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Susanne Hartung: Sozialkapital und gesundheitliche Ungleichheit

Cover Susanne Hartung: Sozialkapital und gesundheitliche Ungleichheit. Analyse des elterlichen Sozialkapitals in der schulischen Gesundheitsförderung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 275 Seiten. ISBN 978-3-658-04869-3. D: 49,99 EUR, A: 51,39 EUR, CH: 62,50 sFr.
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Autorin

Die Autorin Susanne Hartung, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe Public Health im Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld, hat ihre Studie im Rahmen des Forschungsprojektes „Bielefelder Evaluation von Edukationsprogrammen“ (BEEP-Projekt) unter der Leitung von Klaus Hurrelmann durchgeführt, das in den Jahren 2006 – 2009 im Förderschwerpunkt „Präventionsforschung“ durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanziert worden ist. In drei Teilprojekten analysierte das BEEP-Projekt die Effekte und Chancen von Elternaufklärungs- und Trainingsprogrammen. Eines der Teilprojekte evaluierte Ratgeber-Materialien, die im Rahmen des Schüler-Skill-Förderungsprogramms „Erwachsen werden“ von Lions Quest an Eltern verteilt worden waren. Die Materialien sollten auf ihre Wirksamkeit, Reichweite und Akzeptanz sowie auf den entsprechenden Bedarf untersucht werden; gleichzeitig erfolgte eine Analyse der Elternbeteiligung in der Schule und ihrer Unterstützungspotenziale.

Thema

In Forschungsarbeiten zur sozialen Ungleichheit rückt im Laufe des letzten Jahrzehnts zunehmend das Thema Gesundheit in den Blick. Belegt sind für Deutschland große Differenzen im Blick auf die objektive gesundheitliche Situation, auch auf das Präventionsverhalten von Angehörigen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen. Einen wichtigen Schlüssel zur Erklärung dieser Befunde vermutet man in der Bildung. Die familiäre Herkunft beeinflusst nicht nur den Schulerfolg von Kindern, sondern auch deren Gesundheit. „Kinder aus Familien mit niedrigem sozialem Status (haben) häufiger als Kinder aus Familien mit hohem sozialem Status gesundheitliche Beschwerden – psychischer und physischer Art.“ (S.19) Gleichzeitig zeigt die neuere Elternforschung eine starke Erziehungsunsicherheit mit einem wachsenden Informations- und Beratungsbedarf von Eltern. „Eltern sprechen in Studien häufig davon, dass sie sich Austausch mit anderen Eltern und die Stärkung bzw. den Aufbau eines unterstützenden sozialen Netzwerks wünschen.“ (S. 20)

Vor diesem Hintergrund untersucht das vorzustellende Buch elterliche Sozialbeziehungen und ihren potenziell unterstützenden Effekt für eine gelingende Erziehung und damit auch eine bessere gesundheitliche Situation der kommenden Generation als bisher. Es verbindet damit die Forschungsgegenstände ‚Gesundheitsförderung‘ und ‚Sozialisation in Familie und Schule‘ mit dem Konzept ‚Sozialkapital‘, das erst in jüngerer Zeit von den Gesundheitswissenschaften rezipiert worden ist. „Ziel der Arbeit ist es, das Sozialkapital von Eltern zu beschreiben und einen Bezug zur Gesundheitsförderung im Setting Schule herzustellen. Die der Arbeit zugrunde liegende analytische Frage ist, inwiefern das in den Gesundheitswissenschaften verwendete Sozialkapitalkonzept im Rahmen schulischer Gesundheitsförderung fruchtbar gemacht werden kann.“ (ebd.)

Ziele und Zielgruppen

Hartungs Einzelstudie im Rahmen des großen Projektes hat die Analyse des Sozialkapitals von Eltern zum Ziel. Sie fragt nach neuen Ansätzen und Chancen von Gesundheitsförderung in Schulen. Zielgruppen des vorliegenden Buchs sind folglich Dozenten und Studenten der Gesundheitswissenschaften, Soziologie und Erziehungswissenschaften sowie Praktiker der Gesundheitsförderung und der Schulentwicklung, also Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen und Eltern.

Forschungsleitfragen und Hypothesen

Die Arbeit will erstens das Sozialkapital von Eltern beschreiben und zweitens danach fragen, „welche Rückschlüsse sich daraus für die Gesundheitsförderung allgemein und im Speziellen im Setting Schule ziehen lassen“. (S. 23) Ihre Forschungsfrage lautet: „Lassen sich aus dem Sozialkapitalkonzept, wie es in den Gesundheitswissenschaften mehrheitlich Anwendung findet, Ansatzpunkte ableiten, um Eltern (mit niedrigem sozialem Status) im Setting Schule zu erreichen und im Sinne einer Gesundheitsförderung (Ressourcenstärkung für Eltern und damit auch für Kinder) zu unterstützen (d.h. zu beraten und zu entlasten)?“ (S. 23 f)

Im Detail will die empirische Analyse Antworten auf folgende Leitfragen geben:

  1. „Unterscheidet sich das Sozialkapital von Eltern nach ihren sozioökonomischen Merkmalen?
  2. Unterscheidet sich das Sozialkapital von Eltern nach der von ihren Kindern besuchten Schulform?
  3. Welchen Einfluss hat Elternbeteiligung in der Schule auf elterliches Sozialkapital?“ (S. 120)

Aus Erkenntnissen früherer Forschungsarbeiten leitet Hartung die folgenden drei Thesen ab:

  1. „Es lassen sich Unterschiede im Sozialkapital von Eltern nach sozioökonomischem Status feststellen.
  2. Sozioökonomische Unterschiede im Sozialkapital zeigen sich stärker im qualitativen Aspekt von Sozialkapital als im quantitativen Aspekt.
  3. Elternbeteiligung und Vernetzung im schulischen Kontext sind im Sinne des Sozialkapitalkonzepts als ein Ziel von Gesundheitsförderung anzusehen.“ (S. 120)

Aufbau und inhaltlicher Überblick

Die Arbeit gliedert sich in fünf große Kapitel.

Die ersten drei liefern den theoretischen Rahmen. Es geht darin um den Zusammenhang von Sozialkapital und sozialer Ungleichheit, soweit bisherige Forschungsergebnisse ihn zeigen (Kapitel 1), um das Konzept von Sozialkapital, wie es in den Gesundheitswissenschaften angewandt wird (Kapitel 2) und den Zusammenhang zwischen Gesundheitsförderung und Elternunterstützung in der Schule (Kapitel 3). Eine Zwischenbetrachtung fasst die Befunde der ersten Kapitel zusammen.

Kapitel 4 enthält die empirische Analyse, die Forschungsleitfragen und Hypothesen sowie die relevanten Untersuchungsergebnisse.

Kapitel 5 leitet Kriterien für Maßnahmen der schulischen Gesundheitsförderung aus den gefundenen Ergebnissen ab und setzt sich abschließend mit den „Grenzen und Möglichkeiten der praktischen Anwendung des Sozialkapitalkonzepts auseinander“. (S. 24)

Zahlreiche Abbildungen und Tabellen illustrieren den Text. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis schließt den Band ab.

Diskussion und Fazit

Das Thema Gesundheitsförderung im schulischen Kontext und der Aufbau elterlicher Ressourcen (hier: elterlichen Sozialkapitals) ist hoch aktuell und von großer Bedeutung für die Gesundheitswissenschaften ebenso wie für die Erziehungswissenschaften. Der Erkenntnis-und praktische Nutzwert des Buches ist, trotz der verdienstvollen Forschungsarbeit, allerdings eher enttäuschend: Zum einen bringt die Arbeit nur wenige neue Erkenntnisse. Dass elterliches Sozialkapital sich zum Beispiel auch in dieser Studie als abhängig vom sozioökonomischen Status der Familie erweist und besonders im Blick auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit von Eltern und Lehrern große Defizite aufzeigt, kann nicht überraschen. Sozialkapital ist nun einmal ungleich verteilt und gerade deshalb nicht unbedingt dazu geeignet, gesundheitliche Ungleichheiten zu mindern.

Zum anderen bringt die Arbeit nur wenige Ideen, die in der Praxis des heutigen schulischen Settings in Deutschland mit einfachen Mitteln umsetzbar wären. Beide Kritikpunkte sind aber weniger der Autorin anzulasten, sondern dem multifaktoriellen und damit eher sperrigen Thema geschuldet, insbesondere den schwer veränderbaren Bedingungen des deutschen schulischen Settings, vermutlich aber auch dem oft mit zu großen Hoffnungen beladenen Konzept des Sozialkapitals.

Susanne Hartung kommt in ihrer Schlussbetrachtung zu zwei unterschiedlichen Ansätzen für die Förderung von Sozialkapital gerade im Blick auf Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status, die „erstens etwas für den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft und zweitens etwas gegen gesundheitliche Benachteiligung“ bewirken könnten: „Staatliche Prävention auf der einen Seite und privater Einsatz auf der anderen Seite können und sollten sich hierbei ergänzen. Der Staat sollte seinem sozialpolitischen Auftrag gerecht werden und diese Rolle nicht gänzlich aufgeben…Die politischen Akteure sollten Sozialkapital fördern, wenn sie gesundheitliche Ungleichheiten ernsthaft vermindern wollen. Obwohl Sozialkapital nicht in jedem Kontext seine positiven Gesundheitswirkungen entfaltet und die gesellschaftspolitische und praktische Anwendung des Konzeptes einige Stolperfallen beinhaltet, ist und bleibt es eine sinnvolle konzeptionelle Ergänzung staatlicher Präventionspolitik.“ (S. 246 f.)


Rezensentin
Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen
Die Rezensentin hat bis zu ihrer Pensionierung Politikwissenschaft mit Schwerpunkt auf Sozial- und Gesundheitspolitik an der Evangelischen Hochschule Nürnberg im Fachbereich Soziale Arbeit gelehrt.


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Zitiervorschlag
Sylvia Greiffenhagen. Rezension vom 08.05.2015 zu: Susanne Hartung: Sozialkapital und gesundheitliche Ungleichheit. Analyse des elterlichen Sozialkapitals in der schulischen Gesundheitsförderung. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04869-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17186.php, Datum des Zugriffs 29.09.2016.


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