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Ursula Unterkofler: Gewalt als Risiko in der offenen Jugendarbeit

Cover Ursula Unterkofler: Gewalt als Risiko in der offenen Jugendarbeit. Eine professionstheoretische Analyse. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 307 Seiten. ISBN 978-3-86388-070-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

In der Diskussion über offene Jugendarbeit spielt das Thema „Gewalt“ immer wieder eine Rolle. Anlass für die vorliegende Untersuchung ist die vor Jahren durch den Kriminologen Pfeiffer angestoßene öffentliche Diskussion der Frage, ob Jugendzentren Verstärkungsfaktoren für gewaltorientiertes Verhalten seien. Diese Unterstellung wurde seinerzeit u.a. durch eine der Jugendarbeit verbundene wissenschaftliche Expertengruppe entschieden zurückgewiesen. Detaillierte empirische über die Bedeutung von Gewalt in der offenen Jugendarbeit sind jedoch kaum vorhanden, erst recht, wenn es um die Bedeutung geht, die Jugendgewalt für das professionelle Handeln der pädagogischen Fachkräfte hat. Hiermit befasst sich die vorliegende Arbeit von Ursula Unterkofler, wobei es sich um die Dissertation der Autorin handelt.

Autorin

Ursula Unterkofler ist Professorin für Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit, Katholische Stiftungsfachhochschule München mit Berufserfahrung als Sozialpädagogin und Soziologin. Sie hat ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung erhalten.

Inhalt

Die vorliegende Arbeit untersucht die Bearbeitung von Gewalt bei Jugendlichen als professionelles Handeln der Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit (OJA). Im Mittelpunkt steht, wie die Professionellen des Arbeitsfeldes „Gewalt“ von Jugendlichen konstruieren und welche Bedeutung diese Konstruktion für ihr sozialpädagogisches Handeln hat.

Aufbau

„Gewalt als Risiko in der offenen Jugendarbeit“ ist in elf Abschnitte gegliedert.

Inhalt

Die Einleitung benennt das Forschungsinteresse „Wie definieren Professionelle in der offenen Jugendarbeit Gewalt?“ und gibt einen Überblick über den Aufbau der vorliegenden Arbeit.

Teil 2 führt Gewaltbearbeitung als professionelles Handeln, das als Aushandlungsprozess zwischen den Akteuren, Professionellen und Jugendlichen verstanden wird, aus. Für die Professionellen hebt die Autorin die Bedeutung des berufsbezogenen Wissens, insbesondere des Erfahrungswissens, hervor. Dieses Wissen ist nicht unbedingt explizit verfügbar und schlägt sich teilweise in „Routinewissen“ nieder. Ziel der Untersuchung ist es, dieses Erfahrungswissen der Professionellen der OJA zu rekonstruieren. Dabei sind die Strukturbedingungen des Feldes, das u.a. durch Freiwilligkeit und geringe Planbarkeit charakterisiert ist, zu beachten.

Teil 3 befasst sich mit der Schwierigkeit, Gewalt begrifflich eindeutig zu bestimmen. Im Ergebnis richtet die Autorin den Blick auf die Gewaltdefinitionen, die die Akteure_innen im Feld im Zuge ihres Handelns selbst vornehmen.

Teil 4 beschreibt OJA als Forschungsfeld mit seinen besonderen strukturellen Bedingungen sowie bereits vorhandene Erkenntnisse über Konflikte und Gewalt in der OJA. Als Zielgruppe der OJA werden sozial und kulturell benachteiligte oder gefährdete junge Menschen hervorgehoben. Strukturmerkmal der OJA sind Offenheit und Freiwilligkeit der Teilnahme der Jugendlichen. Als zentrale methodische Grundlage der OJA wird Beziehungsarbeit benannt. Das Phänomen der Gewaltbearbeitung wird zwar in mehreren referierten Studien angesprochen, es steht aber dort nicht im Mittelpunkt des Forschungsinteresses.

Teil 5 widmet sich der Vorgehensweise bei der Erforschung professioneller Gewaltbearbeitung im Feld der OJA. Als Forschungsstrategien der vorliegenden Untersuchung werden u.a. ethnografische Ansätze und Grounded Theory vorgestellt. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden durch Teilnehmende Beobachtung, Feldgespräche, Experteninterviews und Aufzeichnungen von Teambesprechungen in fünf Jugendtreffs eines großen – vermutlich bayrischen – Trägers durchgeführt. In diesen Teil (S. 78 ff.) wird u.a. ausgeführt, wie der ursprüngliche Untersuchungsschwerpunkt „Gewalt in der Offenen Jugendarbeit“ weiter entwickelt wurde zu der Frage, wie Professionelle das Gewaltrisiko bzw. die Bedrohung durch Gewalt wahrnehmen. Es zeigte sich nämlich, dass sich die Fachkräfte nicht auf einen definierten Gewaltbegriff bezogen, gleichwohl auf Nachfrage diesem zahlreiche Phänomene im Alltagshandeln der Jugendlichen zuordneten.

Teil 6 führt „Gewalt als Risiko“ aus. Die Autorin setzt sich mit dem Phänomen der Gleichzeitigkeit von postulierter Omnipräsenz von Gewalt bei ihrer gleichzeitig beobachteten Unsichtbarkeit auseinander. Die Professionellen antizipieren potenzielle Konfliktsituationen, die möglicherweise zu Gewalt, insbesondere zu Schlägereien führen können.

Teil 7 geht auf „Strukturelle Bedingungen des Bearbeitung des Gewaltrisikos“ ein. Stichworte sind hier Freiwilligkeit des Besuchs bzw. Fernbleiben, selbständige Organisation durch die Jugendlichen, wettbewerbsförmige Interaktion um die soziale Positionierung der Jugendlichen. Hieraus ergibt sich ein Regulationsdilemma für die Professionellen, die ihre Interventionen u.a. so gestalten müssen, dass die Jugendlichen nicht fernbleiben. Ursula Unterkofler identifiziert idealtypisch zwei unterschiedliche Muster professioneller Problemkonstruktion: Bei dem Verständnis des Jugendtreffs als ‚Modell der Gesellschaft‘ wird die Zielgruppe defizitär gesehen, so dass es darauf ankommt, den Jugendlichen gesellschaftliche Erwartungen zu vermitteln. Diese Haltung, als „sanktionierende Pädagogik“ etikettiert, wird illustriert durch Autoren, die in den letzten Jahren mehr „Mut zur Erziehung“ forderten. Dem stellt die Autorin ein Verständnis vom „Jugendtreff als Familienersatz“ gegenüber, wobei Persönlichkeitsentwicklung in Beziehungen als Ziel von Jugendarbeit dargestellt wird. Dies wird mit der „emanzipatorischen Theorietradition“ der letzten 50 Jahre in Verbindung gebracht.

Teil 8 befasst sich mit „Ungewissheiten bei der Gewaltbearbeitung“. Die Autorin zeigt anhand von protokollierten Gesprächen das Ausmaß der Antizipation möglicher gewaltförmiger Situationsentwicklungen, wobei „Gewalt als Alltagserscheinung auch jenseits als gewalttätig bezeichneter Interaktionen konstruiert“ wird. Während gewisse körperliche Gruppenroutinen und ein entsprechender Sprachgebrauch von Jugendlichen selbst als alltägliche Normalität betrachtet werden, deuten Jugendarbeiter_innen diese als gewalthaltige Handlungsroutinen. Für sie besteht die Herausforderung, mögliche Eskalationen einzuschätzen und vorherzusehen: „Die Konstruktion von Eskalationsszenarien (…), als ein aus Erfahrung entwickelter professioneller Wissensbestand, kann als eine relativ differenzierte Typisierung von Gewaltdynamiken angesehen werden.“ (S. 178).

Teil 9 setzt sich mit Verantwortungszuschreibungen auseinander: „Wer kontrolliert das Gewaltrisiko?“ Das unterschiedliche Handeln der Professionellen, den Hauptakteuren dieser Kontrolle, unterscheidet die Autorin anhand der von ihr konstruierten Idealtypen Regelorientierung / „Modell der Gesellschaft“ und Beziehungsorientierung / „Jugendtreff als Familienersatz“. Während Regelorientierung darauf abzielt, Regelübertretungen zu vermeiden bzw. zu sanktionieren, befasst sich die beziehungsorientierte Ansatz eher mit dem Prozess, der Entstehung von Regelverletzungen und der situativen Bedeutung des jeweiligen Handeln. Unterschiede in Bezug auf die Besucher_innen machen die Professionellen insofern, als Stammbesucher_innen, Älteren und Jugendvertreter_innen mehr Verantwortung auf die Reduzierung von Gewaltrisiken zugeordnet wird.

Teil 10 befasst sich mit „Kontrolle des Gewaltrisikos – Typische Situationen und Handlungsstrategien“. Hier hat der Umgang der Professionellen mit dem „riskanten alltäglichen Wettbewerb, der zugleich ermöglicht und kontrolliert werden muss“, besondere Bedeutung. Entsprechend der oben erwähnten unterschiedlichen Handlungsorientierungen reagieren die eher regelorientierten Jugendarbeiter_innen mit Abgrenzung und Reglementierung, während die beziehungsorientierten sich stärker auf die situative Dynamik und den sozialen Kontext einlassen, u.a. indem sie sich spielerisch auf Wettbewerbssituationen einlassen und so deeskalierend wirken können. Das Regulationsdilemma des „Ermöglichens und Kontrollierens“ bringt es mit sich, dass das Eingreifen der Professionellen eine kontinuierliche Aufgabe bleibt, die nicht durch eine einmalige Intervention geklärt werden kann. Das Ausschließen von Jugendlichen („Hausverbot“) dient als letztes Mittel, wenn die Definitionsmacht der Fachkräfte infrage gestellt wird und andere Strategien der Konfliktlösung nicht greifen. Erfolgreiche, pädagogisch wirksame „alltagsnahe Prävention“ als Teil emanzipatorischer Sozialpädagogik ordnet die Autorin der beziehungsorientierten, Familie ersetzenden Jugendarbeit zu.

Diskussion

Die vorliegende Untersuchung von Ursula Unterkofler beleuchtet einen Bereich der Offenen Jugendarbeit, der wissenschaftlich wenig erforscht ist, aber im Alltag der sozialpädagogischen Fachkräfte oft große Bedeutung hat. Sie zeigt, wie unangemessen die eingangs erwähnte Unterstellung, dass Offene Jugendarbeit die Gewaltbereitschaft junger Menschen fördere, ist. Im Gegenteil verfügen die Fachkräfte über ein breites Wissen, wie sie auf schwierige Situationen reagieren und pädagogisch wirken können. Ein bemerkenswertes Ergebnis ist, dass eindeutig gewalttätiges Verhalten, wie Schlägereien, eher selten vorkommt. Allerdings existiert eine Bandbreite von Ereignissen, die gewalttätig eskalieren können und die ein Handeln der Professionellen, zumindest ihre Aufmerksamkeit, erfordern. Es ist das Verdienst der Autorin, die nicht leicht zu fassende Spannbreite zwischen jugendlichem Alltagshandeln und eindeutigem Gewaltverhalten systematisch darzulegen.

Die Aufmerksamkeit der Arbeit gilt jedoch weniger auf dem Verhalten der Jugendlichen als dem konzeptionellen Ansatz von Offener Jugendarbeit. Hierfür bildet Ursula Unterkofler die Idealtypen „Jugendtreff als Modell der Gesellschaft“ (= Regelorientierung) und „Jugendtreff als Familienersatz“ (=Beziehungsorientierung) und lässt keinen Zweifel daran, dass sie beziehungsorientierte Jugendarbeit für den geeigneteren Ansatz der Offenen Jugendarbeit hält.

Es ist ein bemerkenswert, dass zu Beginn der Untersuchung entgegen der Erwartung weder Professionelle noch Träger sonderlich viel mit dem Thema „Gewalt“ anfangen konnten und erst auf Nachfrage der Autorin ein Bezug zu konkreten Situationen der Offenen Jugendarbeit hergestellt wurde.

Mit der Bildung der beiden genannten Idealtypen hat sich die Autorin ein Instrument geschaffen, um zwischen geeigneten und ungeeigneten professionellen Ansätzen zu unterscheiden. Diese Unterscheidung erscheint jedoch angesichts der Vielfalt Offener Kinder- und Jugendarbeit als sehr einfach. Jugendtreffs, Jugendkulturzentren, Kinderbauernhöfe, Jugendfarmen, Schülerclubs, mobile Jugendarbeit – um nur einige zu nennen – unterscheiden sich in ihren Inhalten, Angeboten, Methoden und organisatorischen Bedingungen teils erheblich. Es kann auch nicht durchgängig davon ausgegangen werden, dass benachteiligte Jugendliche die Zielgruppe dieser Arbeit sind (abgesehen von dem mit einer solchen Kennzeichnung verbundenen Stigmatisierungsrisiko). Die Untersuchung von Ursula Unterkofler bezieht sich auf fünf Einrichtungen eines süddeutschen Trägers, so dass sich die Frage stellt, wie repräsentativ die Ergebnisse und die Schlussfolgerungen sein können. Die – mit Recht – kritisierte Regelorientierung als Gegensatz zur Beziehungsorientierung findet wenig Interpretation und wird mit konservativen Pädagogik-Autoren, die mehr „Mut zur Erziehung“ forderten identifiziert. Es darf bezweifelt werden, dass dies tatsächlich der konzeptionelle Bezugsrahmen der entsprechenden Jugendarbeiter_innen ist. Hier können berufsbiographische Erfahrungen und organisationsbezogene Bedingungen eine Rolle spielen, die in der Untersuchung jedoch keine Rolle spielen. Ob Beziehungsarbeit ohne weitere inhaltliche und pädagogische Profilierung und Zielsetzung eine ausreichende konzeptionelle Grundlage für erfolgreiche Jugendarbeit ist, ist zumindest fraglich.

Die Untersuchung bezieht sich weitgehend auf die Interaktion zwischen riskant agierenden Jugendlichen und Professionellen bzw. auf die Re-Konstruktion des Routinewissens dieser sozialpädagogischen Fachkräfte. So bleibt außen vor, welche Bedeutung die Inpflichtnahme von Jugendarbeit für präventive Ziele durch Politik und Öffentlichkeit für die Haltung der sozialpädagogischen Fachkräfte jungen Menschen gegenüber hat. Andererseits wird auf die Paradigmenwechsel der letzten Jahre, die Jugendarbeit verstärkt als subjektorientierte Bildung und als Katalysator für Jugendbeteiligung begreifen, kaum Bezug genommen.

Fazit

„Gewalt als Risiko in der offenen Jugendarbeit – Eine professionstheoretische Analyse“ von Ursula Unterkofler ist ein willkommenes Reflexionsangebot für pädagogische Fachkräfte der Offenen Jugendarbeit, das sich mit dem latenten „Gewaltrisiko“ in diesem Arbeitsfeld befasst. Die vielfältigen riskanten Handlungsroutinen von Jugendlichen prägen den Alltag vieler Einrichtungen und Professioneller. Die vorliegende systematische Untersuchung ist ein wertvoller Beitrag zur Entwicklung der Offenen Jugendarbeit. Den konzeptionellen Konsequenzen, die auf eine beziehungsorientierte, Familie ersetzende Jugendarbeit abzielen, kann jedoch – zumindest in der vorgenommenen Zuspitzung - nicht ohne weiteres gefolgt werden.


Rezensent
Wolfgang Witte
Pädagoge M.A., Supervisor (DGSv)
Homepage www.wolfgang-witte.com
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Zitiervorschlag
Wolfgang Witte. Rezension vom 14.10.2014 zu: Ursula Unterkofler: Gewalt als Risiko in der offenen Jugendarbeit. Eine professionstheoretische Analyse. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-86388-070-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17325.php, Datum des Zugriffs 02.07.2016.


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