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Maren Gag, Franziska Voges (Hrsg.): Inklusion auf Raten (Teilhabe von Flüchtlingen)

Cover Maren Gag, Franziska Voges (Hrsg.): Inklusion auf Raten. Zur Teilhabe von Flüchtlingen an Ausbildung und Arbeit. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. 302 Seiten. ISBN 978-3-8309-3043-3. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.

Bildung in Umbruchsgesellschaften, Band 10.
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Thema

Der Sammelband befasst sich mit der eingeschränkten Teilhabe von nach Deutschland geflüchteten Jugendlichen und Erwachsenen an Ausbildung und Arbeit und greift damit ein Problem auf, das in einem deutlichen Widerspruch zu den Grundsätzen von Inklusion steht. Bereits mit dem Titel des Buchs „Inklusion auf Raten“ verweisen die Herausgeberinnen auf die noch immer bestehenden rechtlichen Barrieren, welche die Ausbildungs- und Erwerbsintegration von Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus erschweren, ungeachtet von Verbesserungen in den letzten 15 Jahren (vgl. Müller/Nägele/Petermann 2014). Die Publikation knüpft an bereits vorliegende Studien zur Bildungs-, Ausbildungs- und Erwerbssituation von Flüchtlingen an, die ebenfalls in der von Ursula Neumann und Wolfram Weiße herausgegebenen Reihe „Bildung in Umbruchgesellschaften“ beim Waxmann Verlag erschienen sind (vgl. z.B. Neumann/Niedrig/Schroeder/Seukwa 2003 sowie Seukwa 2006). Das Buch befasst sich exemplarisch mit der Ausbildungs- und Erwerbssituation von geflüchteten Jugendlichen und Erwachsenen in Hamburg und trägt damit der Tatsache Rechnung, dass Fluchtmigration vor allem auch ein urbanes Phänomen darstellt. Angesichts der in jüngster Zeit gestiegenen Flüchtlingszahlen bezieht sich der Sammelband auf ein aktuelles, politisch noch immer kontrovers diskutiertes Thema.

Herausgeberinnen und Autorinnen

Die beiden Herausgeberinnen, Maren Gag und Franziska Voges, sind Mitarbeiterinnen bei der passage gGmbH, einer gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeit und Integration in Hamburg. Sie sind dort im Bereich Migration und internationale Zusammenarbeit tätig. Maren Gag hat die Leitung unterschiedlicher Drittmittelprojekte im Feld der beruflichen Integration von Migrantinnen/Migranten und Flüchtlinge inne, u.a. in Kooperation mit der Universität Hamburg. Franziska Voges ist Koordinatorin in den auf Migration und Flucht bezogenen Projekten von passage gGmbH.

Entstehungshintergrund

Die Autorinnen verweisen in ihrer Einleitung auf das grundlegende Problem, dass zu den Lebenslagen von Flüchtlingen noch immer ein hohes Maß an Unkenntnis herrscht. Insofern verfolgt die Publikation das Ziel, Verantwortliche in Bildung, Politik und Verwaltung auf Unterstützungsmöglichkeiten und -notwendigkeiten für Geflüchtete und Menschen mit unsicherer Aufenthaltsperspektive am Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zu sensibilisieren. Maren Gag und Franziska Voges greifen bei der Erstellung des Buches auf ihre mehrjährige Erfahrung im Praxisfeld und ihre Vernetzung mit Universitäten, Hochschulen und außeruniversitärer Forschung, Sozialen Diensten, Beratungsstellen, Flüchtlingsorganisationen sowie Selbstinitiativen von Geflüchteten und Kirchen zurück.

Aufbau

Der Sammelband besteht aus 21 Beiträgen inklusive der einführenden Einleitung der Herausgeberinnen. Am Ende des Buchs folgt ein Verzeichnis mit Angaben zu den an der Publikation beteiligten 27 Autorinnen und Autoren. Inhaltlich gliedert sich der Band in drei Teile.

  1. Abschnitt I (Wissenschaftliche Perspektive auf Bildung, Beruf und Gesellschaft) besteht aus fünf Beiträgen, die den Forschungstand mit Blick auf Bildung, Schule, Sozialarbeit und Stadtsoziologie diskutieren.
  2. Abschnitt II (Politische Teilhabe zwischen Wunsch und Wirklichkeit) bündelt fünf Beiträge, die sich mit asylrechtlichen und -politischen Aspekten, der Wohnsituation, dem Kirchenasyl und der Perspektive von Selbstorganisationen geflüchteter Jugendlicher befassen.
  3. Abschnitt III (Herausforderungen in der sozialen Arbeit und Bildung) besteht aus zehn Beiträgen zu praxisrelevanten Themen: Spezifische Förderbedarfe und Problemlagen von Geflüchteten (sprachliche Qualifizierung, berufsbezogenes Deutsch, Traumatisierung), Institutionelle Rahmenbedingungen (Vorbereitungsmaßnahmen, Ausbildung in Unternehmen), Konzepte und Programme (Übergangsberatung und Mentoren) sowie Professionalisierung (von Multiplikatoren) und Netzwerkarbeit.

Ausgewählte Inhalte

Da eine inhaltliche Beschreibung aller 27 Beiträge hier nicht möglich ist, werden exemplarisch einzelne Beiträge aus den drei Buchteilen herausgegriffen.

In ihrer Einleitung (Inklusion als Chance?) führen die Herausgeberinnen in den Band ein und eröffnen einen detaillierten Einblick in die europäische und nationale Flüchtlings- und Asylpolitik. Durch die Klärung der rechtlichen Hintergründe wird die Heterogenität der Menschen, die unter dem Flüchtlings-Begriff zusammengefasst werden, deutlich:

  1. Personen, die sich im Asylverfahren befinden und eine Aufenthaltsgestattung erhalten,
  2. Menschen, die im Rahmen des Abschiebeschutzes eine Aufenthaltserlaubnis besitzen und
  3. Migranten, die infolge eines abgelehnten Asylantrags mit einer Duldung ausgestattet sind, solange ihre Abschiebung ausgesetzt ist.

In Bezug auf das politische Ziel der Inklusion verweisen die Herausgeberinnen auf eine in Bezug auf die Lebenssituation von Geflüchteten merkliche Diskrepanz: Die aus dem Inklusionsanspruch resultierende Gewährung umfassender individueller Rechte zwecks Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ist angesichts der immer noch bestehenden rechtlichen Beschränkungen nicht gegeben, weshalb Inklusion „bestenfalls auf Raten stattfindet“ (S. 11). Dies illustrieren die Herausgeberinnen an der konkreten Situation in Hamburg, auf die sich das Buch exemplarisch bezieht.

In seinem Überblick (Der Forschungsstand zum „Fluchtort“ Hamburg) eröffnet Joachim Schroeder nicht nur eine weit über den regionalen Kontext Hamburg hinaus bedeutsame Systematisierung des Forschungsfelds. Vielmehr diskutiert er aktuelle Herausforderungen für die Forschung zu Geflüchteten. Mit Blick auf das sozialwissenschaftliche Konzept der Intersektionalität geht der Autor dem Problem nach, dass Geflüchtete häufig unzulässiger Weise als homogene Gruppe betrachtet werden, wodurch andere bedeutsame Ungleichheitsdimensionen – etwa Behinderung – unberücksichtigt bleiben. Eine weitere Herausforderung, die Schroeder in Bezug auf Bildungsforschung und pädagogische Praxis als relevant erachtet, ist die zunehmende Transnationalisierung von Fluchtmigration.

Marika Schwaiger und Ursula Neumann befassen sich in ihrem Beitrag (Junge Flüchtlinge im allgemeinbildenden Schulsystem und die Anforderungen an Schule, Unterricht und Lehrkräfte) mit der schulischen Situation geflüchteter Kinder und Jugendlicher. Der Beitrag problematisiert die unzureichende Forschungs- und Datenlage zu jungen Geflüchteten im deutschen Schulsystem ebenso wie die in vielen Aspekten noch immer unzureichende rechtliche Situation geflüchteter Kinder und Jugendlichen, deren Teilhabe an schulischer Bildung eingeschränkt ist. Verdeutlicht wird dies an der schwierigen Situation von Kindern und Jugendlichen ohne Papiere. Eingeschränkt ist zudem die schulische Bildung von spät eingereisten Jugendlichen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr ins allgemeinbildende Schulsystem integriert, sondern – unabhängig vom Bildungsstand – einer berufsvorbereitenden Maßnahme zugeführt werden.

Angesichts der Komplexität und Intransparenz der sich stetig wandelnden asyl- und ausländerrechtlichen Regelungen ist der rechtspolitische Beitrag von Imke Juretzka (Eine rechtspolitische Betrachtung des Arbeitsmarktzugangs von Asylsuchenden und Geduldeten) sehr hilfreich. Nach einer allgemeinen Skizzierung flüchtlingspolitischer Zielsetzungen auf nationaler und europäischer Ebene werden asyl- und ausländerrechtliche Regelungen analysiert, die den Zugang zum Arbeitsmarkt regulieren. Kritisch reflektiert wird das Beschäftigungsverbot für Asylsuchende und Geduldete nach der Einreise, das durch ein aktuelles Gesetzesvorhaben der Bundesregierung verkürzt werden soll. Ein weiterer Themenschwerpunkt widmet sich der Rolle der Bundesagentur für Arbeit im Zuge der Zulassung zur Beschäftigung sowie der Sprachförderung. Angesprochen wird auch der erschwerte Zugang zum Studium.

Norbert Grehl-Schmitt beleuchtet in seinem Beitrag (Asylschutz und Beschäftigung – ein unauflösbarer Widerspruch?) die Rolle der europäischen Richtlinienpolitik. Er analysiert die EU-Richtlinie über Mindeststandards bei der Aufnahme von Asylsuchenden und deren Novellierung. Zudem wird der Blick auf die europäische Förderpolitik im Bereich Asyl gerichtet und darauf verwiesen, dass Flüchtlinge und Asylsuchende inzwischen ausdrücklich als Zielgruppen von Maßnahmen des Europäischen Sozialfonds benannt werden. Gleichwohl wird eine insgesamt kritische Bilanz zur Situation von Asylsuchende gezogen.

Besonders bemerkenswert ist der Beitrag von zwei geflüchteten Jugendlichen – Ousman und Mamadou („Es gibt zwar Organisationen und Beratungsstellen, die junge Flüchtlinge unterstützen, aber wir können und müssen auch für uns selbst sprechen“). Der Text beruht auf einem transkribierten Gespräch mit den Jugendlichen, die über ihre Erfahrungen in der Mitarbeit beim Projekt „Jugendliche ohne Grenzen“ (JoG) berichten, einem 2005 gegründeten, bundesweiten Zusammenschluss von geflüchteten Jugendlichen. Die beiden Jugendlichen berichten sehr konkret und authentisch von Selbsthilfeaktivitäten, die zeigen, dass sich die jungen Menschen trotz aller Widerstände aktiv für die Verbesserung der Lebenssituation von Betroffenen einsetzen und sich nicht entmutigen lassen.

In Bezug auf den letzten Buchteil (Bildung und Soziale Arbeit) möchte ich zunächst den Beitrag von Iris Beckmann-Schulz („Berufsbezogenes Deutsch Implikationen für die Flüchtlingsarbeit“) hervorheben. Ausgehend von der hohen Bedeutung von Deutsch als Zweitsprache für die Integration auf dem Arbeitsmarkt und der Öffnung des ESF-Programms zur berufsbezogenen Sprachförderung für Personen mit Flüchtlings- bzw. Bleibeberechtigtenstatus skizziert die Autorin Qualitätskriterien für den Berufsbezogenen Deutschunterricht. Dabei hebt sie die besondere Bedeutung von Handlungs- und Teilnehmer- und Bedarfsorientierung in der sprachlichen Bildungsarbeit mit Geflüchteten hervor.

Franziska Gottschalk befasst sich in ihrem Aufsatz („Übergänge gestalten. Junge Flüchtlinge an der Schwelle von der Schule in den Beruf“) am Beispiel von ausbildungsvorbereitenden Bildungsgängen in Hamburg mit der Situation von geflüchteten Jugendlichen im sogenannten Übergangssystem. Sie stellt hierzu das Projekt „Chancen für Flüchtlinge“ vor, bei dem Bildungsträger mit beruflichen Schulen kooperieren. Der schulische Unterricht in den berufsbildenden Schulen wird durch eine umfassende sozialpädagogische Begleitung und Unterstützung flankiert. Der Beitrag gibt einen Einblick in die Bildungsarbeit und benennt zudem strukturelle Hürden, durch welche die Maßnahmenziele erschwert werden.

Im Beitrag von Tilmy Alazar, Edith Kleinekathöfer und Ilka Tietje („Flüchtlinge durch Mentor/inn/en unterstützen!“) wird ein Projekt vorgestellt, in dem Studierende der Sozialen Arbeit Mentorenschaften für geflüchtete Jugendliche übernehmen. Der Text skizziert die theoretischen Hintergründe – Alltagsbegleitung, Lebenslagen-Ansatz, Empowerment und Lebensweltorientierung – und beschreibt die Ziele und Handlungsschritte in einer Mentorenschaft an einem konkreten Beispiel. Abschließend wird das Potenzial der Mentorenschaften auch mit Blick auf die Professionalisierung der Studierenden reflektiert.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband ist allen Praktikerinnern und Praktikern, Studierenden unterschiedlicher Fachrichtungen (insbesondere Soziale Arbeit, Pädagogik und Psychologie) aber auch den Verantwortlichen in Bildungspolitik und beruflicher Bildung wärmstens zu empfehlen. Es wird ein praxisnaher, gleichwohl wissenschaftlich reflektierter und informierter Überblick zu Fragen der Teilhabe von Geflüchteten an Ausbildung und Arbeit eröffnet. Besonders gelungen ist die Integration sehr unterschiedlicher Perspektiven, die für das sehr unübersichtliche Feld von Flucht und Asyl relevant sind. Neben Problemanalysen erhalten die Leserinnen und Leser auch anschauliche und nützliche Einblicke in Best Practice Modelle.

Literatur

  • Müller, Doreen/Nägele, Barbara/Petermann, Fanny (2014): Jugendliche in unsicheren Aufenthaltsverhältnissen am Übergang Schule-Beruf. Göttingen: Zoom e.V.
  • Neumann, Ursula/Niedrig, Heike/Schroeder, Joachim/Seukwa, Louis-Henri (Hrsg.) (2003): Lernen am Rande der Gesellschaft. Bildungsinstitutionen im Spiegel von Flüchtlingsbiographien. Münster: Waxmann
  • Seukwa, Louis-Henri (2006): Der Habitus der Überlebenskunst. Zum Verhältnis von Kompetenz und Migration in Spiegel von Flüchtlingsbiographien. Münster: Waxmann.

Rezensent
Prof. Dr. Marc Thielen
Universität Bremen, Fachbereich 12 Erziehungs- und Bildungswissenschaften, Arbeitsbereich Bildungsinstitutionen/-verläufe und Migration
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Zitiervorschlag
Marc Thielen. Rezension vom 11.09.2014 zu: Maren Gag, Franziska Voges (Hrsg.): Inklusion auf Raten. Zur Teilhabe von Flüchtlingen an Ausbildung und Arbeit. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2014. ISBN 978-3-8309-3043-3. Bildung in Umbruchsgesellschaften, Band 10. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17283.php, Datum des Zugriffs 24.05.2016.


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