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Mechthild Seithe, Matthias Heintz: Ambulante Hilfe zur Erziehung

Cover Mechthild Seithe, Matthias Heintz: Ambulante Hilfe zur Erziehung. Plädoyer für ein umstrittenes Konzept Sozialer Arbeit in Zeiten der Nützlichkeitsideologie. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. 481 Seiten. ISBN 978-3-8474-0623-5. D: 79,90 EUR, A: 82,20 EUR, CH: 109,00 sFr.
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Thema

Es gibt in den letzten Jahren eine wiedererstarkte Debatte im Handlungskontext der Kinder- und Jugendhilfe, in welcher zwei zentrale Ansatzebenen im eigentlich klassisch gefassten methodischen Dreiklang Sozialer Arbeit polarisierend gegenübergestellt werden: die Einzelfallarbeit und die Gemeinwesenarbeit. Als ein wesentlicher Beleg hierfür wird die „Diskussion um eine ‚Weiterentwicklung und Steuerung der Hilfen zur Erziehung‘“ auf Grundlage eines eine Koordinierungssitzung vorzubereitenden Arbeitspapieres der sogenannten A-Länder-Staatssekretäre, also der SPD regierten Bundesländern, herangezogen, welches maßgeblich aus Hamburg initiiert worden ist. Seither ist eine teilweise aufgeregte Debatte entbrannt, in welcher von einigen DiskutantInnen die Sozialraumorientierung „zum Konkurrenten der Einzelfallarbeit hochstilisiert“ wird (S.22).

Autorin und Autor

Prof. Dr. Mechthild Seithe war als studierte Diplompsychologin und zugleich Diplomsozialarbeiterin bis 2011 an der FH in Jena als Hochschullehrerin tätig. Seither ist sie maßgeblich aktiv an einer Re-Politisierungsbewegung in der Sozialen Arbeit, veröffentlicht hierzu vielfältig, organisiert Fachkongresse und vernetzt die sich selbst als kritisch verstehenden SozialarbeiterInnen aus Profession und Disziplin (http://www.einmischen.com/).

Matthias Heintz ist als studierter Diplompädagoge und systemischer Familientherapeut erfahrener Mitarbeiter in der Erziehungsberatung sowie in eigener Praxis tätig und zudem Lehrbeauftragter an der Hochschule Magdeburg Stendal.

Aufbau und Inhalt

Das seitenstarke Buch ist in drei Hauptteile gegliedert, die jeweils mit einem eigenen Vorwort eingeleitet werden.

Teil I befasst sich mit der ambulanten Erziehungshilfe. Zunächst wird detailreich in die Rahmung, Hintergründe und konzeptionellen Fassungen eingeführt. Im Anschluss werden aktuelle Strukturen und Praxen in der Umsetzung ambulanter Hilfen zur Erziehung beleuchtet, um darauf aufbauend verschiedene Kritiklinien auszuführen, die sich in der Praxis der ambulanten Hilfen zur Erziehung finden, maßgeblich bedingt durch eine neoliberal konnotierte sowie ökonomisierte und dadurch entfachlichte Kontextualisierung dieses Konzeptes. Abschließend wird die „Kostenfrage in der Hilfe zur Erziehung“ (S.179) diskutiert und die damit verbundenen Diskurse um die Steuerung der Hilfen zur Erziehung maßgeblich und anlassgebend am Beispiel des Stadtstaates Hamburg ausgeführt. In der Schlussbemerkung wird konstatiert: „Die Analyse der Lage der gegenwärtigen ambulanten Hilfe zur Erziehung ergab ein höchstproblematisches Bild, das aber von offizieller Seite und auch weitgehend von den eigenen FachvertreterInnen aus Praxis und Wissenschaft verharmlost und schön geredet wird“ (S.238) Eingeschlossen in diese kritische Betrachtung werden zudem PraktikerInnen mit einem an „den Anforderungen einer neoliberalen und neosozialen Sozialen Arbeit bedenklich harmoniert“ (S.238) aufgestellten beruflichen Selbstverständnis sowie die Hochschulen als Ausbildungsstätten in und für diesen Handlungskontext. Zugleich wird gesehen, dass in dieser – wie dargestellt – entfachlichten und vom ursprünglich lebensweltorientierten, partizipativen und befähigendem Konzept sich immer mehr verabschiedeten Praxis „die Ausgaben von 0,39 auf 1,88 Milliarden Euro gesteigert“ (S.238) haben zwischen 1995 bis 2010.

Teil II greift nun die benannte Kontroverse zwischen der Einzelfallhilfe und der Sozialraumorientierung auf. Zunächst wird ausgeführt, wie sich „Soziale Arbeit im Kontext der ‚Sozialen Frage‘“ (S.243) und damit im „Umgang mit den gesellschaftlich verursachten Problemen“ (S.249) fasst und aufstellt. Es folgt eine ca. 50 seitige Darlegung der „Arbeit in und mit dem Sozialraum“ (S.256), in der entlang fachhistorischer Bezüge zum „Fachkonzept Sozialraumorientierung“ (S.292) geführt wird, wobei dieses mit einer durchweg die benannte Kontroverse re-konstruierenden Konnotation dargelegt wird. Es folgt eine gut 100seitige Beschreibung der Einzelfallhilfe als „Stiefkind der disziplinären Diskurse“ (S.315), da trotz der kritischen Analyse in Teil I bzgl. der teilweise entfachlichten Handlungspraxis und der deutlichen Zuwachsraten in diesem Bereich eine „fachlich motivierte Abwertung der Einzelfallarbeit“ (S.315) festzustellen sei. Es wird eine geschichtliche Entwicklungsbetrachtung angeboten, die Einbettung der Sozialen Dienste beschrieben sowie notwendige Handlungsstrukturen und -prinzipien konzipiert. Abschließend werden eine Kontextualisierung der ambulanten Hilfen sowie deren Grenzen skizziert.

In Teil III wird gegen Vorwürfe der Individualisierung durch einzelfallorientierte ambulante Hilfen argumentiert, um im abschließenden 11. Kapitel auf 7(!) Seiten zu skizzieren, wie sich Soziale Arbeit im Spannungsbogen zwischen Anpassung und Empowerment, zwischen Hilfe und Kontrolle etc. politisch positionieren kann. In der Schlussbemerkung steht die „Forderung nach einer umfassenden Rehabilitierung der ambulanten Hilfen zur Erziehung sowohl innerhalb des sozialarbeiterischen Diskurses als auch in der Politik“ (S.451).

Diskussion

Dem Buch vorangestellt ist ein Auszug aus dem Andersenschen Märchen über des Kaisers neue Kleider. Nach dem Lesen erschließt sich dieser Bezug: Das Buch argumentiert ausgesprochen wirr und teilweise in sich komplett widersprüchlich, da es am ‚Kleid‘ einer anscheinenden Kontroverse festhält, die in dieser Form nicht ernsthaft diskutiert wird. Bei der Lektüre wird offensichtlich, dass für die oben benannte Rehabilitationsargumentation der ambulanten Hilfen, interessanterweise von den AutorInnen meist als Einzelfallhilfe verstanden, gegen das Fachkonzept Sozialraumorientierung durchweg polemisiert wird. Und genau damit wird die kritisierte Kontroverse der Gegenüberstellung von den Kritiker*innen wieder selbst re-konstruiert. Keiner der zitierten „Protagonisten“ (S.292) des Fachkonzeptes Sozialraumorientierung hat jemals und im Grundsatz ernsthaft gegen eine ambulante Hilfe, gegen eine einzelfallspezifische Intervention oder ähnliches argumentiert. Ganz im Gegenteil sind dies alles grundlegende Bestandteile eben dieses konzeptionellen Verständnisses. Argumentiert in diesem sozialraumorientierten Fachdiskurs wird allerdings gegen eine standardisierte, technokratisierte, bürokratisierte, pathologisierende, kolonialisierende, verbetriebswirtschaftlichte, produktorientierte und damit quasi entmenschlichte, alltags- und lebensweltferne sowie individualisierend neoliberale Soziale Arbeit und zwar sowohl auf der methodischen Dimension der Einzelfallarbeit als auch der Gemeinwesenarbeit(!).

Schon vor gut 25 Jahren hat Thomas Olk in einer Ausführung über „die alternative Zukunft der Sozialarbeit“ (Olk 1986, S. 240) darauf hingewiesen, „dass eine solche Per­spektive professionellen Handelns […] den Zuständigkeits- und Kompetenzbereich von Sozialarbeit sowohl ausweiten als auch einengen [würde; S.B.]. Ausgeweitet wird der professionelle ‚Blick‘ in dem Sinne, als immer weniger lediglich die Person des Klienten oder seiner unmittelbaren Beziehungspartner berücksichtigt, sondern in zunehmenden Maße auch seine sozialen Netzwerke und seine sozialökonomisch und sozialräumlich geprägte materielle Lebenslage einbezogen würden. Die entspre­chende Handlungskompetenz ist daher weniger einzelfallbezogen als vielmehr feldbezogen [Hervorhebung i.O.] ausgeprägt (vgl. Pankoke 1985). Die Ein­schränkung des ‚professionellen Blickes‘ ergäbe sich aus der wachsenden Einsicht in die strukturellen (Interventions-)Grenzen sozialarbeiterischen Handelns“ (Olk 1986, S.253). Diese damals als Zukunftsbeschreibung entworfene Perspektive, entgegen der zu jener Zeit schon stark verbreiteten Spezialisierung im Sinne einer „Versäulung der Jugendhilfe“ (Volk u. Till 2006, S. 111) und einer „Therapeutisierung der Sozialen Arbeit“ (Conen 2006, S. 191), findet im Fachkonzept der Sozialraumorientierung (Hinte u. Treeß 2007) Jahre später unter Nutzung dieser von Olk eingeführten Begrifflichkeiten des ‚Sozialraums‘ bzw. des ‚Feldes‘ ihre Konkretion. Es geht also in keiner Weise um ein ‚entweder oder‘ als vielmehr ein ‚sowohl als auch‘, ausgerichtet an stark emanzipatorischen, befähigenden und partizipativ ausgerichteten Leitprinzipien, die sich an der mehrdimensionalen Komplexität eines Familienalltags ausrichtet.

Fazit

Das Buch möchte ein „fachliches und politisches Plädoyer für die ambulante Hilfe zur Erziehung und die Einzelhilfe insgesamt“ (S.23) halten und dabei zugleich den „scheinbaren Gegensatz“ (S.22) zur ‚Sozialraumorientierung‘ „hinterfragen“ (ebd).  Ob dies gelingt mag nach der Lektüre zumindest angezweifelt werden. „Die Kostenargumentation wird hier vordergründig als Vehikel genutzt zur Demontage der ambulanten Hilfe zur Erziehung. Im Kern geht es Politik und Verwaltung darum, diesen für sie undurchschauberen, kaum kontrollierbaren und deshalb nicht steuerbaren Arbeitsbereich in ihrem Sinne zu ‚domestizieren‘“ (S.22). Nun sei einerseits gefragt, ob es nicht nachvollziehbar ist, wenn ‚Politik und Verwaltung‘ - wahrscheinlich sind damit die Menschen gemeint, die in diesen gesellschaftlich durchaus relevanten Funktionssystemen Verantwortung tragen - diese Bereiche auch im Sinne einer demokratisch legitimierten Struktur durchschauen, kontrollieren und steuern wollen. Andererseits entsteht Verwunderung über die These, dass dieser sozialarbeiterische Handlungskontext anscheinend nicht durchschaubar, kontrollierbar und/oder steuerbar sei. Hier wird dem Argument einer sozialarbeiterischen Blackbox in der direkten Interaktion zwischen AdressatInnen und professionell Tätigen eher zugeredet, denn eine „Rehabilitierung“ für ein professionell aufgestelltes Handlungsfeld gegeben.

Dem Buch vorangestellt ist ein Auszug aus dem Andersenschen Märchen über des Kaisers neue Kleider. Nach dem Lesen erschließt sich dieser Bezug: Das Buch argumentiert ausgesprochen wirr und teilweise in sich komplett widersprüchlich, da es am ‚Kleid‘ einer anscheinenden Kontroverse festhält, die in dieser Form nicht ernsthaft diskutiert wird. Trotz der Fülle an Seiten zeigt sich nach der Lektüre bedauerlicherweise kein kritischer Erkenntnisgewinn, keine handlungsweisende Perspektive oder ein ernstzunehmendes Konzept. Es stellt sich schlicht die Frage: Wozu dieses Buch? Es bleibt nackt wie der Kaiser. Und das kleine Kind könnte rufen: Aber es steht ja nichts drin.

Literatur

  • Conen, Marie-Luise (2006): Therapeutisierung der Sozialen Arbeit? Oder: Zirkuläres Fragen ist zirkuläres Fragen. In: Kontext- Zeitschrift für systemische Therapie und Familientherapie. Band 37 Heft 2, S. 191-198
  • Hinte, Wolfgang/ Treeß, Helga (2007): Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe – Theoretische Grundlagen, Handlungsprinzipien und Praxisbeispiele einer kooperativ-integrativen Pädagogik. Weinheim: Beltz Juventa
  • Olk, Thomas (1986): Abschied vom Experten. Sozialarbeit auf dem Weg zu einer alternativen Professionalität Weinheim: Juventa
  • Volk, Antonia/ Till, Henning (2006): Einführung der Sozialraumorientierung im Berliner Jugendamt Tempelhof-Schöneberg. In: Budde, Wolfgang/ Früchtel, Frank/ Hinte, Wolfgang (Hg): Sozialraumorientierung – Wege zu einer veränderten Praxis. Wiesbaden: VS Springer S. 109-131

Rezensent
Prof. Dr. Stefan Bestmann
Seit 2009 Gastprofessor (halbes Deputat) für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin und seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig. Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Bestmann. Rezension vom 06.01.2015 zu: Mechthild Seithe, Matthias Heintz: Ambulante Hilfe zur Erziehung. Plädoyer für ein umstrittenes Konzept Sozialer Arbeit in Zeiten der Nützlichkeitsideologie. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2014. ISBN 978-3-8474-0623-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/17427.php, Datum des Zugriffs 27.08.2016.


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