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Elke Renner, Erich Ribolits u.a. (Hrsg.): Wa(h)re Bildung: Zurichtung für den Profit

Cover Elke Renner, Erich Ribolits, Johannes Zuber (Hrsg.): Wa(h)re Bildung: Zurichtung für den Profit. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2004. 120 Seiten. ISBN 978-3-7065-1988-5. D: 9,00 EUR, A: 9,00 EUR, CH: 16,60 sFr.

Reihe: Schulheft 113 - 2004.

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Ware Bildung oder wahre Bildung?

Der kontroverse Diskurs, ob Bildung im Zeitalter der Globalisierung mutiert hin zur "Kapital-Bildung", oder sich entwickelt zu einer emanzipatorischen Vision in der immer interdependenter sich entwickelnden Welt, ist im Zeitalter des Neoliberalismus zum Glück in vollem Gang. Globalisierungsbefürworter wie -kritiker nehmen für sich in Anspruch, dass Bildung eine notwendige Voraussetzung zur Bewältigung der neuen globalen Entwicklung sei; die einen, indem sie fordern, dass der "gebildete" Mensch mit seinen Kompetenzen in der Lage ist, die neuen Anforderungen zu bestehen, gewissermaßen als ein funktionierendes und eingepasstes Rädchen im Regelwerk einer allumfassenden Modernisierung; die anderen mit dem Ruf nach dem Perspektivenwechsel, hin zu einer selbstbestimmten Lebensbewältigung. Andreas Novy drückt das Dilemma in seinem lesenswerten, kleinen Büchlein "Entwicklung gestalten. Gesellschaftsveränderung in der Einen Welt" (2002) so aus: "Wir werden das Spiel spielen müssen und es gleichzeitig nicht akzeptieren - und es nicht akzeptieren, indem man es anders spielt". Dieser Aufforderung, die Globalisierungstendenzen und -anforderungen auf die Bildung des Menschen nicht als anpasserisch hinzunehmen - "Da kann man nichts machen!" - sondern nach Alternativen gegen die "Abrichtung des Menschen" zu suchen, kommen die österreichischen Macher vom "Verein der Förderer der Schulhefte", Wien, mit dem neuen "schulheft" nach. Diesem im Taschenbuchformat vierteljährlich seit 1976 erscheinendem kritisch pädagogischem Diskussionsforum, das auch im Internet (www.schulheft.at) von einer lebhaften Chat-Auseinandersetzung begleitet wird, sieht man an, dass die damaligen wie heutigen Schreiber zum "Zustand der innen- und außengeleiteten Welt" aus der 68er Reformbewegung kommen und ihr verpflichtet sind. Die schulhefte sind, betrachtet man die in Europa erscheinenden pädagogischen Zeitschriften, ein "linker" Lichtblick in der vielfachen Einöde von entweder nur theoretischen oder überwiegend praxis-rezeptologischen Diskussionsbeiträgen. Die noch lieferbaren Titel der schulhefte spiegeln die wohltuende Vielfalt der pädagogischen Auseinandersetzung wieder: Jugend ohne Politik; Arbeit & Bildung; feministische Pädagogik; Noten und Alternativen; Erinnerungskultur; Macht in der Schule; Integration; Friedenskultur; Begabung...

Inhalt

Elf Autoren setzen sich im neuen, ersten Heft 2004 (113) mit der alten, neuen Frage auseinander: Was ist der Mensch wert? Vor allem wie sind die Würde des Menschen und das grundsätzliche Menschenrecht auf Bildung in der Zeit der "ökonomischen Rationalität" zu erhalten. Es geht um das Bewusstmachen vom "Zusammenhang und Widerspruch von Bildung in staatlicher Verantwortung und als Teil des politisch demokratischen Systems einerseits und kapitalistischer Ökonomie andererseits"; und es geht um das Aufdecken der fragwürdigen "Legitimationsrhetorik" über den Wert des Menschen im Markt, der Kinder, Eltern, LehrerInnen und am Bildungswesen Beteiligte ausgesetzt sind; es geht um

  • die grundsätzliche Frage nach den politisch-ökonomischen Rahmenbedingungen, welche die derzeit ablaufenden Prozesse der Privatisierung und Kommerzialisierung (auch) des Bildungswesens bestimmen,
  • die Beleuchtung der historisch-gesellschaftlichen Hintergründe einer Entwicklung, bei der heute in der Bildungsdiskussion nur noch vom "Humankapital und seinen Erträgen" gesprochen wird,
  • das Bloßlegen des Weges der Bildung zur Ware,
  • den Widerspruch gegen die Auffassung, dass mit der steigenden Beteiligung breiterer sozialer Schichten die Spirale der sozialen und kulturellen Reproduktion der herrschenden Klassen durchbrechen könnte.

Der Erziehungswissenschaftler und Pädagoge der beruflichen (Lehrer)Bildung, Erich Ribolits, nimmt dabei das im Sommer 2003 in Österreich etablierte Reformkonzept der ministeriellen "Zukunftskommission" unter die kritische Lupe und wirft deren Zukunftsbild einer Schule vor, die "Qualität von Bildung" nicht am Wachstum der Subjekte, sondern nur an dem der Wirtschaft zu messen. Tibor Zenker von der Medizinischen Universität in Wien setzt sich mit den "Gespenstern" Globalisierung und Neoliberalisierung auseinander und fordert in seinem Beitrag "Monopolkapital, Markt und Macht" auf, eine ernsthafte Kapitalismusanalyse vor zu nehmen, jedoch sich nicht darauf zu beschränken, "gewissenhaft Marx, Engels und Lenin zu zitieren wie ein Volksschulkind ein Muttertagsgedicht". Er plädiert für "humanistische, verantwortungsbewusste Entgegnungen auf der Basis von allgemeinen Vorstellungen von Gerechtigkeit". Der junge Lehrer Lorenz Glatz stellt "vier Betrachtungen über Menschsein und Bildung zum Zwecke der Skandalisierung diverser Fortschritte" an, und er wirbt für eine "Neu-Bildung" und gegen eine "radikale Ökonomisierung von Bildung und Wissen". Erich Ribolits provoziert mit der Überschrift "Vom sinnlosen Arbeiten zum sinnlosen Lernen". Dabei nimmt er sich eine Reihe von Schlagworten in der internationalen Bildungsdiskussion vor, wie z. B. die Forderung nach lebenslangem Lernen, wenn dies überwiegend unter den ökonomischen Strategien eines "angepassten" , marktorientierten Lebens und nicht im Sinne einer verantwortungsbewussten Lebensgestaltung begründet wird. Die "Ideologie eines Habens", wie sie z. B. von Erich Fromm und anderen aufgedeckt wurde, und das "Bankier-Konzept", wie dies der lateinamerikanische Pädagoge Paulo Freire auf die Anklagebank gebracht hat, sind für ihn "Elemente der allgemeinen Entpolitisierung" und gegen die Entwicklung eines kritischen und emanzipatorischen Bewusstseins. Der Bildungssoziologe Stefan Vater macht kritische "Anmerkungen zum neoliberalen Umbau des österreichischen Bildungssystems", vom Kindergarten bis zur Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung: "Bildung wird als Ware, die sich die Tüchtigen kaufen. Für sozial Schwache, für Arbeitslose, Kranke, Arme und Alte sind nur mehr mildtätige Notprogramme vorgesehen". Der Redakteur der Zeitschrift "unique", Ingolf Erler, macht sich Gedanken über die "Kontinuität sozialer und kultureller Reproduktion im Bildungssystem", eine Auseinandersetzung, die sowohl für die schulische wie für die universitäre Bildung, wie die verschiedenen, spektakulären internationalen Bildungs-Vergleichs-Untersuchungen (TIMMS, PISA, u.a.) zeigen, heute notwendiger denn je ist. Der Student Peter Prantl wagt seine Einschätzung "Österreichische Bildungspolitik im internationalen Kontext" unter dem Gesichtspunkt einer "Ökonomisierung der Universitäten". Sie wird "seiner" Bildungsministerin nicht gefallen. Der Hamburger Lehrer und Gewerkschafter Horst Bethge mischt sich in den (österreichischen) Diskurs mit seinem Bericht zur "Privatisierung und Marktorientierung der Hamburger Bildungspolitik" ein. Demokratisierung statt Deregulierung ist sein Plädoyer zur Überwindung des neoliberalen kapitalistischen (Bildungs)Systems. Ebenfalls über den österreichischen, nationalen Gartenzaun schaut die an der Rudolf-Steiner-Schule in Helsinki tätige Lehrerin und Vorsitzende der EU-kritischen Bürgerbewegung "Alternative zu EU", Ulla Klötzer. Mit ihrem Beitrag "Finnland - wirklich ein Vorzeigeland?" will sie die aus der Pisa-Diskussion entstandenen, ihrer Meinung nach völlig überzogenen Bewertungen des Bildungsstandards in Finnland zurecht rücken. Meines Erachtens jedoch vermischt sie (unzulässig!) in ihrer Analyse diese mit einer für mich nicht nachzuvollziehenden Verquickung mit der EU-Bildungspolitik. Elke Gruber, Lehrstuhlinhaberin für Erwachsenen- und Berufsbildung an der Universität Klagenfurt, nimmt die Situation der Erwachsenenbildung in Österreich aufs Korn. Sie sieht eine zukunftsbestimmte Weiterbildung, die sich "am Menschen als Menschen" orientiert, nicht die Forcierung des Humankapitaleinsatzes des Menschen. Vielmehr geht es darum, "nicht alles und jedes jener Logik ökonomischer Rationalität unterzuordnen, der entsprechend der Mensch nur als Anhängsel wirtschaftlichen Geschehens denkbar ist. Der Beurfsschullehrer Horst Schön plädiert in seinem Text "Das duale System - die (noch) lebende Leiche?" dafür, in der Berufsschulbildungspolitik stärker darauf zu richten, wie in der Zeit der Ökonomisierung die "vielgepriesene Kompromisspolitik der österreichischen Sozialpartnerschaft" durch die UnternehmensvertreterInnen durchlöchert und verlassen wird. Schließlich kommt im "schulheft" Riccardo Petrella, Berater der Europäischen Kommission und Kritiker des Neoliberalismus, in einem Interview zu Wort. Seine Warnung, dass die weiter fortschreitenden Ökonomisierungs- und Privatisierungsprozesse "Quellen der Gewalt gegenüber den weniger Ausgebildeten sein (werden) angesichts derer, die glauben, das fortgeschrittenste und deswegen mächtigste Wissen zu besitzen".

Fazit

Die Brisanz der vielfältigen, von der Publizität her bestimmten, analytischen und provokativen Darstellungen dürfte nicht nur für das (österreichische) Abonnenten- und Leserpublikum interessant sein; auch deutsche Engagierte im Diskurs um eine gerechtere Bildungs(welt) werden von den Beiträgen profitieren. Es ist den Schulhefte-Machern zu wünschen, dass ihre immerhin mehr als ein Viertel-Jahrhundert bestehende Initiative nicht in der ökonomischen Gleichschaltungs- und Machtpolitik des pädagogischen Zeitschriftenmarktes aufgeht, sondern als ein eigenständiges Denk- und Mahninstrument für eine "gute, humane Bildung" erhalten bleibt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 01.06.2004 zu: Elke Renner, Erich Ribolits, Johannes Zuber (Hrsg.): Wa(h)re Bildung: Zurichtung für den Profit. Studienverlag (Innsbruck, Wien, München, Bozen) 2004. 120 Seiten. ISBN 978-3-7065-1988-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/1728.php, Datum des Zugriffs 08.02.2012.


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