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Bettina Jahnke: EX-IN Kulturlandschaften

Cover Bettina Jahnke: EX-IN Kulturlandschaften. Zwölf Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion? Paranus Verlag (Neumünster) 2014. 216 Seiten. ISBN 978-3-940636-31-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Experienced Involvement (EX-IN) – die Einbeziehung von Psychiatrie-Erfahrenen als Genesungsbegleiter_innen in das Unterstützungssystem der Psychiatrie – ist ein neuer Ansatz des ‚peer supports‘, der Unterstützung durch Personen, die in ähnlicher Weise betroffen sind. Dieser Ansatz, der in der Selbsthilfe und Selbstorganisation von kranken und behinderten Menschen eine lange Tradition hat, bekam durch die UN-Konvention zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung neuen Rückenwind. In Artikel 26 (Habilitation und Rehabilitation) wird die Unterstützung durch ‚Peers‘ als erste geeignete Maßnahme genannt, „um Menschen mit Behinderungen in die Lage zu versetzen, ein Höchstmaß an Unabhängigkeit, umfassende körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten sowie die volle Einbeziehung in alle Aspekte des Lebens und die volle Teilhabe an allen Aspekten des Lebens zu erreichen und zu bewahren“. Seit 2008 werden Genesungsbegleiter_innen in EX-IN Kursen ausgebildet, die jeweils von Trainer_innen mit und ohne Psychiatrie-Erfahrungen geleitet werden. Die einjährige Ausbildung umfasst 300 Unterrichtsstunden und zwei Praxisphasen. Das modularisierte Ausbildungskonzept wurde in einem europäischen Leonardo da Vinci-Projekt von Psychiatrie-Erfahrenen mit Wissenschaftler_innen und Fachkräften aus verschiedenen psychiatrischen Arbeitsfeldern entwickelt. Nach der Ausbildung können die Genesungsbegleiter_innen in psychiatrischen Kliniken oder in Einrichtungen und Diensten der Gemeindepsychiatrie tätig werden. Der berufliche Status aufgrund der Ausbildung ist jedoch noch offen. Handelt es sich um ehrenamtliche oder prekäre abgesicherte Zusatzkräfte oder um einen neuen Typus von Fachkräften im psychiatrischen Unterstützungssystem?

Entstehungshintergrund

Die Autorin ist freiberufliche Fachjournalistin und EX-IN Trainerin. Sie ist aufgrund der EX-IN Ausbildung angestellt bei der Psychiatrischen Hilfegemeinschaft Viersen. Seit 2010 ist sie Vorsitzende des IdEE-Vereins (Inklusion durch Experten aus Erfahrung) und bundesweit für die Verbreitung des Ansatzes von EX-IN aktiv. Im gleichen Verlag erschien von ihr 2010 das Buch ‚Vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen. Mit Ex-In zum Genesungsbegleiter‘, in dem die EX-IN Ausbildung vorgestellt wird (vgl. die Rezension von Alexa Köhler-Offierski unter www.socialnet.de/rezensionen/14368.php). Nach dem es bereits zahlreiche Absolvent_innen der Ausbildung gibt und immer neue Kurse angeboten werden (vgl. den Überblick auf www.ex-in.de) ist es das Anliegen der Autorin herauszufinden, welche Beschäftigungsmöglichkeiten sich den Absolvent/innen im psychiatrischen Unterstützungssystem bieten. Darüber hinaus verfolgt sie die These, dass die Absolvent_innen der EX-IN Ausbildung auch über die Psychiatrie hinaus als Inklusionsbeauftragte wirken könnten. „Psychiatrie-Erfahrene könnten mit ihren Anpassungsstörungen helfen, unsere Gesellschaft freundlicher und fehlertoleranter zu gestalten“ (15).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist gegliedert in zwölf Gespräche, die die Autorin mit EX-IN Ausbilder_innen, Arbeitgeber_innen, Vertreter_innen der Selbsthilfe und anderen wohlwollenden Beobachter_innen geführt hat. Die Gespräche wurden aufgezeichnet und redigiert. Bereits der Titel ‚EX-IN Kulturlandschaften‘ deutet an, dass nicht eine systematische Analyse angestrebt wird. Es handelt sich eher um Erkundungen, in denen aus einer Innenperspektive Diskussionen aufgenommen und weitergeführt werden. Die meisten der Gesprächspartner_innen sind mit der Autorin bereits länger im Gespräch und verfolgen daher das gemeinsame Anliegen den Ansatz des Experienced Involvment weiter zu entwickeln. Die Autorin befragt ihre Gesprächspartner_innen nicht nur, sie diskutiert mit ihnen. Sie nutzt ihre Hintergrundkenntnisse, um zu hinterfragen, zu provozieren und weiterführende Einsichten zu erarbeiten.

Die ersten beiden Gespräche werden mit Mitarbeiter_innen in Kliniken in Hamburg (Gyöngyyvér Sielaff und Thomas Bock) und Bremerhaven (Angleika Lacroix und Uwe Gonther) geführt, die sich bereits sehr früh für die Ausbildung und den Einsatz von Genesungsbegleiter/inn/en interessiert haben und teilweise an der Entwicklung der Ausbildung beteiligt waren. In Hamburg werden die Genesungsbegleiter_innen in eigenständigen Peerberatungsstellen beschäftigt, während sie in Bremerhaven als ergänzende Berufsgruppe in der Pflege im Stationsdienst eingesetzt sind. Der Einsatz wird durchweg positiv bewertet, es wird jedoch sehr kontrovers diskutiert, welche Rolle und welchen beruflichen Status die Genesungsbegleiter_innen haben. Es bleibt offen, ob sich aus der Tätigkeit ein neues Berufsbild entwickeln kann und soll.

Das dritte Interviews führt Frau Jahnke mit zwei Geschäftsführern gemeindepsychiatrischer Dienste (Stefan Corda-Zitzen und Stephan Hekermann), wobei das Gespräch dadurch besondere Dynamik erhält, dass Frau Jahnke bei einem der Träger angestellt ist. Hier werden Fragen nach der Bedeutung von Psychiatrie-Erfahrungen für die Teamentwicklung und der Notwendigkeit vorbereitender und begleitender Maßnahmen diskutiert. Bei beiden Trägern wird die Einbeziehung der nach EX-IN ausgebildeten Mitarbeiter_innen als Gewinn betrachtet, wobei sich das Aufgaben- und Einsatzfeld eher an den konkreten Personen als an ihrer Ausbildung und ihrem Status orientiert.

Die Interviewpartner im vierten Gespräch (Jürgen Bombosch und Wolfgang Monheim) sind an der Entwicklung und Einführung eines partizipativ orientierten Qualitätsmanagementssystems – ProPsychiatrieQualität (PPQ) s. www.ppq.info – beteiligt. Sie messen dem Einsatz von Psychiatrieerfahrenen für die Teamentwicklung und auch für die steuernde Arbeit von Qualitätszirkeln eine wichtige Bedeutung zu. Wie bereits in den Beiträgen vorher, erscheint die Einbeziehung von ausgebildeten Psychiatrieerfahrenen hier als eine Fortführung des Ansatzes des Trialogs und die Reflexion in Prozessen der Qualitätsentwicklung bietet Möglichkeiten der Entwicklung eines Profils für den Einsatz von EX-IN Qualifizierten, das jedoch gegenwärtig noch nicht vollständig erkennbar ist.

Mit den Profis in der praktischen Arbeit – drei ausgebildeten Sozialarbeiter/innen (Ursula Becker, Dieter Schax und Simone Weymar) – führt Bettina Jahnke ihr fünftes Gespräch. Zunächst kann hier gemeinsam herausgearbeitet werden, dass die Ausbildung und das berufliche Selbstverständnis eine große Offenheit für die Zusammenarbeit auf Augenhöhe bietet. Es wird jedoch auch deutlich, dass die Einbindung von Genesungsbegleiter_innen in Teams Verunsicherung hinsichtlich der professionellen Identität und auch der Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes auslöst. Hier wird sichtbar, dass nicht die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, sondern das Verschwimmen der Grenzen zwischen Profis und Adressat_innen von Hilfen, die eigentliche Innovation und Herausforderung von EX-IN darstellt.

EX-IN Trainer (Tom Klein, Benno Rehn und Mario Wagenbrenner) sind die nächsten Gesprächspartner. Das Gespräch wird eröffnet mit einer Frage nach dem Zusammenhang von EX-IN und Inklusion und bietet den Beteiligten so die Möglichkeit sehr überschwänglich das Potential des Ansatzes herauszustellen. Kritischer werden die Ausführungen, wenn es um die Einbindung der Ausbildungskurse in institutionelle Kontexte von Trägerorganisationen geht. Einer der Gesprächspartner stellt heraus, dass die Fähigkeiten und Interessenlagen der EX-IN Kursteilnehmer_innen gegenwärtig zu heterogen sind, um daraus ein Berufsprofil zu entwickeln.

Über kritisch-konstruktive Anfragen an EX-IN aus der Selbsthilfe diskutiert die Autorin in zwei Einzelgesprächen mit Sibylle Prins und Peter Lehmann. Prins warnt davor, dass durch EX-IN eine weitere Ghettoisierung psychisch Kranker entsteht, indem die psychische Erkrankung Grundlage der beruflichen Identität und der beruflichen Rolle wird. Sie kritisiert eine Entpolitisierung der Auseinandersetzung um die psychiatrische Behandlung insbesondere in Krankenhäusern. Dennoch plädiert sie für eine Zusammenarbeit von Selbsthilfe und EX-IN, da die Kurse für viele eine Motivation zu einem politischen Umgang mit ihrer Krankheit bietet. Auch Lehmann kritisiert, dass die EX-IN Ausbildung zu einer De-Thematisierung von Menschenrechtsverletzung durch das Psychiatriesystem führen kann. Er fragt: „Welche Mittel bekommt ein EX-IN Genesungsbegleiter in spe in die Hand, wenn es darum geht, einen Klienten oder Patienten darin zu unterstützen, sich gegen eine offene oder verdeckte Drangsalierung durch psychiatrisch Tätige zu schützen“ (126)? Gemeinsam werden in den Gespräch Erweiterungen der Ausbildung zum ‚Inklusionsbeauftragten‘ diskutiert. In beiden Interviews wird ein gespanntes Verhältnis zwischen Selbsthilfe und -organisation und Einbindung in das psychiatrische Versorgungssystem durch eine Ausbildung deutlich. Die Einbeziehung in das professionelle Unterstützungssystem darf eine wirksame Selbstorganisation mit kritischer Distanz zu institutionalisierten Angeboten nicht ersetzen

Mit den Gesprächspartner_innen, die sich haupt- und ehrenamtlich in der Brücke Neumünster (Bärbel Bremer, Fritz Bremer und Sigismund Oheim) engagieren, wird diskutiert, ob und wie die EX-IN Ausbildung einen Beitrag zur Inklusion leisten kann. Hier steht der Bezug auf das Gemeinwesen im Vordergrund. In der Tätigkeit von Inklusionsbegleiter_innen bündeln sich Aufgaben, die eine Sensibilisierung des Gemeinwesens voranbringen und der Gemeindepsychiatrie wieder Anschluss an die Gesellschaft ermöglichen. Durch Netzwerkarbeit könnten dem Trialog neue Begegnungsräume erschlossen werden.

Um Fragen der Ausbildungsinhalte, der Einbindung von Genesungsbegleiter_innen in das Team und die Begleitung in der Tätigkeit geht es in dem Gespräch mit der Geschäftsführerin und einer Mitarbeiterin des Beruflichen Trainingszentrum (BTZ) in Köln (Friederike Steier-Mecklenburg und Ingrid Stumpf) und dem Gespräch mit einer Supervisorin (Elke Radermacher), die auch Supervisionsgruppen für Absolvent_innen der EX-IN Ausbildung anbietet. Das letzte Gespräch wurde geführt mit Dorothea Haebler, der Vorstandsvorsitzenden des Dachverbandes Deutschsprachiger Psychose Therapien (DDPP).

In ihrer zusammenfassenden Betrachtung der Gespräche unterscheidet Jahnke drei Wirkungsebenen von EX-IN. Sie identifiziert eine individuelle Ebene, bei der es um Veränderungen der Haltungen und Bewusstseins geht. Diese können insbesondere auch bei Professionellen zu mehr Akzeptanz psychischer Erkrankungen als Teil des menschlichen Lebens führen. Auf der systembezogenen-organisatorischen Ebene wird durch EX-IN in Gesundheitseinrichtungen und sozialen Diensten der Wert eines heterogenen Teams für eine gute Unterstützung von Menschen mit psychischen Erkrankungen sichtbar. Dies gilt auch, wenn noch offen bleiben muss, ob sich mit der EX-IN Ausbildung ein neues Berufsbild entwickelt. Veränderungen in Bezug auf das Verständnis von Arbeit und psychischenErkrankungen verbinden sich mit EX-IN auf gesellschaftspolitischer Ebene.

Fazit

Ich habe die Lektüre des Buches als äußerst anregend empfunden. Mit der Formulierung soll auch verdeutlicht werden, dass es sich nicht um ein Fachbuch im engeren Sinne handelt. Es gibt keine zentrale These, die argumentativ entwickelt und begründet wird. Im Hintergrund stehen eher persönliche Erfahrungen, Eindrücke und noch unsystematische Beobachtungen. Hierfür wurde mit den Gesprächen oder besser Diskussionen eine hervorragende Form gefunden.

Vor dem Hintergrund der erst kurzen Zeit, in der es die Möglichkeit der Ausbildung zur/zum Genesungsbegleiter_in gibt, ist die offene Form einer Zwischenbilanz auch sachlich begründet. Das Buch belegt, dass mit der Ausbildung ein Veränderungsprozess in der Psychiatrie aufgenommen und weitergetrieben wird. Die Überlegungen zum Thema Inklusion, die die Autorin in allen ihren Gesprächen zur Diskussion stellt, belegen auch das Potential gesellschaftlicher Veränderung, durch die Einnahme von neuen Rollen durch Menschen, die bislang nur als krank und behandlungsbedürftig wahrgenommen wurden.

Diese von starkem Engagement getragene Bestandsaufnahme muss ihre Fortsetzung finden in einer systematischen Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Peers in der Rehabilitation und in sozialen Diensten insgesamt und ihrem Potential für Kritik und Innovation. In einer Gesprächspassage führt Sibylle Prins aus: „Extrem wichtig erscheint mir, wissenschaftlich zu begleiten, wohin es die ausgebildeten EX-INler am Ende verschlägt. Und man sollte bei aller Begeisterung um das EX-IN-Projekt sorgfältig nachhalten, ob die Beschäftigungsfelder von EX-INlern die Versorgung psychisch Kranker tatsächlich ‚qualitativ‘ verbessern oder eventuell doch ein prestigeträchtiges ‚Feigenblatt‘ bleiben“ (117). Die wissenschaftliche Forschung steht dabei allerdings nicht nur vor der Herausforderung, die Perspektive der Betroffenen einzubeziehen, sondern Menschen mit Psychiatrieerfahrungen als Forschungsexpert_innen auf gleicher Augenhöhe für eine inklusive Forschung zu gewinnen.

Das Buch kann nicht nur Menschen empfohlen werden, die sich für die Entwicklung psychiatrischer Angebote interessieren. Es bietet für alle gesundheitsbezogenen und sozialen Dienste wichtige Impulse für die Weiterentwicklung professioneller Unterstützung durch die Zusammenarbeit mit den Adressat_innen der Hilfe auf Augenhöhe.


Rezensent
Prof. Dr. Albrecht Rohrmann
Professor für Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt soziale Rehabilitation und Inklusion an der Uni Siegen, Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE)
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Zitiervorschlag
Albrecht Rohrmann. Rezension vom 20.10.2014 zu: Bettina Jahnke: EX-IN Kulturlandschaften. Zwölf Gespräche zur Frage: Wie gelingt Inklusion? Paranus Verlag (Neumünster) 2014. ISBN 978-3-940636-31-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17424.php, Datum des Zugriffs 30.08.2016.


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