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Bianca Boteva-Richter, Nausikaa Schirilla (Hrsg.): Migration

Cover Bianca Boteva-Richter, Nausikaa Schirilla (Hrsg.): Migration. Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie c/o Inst. f. Philos. Uni Wien NIG (Wien) 2014. 143 Seiten. ISBN 978-3-901989-28-5. 15,00 EUR, CH: 21,90 sFr.

polylog – Zeitschrift für Interkulturelles Philosophieren, Nr. 30.
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Migration interkulturell philosophieren

Migrationsprozesse sind Menschheitsphänomene! Immer schon haben sich Menschen auf den Weg gemacht, um aus existentiellen, innovatorischen, kriegerischen oder zivilisatorischen Gründen neue Lebensräume für sich zu entdecken. Sie trafen dabei auf ausgebreitete und abwehrende Arme. Wie wurden willkommen geheißen und bekämpft. Es waren Pull- und Push-Faktoren, die sie motivierten und antrieben. Sie brachten Veränderungen in ihr eigenes Leben und in das der sesshaften Bevölkerung. Sie wurden als Bedrohung und Bereicherung empfunden. Im „Jahrhundert der Migration“, im 20. und 21. Jahrhundert, erhalten die weltweiten Wanderungsbewegungen eine neue Bedeutung durch die Globalisierung, durch Klimaveränderungen und die ökonomischen Entwicklungen. Die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen im „Jahrhundert der Migration“ erfordern eine neue Aufmerksamkeit. „Fremd ist nicht einfach nur das Andere, sondern das Andere, das als störend empfunden wird“ (Anna Caroline Cöster / Max Matter, Hrsg., Fremdheit und Migration. Kulturwissenschaftliche Perspektiven für Europa, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12023.php).

Die Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren

Die Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie, Institut für Philosophie der Universität Wien, gibt die Zeitschrift „polylog“ als Diskussionsforum heraus. In ihm sollen interdisziplinäre Aspekte mit dem Anspruch zu Wort kommen, zu einer „Neuorientierung in der Praxis des Philosophierens“ beizutragen. „Wir sehen im interkulturellen Philosophieren die Bemühung, in die philosophischen Diskurse Beiträge aller Kulturen und Traditionen als gleichberechtigte einzuflechten, also nicht bloß vergleichend nebeneinander zu stellen, sondern so in einen offenen gemeinsamen Raum… zu bringen“. Mit dem Themenschwerpunkt soll „Migration als Akt des Migrierens“ in den philosophischen Diskurs eingebracht werden, wie Bianca Boteva-Richter und Nausikaa Schirilla in ihrem Einleitungsbeitrag zum Ausdruck bringen. Dabei werden Aspekte und ethische Fragestellungen zur globalen Gerechtigkeit, Theoriebildungen zu Ethnizität und Identität diskutiert und Forschungspositionen zu Rechtsfragen, Zugehörigkeit und Divergenz bezogen.

Aufbau und Inhalt

Die Zeitschrift bringt sieben interdisziplinäre Beiträge, thematisiert im „Forum“ eine historische Auseinandersetzung und druckt Rezensionen zur Thematik ab. Der Politikwissenschaftler von der McGill University in Montreal/Kanada, Arash Abizadeh, setzt sich mit „Geschlossene Grenzen, Menschenrechte und demokratische Legitimation“ (aus dem Englischen übersetzt von Nausikaa Schirilla und Angela Schmidt) auseinander. Dabei richtet der Autor den Fokus auf den Aspekt der staatlichen (Grenz-)Souveränität. Er fragt nach der Entstehungsgeschichte von liberalen und egalitären Theoriebildungen und Praxisentwicklung und argumentiert mit Aspekten zur demokratischen, menschenrechtsorientierten Grenzpolitik. Dabei plädiert er einerseits dafür, staatliche Souveränitätsrechte nach legalen und politischen Strukturen zu regeln, andererseits die Grenzgesetzgebung nach den Regeln von demokratischer Mitbestimmung für Grenzregimeaktivisten und Migranten zu reformieren: „Wenn Fremde nach Regeln behandelt werden, die sie nicht mitbestimmen können, ist davon auszugehen, dass diese Regeln die demokratische Glaubwürdigkeit einer politischen Gemeinschaft gefährden“.

Wenn Orte, wie Lampedusa und andere Häfen an den Küsten Europas zu Fluchtpunkten für verzweifelte, in Not geratene und von Perspektivlosigkeit betroffene Menschen, Begriffe wie „Schengen“ zu Ein- und Ausgrenzungswerken und Mauern, wenn Aktionen wie „Mare Nostra“ und „Frontex“ zu Operationsverbünden und Grenzschutzmaßnahmen aufgebaut und ausgeweitet werden, sind das Hinweise darauf, dass in unserer (Einen?) Welt Werte wie „globale Gerechtigkeit“ nicht obenan stehen. Der Philosoph Uchenna Okeja von der Universität Frankfurt/M. bringt zu den Aspekten „Migration und globale Gerechtigkeit“ die afrikanischen Sichtweisen dazu zum Ausdruck. Die Wander- und Fluchtbewegungen von Afrika nach Europa sind vielfach literarisch und medial beschrieben, skandiert und mit Paradies-Erwartungen und Höllen-Lösungen belegt worden (z. B.: Tahar Ben Jelloun, Verlassen. Roman, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4393.php). Okeja stellt sich diesem Themenkomplex, indem er nach dem Kontext fragt, der sich in der historischen und aktuellen afrikanischen Wirklichkeit im Zusammenhang mit egalitärem und liberalem Denken und Handeln zeigt. Indem er den Blick auf die Bedingungen lenkt, wie in afrikanischen Ländern mit den Migrations- und Wanderbewegungen innerhalb des Kontinents umgegangen wird und welche Wertvorstellungen vom „Fremden“ dabei eine Rolle spielen, gelingt es ihm, die Perspektiven deutlich zu machen, die sich bei den Flucht-Aktivitäten von Afrika nach Europa und in die scheinbar „gelobten“ Regionen des Westens ergeben. „Die Implikation für die Konzeptuierung einer Theorie der Migrationsgerechtigkeit aus Sicht der globalen Gerechtigkeit bedeutet, dass das Prinzip der Gerechtigkeit in der Migration …(umgedacht werden muss), wie die von der globalen Ungerechtigkeit produzierte Macht überwunden werden kann“.

Bianca Boteva-Richter fragt in ihrem Beitrag „Die Migration und das Zwischen als konstituierendes Element“, ob der globale Mensch ein „ewiger Migrant“ sei. In ihrer Analyse verweist sie darauf, dass die Fähigkeit und Notwendigkeit des homo mobilis als kulturelle Aktivität zu bezeichnen ist; und sie definiert Migration als „Kultur in Bewegung“. Sie benutzt dafür das aus den asiatischen, buddhistischen Philosophien bekannte „aida“, dem „Zwischen“, das sich „in der interaktiven Verbindung von Individuum und Anderen in einer repetiven Bewegung des Werdens und Vergehens von Individuum und Gesellschaft“ zeigt (Tetsuro Watsuji). Die Autorin nimmt mit ihren Reflexionen den in vielfachen Zusammenhängen gebrauchten Begriff von der „Einen Welt“ auf und ordnet alle Menschen als „Migranten“ und „Bürger einer Welt“ ein.

Interkulturell aktiv setzt sich die Sozialwissenschaftlerin von der Illionois State University / USA, Nobuko Adachi, mit der „Dynamik von Rasse und Ethnizität als Kategorisierungs- und Klassifizierungsprozess“ (aus dem Englischen übersetzt von Britta Saal) aus einander, indem sie über „Benennung, Rassenzuweisung und Ethnisierung in einer japanisch-brasilianischen Kommune“ reflektiert. Weil Beziehungs-, Integrations- und Identitätsprobleme sich immer auch als Benennungs- und Kommunikationsaspekte zeigen, ist es bedeutsam, auf die in einer interkulturellen Gemeinschaft gepflegten und praktizierten Mentalitäten, Verständigungsformen und Philosophien zu schauen. Dabei wird deutlich, dass sich soziale, ethnische und rassebezogene Bezeichnungen verändern: „Sie sind … im Fluss und in Bewegung und immer temporär, abhängig von den Verläufen und Launen der Geschichte“.

Der Kultur- und Politikwissenschaftler Kien Nghi Ha vom Institut für post-koloniale und transkulturelle Studien der Universität Bremen, verweist in seinem Beitrag „Postkoloniale Kritik und Migration“ auf die Bedeutung von transkontinentalen Migrationsbewegungen und kulturellen Zirkulationen. Sie schaffen transkulturelle Räume und hybride Kulturen, die sich als nationalkulturelle Grenzüberschreitungen erweisen. Mit den aus dem anglophonem Diskurs entstandenen „Postcolonial Studies“ und der „Weißseinsforschung“ (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Wie Deutschland zu den Fremden kam, 20.12.2013, www.socialnet.de/materialien/171.php) verweist der Autor auf die Herausforderungen, die sich als Hegemonie- und Herrschaftskritik ergeben.

Nausikaa Schirilla von der Katholischen Hochschule in Freiburg/Br. benennt mit ihrem Beitrag „Feminisierung der Migration und zurückgelassene Kinder“ Aspekte und Probleme, die dadurch entstehen, dass Frauen aus ärmeren Ländern „Care“- Arbeit (global care chain) verrichten. Sie mahnt die Entwicklung einer „Care“-Ethik an, die auf den Grundlagen von lokaler und globaler sozialer Gerechtigkeit beruhen muss.

Die Wiener Philosophin Anke Graneß und die Journalistin Ursula Baatz führten anlässlich des X. Internationalen Kongresses für Interkulturelle Philosophie ein Interview mit Abdullahi Ahmed An-Na´im, das im Heft abgedruckt wird. Der Rechtswissenschaftler von der Emory University of Law in Atlanta/USA, An-Na´im, befasst sich mit Fragen der Menschenrechte im Islam und mit interkulturellen Menschenrechtsfragen. Als Schüler des durch die sudanesischen Machthaber 1985 hingerichteten Philosophen und Mystikers Mahmoud Mohammed Taha tritt Na-Na´im mit seinen Arbeiten für menschliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung ein: „Ich weiß nicht, was letztendlich bei mir selbst herauskommen wird, aber ich will die Freiheit haben, es mit mir selbst auszukämpfen“.

Im Forumsteil setzt sich der Wiener Arabist und Philosoph Peter Enz mit seinem Beitrag „Religion und Rebellion“ mit den Gedanken und Hinterlassenschaften des Denkers und Historikers Ibn Khaldun auseinander und zeigt die für revolutionäre Bewegungen bedeutsamen Aspekte auf. Es sind Tugenden, Regeln und Gesetze, die ein friedliches, gerechtes Zusammenleben der Menschen in lokalen und globalen Zusammenhängen bestimmen und sich in der „Asabiya… als unbedingtes Bekenntnis zu einer Gruppe und einem bestimmten Korpus von Tugenden, Regeln und Gesetzen… und religiöse(n) Ereignisse(n) als plötzliches, unerwartetes und zunächst unerklärliches Hereinbrechen des Anderen der Natur in den gewohnten Lauf der Dinge“ ausdrückt (vgl. dazu auch: Günter Gödde / Jörg Zirfass, Hg., Takt und Taktlosigkeit. Über Ordnungen und Unordnungen in Kunst, Kultur und Therapie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12967.php; sowie: Abraham H. Maslow, Jeder Mensch ist ein Mystiker. Impulse für die seelische Ganzwerdung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16223.php). Der Zündfunke der Asabiya ist der Keim der Revolte.

Anke Graness rezensiert das Buch von Sarhan Dhouib, Hrsg., Kultur, Identität und Menschenrechte, 2012; MăDăLinda Diaconu Gilles Cléments „Manifest der Dritten Landschaft“, 2010; Günter Graf setzt sich mit
„Learning to Unlearn“ von Madina V. Tlostanova / Walter D. Mignolo, 2012, auseinander; Susanne Moser thematisiert „Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte“ von Hans Joas, 2011 (siehe dazu auch: www.socialnet.de/rezensionen/12425.php); Andreas Hütig spricht über Elke Bohlkens „Grundlagen einer interkulturellen Ethik. Perspektiven der transzendentalen Kulturphilosophie Heinrich Richerts“, 2002; Franz Gmainer-Pranzl rezensiert das Werk von Christoph Ernst /Walter Sparn / Hedwig Wagner, Hrsg., Kulturhermeneutik, 2008; sowie das Buch von Bernhard Waldenfels, Schattenrisse der Moral, 2006; Nausikaa Schirilla fragt nach dem Verhältnis von Philosophie und Alltagskultur im Buch von Raul Fornet-Betancourt, Hrsg., Alltagsleben. Ort des Austauschs oder der neuen Kolonisierung?, 2010, und von Michelle Becka / Albert-Peter Rethmann, Hrsg., Ethik und Migration – Gesellschaftliche Herausforderungen und sozialethische Reflexion, 2010.

Fazit

Die in der Zeitschrift „Polylog“, 30/2013, dargestellten Studien, Analysen und Reflexionen zu Aspekten der Migration bestechen insbesondere wegen der ansonsten im Migrationsdiskurs und in der Migrationsforschung eher seltener vorfindbaren Fokussierung auf die philosophischen Fragestellungen. Wenn es so ist, dass in unserer sich immer interdependenter, entgrenzender, sichtlich und dramatisch inhuman entwickelnden (Einen?) Welt die lokale und globale soziale Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben droht, bedarf es den aktiven, philosophischen Nachdenkens darüber, wie Migration umgeleitet werden kann hin zu einem „Akt des Migrierens… (hin zu) offene Grenzen…(zu) globale (r ) Gerechtigkeit (und) auf ethische Folgen der Migration“.

So lässt sich feststellen: Die Zeitschriftenbeiträge bilden eine notwendige Ergänzung im Diskurs um Wanderungsbewegungen Gestern, Heute und Morgen. „Jeder Mensch ist Migrant“, ist fremd an bestimmten Orten und bei spezifischen Situationen; gelänge es, dieses Bewusstsein bei den Menschen zu etablieren, wäre der Fremde willkommen; und die notwendigen Regelungen bei Migrationsprozessen könnten human und gerecht erfolgen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 03.10.2014 zu: Bianca Boteva-Richter, Nausikaa Schirilla (Hrsg.): Migration. Wiener Gesellschaft für interkulturelle Philosophie c/o Inst. f. Philos. Uni Wien NIG (Wien) 2014. ISBN 978-3-901989-28-5. polylog – Zeitschrift für Interkulturelles Philosophieren, Nr. 30. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17191.php, Datum des Zugriffs 31.08.2016.


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