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Sibylle Janert: Autistischen Kindern Brücken bauen

Cover Sibylle Janert: Autistischen Kindern Brücken bauen. Ein Elternratgeber. Empfohlen vom Bundesverband Hilfen für das Autistische Kind e.V. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 2. Auflage. 239 Seiten. ISBN 978-3-497-02491-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Es ist schwer, Kontakt zu Kindern aus dem autistischen Spektrum aufzubauen. Die Kinder wirken als würden sie in ihrer eigenen Welt versinken. Die Autorin erlaubt Einblicke in ihre therapeutische Förderarbeit im Kindergarten Sie zeigt anhand von Fallbeispielen wie es in Alltagsmomenten gelingen kann Verständnis, geteilte Freude, Spiele und interaktive Situationen entstehen zu lassen und damit Brücken in eine gemeinsame Welt zu bauen.

Autorin

Sibylle Janert ist Psychologin. Sie arbeitet seit vielen Jahren mit autistischen Kindern und ihren Familien in London an der Tavistock Clinic. Sie hat ein Autismuszentrum mit aufgebaut. In Deutschland kennt man sie von Workshops und Vorträgen.

Aufbau

Das Buch umfasst 240 Seiten im DIN A 5 Format. Es gliedert sich in drei Teile. In jedem Teil werden zahlreiche Beispiele von Kindern vorgestellt, mit denen Janert gearbeitet hat. Die Beispiele unterscheiden sich vom Fließtext, indem sie eingerückt sind und mit einem senkrechten Strich hervorgehoben wurden. Passend zu den Beispielen werden Spiele, Lieder und Kommunikationsangebote beschrieben. Zur besseren Orientierung ist auf jeder Seite am linken oberen Rand der Titel des jeweiligen Teils und auf dem rechten oberen Seitenrand die jeweilige Überschrift des Abschnitts abgedruckt. Die Überschriften der Unterkapitel sind kursiv gedruckt und so formuliert, dass sie sich direkt an den Leser wenden, teilweise sind es Zitate von Eltern.

  1. Verhaltensweisen Erwachsener, die der Entwicklung des Kindes helfen
  2. Lasst uns spielen! – Mit Spielen und anderen Aktivitäten Wachstum und Entwicklung fördern
  3. Versuchen wir, das alles zu verstehen

Im Anhang findet man kurze Steckbriefe zu den Kindern sowie ein Literatur-, Sach- und Personenverzeichnis.

Zu I.

Der erste Teil gliedert sich in drei Unterkapitel.

Im ersten Unterkapitel geht es um Spiele von Angesicht zu Angesicht und geteilte Aufmerksamkeit: Wo die Sprachentwicklung beginnt (1). Vorgestellt werden Spiele, die Spaß und Freude machen und die zum Lachen bringen. Bei diesen Spielen wird das eigene Gesicht als „Medium“ eingesetzt, mit dem die Ursache – Wirkung verdeutlicht werden kann. Durch die Mimik hat ein Gesicht viele Varianten, damit kann die Aufmerksamkeit des Kindes geweckt werden. Auch der Mund eignet sich für einen vielfältigen, vor allem auch instinktiven Einsatz.

Daran anschließend erläutert die Autorin unter dem Titel Sprechen, Singen und Kommunizieren für zwei (2), dass es darauf ankommt, mit dem Kind in einen Dialog zu treten. Dabei kann man vielfältige einfache Möglichkeiten z.B. Gesang und nur gesprochene Wörter nutzen. Oft hört die Autorin die Aussage von Eltern: „Wenn das Kind nur sprechen könnte, dann wäre alles in Ordnung!“. Das ist in der Realität leider nicht so, denn Kommunikation ist ein weites Feld und allein das Nachahmen von Worten heißt noch nicht kommunizieren zu können. Eltern sollten aber bei nicht sprechenden Kindern nicht in ein Schweigen verfallen, denn Sprache ist für alle wichtig. Durch Sprache erlebt man sich selbst lebendig und behält einen klaren Kopf. Ohne viel Aufwand können Eltern sich selber Liedtexte ausdenken, sie können dafür eingängige bekannte Melodien nutzen. Zudem hat Gesang und Tanz für Menschen einen großen Aufforderungscharakter. Man kann lustige Spiele entwickeln, in dem man, nach einer Zeit der Gewöhnung ein Lied anfängt und es einer Stelle unterbricht. Solche Spiele sind auch deshalb wichtig, weil sie vermitteln, dass es Unterschiede und Gegensätze gibt.

Im dritten Abschnitt gefährliche Löcher und die Wichtigkeit, sich geborgen zu fühlen (3) erklärt die Autorin anhand alltäglicher Situationen wie man sich als Erwachsener verhalten kann um z.B. Gefühle von Geborgenheit zu erzeugen. Man kann diesem Bedürfnis spielerisch entgegen kommen, indem man Gelegenheiten schafft sich geborgen zu fühlen durch Mäntel, Decken und auch durch Räume. Die vorgestellten Beispiele machen deutlich, dass hinter Verhaltensweisen, die man als schwierig erleben kann (das Kind will z.B. partout nicht seinen Mantel ausziehen) tiefgründige Bedürfnisse liegen, mit denen ein Umgang gefunden werden muss. Die Autorin weiß aus eigener Erfahrung, dass es gelingen kann, einen Zugang zum autistischen Kind zu finden, auch wenn es nicht so scheint. Es bedarf an Geduld und an Gelegenheiten um soziale Erfahrungen zu ermöglichen, die für jeden Menschen wichtig sind.

Zu II.

Auch im zweiten Teil geht es um geteilte Aufmerksamkeit.

Anhand von Beispielen wird gezeigt, wie man mit Spielen und anderen Aktivitäten Wachstum und Entwicklung fördern kann. Vorgestellt werden Kommunikationsspiele (4) wie „Ich krieg dich…!“ oder „Auf die Plätze -fertig – los!“. Solche Spiele können zum Sprechen lernen anregen und schon die Zeigegeste des Kindes bewertet die Autorin wie das Sprechen eines ersten Satzes. Spielerisch wird das Warten können, das Wechseln von Rollen und auch das „so tun als ob“ geübt.

Bei stimmlichen und musikalischen Interaktionsspielen (5) kommen Gesicht, Mund oder der ganze Körper z.B. in Bewegungsliedern mit flotten Rhythmen zum Einsatz.

Zudem stellt die Autorin auch Interaktionsspiele mit Spielzeugen, Büchern und anderen Gegenständen (6) wie Kuckuck- und Versteckspiele vor, die Aufmerksamkeit und Interaktion durch Spannung und Überraschung erzeugen. Steckkästen können helfen zu verstehen, wo Sachen hingehören. Sie bieten die Möglichkeit, dem Kind zu zeigen, dass es etwas kann, in dem es eine Ordnung schafft, indem es alle Steckplätze im Kasten gefüllt hat. Das Bücher zur Anregung eingesetzt werden können wird erwähnt, aber nicht vertieft.

Zu III.

Im letzten Teil des Buches greift die Autorin Themen auf wie z.B. die „suchtartige Qualität autistischer Verhaltensweisen“(7) und die Konzentration auf körperliche Empfindungen ohne Bedeutung (8). In diesem Teil gibt sie Erklärungen, welche Motive Ursachen für diese Verhaltensäußerungen sein können. Vor der Handlung steht die Beobachtung. Manche Kinder haben den Wunsch stets in der Nähe der Mutter zu sein, manche machen ein Spielzeug zu einem „autistischen Gegenstand“, manche Kinder rütteln an allem, dieses Verhalten scheint „eine hypnotische Kraft“ auszuüben und manche Kinder sind scheinbar sinnlos in Körperempfindungen versunken. Für das Kind ist der „autistische Gegenstand“ wie ein Talisman, der magische Kräfte hat. Auch das Rütteln hat eine tiefgreifende Wirkung, denn damit erfährt das Kind, das Dinge sich wiederholen, was Sicherheit gibt. Den Eltern wird geraten, diese Situationen zu nutzen, um Kontakt aufnehmen, in dem sie dieses Tun sprachlich kommentieren. Auch Spiegeln ist eine Möglichkeit, indem man parallel zum Kind rüttelt oder mit dem Kind gemeinsam rüttelt. Diese Handlungen zeigen dem Kind, dass sein Rhythmus sich außerhalb seiner selbst wiederholt. Das ist eine wichtige Erfahrung um gemeinsam Brücken zu betreten, die durch diese Angebote gebaut werden.

Diskussion

Autistische Kinder machen auf die Umwelt den Eindruck, als seien sie in ihrer eigenen Welt versunken. Herkömmliche Kommunikationsangebote scheinen nicht zu greifen. Das kann Eltern frustrieren. Es wird deutlich, dass die Autorin diese Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit sowohl aus der eigenen Arbeit als auch aus der Arbeit mit Eltern kennt.

Die Formatierung der Gliederung ist besonders: die Adressaten werden direkt dadurch angesprochen, indem die Überschriften der Unterkapitel (kursive Schreibweise) als direkte Anrede oder als Zitat formuliert sind. Die ersten beiden Teile handeln davon, welche Verhaltensweisen Erwachsener für die Entwicklung des Kindes hilfreich sind und welche Spiele und andere Aktivitäten Wachstum und Entwicklung fördern. Hier hat Sibylle Janert zahlreiche praxiserprobte Ideen zusammengestellt, die anregen, in einen Dialog mit dem autistischen Kind einzusteigen, der Spaß und Freunde macht. Im Mittelpunkt steht die gemeinsam geteilte Aufmerksamkeit zwischen Bezugspersonen und Kindern. Man kann z.B. das eigene Gesicht als „Medium“ nehmen. Dieses „Spielzeug“ ist in jeder Situation im Alltag nutzbar. Positiv ist, dass auf spezielles Therapiespielzeug oder teure Hilfsmittel verzichtet werden kann. Beispielhaft wird gezeigt, dass allein durch Kommentare, die das Handeln begleiten deutlich gemacht werden kann, dass man teilhat, auch kann man Verhaltensweisen spiegeln oder einfach mitmachen, indem man wie das Kind an einem Gegenstand rüttelt. Diese gemeinsame Zeit kann Brücken zu den Kindern bauen. Soweit könnten diese Teile als Elternratgeber gewertet werden, wenn der Sprachstil nicht wäre!

Beim Lesen des dritten Teils „Versuchen wir, das alles zu verstehen“ blieb bei mir ein Gefühl von Ratlosigkeit. Dieser wichtige Teil ist nur 30 Seiten lang. Zum Vergleich: die ersten beiden Teile umfassen 160 Seiten. Die Kürze von 30 Seiten wirkt sich auf die inhaltliche Darstellung ungünstig aus und der Versuch der Autorin, ihren psychoanalytischen Arbeitsansatz hier am Ende des Buches zu erklären gelingt wohl auch deshalb nicht. Grundsätzlich ist der Anspruch der Autorin, das eigene Erfahrungswissen weiterzugeben, zu begrüßen. Das ist ihr bei den Spielanleitungen gelungen, aber nicht bei den Erklärungen. Der von ihr verwandte Sprachstil passt zudem nicht zu einem Elternratgeber. Die Erläuterungen enthalten zu viele Fachbegriffe, der Satzbau ist an vielen Stellen verschachtelt und die Texte sind stark verdichtet.

Frau Janert arbeitet in Institutionen für Kinder. Dort werden Eltern im Allgemeinen vom Erziehungspersonal begleitet, beraten und gegebenenfalls auch angeleitet. Für diese Zwecke kann das Buch mit seinen zahlreichen Ideen hilfreich sein. Ich sehe aber eine große Gefahr, wenn Eltern, sich das Buch für den häuslichen Gebrauch – ohne fachliche Anbindung – kaufen und dann versuchen, das Kind zu trainieren. Ein Training ohne ausreichende fachliche Unterstützung und Reflektion kann in die falsche Richtung führen z.B. in die Überforderung oder Frustration, was letztendlich nicht förderlich ist.

Fazit

Es ist schwer, Kontakt zu Kindern aus dem autistischen Spektrum aufzubauen. Die Kinder wirken als würden sie in ihrer eigenen Welt versinken. Die Autorin erlaubt Einblicke in ihre therapeutische Arbeit als Psychologin. Sie zeigt anhand von Fallbeispielen wie es in Alltagsmomenten gelingen kann Verständnis, geteilte Freude, Spiele und interaktive Situationen entstehen zu lassen und damit Brücken in eine gemeinsame Welt zu bauen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 27.11.2014 zu: Sibylle Janert: Autistischen Kindern Brücken bauen. Ein Elternratgeber. Empfohlen vom Bundesverband Hilfen für das Autistische Kind e.V. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2014. 2. Auflage. ISBN 978-3-497-02491-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17381.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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