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Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.): Wenn Schüler mit geistiger Behinderung verhaltensauffällig sind

Cover Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.): Wenn Schüler mit geistiger Behinderung verhaltensauffällig sind. Konzepte und Praxisimpulse für Regel- und Förderschulen ; mit 47 Tabellen ; mit Filmbeispielen, Arbeitsblättern und Materialien auf DVD. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 307 Seiten. ISBN 978-3-497-02442-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 53,90 sFr.
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Thema

Praxisnahe Impulse und theoriegestützte Reflexionen zu Handlungsmöglichkeiten an Regel- und Förderschulen, wenn Schüler mit geistiger Behinderung verhaltensauffällig sind.

Herausgeber

Das Bayrische Staatsministerium für Bildung und Kultus (Redaktionsleitung T. Miller und K. Gößl) in Kooperation mit den Direktoren der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universitäten Würzburg (Prof. A. Warnke) und München (Prof. G. Schulte-Körne) sowie der Bezirkskrankenhäuser Landshut (Dr. M. von Aster) und Regensburg (Dr. M. Linder) und unter Mitarbeit von 8 Lehrkräften aus dem Bereich geistige Entwicklung.

Entstehungshintergrund

Im Rahmen der Fortbildungssequenz „Professioneller Umgang mit psychisch belasteten Kindern und Jugendlichen in Bayern 2008“, wurden 60 Lehrkräfte aus Sonderpädagogischen Förderzentren und Förderzentren zur Geistigen Entwicklung über 2 Jahre hinweg im Themenbereich Kinder- und Jugendpsychiatrie videogestützt geschult. Ein besonderer Fokus lag auf dem Einüben genauer Verhaltensbeobachtungen und deren detaillierter Beschreibung. In den Jahren 2009 – 2012 entstand in Zusammenarbeit mit 8 teilnehmenden Lehrkräften unter Leitung von Klau Gößl und Thomas Miller die vorliegende Handreichung.

Aufbau und Inhalt

In die Einleitung wird mit der Vorstellung von vier Fallbeispielen verhaltensauffälligen Verhaltens eingeleitet, um anschließend auf die grundlegenden, akzeptierenden, verstehenden und herausfordernden Sichtweisen auf das besondere Verhalten einzugehen. Bevor sich dem Aufbau des Buches gewidmet wird, werden die zentralen Begriffe des Buches sehr sensibel und reflektiert definiert.

Kapitel 2 beginnt mit einem geschichtlichen Rückblick bis hin zur Anerkennung der Doppeldiagnose von geistiger Behinderung und psychischer Störung und zeigt auf, weshalb Menschen mit geistiger Behinderung häufiger von psychischen Störungen betroffen sein können. In einem nächsten Schritt wird die Diagnostik sowohl von Seite der psychiatrischen Befunderhebung als auch unter dem Blickwinkel der schulischen Unterstützungsmöglichkeiten beleuchtet. Hierbei wird die bisher unzureichende Zusammenarbeit zwischen Medizin, Pädagogik und Psychiatrie kritisiert und deren Notwendigkeit deutlich gemacht. Denn eine rein psychopathologische Befunderhebung ist bei Kindern mit geistiger Behinderung unter anderem aufgrund eingeschränkter Kommunikations- und Selbstreflexionsmöglichkeiten, einer atypischen Symptomatik und diagnostischer Überschneidungen problematisch. Neben der Erstellung eines umfassenden psychopathologischen Befundes sind demnach Verhaltensprotokolle, und Einschätzskalen von Personen, die kontinuierlichen Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen haben, unerlässlich. Neben der diagnostischen Herangehensweise werden in einem nächsten Abschnitt verschiedenste therapeutische Ansätze vorgestellt. Neben der Beschreibung konkreter medikamentöser Behandlungsmöglichkeiten, werden die verhaltenstherapeutischen Verfahren Konditionierung, Lernen am Modell und kognitives Lernen erläutert. Tiefenpsychologische Verfahren spielen in der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung eine eher untergeordnete Rolle, bedeutsamer hingegen sind systemische und körperorientierte Verfahrensweisen, die ebenfalls beschrieben werden. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass eine rein psychiatrische Therapie für den Personenkreis nicht hilfreich ist und es einer Zusammenarbeit verschiedenster Disziplinen bedarf.

Kapitel 3 richtet seinen Fokus auf Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen - Erscheinungen sowie Perspektiven für Unterricht und Schule und präsentiert häufige und schulrelevante Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung übersichtlich in tabellarischer Form, zeigt mögliche Erklärungsansätze auf, gibt eine Auswahl von Handlungsmöglichkeiten und kann so den Blick für mögliche Anhaltspunkte schärfen.

Kapitel 4 konzentriert sich anschließend auf pädagogische und lebensweltbezogene Ansätze im Umgang mit auffälligem Verhalten. So werden sowohl der theoretische Hintergrund als auch die praktische Umsetzung der positiven Verhaltensunterstützung, des TEACCH Konzeptes (Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children ) und der Entwicklungstherapie – Entwicklungspädagogik erläutert und anschaulich gemacht. Alle drei Ansätze zeichnen sich durch eine genaue Analyse der Kind-, Umfeldvoraussetzungen aus und unterliegen der Grundannahme, dass die Ursache für Verhaltensauffälligkeiten in einer mangelnden Passung von individuellen Möglichkeiten und sozialen Gegebenheiten begründet ist.

Kapitel 5 hat einen hohen praktischen Nutzen und widmet sich der Gestaltung von Schule und Unterricht im Kontext von verhaltensauffälligem Verhalten von Schülerinnen und Schülern mit geistiger Behinderung. Beginnend mit der Erläuterung von Grundhaltungen gegenüber Schülerinnen und Schülern mit auffälligem Verhalten beschreibt das Kapitel anhand einer Vielzahl von Situationsbeschreibungen aus der Praxis, wie Schule und Unterricht gestaltet sein können, damit der schulische Alltag (besser) möglich wird. Als grundlegend gilt eine wertschätzende Haltung des Lehrers, der um seine Vorbildfunktion weiß, auffälliges Verhalten als Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zwischen Individuum und Umwelt versteht und weiß, dass jedes Verhalten seinen individuell logischen Sinn hat. Neben der evidenten Grundhaltung von Lehrkräften dient die Systematische Verhaltensbeobachtung als Grundlage für die Förderplanung. An dieser Stelle werden verschiedene Beobachtungsmöglichkeiten vorgestellt und Beobachtungsbögen abgebildet. Außerdem verweisen die Autoren auf die Chancen durch videogestützte Fallarbeit zur Reflektion und Anpassung der eigenen Unterrichtspraxis. Konkrete Handlungsansätze für den Klassenunterricht werden im darauf folgenden Abschnitt vorgestellt und wiederum jeweils mit Praxisbeispielen veranschaulicht. Vorgestellt werden Grundlagen zum Einsatz von Körpersprache und Sprache, das Konzept der kontrolliert eskalierenden Beharrlichkeit, Interventionsstrategien nach Bergson, Strukturierungsmöglichkeiten als basales Element im Schulalltag, die allgemeine Arbeit mit Regeln und Verhaltenszielen, Möglichkeiten der Unterstützten Kommunikation sowie der Umgang mit Gefühlen und die Erweiterung sozialer Kompetenzen. Seinen Abschluss findet Kapitel 5 in der Darstellung von erfolgreich getesteten Konzepten für die Schulgemeinschaft, darunter werden Impulse für eine haltgebende Struktur gegeben, besondere Unterrichtskonzepte vorgestellt und Kriseninterventionsprogramme erläutert. Des Weiteren wird auf Möglichkeiten zur Förderung der Sozialkompetenz mittels Streitschlichter und Sozialtraining eingegangen.

In Kapitel 6 werden anschließend Unterstützungsstrukturen und institutionelle Angebote vorgestellt. Eine schematische Übersicht zu Beginn verschafft einen Überblick über medizinische, schulische und im allgemeinen Sozialwesen verankerte Unterstützungsstrukturen, die anschließend genauer beschrieben werden. Auch hier nutzen die Autoren eine Vielzahl von Praxisbeispielen zur Verdeutlichung.

Die Falldarstellungen in Kapitel 7 werden durch Filmmaterial auf der beiliegenden DVD veranschaulicht. Anhand von vier Schülerinnen und Schülern werden exemplarisch konkrete Schulsituationen gezeigt und bearbeitet. So werden jeweils die Intentionen der Falldarstellung, die Ausgangssituation, ein Steckbrief, medizinische Befunde, das Beobachtungsinstrument sowie mögliche Lösungsansätze mit Zukunftsperspektive vorgestellt.

In Kapitel 8 stellen die Autoren rechtliche Fragestellungen vor, die im Umgang mit auffälligem Verhalten von Kindern und Jugendlichen relevant für Lehrkräfte sind. Sie dienen als Impulse ohne rechtverbindlich zu sein. Zu beachten ist jedoch, dass sich die rechtlichen Grundlagen auf das bayrische Schulsystem beziehen und so zwar als Anhaltspunkte dienen, aber nicht unbedingt Gültigkeit für andere Bundesländer haben müssen.

Diskussion

Die Thematik der Verhaltensauffälligkeiten bei Menschen mit so genannter geistiger Behinderung steht immer mehr im Interessenfokus. Das vorliegende Buch integriert psychiatrische Sicht- und Herangehensweisen und macht Sie für pädagogische Handlungsfelder nutzbar. Es trägt damit dazu bei, dass sowohl Pädagogik als auch Psychiatrie ein gegenseitiges Verständnis füreinander entwickeln können. Gleichzeitig hat das Buch jedoch einen großen praktischen Nutzen in dem es eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten für den pädagogischen Alltag bereitstellt und mittels Situationsbeschreibungen aus der Praxis.

Auch die ansprechende und sehr ausgewählte Sprache macht die Lektüre sehr lesenswert und vermittelt dem Leser eine sehr bewusste und ethisch verantwortungsvolle Herangehensweise an den Personenkreis.

Auch die textliche Gliederung ist positiv hervorzuheben, so werden die vielen Praxisbeispiele gesondert markiert, zentrale Begriffe hervorgehoben und Exkurse gekennzeichnet, außerdem verweisen Symbole am Rand auf Literaturhinweise oder den Einsatz der beiliegenden DVD. Diese stellt ein sinnvolles Zusatzangebot dar, welches sowohl durch praktische Materialien als auch durch Videomaterial gute Möglichkeiten bietet, sich dem Thema zu nähern.

Fazit

Das Buch ist eine sehr praxisrelevante, lesenswerte Lektüre, die das Verständnis für die unterschiedlichen Disziplinen, die sich dem Personenkreis widmen, schafft. Es veranschaulicht mittels theoretischer Hintergründe und Beispielbeschreibungen aus der Praxis eine Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten für den pädagogischen Alltag und ist damit vor allem für Pädagoginnen und Pädagogen an Schulen von sehr großem Interesse, gleichzeitig aber lesenswert für alle, die Kontakt zu heranwachsenden Menschen mit geistiger Behinderung und auffälligem Verhalten haben.


Rezensentin
Anne Goldbach
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Universität Leipzig - Erziehungswiss. Fakultät Institut für Förderpädagogik
Homepage www.erzwiss.uni-leipzig.de/fakultaet/personen?view= ...
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Zitiervorschlag
Anne Goldbach. Rezension vom 20.11.2014 zu: Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (Hrsg.): Wenn Schüler mit geistiger Behinderung verhaltensauffällig sind. Konzepte und Praxisimpulse für Regel- und Förderschulen ; mit 47 Tabellen ; mit Filmbeispielen, Arbeitsblättern und Materialien auf DVD. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. ISBN 978-3-497-02442-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17347.php, Datum des Zugriffs 29.08.2016.


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