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Christian Helbig: Medienpädagogik in der Sozialen Arbeit

Cover Christian Helbig: Medienpädagogik in der Sozialen Arbeit. Konsequenzen aus der Mediatisierung für Theorie und Praxis. kopaed verlagsgmbh (München) 2014. 136 Seiten. ISBN 978-3-86736-189-7. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,90 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Menschen handeln in und definieren sich über kommunikative Prozesse. Medien und ihre Bedeutung bzw. Interpretation sind für soziale Interaktionen unabdingbare Voraussetzung. Heute gibt es kaum einen Lebens- und Handlungsraum von Menschen in unseren Breitengraden, der nicht von (digitalisierten) Medien durchdrungen ist; unser „Alltag ist mediatisiert, was dazu führt, dass die ökonomische, kulturelle und soziale Teilhabe an der Gesellschaft immer mehr im Zusammenhang mit Medien zu betrachten ist“ (Einleitung, S. 7, Hrvhg i. Orig.).

So konstatiert der Autor dieses Buches, Christian Helbig, „dass der Einfluss der [digitalen, RJ] Medien die gesellschaftlichen Institutionen, Kultur, Pädagogik und vor allem den einzelnen Menschen vor neue Herausforderungen stellt“ (ebd.). Die Soziale Arbeit, die sich mit diesen und in diesen Bereichen konstitutiv engagiert und manifestiert, „ist somit verpflichtet die Lebensumstände der Adressaten/-innen in den Blick zu nehmen und den Menschen mit all seinen Kommunikations- und Handlungsoptionen zum Gegenstand zu machen“ (ebd.), aber es ist noch weitgehend ungeklärt, wie sich sowohl Medienkompetenz selbst, die „im Kontext der Mediatisierung als Schlüsselkompetenz betrachtet [wird, RJ], um gesellschaftliche Teilhabe zu erlangen und zu behalten“ (ebd.), als auch „ihre Förderng [sic!] und Vermittlung in der Sozialen Arbeit einer mediatisierten Gesellschaft“ (ebd.) wiederfindet. Helbig findet auf Basis der Literatur gegenwärtig keine deutliche „programmatische Schnittmenge von Medienpädagogik und Sozialer Arbeit“ und befasst sich in seiner Publikation deshalb mit der Frage, „welche Bedeutung medienpädagogische Themen, Ansätze und Methoden für die Soziale Arbeit in mediatisierten Gesellschaften haben“ (ebd., Hervhg. i. Orig.).

Diese Frage beantwortet Christian Helbig auf Basis einer differenzierten und eingehenden Literaturanalyse.

Autor

„Christian Helbig ist staatliche [sic!] anerkannter Sozialarbeiter/Sozialpädagoge und hat an der Fachhochschule Köln(*) den Masterstudiengang ‚Pädagogik und Management in der Sozialen Arbeit‘ absolviert. Seit 2014 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medienforschung und Medienpädagogik (IMM), Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Köln(*). Seine Arbeitsschwerpunkte sind ‚handlungsorientierte Medienpädagogik‘, und ‚Soziale Arbeit in einer mediatisierten Gesellschaft‘“ (S. 2). Helbig ist Studiengangskoordinator des Masterstudiengangs „Handlungsorientierte Medienpädagogik“ (HOMP) an der TH Köln.

(*)Die Fachhochschule Köln heißt seit dem 1. September 2015 „Technology Arts Sciences TH Köln“ (Technische Hochschule Köln).

Aufbau und Inhalt

Die Literaturanalyse gliedert sich in dieser Publikation in sieben Kapitel (wovon das erste Kapitel die Einleitung darstellt) plus dem Literatur- und einem Abbildungsverzeichnis.

Zunächst leitet der Autor im ersten Kapitel auf zweieinhalb Seiten in sein Thema ein und formuliert seine untersuchungsleitende Fragestellung.

Im zweiten Kapitel widmet sich Christian Helbig sehr differenziert und breit gefächert auf 24 Seiten der Ausgangsthese seiner Überlegungen, dem ‚Metaprozess‘ der „Mediatisierung der Gesellschaft“. Diesem Wandel nähert er sich, in dem er zunächst auf Basis von Krotz „den rapiden Wandel, in dem sich Kultur und Gesellschaft befinden, aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive“ (S. 11) beschreibt, die er wiederum in einem interdependentem Erklärungszusammenhang mit Globalisierungs- und Individualisierungsprozessen sieht und zuvor hierfür feststellt, dass „[i]m Zentrum des Konzepts […] das Individuum (steht) als mit Medien kommunikativ handelndes Subjekt, welches durch sein Handeln den Wandel der Gesellschaft bedingt“ (ebd.).

In weiteren Unterkapiteln untersucht Helbig den Wandel der Kommunikation und damit einhergehend den Wandel des sozialen Handelns, der sich im „Metaprozess der Mediatisierung“ (S. 13) vollzieht, besonders in Bezug auf die für sein Thema fokussierte handlungsorientierte Medienpädagogik und den lebensweltorientierten Ansatz der Sozialen Arbeit und nimmt für diese Analyse zum einen den Symbolischen Interaktionismus ins Visier, wo er unter Bezugnahme auf Krotz das „Konzept der ‚sozialen Welt‘, das fest im symbolischen Interaktionismus verankert ist und den Zusammenhang zwischen sozialem Handeln und symbolischer Konstruktion der Welt beschreibt“ (S. 16), konkret erläutert. Zum anderen vertieft er die sozialphänomenologische Perspektive, die das „Konzept der alltäglichen Lebenswelt“ (S. 17) beinhaltet und somit für die „Betrachtung der Mediatisierung […] hilfreich ist, da sich das Verständnis von Alltags- oder Lebenswelten in das Konzept einfügt“ (ebd.).

Im Anschluss geht der Autor auf die Zusammenhänge des Wandels von Medien, Kommunikation und sozialem Handeln ein, wo er vor allem mit Bezugnahme auf Krotz „Entgrenzungsprozesse“ feststellt, die die zeitliche, räumliche und soziale Dimension betreffen und dadurch die Kommunikations- und Handlungsformen der Menschen prägen und verändern und damit auch die sozialen Beziehungen und Identitäten beeinflussen.

In diesem Zusammenhang vergisst Helbig auch nicht, auf die Herausforderungen der Mediatisierung hinsichtlich unterschiedlicher Nutzungsweisen der Subjekte einzugehen, die sich in einer „digitalen Ungleichheit“ (S. 27) oder in einer „exzessiven und pathologischen Mediennutzung“ (S. 31) manifestieren können, wobei letztere als „Risiko in der Öffentlichkeit weitaus präsenter ist“ (ebd.) als „[i]m Vergleich zu einer verminderten Partizipation durch unterschiedliche Nutzungspräferenzen“ (ebd.). Diese miteinbezogene Betrachtung der exzessiven Mediennutzung, die er selbst als „Diskurs“ in seiner Auseinandersetzung verstanden haben will, hilft ihm, die eigentliche Herausforderung der Mediatisierung, die sich bei ihm in Bezug auf eine aktive, subjektorientierte Aneignung konzentriert, von einer stark konsumorientierten und eher objektbezogenen Sichtweise trennscharf voneinander zu unterscheiden.

Das gesamte zweite Kapitel beschäftigt sich im Rahmen der ‚zunehmenden Mediatisierung‘ vor allem damit, dass „Medien Handlungsoptionen zur Verfügung stellen, die sich erst in der Aneignung bzw. im Kontext sozialen Handelns differenziert betrachten lassen“ (S. 28.). Dieser „Aneignungsbegriff“ (S. 24) beschreibt letztlich auch, dass Menschen „immer stärker dazu aufgefordert [sind, RJ], an der (Selbst)Konstruktion ihrer Identität mitzuwirken“ (ebd.) und damit verweist Helbig unter Bezugnahme auf das sozialökologische Zonenmodell von Baacke auf den lebensweltorientierten Ansatz des Sozialraums von Deinet: „‚Aneignung meint […] die tätige Auseinandersetzung des Individuums mit seiner Umwelt‘“ (ebd.) In dieser Definition ist in Bezug auf die medienpädagogische Perspektive die handlungsorientierte Sichtweise derselben eingeschlossen, deren Darlegung im nächsten Kapitel folgt.

Im dritten Kapitel geht Helbig von der aktiven Medienarbeit im Sinne einer handlungsorientierten Medienpädagogik aus, die versucht, „das Subjekt, die Medien und die Gesellschaft in Beziehung zu setzen“ (S. 37). In diesem Kontext unterzieht der Autor die Medienkompetenz, die die Zielkategorie der Medienpädagogik darstellt, einer näheren Betrachtung und stellt neben der Benennung weiterer Medienkompetenzmodelle das Modell von Dieter Baacke für seinen Untersuchungsansatz detaillierter vor und grenzt Medienkompetenz im folgenden Unterkapitel von der Medienbildung ab, die sich vor allem als Teil der Persönlichkeitsbildung versteht und sich in „Bildungs- und Subjektivierungsprozessen […] in Medienwelten ereignet“ (ebd.), was wiederum konkreten Bezug zum lebensweltorientierten Ansatz aus dem zweiten Kapitel nimmt.

Im vierten Kapitel stellt Christian Helbig die gegenwärtigen fachwissenschaftlichen Diskurse der Sozialen Arbeit vor, wo er vor allem den lebensweltorientierten Ansatz nach Thiersch für seinen Untersuchungsansatz besonders fokussiert: „Im Sinne eines phänomenologisch-interaktionistischen Paradigmas betrachtet die lebensweltortientierte Soziale Arbeit den Erfahrungsraum und den Alltag der Menschen in den Dimensionen von Zeit, Raum und sozialen Beziehungen“ (S. 47) und nimmt somit „wie die Ansätze der Mediatisierung und der handlungsorientierten Medienpädagogik […] einen spezifischen Blick auf die Realität ein“ (ebd.), wo der Mensch einerseits davon geprägt wird, anderseits aber aktiv handelnd diese auch gestalten und manipulieren kann. Ferner stellt er folgende fünf „Struktur- und Handlungsmaximen der Lebensweltorientierung“ (S. 48) dar: a) Prävention, b) Dezentralisierung, c) Alltagsnähe, d) Integration, e) Partizipation, wofür Helbig konstatiert: „Es wird ersichtlich, dass die lebensweltorientierte Soziale Arbeit programmatische Parallelen zur handlungsorientierten Medienpädagogik aufweist“ (S. 50). Und er fasst in diesem Sinne zusammen: „Wird die Mediatisierung als grundlegende Gesellschaftstheorie bzw. als gegebene Ausgangslage der Soziale [sic!] Arbeit betrachtet […], muss entsprechend davon ausgegangen werden, dass Medien und ihre Herausforderungen in allen Praxis- und Aufgabenfeldern der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle spielen und die Soziale Arbeit heute als Soziale Arbeit in der mediatisierten Gesellschaft betrachtet werden muss“ (S. 51, Hrvhg. i. Orig.). Damit hat Helbig die Basis geschaffen, sich unter diesem fokussiert medienpädagogischen Blickwinkel den Aufgaben und Tätigkeitsgebieten der Sozialen Arbeit zu nähern, was er im anschließenden Kapitel verfolgt.

Das fünfte Kapitel stellt das ‚Hauptkapitel‘ dar: Auf insgesamt 50 Seiten stellt er „(m)edienpädagogische Themen in Praxisfeldern der Sozialen Arbeit“ (S. 53) dar. Zuvor thematisiert er die Schwierigkeit, Handlungsfelder der Sozialen Arbeit zu definieren oder eine Gegenstandsbestimmung der Profession der Sozialen Arbeit vorzunehmen, da sie sich gegenseitig bedingen und eine Begriffsbestimmung davon abhängig ist, wie breit oder geschlossen diese geführt wird (S. 53). Deshalb richtet er sich nach Thole, der die Handlungsfelder der Sozialen Arbeit „nicht ausschließlich anhand materieller, sozialer oder psychischer Not definiert, sondern allgemeiner als ‚öffentlich organisierte Aufgaben der sozialen Grundversorgung sowie Hilfe, Unterstützung und Bildung‘“ (ebd., zit. n. Thole 2010) und führt folgende vier Praxis- und Handlungsfelder auf:

a) Kinder- und Jugendhilfe, b) Soziale Hilfe, c) Altenhilfe, d) Gesundheitshilfe.

Auf Basis von Thole nimmt Helbig für diese Handlungsfelder eine weitere Unterteilung in drei „Dimensionen der Interventionen“ (S. 54) vor: a) lebensweltergänzende, b) lebensweltunterstützende und c) lebensweltersetzende soziale Hilfen und Bildungsanreize, die in Form einer Tabelle auch noch mal gezielt und detailliert für die einzelnen Tätigkeitsgebiete aufgelistet und unterschieden werden, auch wenn deutlich wird, dass auch diese Unterteilung für eine einheitliche Beschreibung der Praxisfelder nicht möglich ist, da sie auf „unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen, Definitionen und Zielen (basieren, RJ) und […] unterschiedliche Perspektiven auf und zu soziale(n) Problemlagen (haben)“ (S. 54). Um den medienpädagogischen Blickwinkel auf diese für seine Untersuchung zugrunde gelegten Praxis- und Handlungsfelder anzuwenden, stützt er sich auf eine Kategorisierung nach Lerche (2010), die die Funktionen der „Soziale(n) Arbeit in Bezug auf die Aktualität von Medien und Bildung in der Gesellschaft“ (ebd.) als eine „Bildungs- und eine Hilfefunktion“ (ebd.) definiert.

Nach Lerche werden diese Bildungs- und Hilfefunktionen in mediatisierten Welten, die die Soziale Arbeit leisten muss, wiederum vier einzelne Dimensionen unterteilt, die Helbig für seine Untersuchung ausführt und erläutert:

  1. Initiierung von Medienbildungsprozessen als Bestandteil der Persönlichkeitsbildung
  2. Vermittlung von Medienkompetenz als Bestandteil der Allgemeinbildung
  3. Bearbeitung sozialpädagogischer Probleme durch die Eröffnung von Medienbildungschancen
  4. sozialpädagogischer Probleme durch die Vermittlung von Medienkompetenz (S. 56ff.).

So greift Helbig diesen Ansatz auf und führt auf den folgenden Seiten für das jeweilige Praxisfeld eine Analyse durch, wie sich das Praxisfeld ‚an sich‘ beschreiben lässt, um es anschließend im konkreten Bezug auf die mediatisierte Gesellschaft unter den zuvor beschriebenen vier Blickwinkeln zu untersuchen. Das fünfte Kapitel endet mit einem Zwischenfazit, wo er die „Verbindungslinien zwischen Sozialer Arbeit und Medienpädagogik“ (S. 103) noch mal klar herausstellt, diese kritisch reflektiert und darüber hinaus Konsequenzen für „Bund, Länder und Kommunen“ (ebd.) formuliert, die aus seiner Analyse resultieren.

Im sechsten Kapitel führt seine Analyse den Autoren zum Studium der Sozialen Arbeit, wo er der Frage nachgeht, „welche (neuen) fachlichen Kompetenzen Sozialpädagogen/innen in einer mediatisierten Gesellschaft benötigen, um ihre Adressaten/-innen bei dem Ziel eines gelingenderen Alltags unterstützen und fördern zu können“ (S. 105). Auf Basis von u. a. Tulodziecki formuliert Helbig dazu mehrere „medienpädagogische Kompetenzen“, zu denen Lehrkräfte (an Schulen) befähigt sein sollten und greift diese „Zielbereiche (…) (auch, RJ) im Kontext der Sozialen Arbeit in einer mediatisierten Gesellschaft“ (S. 106) auf und formuliert anschließend Schlussfolgerungen für das Studium der Sozialen Arbeit hieraus. Da Helbig selber konstatiert, dass „[d]ie explizite Vermittlung von Medienpädagogik, Medienkompetenz und medienpädagogischer Kompetenz sowie die Verschränkung mit anderen Teilbereichen im Studium der Sozialen Arbeit […] nicht eindeutig beschrieben werden (kann)“ (S. 108), versucht er eine Annäherung über die Analyse der „Orientierungsrahmen und Curricula für das Studium der Sozialen Arbeit“ (ebd.) und der konkreten „Modulangebote zur Medienpädagogik im Studium Sozialer Arbeit“ (S. 111) und kommt zu der Erkenntnis, dass die bisherige Umsetzung der Vermittlung medienpädagogischer Kompetenz reduziert stattfindet und „den Lebenswelten in einer mediatisierten Gesellschaft“ (S. 113) insgesamt nicht gerecht wird und plädiert dafür, „die transdisziplinäre Vermittlung medienpädagogischer Kompetenz […] als einen Pflichtbereich im Studium Sozialer Arbeit zu etablieren, um der notwendigen Relevanz von Medienkompetenz für eine aktive Teilhabe an und [sic!] einem gelingenden Leben in der modernen Gesellschaft Rechnung zu tragen“ (S. 114).

Im letzten Kapitel – dem siebten – kommt Helbig die Ergebnisse seiner Untersuchung reflektierend und zusammenfassend zu mehreren Erkenntnissen: Einerseits zeigt sich für ihn, „dass medienpädagogische Themen, Ansätze und Methoden für die Soziale Arbeit in einer mediatisierten Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung sind“ (S. 116) und die „gegenwärtige Gesellschaft […] sowie soziale Problemlagen ohne einen professionellen Blick auf die Medien nicht mehr verstanden werden“ (ebd.) können; andererseits stellt er aber auch fest, dass die „Differenzierung nach den Funktionen Sozialer Arbeit […] nicht trennscharf genug ist, um eindeutige medienpädagogische Aufgaben einzelner Praxisfelder zu bestimmen“ (S. 115).

So fordert er abschließend von der Sozialen Arbeit, Medien nicht nur als Herausforderung, sondern auch als Ressource zu betrachten und appelliert weiter gehend an die wissenschaftliche Profession der Sozialen Arbeit, sich mit ihrer Rolle in einer mediatisierten Gesellschaft auseinanderzusetzen und sich gezielt in den Diskurs um die Mediatisierung einzumischen (S. 118).

Diskussion

Es gelingt Christian Helbig mit seiner Literaturanalyse in nachvollziehbarer Weise, die Relevanz eines deutlich fokussierteren medienpädagogischen Blickwinkels für die Soziale Arbeit als den, der bis dato üblich ist, nachhaltig zu belegen: Die „Mediatisierung der Gesellschaft“ ist ein Fakt, und führt dazu, „dass die ökonomische, kulturelle und soziale Teilhabe an der Gesellschaft immer mehr im Zusammenhang mit Medien zu betrachten ist“ (S. 7).

Soziale Arbeit heute ist immer auch Medienarbeit oder medienpädagogische Arbeit … das ist Helbigs Credo: ‚Medien(pädagogik)‘ nicht mehr allein als ‚ein Fach oder ein spezifisches Tätigkeitsgebiet von vielen‘ in der Sozialen Arbeit zu sehen, wo es – auch im historischen Kontext der Geschichte der Medienpädagogik betrachtet – immer als eine spezifische Herausforderung galt, sondern im Zusammenhang mit der „mediatisierten Welt“ die Zielkategorie von Medienpädagogik – nämlich Medienkompetenz – als eine grundlegende Kompetenz im Sinne einer Ressource für ein souveränes – gelingendes – Leben zu erkennen, ist eine der erklärten Absichten, die Helbig mit seinem Buch verfolgt. Er benutzt dafür unter anderem den Begriff der „medienpädagogischen Kompetenz“ und hieran wird ersichtlich, dass er damit eine Erweiterung des Begriffs „Medienkompetenz“ für diese Intention anstrebt. Medienkompetenz für sich genommen definiert er in seiner Publikation nach Baacke und grenzt ihn letztlich auch vom Begriff der Medienbildung definitorisch ab, aber beide Termini stehen nicht dafür, die aus seiner Sicht notwendige Verknüpfung von Sozialer Arbeit und Medien hinsichtlich der Bedeutung der Medien für den Alltag, die Kommunikation und das soziale Handeln herauszustellen.

In Verbindung mit dem medienpädagogischen handlungsorientierten Ansatz und dem fachwissenschaftlichen lebensweltorientierten Ansatz formuliert er auf der Ebene des Metaprozesses des sozialen und kulturellen Wandels diejenigen medienpädagogischen Kompetenzen (S. 105f.), die er als zentral sieht, wobei „nicht Medien selbst der Gegenstand der Medienpädagogik in der Sozialen Arbeit (sind, RJ), sondern der handelnde Mensch und seine spezifische Lebensbewältigung“ (S. 106).

In diesen sich immer wieder gegenseitig bedingenden Aspekten (Medien beeinflussen die Gesellschaft, handelnde Subjekte beeinflussen durch ihre spezifische Art der Medienaneignung wiederum die Gestaltung der Lebenswelt und deren kommunikative Ausprägungen, Formen und Räume, welche letztlich wieder medial vermittelt sind und so die (Medien-)Gesellschaft verändern, die wiederum (medialen) Einfluss auf das Individuum hat usw.), ist es mitunter schwierig den Überblick zu behalten. So verlaufen auch die definitorischen Grenzen von Medienkompetenz, Medienbildung, Medienbildungsprozessen und medienpädagogischer Kompetenz ineinander über. Diese nicht ganz einfache Trennung wird von Helbig selbst immer wieder erkannt und entsprechend reflexiv thematisiert, da diese kaum mögliche Trennung konsequenterweise auch in einer Differenzierung nach den Funktionen Sozialer Arbeit keine eindeutigen Zuordnungen zulässt. So verschwimmen auch bei Helbig selbst die vier genannten Praxis- und Handlungsfelder mit den dazugehörigen Maßnahmen, wenn er beispielsweise einerseits die „Soziale Hilfe“ als ein Handlungsfeld deklariert, gleichzeitig aber auch von „sozialen Hilfen“ als Maßnahmen innerhalb der anderen Praxisfelder spricht.

Gerade weil sich weder für die Medienpädagogik noch für die Praxis der Sozialen Arbeit hier trennscharfe Begriffsbestimmungen vornehmen lassen und weil sich Maßnahmen, Kategorien und Dimensionen der einzelnen Bereiche häufig in einem interdependenten Verhältnis gegenseitig beeinflussen und bedingen, wirkt das fünfte Kapitel beim Lesen teilweise ermüdend und redundant, obwohl Helbig hier sprachlich äußerst präzise vorgeht und eine möglichst exakte und stringente Beschreibung der einzelnen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit in Bezug auf die Umsetzung medienpädagogischer Themen, Ansätze und Methoden vornimmt.

Unabhängig davon gelingt es ihm dort am überzeugendsten, medienpädagogische Interventionen anschaulich zu präsentieren, wenn diese mit Praxisbeispielen verknüpft sind, worauf er aber nicht für in allen von ihm definierten Handlungsfeldern zurückgreifen kann.

Helbigs gesamte Untersuchung auf Basis einer Literaturanalyse ist umfassend geführt und wird für die Frage, die er beantworten will, entsprechend signifikant diskutiert. Besonders gut gelingt ihm im zweiten Kapitel die ausführliche Darlegung der Mediatisierungsprozesse innerhalb der Gesellschaft, die sowohl mit Kommunikations- als auch mit lebensweltorientierten Aneignungstheorien sinnvoll verknüpft zur Ausgangsthese seiner Publikation gereicht und für alle in der Sozialen Arbeit tätigen Menschen Denkprozesse anstößt.

Christian Helbig gelingt es mit seiner Untersuchung ein bekanntes Thema neu zu betrachten und damit einhergehend diskursiv auch neu zu bewerten.

Trotz dieser eindeutig positiven Wertung des Buches, soll im Folgenden ein formaler Kritikpunkt nicht unerwähnt bleiben:

Eine Neuauflage dieses Buches sollte unbedingt ‚noch mal‘ lektoriert werden; dass ein Buch hin und wieder einen Tippfehler hat, ist okay, aber dieses Buch hat leider unverhältnismäßig viele (nicht nur Tipp-)Fehler, so dass es teilweise sogar den Lesefluss deutlicher ‚irritiert‘.

Fazit

Christian Helbig gelingt es mit seinem Buch, die sozialwissenschaftliche Debatte um einen dringend erforderlichen Beitrag zu bereichern, respektive eine bislang zu wenig beachtete Perspektive neu zu ergründen: Wie muss sich Soziale Arbeit in den einzelnen Handlungs- und Praxisfeldern neu formieren, um der gegenwärtigen und weiter voran schreitenden Mediatisierung der Gesellschaft in allen Bereichen signifikant und effektiv zu begegnen? Mit dem medienpädagogischen handlungsorientierten Ansatz und dem sozialwissenschaftlichen Ansatz der Lebensweltorientierung, die beide im Rahmen von Aneignungsprozessen deutliche Parallelen aufweisen, kann dem Metaprozess des sozialen und kulturellen Wandels auf dieser Ebene entgegen gegangen werden, das hat Helbig in diesem Buch umfassend dargelegt, analysiert und entsprechend relevant sowohl für die Theorie als auch für die Praxis interpretiert.

Deshalb enthält Helbigs sehr gut recherchierte und fundierte Analyse sowohl für die (medien-)pädagogische Praxis und (medien-)pädagogische Lehre und Forschung sowie für die professionalisierte sozialwissenschaftliche Praxis, Lehre und Forschung elementare Erkenntnisse und sollte somit in keiner entsprechenden Fachbibliothek fehlen. Auch wenn heutige Studierende der Sozialen Arbeit schon oftmals der Generation der so genannten ‚Digital Natives‘ angehören und selber in all ihren Lebensbereichen mit digitalen Medien aufgewachsen sind, kann von einer Selbstverständlichkeit der Verbindung von klassischen Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit mit einem gezielt medienpädagogischen Handlungsansatz auch bei dieser Zielgruppe (noch längst) keine Rede sein.

Aber auch Menschen, die die Hochschule längst verlassen haben und sich in ihrer Praxis mit der zunehmenden und unaufhaltbaren Mediatisierung konfrontiert sehen, hilft dieses Buch, kreative Ideen zu entwickeln und gibt den Mut, sich ‚neuen‘ Perspektiven zu öffnen. Unabhängig vom bewussten und gezielten Vorhaben des Autors, die Mediatisierung auf die Soziale Arbeit zu beziehen, kann dieses Buch gerade im zweiten Kapitel auch Lehrer_innen in Regelschulen ein nützlicher Impuls- und Ideengeber sein, um dem in Schulen oftmals wenig reflektiert ausgesprochenen ‚Handyverbot‘ argumentativ neu entgegenzutreten und die Implementierung des ‚Alleskönners‘ sowohl für Unterrichtsprozesse als auch für ‚schulische Sozialisationsbedingungen‘ für die heranwachsende Generation neu zu bewerten.


Rezensent
Dipl.-Soz. Päd. Richard Janz
Dozent an der Hochschule Düsseldorf (HSD) im Modul „Kultur-Ästhetik-Medien“ für das Teillehrgebiet „Neue Medien“
Homepage soz-kult.hs-duesseldorf.de/janz
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Zitiervorschlag
Richard Janz. Rezension vom 16.09.2015 zu: Christian Helbig: Medienpädagogik in der Sozialen Arbeit. Konsequenzen aus der Mediatisierung für Theorie und Praxis. kopaed verlagsgmbh (München) 2014. ISBN 978-3-86736-189-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17369.php, Datum des Zugriffs 26.08.2016.


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