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Ernst Wüllenweber: Einander besser verstehen, Band 2 (Menschen mit Behinderung)

Cover Ernst Wüllenweber: Einander besser verstehen. Hilfen und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus. Band 2: Gesprächsführung, Beratung und Begleitung. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2014. 310 Seiten. ISBN 978-3-88617-419-5. D: 25,00 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

Das hier vorzustellende Buch befasst sich mit Gesprächsführung, Beratung und Begleitung in Werkstätten für behinderte Menschen und Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Diese Themen stellen sich Mitarbeiter(inne)n in Einrichtungen der Behindertenhilfe alltäglich, ohne dass sie in ihrer eigenen Berufsaus- oder -fortbildung hinreichend darauf vorbereitet worden wären. Der Begriff „Begleitung“ beschreibt neuerdings Arbeitsbereiche, die traditionell mit „Anleitung“, „Pflege“, „Betreuung“, „Förderung“ usw. bezeichnet wurden, verzichtet aber auf den Ausdruck von Macht und Hierarchie.

Herausgeber

PD Dr. phil. Ernst Wüllenweber, Privatdozent an der Martin-Luther-Universität Halle, Diplom-Pädagoge (Sonderpädagoge), Diplom-Sozialpädagoge (FH), Supervisor. Langjährige Tätigkeit in verschiedenen Bereichen und Funktionen der Behindertenhilfe. Freiberuflich tätig in der Beratung, Fortbildung, Forschung und der Durchführung von Fachtagungen. Neben einem Kriseninterventions- und einem Deeskalationskonzept hat der Herausgeber auch das Konzept „Selbstbestimmungsdialog“ entwickelt, welche in diesem Band neben vielen anderen vorgestellt wird.

Entstehungshintergrund

In seiner Tätigkeit in Fortbildung, Forschung und Beratung in Behinderteneinrichtungen ist der Herausgeber darauf aufmerksam geworden, dass Gesprächsführung, Beratung und Begleitung in der Praxis der Behinderten- und Eingliederungshilfe zwar alltägliche Aufgaben sind, die Fachkräfte jedoch häufig spontan agieren und dabei spezielles theoretisches Wissen und die Beherrschung spezieller Ansätze vermissen lassen.

Auch die Heilpädagogik als zuständige wissenschaftliche Fachdisziplin befasst sich mit diesen Themen nur eher nebenbei, im Schwerpunkt fasziniert und gefangen von den „Großthemen“ Behinderung, Integration, Inklusion, Behindertenrechtskonvention, Empowerment, Unterricht, Verhaltensauffälligkeiten und anderen mehr.

Der hier vorzustellende Band setzt die Erörterungen aus Band 1 „Kommunikation und Beziehungsgestaltung“ (vgl. die Rezension Band 1 des gleichen Herausgebers) fort und soll vor allem den in der Praxis der Behinderten- und Eingliederungshilfe Tätigen eine verständliche Übersicht und konzeptionelle Anregungen bieten, die mehrheitlich von in der Praxis selbst verankerten Autor(inn)en verfasst wurden.

Aufbau

Der gesamte Themenbereich umfasst ein Vorwort von Ernst Wüllenweber und 36 einzelne Beiträge von 20 Autor(inn)en und ist in mehrere Einzelbereiche gegliedert, die sich an die Einteilung in Band 1 anschließen:

  • Bereich C: Gesprächsführung mit fünf Einzelbeiträgen;
  • Bereich D: Beratung und Begleitung mit drei einführenden Beiträgen und den Schwerpunktthemen „Spezielle Ansätze zur Beratung und Begleitung“ allgemein (14 Beiträge), spezifisch in Werkstätten für Behinderte Menschen (drei Beiträge), und im Kontext Sexualität, Partnerschaft, Kinderwunsch und Elternschaft (acht Beiträge).

Inhalt

Der Band „Gesprächsführung, Beratung und Begleitung“ umfasst die Bereiche C (Gesprächsführung) und D (Beratung und Begleitung).

Teil C „Gesprächsführung“ umfasst fünf Beiträge von Ernst Wüllenweber, die sich mit dem „Smalltalk“, dem alltäglichen Kleingespräch, beschäftigen, dem Lob als differenzierter Form des Feedback, der Entschuldigung und ihren möglichen Formen und Effekten, dem Zusammenhang von Spiegeln und Feedback und dem Kritikgespräch. Diese Beiträge bilden einen breiteren Zusammenhang von Gesprächen ab und stecken voller interessanter und nützlicher Hinweise für Professionelle nicht nur in der Behindertenarbeit.

Bereich D „Beratung und Begleitung“ ist mit 273 Seiten der umfangreichste und wird durch drei Einzelbeiträge eingeleitet. Ernst Wüllenweber legt den Stellenwert pädagogischer Beratung im Kontext geistiger Behinderung dar und erläutert deren Aufgaben, während Heike Schnoor Beratung explizit unter dem Aspekt einer emanzipatorischen Rehabilitationspädagogik betrachtet und verschiedene Beratungsformen vorstellt. Nicht von Menschen mit geistiger Behinderung, sondern von Menschen „mit besonderem Unterstützungsbedarf“, „mit komplexem Unterstützungsbedarf“ oder „mit Assistenzbedarf“ sprechen Saskia Schuppener und Alexandra Höfer bei ihrer Erörterung von Basis- bzw. Schlüsselkompetenzen im Bereich der Gesprächsführung (Fach-, Selbst- und Sozialkompetenz). Drei Tabellen und eine Grafik verhelfen diesen Erörterungen zu Anschaulichkeit und Übersicht.

Das erste Schwerpunktthema im Bereich D ist mit „Spezielle Ansätze zur Beratung und Begleitung“ gekennzeichnet und umfasst 14 Einzelbeiträge zu konsultativer Assistenz (Georg Theunissen), einem innovativen Beratungskonzept mit dem Namen „So und So“-Beratung unter Zuhilfenahme von Bildkarten (Sabine Stahl), die das Einnehmen bestimmter Gesprächspositionen bzw. Argumentationslinien erleichtern können, der Förderung von Selbstbestimmung sowie der Krisenberatung in kritischen Lebenslagen (beide von Ernst Wüllenweber) und der Gruppenberatung (Jörg Dennhöfer und Ernst Wüllenweber). Drei weitere Beiträge von Ernst Wüllenweber schließen sich an zu Selbsterfahrungsgruppen mit Nutzung des „Johari-Fensters“ (erläutert in Band 1), zum Kompetenz- und Stärkendialog zum Herausarbeiten individueller und spezifischer Fähigkeiten, und zum Orientierungsdialog mit Hilfen zur Strukturierung des Informationsflusses bei einem Aufnahmegespräch. Der Aufklärung Betroffener bei Erkrankungen (z. B. Demenz), Auffälligkeiten und Krisen dient die „Psychoedukation“ (Ulla Lauer und Ernst Wüllenweber). Mediation wird als Möglichkeit zur Konfliktlösung auch bei Menschen mit geistiger Behinderung beschrieben (Ernst Wüllenweber, Georg Theunissen und Bettina Wandtke), und der „Trialog“ beschreibt Möglichkeiten der dreiseitigen Gesprächsführung zwischen Fachkräften, Klienten und Angehörigen (Ernst Wüllenweber und Marion Ruhnau-Wüllenweber). Ein Beitrag zu Kommunikation und Gesprächsführung im Rahmen persönlicher Zukunftsplanung (Saskia Schuppener und Alexandra Höfer, früher Näke) schließt dieses Schwerpunktthema ab.

Mit der Beratung und Begleitung in Werkstätten für behinderte Menschen befassen sich Doris Engelhart, die umfassend die Beratungsaufgaben des Sozialdienstes einer WfbM beschreibt, Ulla Lauer und Katharina Sadowicz, die das Hilfeplangespräch erörtern, und Thomas Schießl diskutiert Möglichkeiten der Beratung der Behindertenvertretung einer WfbM und die Rolle der Vertrauensperson in der Grauzone zwischen den Interessen der Werkstattleitung und der behinderten Mitarbeiter.

Der Kontext von Sexualität, Partnerschaft, Kinderwunsch und Elternschaft umschreibt den letzten Schwerpunkt in vorliegendem Band 2 und führt das Schlussthema aus Band 1 fort. Möglichkeiten sexueller Bildung von geistig behinderten Jugendlichen schildert Susan Leue-Käding ausführlich an Beispielen einschließlich der Anforderungen an die Mitarbeiter und weitet diese Thematik auf das „Begleiten, Informieren und Beraten von Eltern“ weiter aus. Möglichkeiten der sexualpädagogischen Erwachsenenbildung stellt Ramona Jessel am Beispiel einer Fortbildungsveranstaltung sehr konkret dar. Partnerwünsche und Partnersuche von Menschen mit geistiger Behinderung erörtert Svenja Heck bis hin zu Formen organisierter Partnervermittlung, um anschließend Möglichkeiten der „Beratung und Begleitung von Paaren mit geistiger Behinderung“ zu diskutieren. Im Falle einer Schwangerschaft stellen sich für Menschen mit geistiger Behinderung fast unlösbare Probleme, die Schwangerschaftskonfliktberatung erforderlich macht, deren rechtliche Grundlagen, Organisation und Ablauf Simone Hartmann in einem ersten Beitrag vorstellt, um in einem weiteren Beitrag auch anhand von Beispielen auf die „Beratung und Begleitung bei Kinderwunsch und Schwangerschaft von Menschen mit geistiger Behinderung“ einzugehen. Sind Menschen mit geistiger Behinderung Eltern eines eigenen Kindes geworden, bedürfen sie der langfristigen Beratung und Begleitung, wozu Jutta Becker und Petra Grützmann Angebote vorstellen.

Die Beiträge zu diesem letzten Schwerpunkt lassen sich auch als eine Übersicht zum Thema „Geistige Behinderung und Sexualität“ lesen und geben interessante und wichtige Anregungen zu diesem Themenkreis.

Diskussion

Die Fülle der Themen wie die große Anzahl der Einzelbeiträge machen es nicht leicht, ein zusammenfassendes Urteil abzugeben. Der hier vorliegende zweite Band richtet sich wie auch der erste an Berufspraktiker der Behinderten- und Eingliederungshilfe und bietet diesen für ihre konkrete Arbeit viele nützliche Informationen und Hilfestellungen. Auf diese Zielgruppe ausgerichtet werden Überlegungen anhand vieler praktischer Beispiele angeboten, die immer wieder in theoretische Zusammenhänge eingebettet werden. Wesentliche theoretische Grundlegungen finden sich außer in Band 1 „Kommunikation und Beziehungsgestaltung“ vor allem in den Beiträgen von Wüllenweber, Schnoor und Schuppener/Höfer. Sie entsprechen dem allgemein akzeptierten Stand der Fachwissenschaft. Erkennbar ist durch alle Beiträge auch dieses Bandes 2 hindurch das Bemühen, Menschen mit geistiger Behinderung in Werkstätten und Wohneinrichtungen in ihrer Selbstständigkeit und Autonomie zu stärken und zu deren Realisierung im Lebensalltag zu verhelfen.

Die weiteren Beiträge setzen die grundlegenden Theorie-Bezüge praktisch orientiert und mit vielen aussagekräftigen Beispielen um und stammen mehrheitlich auch von Autor(inn)en aus praktischen Berufsfeldern. Die Orientierung des Lesers wird durch die klare und übersichtliche Gliederung in Themenbereiche und Schwerpunktthemen erleichtert, was ein bedarfsorientiertes Aufsuchen aktuell notwendiger Informationen erleichtert. Auch dieser Band stellt so eine für Berufspraktiker der Behindertenarbeit reiche Fundgrube zu einer großen Bandbreite alltäglicher Herausforderungendar und bietet neben einer breiten Übersicht über bekannte Konzepte auch eine Reihe von neuen Anregungen. Einrichtungen der Behindertenhilfe sollten diese Übersichten ihren Mitarbeitern zur Verfügung stellen.

Fazit

Der Band „Gesprächsführung, Beratung und Begleitung“ bietet zum einen theoretische Grundlegungen zu den im Buchtitel genannten Themenbereichen, zum anderen viele aus der Berufspraxis erwachsene Anregungen zur Bearbeitung konkreter Problemstellungen, die in der Aus- wie Fortbildung arbeits- wie sozialpädagogischer Mitarbeiter in Werkstätten und Wohneinrichtungen für behinderte Menschen noch zu wenig beachtet worden sind. Das Buch kann gleichermaßen zur Überblickslektüre dienen wie als Nachschlagewerk zu Einzelfragen. Gleiches gilt für Band 1 des Doppelbandes mit dem gemeinsamen Titel „Einander besser verstehen. Hilfen und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus“, herausgegeben von Ernst Wüllenweber. Sie decken einen breiten Bereich bislang wenig bearbeiteter, aber häufig auftretender Probleme in der Behindertenarbeit ab, die im Zusammenhang mit Kommunikation, Beziehungsgestaltung und Beratung/Begleitung stehen. Sie sind Nachschlagewerke zur schnellen Orientierung, theoretisch gut fundiert und in der Praxis verankert, und sollten jedem Mitarbeiter in der Behindertenarbeit, zumindest aber in jeder Einrichtungsbibliothek zur Verfügung stehen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Pitsch
Uni Luxemburg (bis 2008)
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Pitsch. Rezension vom 28.11.2014 zu: Ernst Wüllenweber: Einander besser verstehen. Hilfen und Ansätze für Menschen mit geistiger Behinderung, mit Lernbehinderung und bei Autismus. Band 2: Gesprächsführung, Beratung und Begleitung. Lebenshilfe-Verlag (Marburg) 2014. ISBN 978-3-88617-419-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17414.php, Datum des Zugriffs 29.05.2016.


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