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Ernst Wüllenweber: Einander besser verstehen. Band 1 (Menschen mit Behinderung)

Cover Ernst Wüllenweber: Einander besser verstehen. Hilfen und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus. Band 1: Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2014. 432 Seiten. ISBN 978-3-88617-418-8. D: 29,50 EUR, A: 30,40 EUR, CH: 40,50 sFr.
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Thema

„Einander besser verstehen“ befasst sich in zwei Bänden sich mit Themen, die sich Mitarbeiter(inne)n in Einrichtungen der Behindertenhilfe alltäglich stellen, ohne dass sie in ihrer eigenen Berufsaus- oder -fortbildung hinreichend darauf vorbereitet worden wären, Band 1 mit der Kommunikation mit und der Beziehungsgestaltung zu Behinderten. Band 2 umfasst die Themenbereiche Gesprächsführung, Beratung und Begleitung (siehe die Rezension Band 2).

Herausgeber

PD Dr. phil. Ernst Wüllenweber, Privatdozent an der Martin-Luther-Universität Halle, Diplom-Pädagoge (Sonderpädagoge), Diplom-Sozialpädagoge (FH), Supervisor. Langjährige Tätigkeit in verschiedenen Bereichen und Funktionen der Behindertenhilfe. Freiberuflich tätig in der Beratung, Fortbildung, Forschung und der Durchführung von Fachtagungen. Bekannt sind sein Kriseninterventions- und Deeskalationskonzept; auch das in diesem Band vorgestellte Konzept „Verhaltensdialog“ hat er entwickelt.

Entstehungshintergrund

In seiner Tätigkeit in Fortbildung, Forschung und Beratung in Behinderteneinrichtungen ist der Herausgeber darauf aufmerksam geworden, dass Kommunikation und Beziehungsgestaltung in der Praxis der Behinderten- und Eingliederungshilfe zwar alltägliche Aufgaben sind, die Fachkräfte jedoch häufig spontan agieren und dabei spezielles theoretisches Wissen und die Beherrschung spezieller Ansätze vermissen lassen.

Auch die Heilpädagogik als zuständige wissenschaftliche Fachdisziplin befasst sich mit diesen Themen nur eher nebenbei, im Schwerpunkt fasziniert und gefangen von den „Großthemen“ Behinderung, Integration, Inklusion, Behindertenrechtskonvention, Empowerment, Unterricht, Verhaltensauffälligkeiten und anderen mehr.

Der hier vorzustellende Band soll vor allem den in der Praxis der Behinderten- und Eingliederungshilfe Tätigen eine verständliche Übersicht und konzeptionelle wie praktische Anregungen bieten, die mehrheitlich von in der Praxis selbst verankerten Autor(inn)en verfasst wurden.

Aufbau

Der Themenbereich des Bandes 1, Kommunikation und Beziehungsgestaltung, umfasst 40 Einzelbeiträge von 26 Autor(inn)en und ist in zwei Bereiche gegliedert:

  • A „Kommunikation“ mit zehn in das Thema einführenden Beiträgen und einem Schwerpunktbereich „Brücken zur Kommunikation bei besonderen Hemmnissen“ mit acht weiteren Einzelbeiträgen;
  • B „Beziehungsgestaltung“ mit sieben Einzelbeiträgen und den weiteren Schwerpunktthemen zu unterschiedlichen theoretischen Perspektiven (zwei Beiträge), Bindungstheorie und Bindungsforschung (zwei Beiträge), entwicklungsfreundlicher Beziehung (drei Beiträge), Beziehungsgestaltung in speziellen Kontexten (drei Beiträge), im Kontext Autismus (drei Beiträge) und bei sexueller Gewalt (drei Beiträge).

Gesprächsführung, Beratung und Begleitung füllen Band 2. Hinzu kommt in jedem Band ein Vorwort von Ernst Wüllenweber, so dass beide Bände insgesamt 78 einzelne Beiträge umfassen, an deren Entstehung 44 Autor(inn)en beteiligt waren.

Inhalt

Der hier vorzustellende Band 1 „Kommunikation und Beziehungsgestaltung“ umfasst die Bereiche A (Kommunikation) und B (Beziehungsgestaltung).

Den Bereich A „Kommunikation“ deckt Ernst Wüllenweber in acht Beiträgen wesentlich alleine ab, beginnend mit der Erörterung der Begriffe „Kommunikation“, „Interaktion“ und „Verhalten“ und deren Bedeutung in pädagogischen Situationen, dem Kommunikationskonzept von Paul Watzlawik und den Kontingenzformen nach Jones und Gerard. Kommunikationsstörungen erörtert er entlang der Argumentation von Friedemann Schulz von Thun und ein Einordnungsschema am Beispiel des „Johari-Fensters“ von Luft und Ingham. Beide Beiträge sind deutlich auf die pädagogische Praxis in einer Behinderteneinrichtung bezogen. In Kommunikation wie Beziehungsgestaltung notwendige Perspektivenübernahmen werden entlang der „Theory of Mind“ und an Beispielen praxisorientiert diskutiert. Als Konsequenz für die Praxis schlägt Wüllenweber das von ihm entwickelte Konzept des Verhaltensdialogs vor, um anschließend auf die Bedeutung der sprachlichen Begleitung einzugehen. Wiebke Curdt diskutiert Machtverhältnisse am Beispiel der Rolle der Professionellen, und Sonja Abend gibt mit einer Einführung in das Konzept „leichte Sprache“ weitere nützliche Anregungen. Insbesondere die praktischen Anregungen zu kleinen Gesprächen über Verhalten (Verhaltensdialog) und zu leichter Sprache sind für Praktiker nützlich.

Das Schwerpunktthema „Brücken zur Kommunikation bei besonderen Hemmnissen“ wird in acht Beiträgen behandelt: Ernst Wüllenweber zu Freizeit und Sport, Hansjörg Meyer zum Musizieren, Ruth Liebald zum Malen, Carolin Länger zu künstlerischer Kommunikation, Christian Malina zu Basaler Kommunikation. Zwei Beiträge befassen sich mit tiergestützter Pädagogik am Beispiel Hund (Petra Schweers) und Pferd (Sarah Badura). Als „Erlebte Befragung“ beschreibt Mandy Schäfer praktische Beispiele zum Einsatz Unterstützter Kommunikation bei Menschen mit schwerer geistiger Behinderung. Alle diese Beiträge können auch zur Erstinformation über die angesprochenen Bereiche gelesen werden.

Teil B nimmt den größeren Teil dieses Bandes ein und befasst sich mit der Beziehungsgestaltung im weitesten Sinne. Die einleitenden sieben Beiträge von Ernst Wüllenweber akzentuieren das Thema Bezugsbetreuer, den pädagogischen Takt, die unterschiedlichen Rollen und deren Einflüsse auf die Beziehungsgestaltung, Kompetenzebenen sowie Berufsrollen und Beziehungsgestaltung. Einfluss auf die Gestaltung einer pädagogischen Beziehung haben auch die moralische Entwicklung des Menschen nach Kohlberg und die „Echtheit“ im Sinne von Rogers. Beides mündet in die Transaktionsanalyse nach Elbing als Modell zur Erklärung von und Neugestaltung bei Beziehungsstörungen. Wiederum gilt: Einzeln gelesen können diese Beiträge der Gewinnung von Erstinformationen dienen, im Zusammenhang gelesen der Vorbereitung des nächsten Schwerpunktthemas.

Dieses nächste Schwerpunktthema „Pädagogische Beziehungsgestaltung aus unterschiedlichen theoretischen Perspektiven“ wird von Evelyn Heinemann unter Rückgriff auf bindungstheoretische Überlegungen aus psychoanalytischer Sicht und von Marlis Pörtner mit Bezug auf Carl Rogers aus personzentrierter Sicht behandelt. Dabei werden die wesentliche Unterscheidung zwischen privater und professioneller Beziehung herausgearbeitet und Anforderungen an das Fachpersonal abgeleitet.

Die „Perspektiven aus der Bindungstheorie und Bindungsforschung“ nehmen mit 92 Seiten einen breiten Raum ein, bearbeitet von Brigitte Kendel mit den beiden Beiträgen „Zur Gestaltung befriedigender Beziehungen als Entwicklungsfaktor der Persönlichkeitsbildung …“ und „Beziehungsgeschehen als identitätsbildender Prozess“. Ausführlich geht die Autorin auf Geschichte und Grundlagen der Bindungstheorie (Bowlby) ein, auf vier Arten sicherer wie gestörter Bindung (nach Main) und auf Probleme der Bindungsfähigkeit bei geistiger Behinderung. Entwicklungspsychologische Fragen bei geistiger Behinderung werden anhand praktischer Beispiele von der Kindheit bis zum Altwerden besprochen und zu Hinweisen auf die professionelle Gestaltung einer tragfähigen emotionalen Basis im Zusammenleben ausgeformt. Kendels Überlegungen sind so breit angelegt, dass sie auch in der Betreuung und Begleitung von älteren, bereits verrenteten Menschen mit geistiger Behinderung wichtig werden können. In ihrem zweiten Beitrag akzentuiert die Autorin diese Überlegungen auf den Zusammenhang zwischen Beziehungsgeschehen und Identitätsbildung.

Drei weitere Beiträge befassen sich mit der „Entwicklungsfreundlichen Beziehung“, mit Beziehung als mehrdimensionaler Methode zur Persönlichkeitsentwicklung (Ulrike Luxen). Renate Rohrbacher und Sonja Resch liefern hierzu ein Fallbeispiel, und Heinz-Fred Urbat spezifiziert den Entwicklungsaspekt auf die Beziehungsgestaltung in einer Werkstatt für behinderte Menschen hin.

„Beziehungsgestaltung in speziellen Kontexten“ schließt sich mit drei weiteren Beiträgen an. Über die Art, wie Menschen mit geistiger Behinderung ihre sozialen Beziehungen gestalten, berichtet Beate Litzinger am Beispiel eines Seminars zum Aufbau sozialer Kompetenzen, Beate Lengsfeld über die Wirkung der Beziehung von Gruppenleitung und Beschäftigten, und Georg Theunissen stellt das Konzept der Validation nach Feil und Richard bei Menschen mit geistiger Behinderung und Demenz vor.

Ein sehr spezieller Kontext ist mit „Autismus“ gekennzeichnet. Zum Beziehungsaufbau mit autistischen Menschen bringen Therese Zöttl und Anton Diestelberger einen Beitrag, Michaela Sommerauer zur deren emotionaler Kompetenz und Christiane Preißmann zur Problematik von Freundschaft und Partnerschaft aus der Sicht einer von autistischen Störungen Betroffenen.

Das Schwerpunktthema „Beziehungsgestaltung bei sexueller Gewalt“ schießt den Band mit zwei Beiträgen ab. Ulrike Mattke berichtet über Analysen, Forschungsergebnisse und Möglichkeiten der Prävention und Ursula Sauder über ein Fallbeispiel zum Neuaufbau von Vertrauen als Grundlage jeder Beziehung nach dem Geschehen von sexueller Gewalt.

Diskussion

Die Fülle der Themen wie die große Anzahl der Einzelbeiträge lessen ein pauschales Urteil über den gesamten Band nicht zu. Das Buch richtet sich an Berufspraktiker der Behinderten- und Eingliederungshilfe und bietet diesen für ihre konkrete Arbeit viele nützliche Informationen und Hilfestellungen. Diese Zielgruppe im Auge werden Überlegungen anhand vielerpraktischer Beispiele angestellt, die immer wieder in theoretische Zusammenhänge eingebettet werden. Diese theoretischen Grundlegungen entsprechen dem allgemein akzeptierten Stand der Fachwissenschaft und reichen von der humanistischen Psychologie über die Bindungstheorie, die Kommunikationstheorie, Macht- und Rollentheorie bis zum Empowerment-Ansatz und werden v. a. von Ernst Wüllenweber in acht Beiträgen zu „Kommunikation“ und sieben Beiträgen zu „Beziehung“ und „Beziehungsgestaltung“ sowie von Brigitte Kendel zu „Bindung“ vermittelt. Positiv anzumerken ist, dass sich durch alle Beiträge das Bemühen zieht, Menschen mit geistiger Behinderung in Werkstätten und Wohneinrichtungen in ihrer Selbstständigkeit und Autonomie zu stärken und zu deren Realisierung im Lebensalltag zu verhelfen.

Die weiteren Beiträge setzen die grundlegenden Theorie-Bezüge praktisch orientiert und mit vielen eindrucksvollen Beispielen um und stammen mehrheitlich auch von Autor(inn)en aus praktischen Berufsfeldern. Die Orientierung des Lesers wird durch die klare und übersichtliche Gliederung in Themenbereiche und Schwerpunktthemen erleichtert, was ein selektives Aufsuchen aktuell notwendiger Informationen erleichtert. Das Buch stellt so eine für Berufspraktiker der Behindertenarbeit reiche Fundgrube zu einer großen Bandbreite alltäglicher Herausforderungendar und bietet neben einer breiten Übersicht über bekannte Konzepte auch eine Reihe von Anregungen innovativer Art.

Fazit

Der Band „Kommunikation und Beziehungsgestaltung“ ist der erste von zwei Bänden unter dem gemeinsamen Obertitel „Einander besser verstehen. Hilfen und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus“, herausgegeben von Ernst Wüllenweber. Er deckt einen breiten Bereich bislang wenig bearbeiteter, aber häufig auftretender Probleme in Werkstätten für behinderte Menschen wie in Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung ab, die im Zusammenhang mit Kommunikation und Beziehungsgestaltung stehen und zu deren Bearbeitung und Lösung in der Berufspraxis der hauptamtlichen Mitarbeiter bislang jedoch nur wenige Handlungskonzepte in Aus- und Fortbildung vermittelt worden sind. Er ist ein Nachschlagewerk zur schnellen Orientierung, theoretisch gut fundiert und in der Praxis verankert, und sollte jedem Mitarbeiter in der Behindertenarbeit, zumindest aber in jeder Einrichtungsbibliothek zur Verfügung stehen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Pitsch
Uni Luxemburg (bis 2008)
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Pitsch. Rezension vom 28.11.2014 zu: Ernst Wüllenweber: Einander besser verstehen. Hilfen und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus. Band 1: Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2014. ISBN 978-3-88617-418-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17413.php, Datum des Zugriffs 28.07.2016.


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