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Sabine Weißflog: Wissen, Wahrheit und Macht in der psychiatrischen Pflege

Cover Sabine Weißflog: Wissen, Wahrheit und Macht in der psychiatrischen Pflege. Zum Diskurs über Pflegeplanung in "Psych. Pflege Heute" 1995 - 2011. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86321-166-0. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

In Deutschland entwickelte sich eine Debatte, ob in der psychiatrischen Pflege eine Pflegeplanung notwendig und sinnvoll sei. Die Autorin führte analytische Untersuchungen von Veröffentlichungen in der Fachzeitschrift „Psych. Pflege Heute“ der Jahrgänge 1995 bis 2011 durch. Das vorliegende Fachbuch ist die Doktorarbeit der Autorin.

Autorin

Sabine Weißflog studierte Pflegemanagement an der Hamburger Fern-Hochschule und Pflegewissenschaften an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Sie arbeitet als Pflegewissenschaftlerin für die Psychiatrischen Dienste Thurgau in Münsterlingen und als Dozentin im Rahmen des Bachelorstudiums Pflege in der Schweiz. Darüber hinaus engagierte sich die Autorin in den deutschen und schweizerischen Fachgesellschaften für Psychiatrische Pflege sowie in der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Fachbuch ist die Dissertation der Autorin.

Aufbau

Klar gegliederter Aufbau in sieben Kapiteln mit übersichtlichen und maximal acht Unterpunkten. Vor den sieben Kapiteln kommen zunächst Abbildungsverzeichnis, Tabellenverzeichnis, Danksagung, Vorwort, Zusammenfassung, Summary und Einleitung. Anschließend an den Inhalt fügen sich Zusammenfassung und Fazit, Literatur und Anhang.

Insgesamt 249 Fußnoten werden auf der gleichen Seite des Textes ergänzend beschrieben (deutsche Zitierweise).

Inhalt

Das zweiseitige Vorwort schrieb die „Doktormutter“ Dr. phil. Helen Kohlen.

Die Zusammenfassung wird in vier Teile gegliedert. Es wird der Hintergrund beschrieben: Während in den 1970er Jahren in der psychiatrischen Pflege keine eigenständige Pflegedokumentation vorhanden und notwendig war, ist durch die juristische Verankerung ein Pflegeplan zum „Muss“ geworden. Der Bereich der deutschen Psychiatrischen Pflege ist im Vergleich zur Kanadischen wenig reflektiert worden.

Die angewandte Methode entspricht derKritischen Diskursanalyse nachSiegfried Jäger. Im Ergebnis zeigt sich ein Diskurs aus Standardisierung und individueller Pflege. Das Fazit zeigt Chancen der Pflegeplanung von „wissenden“ Pflegefachpersonen. Das Summary ist die englische Übersetzung.

In der Einleitung findet sich ein geschichtlicher Rückblick in die Psychiatrische Pflege in Deutschland. So hat sich im Laufe der Zeit auch die Rolle des pflegerischen Personals vom Betreuer und Wächter zum Beobachter verändert. Ab 2011 startete der erste Studiengang Psychiatrische Pflege und Psychische Gesundheit an der Fachhochschule der Diakonie Bielefeld-Bethel. Mit diesem theoretischen Hintergrund wird nun die zentrale Fragestellung aufgezeigt: Wie wurde das Wissen der psychiatrisch Pflegenden konstituiert?

Der Aufbau der Arbeit beschreibt das Vorgehen der Autorin.

1.Wissenssoziologische Verankerung der Arbeit: Rahmen, Literatur, Zugang Ausführlich wird die Diskurs- und Werteanalyse von Michel Foucault (1926 – 1984, Philosoph und Gesellschaftstheoretiker) vorgesellt, die sich mit verschiedenen Denkrichtungen, Wissensvermittlung, Umgang mit Wissen, Machtverhältnissen usw. beschäftigt. Zahlreiche Zitate finden sich zu den Lehren Foucaults. Diese Zitate werden beschrieben, erklärt und ergänzt. Zentraler Gedanke dabei ist: „Der Wille zum Wissen ist laut Foucault mit dem Begehren und der Macht verknüpft. Und die Wahrheit ist die Gesamtheit der Regeln nach der das Wahre vom Falschen getrennt wird und nur das Wahre ist mit Machtwirkung ausgestattet.“ (Seite 51) Weiter werden in diesem Zusammenhang auch die Lehren von Pierre Bourdieu und Niklas Luhmann genannt. Auch andere Forscher haben sich entsprechend den Lehren Foucaults im Rahmen der Pflege einen Namen gemacht und werden erwähnt, so z. B. Penny Powers. Beschrieben wird eine weitere Theorie (bzw. Weiterentwicklung der Machtanalyse) von Foucault: Die „Bio-Macht“.

2. Diskursstrang: Verortung Da bisher keine Studien anhand von Diskursanalyse zum Diskurs Pflegeplan durchgeführt wurden, gab es noch keine Diskursebenen und keine Teil-Sektoren. Es wurden jedoch zwei Forschungsfragen formuliert. Zudem wurde ein Fragebogen für eine Gruppe von Teilnehmern (Psychiatrische Pflegefachkräfte, Pflegedienstleitungen, Wohnbereichsleitungen, usw) erstellt. Nach der Auswertung des Fragebogens konnte die Fragestellung konkretisiert werden: Welchen Beitrag zur Konstituierung des Wissens Pflegeplanung leiste die Psych. Pflege Heute? (Seite 95)

3. Materialaufbereitungen des gesamten Diskursstrangs Psych. Pflege Heute Es werden die drei Fachzeitschriften im Bereich der Psychiatrischen Pflege vorgestellt. Beschrieben werden Inhalte und Beginn der Erscheinung, Beschreibung der Autoren. Jahrgangsweise von 1995 bis 2011 werden die inhaltlichen Themen aufgelistet. In einem Dossier werden die im behandelten Zeitraum veröffentlichten Beiträge zum Thema Pflegeplanung in einer Tabelle zusammengefasst. Dies waren insgesamt 8 Beiträge. Eine Inhaltsbeschreibung der einzelnen Beiträge folgt. Alle Beiträge befassten sich lediglich mit den Bereichen: Sozialpolitik, Rechtsnormen, Enthospitalisierung, Standardisierung als Qualitätsnachweis, Medizin, Kostenträger und Emanzipation der Pflege.

4. Strukturanalyse Diskurs Pflegeplanung, Referenzrahmen Beschrieben wird der gesetzliche Hintergrund der Sozialpolitik unter Bismark bis in die Gegenwart. In den 1980er Jahren tauchte im Zuge von wirtschaftlichen Interessen der Begriff der Enthospitalisierung auf – die Auswirkungen werden beschrieben. Standardisierung als Qualitätsnachweis beschreibt die Qualitätsprüfungen und Vorgaben des Qualitätsmanagements aufgrund des Gesundheitsreformgesetzes im Jahr 1988 und weiteren gesetzlichen Änderungen. Die Kostenträger nutzen die Pflegeplanung als Kontrollinstrument, wobei den Pflegenden der Nutzen einer Pflegeplanung nicht klar sei. Aus diversen Rechtsnormen, z. B. PsychPV einhergehend mit dem fünften Sozialgesetzbuch ergibt sich eine Notwendigkeit zur Pflegeplanung.

5. Feinanalyse: Untersuchung der Sprachlichen Mittel Der veröffentlichte Fachartikel „Einführung psychiatrischer Pflegeplanung – ein Erfahrungsbericht“ von Bernd Baltes wird im Rahmen einer Feinanalyse anhand von Textdarstellung, Überschriften, sprachlich-rhetorische Mittel beschrieben.

6. Machtanlayse Der Patient würde im Rahmen einer Pflegeplanung zum Produkt gemacht. Die Medizin sei gegenüber der Pflege dominant – so sei die medizinische Diagnose der Ausgangspunkt pflegerischer Handlungen.

7. Interpretationen des Diskursstrangs Pflegeplanung Beschrieben werden eine Studie der WHO von 1987, das 6-Phasen-Modell des Pflegeprozesses nach Fiechtner und Maier. Zitiert werden Juchli und Peplau.

Diskussion

Ein Drittel des Buches befasst sich damit, dem Leser die Lehren von Michel Foucault zu erklären und zu beschreiben.

Vielfache Informationen zum Thema Pflegeplanung sind auch auf die somatische Pflege übertragbar und nicht nur speziell für die psychiatrische Pflege. Auch die somatische Pflege hatte jahrelang keine oder nur eine sehr begrenzte Dokumentation – bis es ausuferte (auch aufgrund politischer Vorgaben) und jetzt seit mehreren Jahren eine „Entbürokratisierung“ der Pflegedokumentation mit Millionenaufwand durchgeführt wird. Wie steht es da mit der Psychiatrischen Pflege?

Prinzipiell ist die Veröffentlichung von Dissertationen im pflegewissenschaftlichen Bereich eine Bereicherung für den Ruf, den Wissensstand und die Qualität der Pflege.

Fazit

„Hochtheoretisches“ Fachbuch zu einem Teilgebiet der (psychiatrischen) Pflege für eine kleine und spezielle Leserschaft.


Rezensentin
Sonja Fröse
Homepage www.sonjafroese.de
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Zitiervorschlag
Sonja Fröse. Rezension vom 03.02.2015 zu: Sabine Weißflog: Wissen, Wahrheit und Macht in der psychiatrischen Pflege. Zum Diskurs über Pflegeplanung in "Psych. Pflege Heute" 1995 - 2011. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86321-166-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17280.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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