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Andreas Walther: Spielräume im Übergang in die Arbeit

Andreas Walther: Spielräume im Übergang in die Arbeit. Junge Erwachsene im Wandel der Arbeitsgesellschaft in Deutschland, Italien und Großbritannien. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. 424 Seiten. ISBN 978-3-7799-1213-2. 35,00 EUR, CH: 68,00 sFr.

(Reihe Edition Soziale Arbeit, hrsg. von Hans-Uwe Otto und Hans Thiersch).

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Einführung in Thema und Erkenntnisinteresse des Buchs

Seit einigen Jahren werden in der Sozialpädagogik die konzeptionellen Grundlagen der Jugendberufshilfe bzw. Jugendsozialarbeit unter den Schlagworten "Lebensweltorientierung contra Arbeitsmarktorientierung" diskutiert. Dahinter verbirgt sich die Kontroverse, ob die Maßnahmen zur Jugendberufshilfe auch weiterhin in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit sowie gesellschaftlichen Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen vorrangig das Ziel der beruflichen Qualifizierung im Sinne von einseitiger "Arbeitsmarktfixierung" (Krafeld) verfolgen sollen. Protagonisten der Lebensweltorientierung plädieren statt dessen für Ziele wie die Förderung der "biografischen Lebensbewältigung" (Böhnisch), so dass Beruf und Arbeit als Fundamente gesellschaftlich-institutionalisierter ‘Normallebensläufe’ aus subjektiver Sicht betrachtet werden und danach gefragt wird, welche Bedeutung sie für die der betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihren alltagsweltlichen Lebenssituationen und für ihre Biografien haben. Zu dieser Kontroverse liefert Walther mit seiner sozialpädagogisch-vergleichenden ethnografischen Studie meine Erachtens neue und weiterführende Blickrichtungen und Denkanstöße. Dabei hat mich besonders Walthers "Perspektive eines Dreiecksverhältnisses zwischen Markt, Staat und Individuen" angesprochen, die er für mich überraschend nur in einer Fußnote (S. 61, Fußn. 21) erläutert, obwohl sie seine gesamte Argumentation bestimmt. Im interaktionistischen Sinne ermöglicht diese Trias, zwischen der ökonomischen Rationalität des Marktes, den bürokratischen Versorgungs- und Bildungsinteressen sozialstaatlicher Institutionen und den subjektiven Bedürfnissen und Interessen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu unterscheiden. Walther (S. 22) sieht mit Nuglisch und Pfendtner, dass hier "... eine ‘kommunikative Kluft’ (...) zwischen individuellen Lebensentwürfen junger Erwachsener, Qualifikationsbedarfen des Arbeitsmarktes und staatlichen Bildungs- und Versorgungsansprüchen entstanden ist". Mit seiner Studie will er einen Beitrag dazu leisten, diese ‘kommunikative’ Kluft zu überwinden, indem er im Vergleich mit Projekten aus Italien und Großbritannien prüft, ob es auch in Deutschland Möglichkeiten gibt, einerseits die biografischen Spielräume beim Übergang in die Arbeit zu erweitern und stärker an den Vorstellungen und Interessen der Subjekte, der jungen Frauen und Männer, zu orientieren und andererseits gleichzeitig den Strukturwandel der Arbeitsgesellschaft nicht nur zu berücksichtigen, sondern sogar aktiv mitzugestalten.

Inhaltsübersicht

Mit diesem Erkenntnisinteresse lädt Walther zu einem ausführlichen "Reisebericht" (S. 25) ein, der die LeserInnen nach Liverpool zum Projekt Acting Up führt, wo junge Erwachsene mittels darstellender Künste wie Theater und Musik ihr Selbstvertrauen stärken und gleichzeitig auf dem Arbeitsmarkt verwertbare Schlüsselqualifikationen aufbauen können. Die Reise geht weiter nach Italien, in die Emilia-Romagna, wo in den beiden Projekten Giovane Impresa in Rimini und Incubatore Impresedonna in Bologna junge Männer und Frauen bei Existenzgründungen ganzheitlich unterstützt werden, so dass sie ihren Übergang in Arbeit als UnternehmerInnen selbst ‘in die Hand’ nehmen. Die Projekte werden in zwei ethnografischen Fallbeschreibungen mit ihren Selbstverständnissen, Methoden und in ihrem regionalen Kontext dargestellt. Dabei kommen - neben den ProjektmitarbeiterInnen - auch die ProjektteilnehmerInnen mit ihren Lebensentwürfen, Wünschen und bisherigen Übergangserfahrungen in Arbeit ausführlich zu Wort. Diese O-Töne eröffnen den LeserInnen einen sehr authentischen Einblick in die Projekte, der zusätzlich durch die immer wieder eingeflochtenen persönlichen Kommentare und Einblicke des Reisenden Walther noch verstärkt wird.

Walther bleibt jedoch bei den Fallbeschreibungen nicht stehen, sondern er fasst sie unter ausgewählten Fragestellungen zusammen, um aus deutscher Sicht einen Vergleich der verschiedenen Übergangssysteme in Arbeit in den drei Ländern anstellen zu können. Anhand der Ergebnisse dieses Vergleichs formuliert er abschließend unter dem Motto "‘Mut zum Risiko’: Junge Erwachsene als Subjekte der regionalen Arbeitsgesellschaft" politische und sozialpädagogische Konsequenzen, so dass er auch Wünschen nach "dem Gebrauchswert dieses Reiseberichts für AkteurInnen des deutschen Übergangssystems" vollends Rechnung trägt. In kurzer und prägnanter Form sowie konsequent aus seinem Argumentationsgang entwickelt, fasst Walther die in der bundesrepublikanischen Landschaft bisher nur als ‘kleine Entwicklungspflänzchen’ vorhandenen Ansätze zusammen, wie den Aufbau regionaler Netzwerke, stärkere Individualisierung von Bildungs- und Förderwegen, Förderung von Existenzgründungen, von Jugendhilfebetrieben, Lohnsubventionen, externe Beratung und Begleitung der Betriebe und der jungen Erwachsenen sowie die stärkere Anbindung an die offene Jugendarbeit mit kulturellen und kreativen Aktivitäten.

Ob allerdings Walthers Vorschlag, dass bei der Konzeption dieser Angebote das bundesrepublikanische Berufsprinzip unberücksichtigt bleiben kann, anstatt es meiner Meinung nach zu flexibilisieren und zu differenzieren, sollte weiteren Diskussionen und Untersuchungen überlassen bleiben. Übrigens spricht Walther deshalb nur von "Übergängen" und "Übergangssystemen" in Arbeit, weil er sich gegen die durchgängige Berücksichtigung des Berufsprinzips ausspricht und jede Formulierung mit ‘Beruf’ wie Berufsausbildung oder Berufsvorbereitung meidet. Walther sieht in der Strukturierung des deutschen Übergangssystems ausschließlich über das Berufskonzept zum einen viel zu geringe biografische Spielräume für die jungen Erwachsenen; sie werden seiner Analyse nach damit auf eine ‘Normalbiografie’ festgelegt, die es in einer individualisierten und pluralisierten Gesellschaft immer weniger gibt. Zum anderen wird das Berufsprinzip seiner Ansicht nach dem Wandel der in Folge von Globalisierung flexibilisierten Arbeitsgesellschaft nicht mehr gerecht. Theoretisch fasst er sein Übergangskonstrukt mit dem "Konzept der Übergangsregimes" von Martin Kohli (S. 247), das für mich auch bei Beibehaltung des Berufsprinzips interessante weiterführende Perspektiven bietet.

Fazit

Insgesamt gefällt mir an Walthers Untersuchung besonders, dass er alle Facetten seines Argumentationsgangs theoretisch begründet und damit meines Erachtens nicht nur einen breiten Einblick in die aktuell für die sozialpädagogische Diskussion relevante Literatur gibt, sondern auch zu bisher vernachlässigten Themen wie die vergleichende Sozialpädagogik einen Beitrag leistet. Trotzdem war dieser umfangreiche Reisebericht für mich kein ‘trockener Lesestoff’, weil die theoretischen Überlegungen immer wieder verflochten werden mit persönlichen Eindrücken und Kommentaren sowie O-Tönen von AkteurInnen in den Übergangssystemen bzw. Projekten. Für die LeserInnen, denen die 380 Textseiten doch zu lang werden, zum Abschluss noch ein Tipp: In Fußnote 3 (S. 25) nennt Walther einen Weg, wie es schneller geht.


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Fachhochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 01.07.2001 zu: Andreas Walther: Spielräume im Übergang in die Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2000. 424 Seiten. ISBN 978-3-7799-1213-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/173.php, Datum des Zugriffs 07.02.2012.


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