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Renate Zimmer: Handbuch Bewegungserziehung

Cover Renate Zimmer: Handbuch Bewegungserziehung. Grundlagen für Ausbildung und pädagogische Praxis. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2014. 252 Seiten. ISBN 978-3-451-32840-4. D: 24,99 EUR, A: 25,70 EUR.
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Autorin

Prof. Dr. Renate Zimmer, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt frühe Kindheit und Professorin für Sportwissenschaft an der Universität Osnabrück und Autorin zahlreicher Publikationen zum Thema Bewegungspädagogik, Psychomotorik und Wahrnehmung. Seit 2008 ist sie Direktorin des „Niedersächsischen Instituts für Frühkindliche Bildung und Entwicklung“.

Aufbau …

Das Buch umfasst 252 Seiten und ist mit viele Photos, Zeichnungen und graphischen wie farblichen Hervorhebungen übersichtlich gegliedert und zugänglich gestaltet. Es besteht aus einem Vorwort der Autorin (4 Seiten), einer kurzen Einleitung und gliedert sich folgend in acht thematische Schwerpunkte, denen jeweils Unterkapitel zugeordnet werden, und schließt mit einem Literaturverzeichnis.

  1. Einführung: Bildung in Bewegung- Bildung durch Bewegung (6 Seiten)
  2. Kindheit heute: bewegte Kindheit (29 Seiten)
    1. Spiel und Bewegung – elementare Betätigungs- und Ausdrucksform des Kindes
    2. Veränderte Kindheit – verändertes Spielen
    3. Konsequenzen für die Bildung und Erziehung von Kindern
  3. Zur Bedeutung von Körper- und Bewegungserfahrungen für die kindliche Entwicklung (23 Seiten)
    1. Entwicklung des Selbst
    2. Soziale Entwicklung
    3. Kognitive Entwicklung
    4. Gesundheit und Wohlbefinden
  4. Entwicklungspsychologische Grundlagen der Bewegungserziehung (51 Seiten)
    1. Entwicklung und Bedeutung der Wahrnehmung
    2. Motorische Entwicklung
    3. Sprache und Bewegung
    4. Entwicklung und Bedeutung des Spiels
    5. Wie Kinder lernen
    6. Entwicklung und Bedeutung der Motivation
  5. Bildungsinstitutionen – Begleitung und Förderung kindlicher Entwicklung (9 Seiten)
    1. Die Familie
    2. Eltern-Kind-Gruppen und Spielkreise
    3. Die Kindertagespflege
    4. Die Krippe
    5. Der Kindergarten
    6. Der Hort / Die außerschulische Betreuung
    7. Spiel und Bewegungserfahrungen in altersgemischten Gruppen
  6. Pädagogische Grundlagen der Bewegungserziehung (10 Seiten)
    1. Ausgewählte pädagogische Handlungsansätze
    2. Konzepte elementarpädagogischer Bewegungserziehung
    3. Bewegungserziehung – Querschnittaufgabe in der pädagogischen Arbeit mit Kindern
    4. Ziele und Inhalte der Bewegungserziehung
    5. Methodische Aspekte
    6. Offene Bewegungsangebote
    7. „Bewegungsstunden“ planen und durchführen
    8. Die pädagogische Fachkraft als Entwicklungsbegleiterin des Kindes
  7. Psychomotorische Erziehung (23 Seiten)
    1. Psychomotorik – Entwicklungsförderung durch Wahrnehmung und Bewegung
    2. Erlebnisorientierte Angebote
    3. Psychomotorische Geräte
  8. Bewegungsräume – Bewegungsgeräte (22 Seiten)
    1. Bewegungsräume gestalten
    2. Geräte und Materialien
    3. Draußen spielen
    4. Aufsichtspflicht bei Bewegungsaktivitäten
  9. Vom „Bewegten Kindergarten“ zum Bewegungskindergarten

… und ausgewählte Inhalte

Im Kapitel 3.1 geht Zimmer auf die Bedeutung von Körper- und Bewegungserfahrung für die Entwicklung des Selbst ein. Mit kurzen Hinweisen auf aktuelle Forschung zeigt sie auf, dass Körper- und Bewegungserfahrungen eine bedeutende Rolle beim Aufbau von Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen spielen, indem Erfahrungen, die über den Körper und die Bewegung gemacht werden, die Entwicklung einer Vorstellung des Selbst ermöglichen. Eigene Fähigkeiten wie auch Grenzen werden spürbar. Zimmer skizziert knapp und gut verständlich Begriff wie Selbstkonzept, Körper-Selbst oder auch Selbstwirksamkeit. Sie thematisiert sie Einflüsse der personalen Umwelt und verdeutlicht die positiven bzw. negativen Effekte, die Wertschätzung, Anerkennung aber auch Zuschreibung mangelnder Fähigkeiten durch PädagogInnen, Eltern oder andere Kinder auf das Selbstbild hat. Weiterhin beschreibt sie die Auswirkungen des Selbstkonzeptes auf die Selbstwahrnehmung und die Leistungsmotivation. Sie skizziert, dass ein positives Selbstkonzept sich günstig auf die Bewältigung von neuen Aufgabenstellungen und unbekannten Situationen auswirkt wie auch auf die Bewertung der eigenen Leistungen als Erfolg oder Misserfolg. Den Transfer zur Praxis herstellend, formuliert Zimmer nach diesen theoretischen Ausführungen Hilfen zum Aufbau einer positiven Selbstwahrnehmung. Sie gibt sehr konkrete Hinweise, was PädagogInnen tun können und worauf sie achten sollen, um die Kinder in der Entwicklung einer positiven Selbstwahrnehmung zu unterstützen. Dabei greift sie auf Beschreibungen aus der pädagogischen Praxis zurück, die jede Erzieherin wiedererkennen wird.

Im Kapitel 6.7 zeigt Zimmer auf, wie Bewegungsstunden geplant und durchgeführt werden können. Sie gibt verschiedene Beispiele zur Organisation eines solchen Angebotes, sei es als feste Bewegungsstunde für alle Kinder pro Woche, eine Stunde für nur die Hälfte einer Gruppe oder Gruppenübergreifende Bewegungszeiten, und formuliert Vor- und Nachteile der jeweiligen organisatorischen Struktur. Auch diskutiert sie kurz die Vor- und Nachteile altersgemischter Gruppen. Zur Gestaltung der Bewegungsstunden gibt sie konkrete Hinweise, wie zum Beispiel einen Einstieg durch freies evt. exploratives Spielen und Lauf- und Bewegungsspielen und den sinnvollen Wechsel zwischen freiem Bewegen und Üben. Sie verdeutlicht diese Vorgehensweisen und deren Wirkung durch die Darstellung einer Beispielstunde, in welcher die Schwerpunkte wie die gesetzten Impulse durch die ErzieherIn und die Aktionen der Kinder beschrieben werden. Abschließend gibt sie wichtige Hinweise zur Planung und Durchführung der Stunden. Hier betont sie das Prinzip der Offenheit und des Gewähren von Spielraum bei einer vorhandenen Planung, um auf Bedürfnisse und Wünsche der Kinder eingehen zu können. Auch unterstreicht Zimmer die Bedeutung der Selbsttätigkeit der Kinder in der Auseinandersetzung mit der Spielsituation und zieht hier noch einmal die Grenze zu einem Vor-/Nachmachen Bewegungsunterricht, der das Einüben von Bewegungsabläufen und weniger das Erleben von Kreativität und Selbstwirksamkeit im Sinne einer Entwicklungsförderung des Selbst zum Inhalt hat. Abschließend gibt sie ein paar kurze Hinweise, wie Bewegungsstunden zeitsparend dokumentiert werden können und betont die Notwendigkeit einer Auswertung bzw. Dokumentation der Stunde.

Diskussion

Zimmers ‚Handbuch Bewegungserziehung‘ stellt eine überarbeitete Neuausgabe des nahezu gleichnamigen Vorgängers ‚Handbuch der Bewegungserziehung‘ dar. Die Gliederung ist identisch, inhaltlich wurden an einzelnen Stellen Formulierungen verändert oder auch Passagen zu aktuellen Themen, wie z.B. zu Erkenntnissen aus der Hirnforschung oder zum Arbeitsfeld Tagespflege ergänzt, während einige wenige Themen, wie z.B. die Darstellung der Sprachstörungen, rausgenommen wurden. Die deutlichste Veränderung zeigt sich sicherlich im Layout, aber auch in einzelnen Bezeichnungen, so wurde der Begriff Erzieherin an den meisten Stellen durch die pädagogische Fachkraft ersetzt.

Das Buch richtet sich an Erzieherinnen und Erzieher, bzw. pädagogische Fachkräfte, welche im Arbeitsfeld Frühkindliche Erziehung bis Hort arbeiten (s. Einleitung S. 8-9). Wie viele ihrer Werke ist es attraktiv gestaltet, leicht verständlich geschrieben und gibt einen sehr guten Überblick zu nahezu allen relevanten Themen im Feld. Der theoretische Input wird immer wieder mit Fallbeispielen und konkreten Umsetzungsvorschlägen aufgelockter und praxisnah ausgestaltet.

Kritisch anzumerken wäre, dass das Thema ‚Geschlecht‘ keine Berücksichtigung findet. Zimmer weißt zwar daraufhin, dass es sich bei den Fachkräften im Feld in der Mehrzahl um Frauen handelt, greift allerdings die Bedeutung dieses Fakts nicht auf, der für die bewegungspädagogische Arbeit mit den Jungen und Mädchen sicherlich eine Relevanz hat. Auch wäre es wünschenswert, wenn sie in ihrem Grundlagenbuch zur Bewegungspädagogik die Entwicklung der Geschlechteridentifikation, die eine wichtige Entwicklungsaufgabe der Zielgruppe darstellt, aufgreifen würde und Hinweise für eine geschlechtersensible Bewegungspädagogik geben könnte. Eine Bearbeitung diese Thematik bzw. Einbezug vorhandener Theorien und auch Ansätze, fehlt in den deutschen Fachbüchern zur Bewegungspädagogik und Psychomotorik weitestgehend (s. Welsche 2015). Gerade durch die Körperorientierung der bewegungspädagogischen Ansätze und die Deutlichkeit der Komponente Geschlecht, die diese mitsich bringt, ist die Auseinandersetzung mit der Entwicklungsdimension Geschlecht und den damit verbundenen Herausforderungen sowohl mit Blick auf Mädchen und Jungen als auch mit Blick auf die Fachkräfte allerdings eine notwendige und wichtige, um die Entwicklung der Kinder angemessen und reflektiert unterstützen zu können.

Fazit

Für pädagogische Fachkräfte, die sowohl einen guten theoretischen Überblick als auch ein praxisnahes Fachbuch zum Thema Bewegungspädagogik suchen, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.

Literatur:

  • Welsche, M. (2015) Geschlechtsidentität im Kindes- und Jugendalter: Entwicklungspsychologische Perspektiven, Stellenwert in und Bedeutung für die Psychomotorik. In Reichenbach, Ch. & Richter- Mackenstein, J. (Hrsg.) Forschungsansätze und Methodendiskussion: Von prä- und perinatalen Erfahrungen, Identitäten und Geschlechterkonstruktionen bis körperorientierten Methoden in Psychomotorik und Motologie. Verlag WVPM, 15-22.

Rezensentin
Prof. Dr. Mone Welsche
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Mone Welsche. Rezension vom 15.09.2015 zu: Renate Zimmer: Handbuch Bewegungserziehung. Grundlagen für Ausbildung und pädagogische Praxis. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2014. ISBN 978-3-451-32840-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17289.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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