern als auch bei den Betroffenen selbst in der Kritik und es wird zudem diskutiert, ob es sich um eine Störung, ein Syndrom oder eine Erkrankung handelt (vgl. dazu Sauerbrey/ Freytag 2009).

In diesem Buch rückt das störende, auffällige, abweichende Verhalten des betroffenen Kindes ins Blickfeld, wobei doch das Kind selbst und somit das Individuum im Vordergrund stehen müsste. ADHS-Betroffene und „schwierige Schüler“ (S. 9) werden einfach zusammen und überhaupt nicht differenziert betrachtet. Und genau dieser technische Blick verstellt den pädagogischen Blick, da versucht wird, eine rein technische Lösung zu finden. Es wird nach der Lösungsmöglichkeit für alle Probleme gesucht, welche sogar noch mit empirischen Studien unzureichend belegt wird. Pädagogisches Handeln, besonders auch der Umgang mit ‚störendem‘ Verhalten, erfordert ein Grundwissen und genau darin liegt das Problem, denn: ADHS ist trotz einer breiten und interdisziplinär angelegten Forschung hinsichtlich seiner Entstehung und Ursache relativ unklar (vgl. Sauerbrey/ Winkler 2011, S. 8f.). Die Teilnehmer des Übungsprogramms sollen dann in der Praxis mit einem selbst ausgewähltem ‚Zielkind‘ arbeiten, obwohl überhaupt nicht klar ist, ob dieses Kind eine diagnostizierte ADHS hat. Es wird also etwas zu beseitigen versucht, was wohlmöglich überhaupt nicht existiert oder eben nicht diagnostiziert ist. Insofern ist dieses Übungsprogramm lediglich für die Lehrer, nicht aber für die Kinder selbst entwickelt worden, und zwar dahingehend, dass sie sich weniger belastet fühlen. Abweichendes Verhalten wie ADHS lässt Eltern, Erzieher und Lehrer in bestimmten Situationen sicherlich häufig verzweifeln. Dies liegt unter anderem daran, dass es keine zu 100% wirksame Maßnahme gibt, die dieses Verhalten unterbricht. Und da jedes Kind anders ist und jeweils unter spezifischen Bedingungen aufwächst, können unterschiedliche Formen der Erziehung und des Unterrichts, der Strafe, des Tadels, der Belohnung und des Lobes auch völlig unterschiedlich wirken. Dieser Umstand wird hier leider nicht bedacht, sondern die Lösung für alle Probleme störenden Verhaltens und im Umgang mit ADHS vorgestellt.

Ob das letztlich für die Betroffenen oder störenden Kinder hilfreich ist oder sie sich dadurch erst recht ausgegrenzt fühlen, bleibt fraglich und kann auch durch die beiden Evaluationsstudien, welche am Ende des Buches belegen sollen, dass das Übungsprogramm wirkt, nicht endgültig bestätigt werden.

Fazit

Bei ADHS handelt es sich bisher in den Wissenschaften um das am ausführlichsten untersuchte psychische Störungsbild im Kindes- und Jugendalter, welches jedoch zugleich die widersprüchlichsten Ergebnisse in wissenschaftlichen Studien aufweist. Das betrifft vor allem die Ursachenforschung.

Das vorliegende Buch beinhaltet einen theoretischen Teil sowie eine Handreichung für die Praxis. Dabei wird aber der Blick für das Wesentliche verstellt. Insbesondere die Defizite von ADHS-Betroffenen werden hier dargelegt; die Stärken umfassen lediglich 13 Zeilen – in der Erstauflage wurde ihnen zumindest noch ein eigenes Unterkapitel gewidmet. Auch die beiden Studien am Ende, die zudem völlig unzureichend vorgestellt werden, sollen überzeugen, tun sie aber nicht, da wenig mit konkreten Zahlen und Aussagen gearbeitet wird und zudem Messfehler toleriert werden. Anstatt die Stärken der ADHS-Betroffenen mit den Übungen zu fördern, wie es auch eingangs im Buch versprochen wird, wird eher ein Defizitansatz verfolgt. Es wird dem (Ziel-)Kind vermittelt, dass es durch diese ‚Sonderbehandlung‘ (unfreiwillig) im Mittelpunkt steht und mit ihm ‚anders‘ umgegangen werden muss – seine Freunde werden aber wegen ihres Verhaltens nicht anders von den Lehrern behandelt und erhalten ein Übungsprogramm, wie mit ihnen umzugehen ist. Auch obliegt die Entscheidung bei den Lehrern, welches Kind sie als ‚störend‘ empfinden oder hinter welchem sie einen ADHS-Betroffenen vermuten. Dieser Umstand kann schwer vorhersehbare Folgen für das gesamte Leben des Kindes haben.

Das Übungsprogramm soll im Fazit weniger den Kindern, als vielmehr den belasteten Lehrern helfen, die aber nur einen kurzen und wenig ausreichenden Einblick in die eigentlichen Ursachen von ADHS bekommen. Eine umfangreiche Aufklärung fehlt hier leider völlig und kann auch mittels des Übungsprogramms nicht ausreichend differenziert und kritisch vermittelt werden. Sicher ist nicht abzustreiten, dass einige Übungen, wie die Signalkarten oder Vorlagen zum Gespräch mit den Eltern die pädagogische Arbeit erleichtern, dabei muss aber klar sein, dass es sich nur um eine Möglichkeit handelt, nicht um eine generelle Lösungsmöglichkeit. Von daher ist das Buch lediglich als eine Orientierung oder Anregung zu empfehlen und kann nicht als die absolute und einzige Lösungsmöglichkeit betrachtet werden, so wie es von Lauth beworben wird (vgl. vor allem S. 62f.).

Literatur:

  • American Psychiatric Association (2013): Diagnostic and statistical manual of mental disorders. DSM-5. Washington, DC u.a.
  • Angold, A./ Costello, E.J./ Erkanli, A. (1999): Comorbidity. Journal of Clinical Child Psychology and Psychiatry 40, p. 57-88.
  • Lauth, G. W./ Schlottke, P. F.(20096): Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern. Weinheim.
  • Ramacher-Faasen, N./ Lauth, G. W. (in Vorbereitung): Lehrertraining und additives Schülercoaching. Ein Ergebnisvergleich. o.O.
  • Robert-Koch-Institut (2007): Ergebnisse der Kinder- und Jugendgesundheitsstudie KiGGS – Zusammenfassung von Beiträgen im Bundesgesundheitsblatt Mai/ Juni 2007.
  • Sauerbrey, U./ Freytag, C. (2009): Diagnose ADHS – Hinweise zum vorsichtigen Umgang mit einer Trenddiagnose, In: Forum Erziehungshilfen, 15. Jg., Heft 4. S. 206-210.
  • Sauerbrey, U./ Winkler, M. (Hrsg.) (2011): Pädagogische Anmerkungen zur Aufmerksamkeitsdefizit-/ Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Jena.

Rezensentin
Christine Freytag
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik am Institut für Bildung und Kultur der Friedrich-Schiller-Universität Jena


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Zitiervorschlag
Christine Freytag. Rezension vom 16.09.2014 zu: Gerhard W. Lauth: ADHS in der Schule. Übungsprogramm für Lehrer. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-28133-1. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17168.php, Datum des Zugriffs 25.07.2016.


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